Zehn Fragen: Marvin T. Neumann

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Seit Mitte letzten Jahres ist Marvin Neumann kooptiertes Vorstandsmitglied der Jungen Alternative Brandenburg. Auf dem anstehenden Bundeskongress der Jungen Alternative wird er zusammen mit Carlo Clemens von der JA NRW für die Doppelspitze des Bundesvorstandes kandidieren. Wir haben ihm zehn Fragen gestellt, und er hat sie uns beantwortet.

1. Hallo Marvin. Am 17. und 18. April findet der diesjährige Bundeskongress der Jungen Alternative für Deutschland statt. Wie üblich zu solchen Anlässen stellen wir gleich zu Beginn die Frage: Wie schätzt Du die letzten Jahre der JA ein? Was muss man in der Zukunft besser machen, was kann man weiterführen?

Marvin Neumann: Die JA hat mit einigen Meilensteinen gepunktet: Verschiedene mediale Projekte wie JA-TV wären zu nennen, das Rebranding war ein wichtiger Schritt; in Brandenburg fällt mir da vor allem die Podiumsdiskussion zwischen Kisoudis und Kaiser ein, und das Patria-Magazin war ebenfalls sehr wichtig. Diese Projekte gilt es auszubauen und mit neuen, zukunftsfähigen Konzepten zu ergänzen.

2. Wenn man nur deinen Kritikern Gehör schenkt, könnte man meinen, du planst die Einrichtung eines Zentralkomitees. Was bewegt Dich dazu, die soziale Frage immer wieder so radikal und offensiv in den Mittelpunkt rechter Politik zu rücken?

Marvin Neumann: Ich bin hinsichtlich inhaltlicher Positionierung und ideologischer Kritik sicherlich kein Kind von Traurigkeit. Aber als Parteijugend sollte es selbstverständlich sein, politisch grundsätzlicher aufzutreten und über den Tellerrand hinaus zu denken, anzuecken und anzuregen. Die konstruktive Debatte ist mir wichtig, meine teils überspitzten, provokanten Tweets und Aussagen sind im Sinne einer Diskursbefeuerung zu verstehen. Wenn mich der ein oder andere irritiert für ein rotes Gespenst aus einem Historienfilm zweiter Klasse hält, da ich zum Beispiel Kapitalismuskritik vorbringe oder soziale Themen für wichtiger als Dieselpropaganda halte, dann ist das der perfekte Anlass, um über diese Themen zu diskutieren. Gerade die Soziale Frage wird das 21. Jahrhundert definieren und tut dies jetzt schon: Wie wollen wir leben? Wer bestimmt wirklich über die Art, wie wir leben – und mit wem? Wie sieht echte Gerechtigkeit und ein Ausgleich in der Gesellschaft in zeitgemäßer Form aus? Diese Fragen sind dringlicher als das Reagieren auf die neuste Dummheit der Bundesregierung. Das muss diskutiert werden. Natürlich würde das in meiner Funktion als Bundesvorsitzender fortan in erster Linie über organisierte Foren für den Austausch stattfinden – den Impuls zur Richtungsfrage und die Debatte halte ich jedoch für richtig und wichtig. Die JA sollte eben keine JU, kein langweiliges, spießiges Anhängsel einer Funktionärspartei sein, sondern gelebte Alternative, jugendlicher Drang, mutig, selbstbewusst und gestaltungswillig.

3. Aktuell bist Du im Vorstand der Jungen Alternativen Brandenburg. Würdest Du Eure Arbeit in Brandenburg als Erfolg bezeichnen, vielleicht sogar als Erfolgsmodell?

Marvin Neumann: Unsere JA Brandenburg ist sicherlich ein Leuchtturm unter den Landesverbänden. Ob unsere Sticker, unser Podcast oder auch die bereits genannte Podiumsdiskussion zwischen Benedikt Kaiser und Dimitrios Kisoudis – wir sind immer vorn mit dabei, sehr präsent und engagiert. Bei verschiedenen Veranstaltungen wird da organisatorisch Großartiges geleistet und ich bin stolz, Teil der JA Brandenburg sein zu dürfen.

4. Als konflikt Magazin bezeichnen wir uns seit einiger Zeit nicht nur als konservativ, sondern auch als »postliberal«. Vor uns hast schon Du diesen Begriff immer wieder verwendet – was verbindest Du damit?

Marvin Neumann: Das würde in Gänze vermutlich dieses Format sprengen. Doch im Hinblick auf die JA und AfD möchte ich folgendes sagen: Der postliberale Ansatz definiert sich u.a. über eine Neuverortung der Rechten und ein tieferes Verständnis für die Entwicklung der westlichen Geschichte. Von der Reaktion bis zu den Vertretern der Konservativen Revolution haben viele große Denker die ideologischen Fallen der Aufklärung und die zersetzende Gefahr und entfremdenden Auswirkungen der Moderne treffend beschrieben. Doch das simple Ablehnen dieses Prozesses hat bis heute zu keinem Ausweg aus diesem Dilemma geführt. Der postliberale Ansatz nimmt den Liberalismus als einen konkreten weltgeschichtlichen Prozess wahr, begreift ihn und baut auf Grundlage dieser Analyse Konzepte und Anliegen einer echten Alternative auf. Man begreift den Liberalismus nicht bloß als Ideologie oder Wunschvorstellung eines Locke oder Hayek, sondern als System, das mit der Prämisse der Entfaltung eines rationalen, abstrakten Menschen und der Negation eines konkreten, beständigen Souveräns die Verschleierung von realer Macht ermöglicht hat.

5. Das klingt sehr interessant, aber ebenso komplex. Wie würdest Du diese Kritik prägnant auf den Punkt bringen, und welche konkret?

Unser westliches System kennt im Wesentlichen zwei Imperative: »Fight the Power!« und »Mehr Repräsentation für Minderheiten!«. Es beschreibt den derzeitig stattfindenden, schizophrenen Untergang des Abendlandes, denn einerseits sind Macht und Herrschaft grundsätzlich »problematisch«, zugleich sollen jedoch alle Gruppen daran gleichberechtigt teilhaben. Es ist die Phobie vor vererbter Ordnung und nicht veränderlichen Beständen – wie Familie oder biologischer Geschlechter. Es ist außerdem ein Prozess, der Demokratie im Sinne der Volksherrschaft unmöglich macht. Realpolitisch sind Ansätze wie in Ungarn interessante Orientierungspunkte. Viktor Orbán spricht von der illiberalen Demokratie. Ich würde von einer postliberalen Demokratie als Ziel sprechen.

6. Der bevorstehende Kongress dreht sich im Wesentlichen um die Wahl des neuen Bundesvorstandes. Dort wirst Du gemeinsam mit Carlo Clemens als Doppelspitze für den Vorsitz kandidieren. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Marvin Neumann: Da es um einen Aufbruch der JA geht, ist es schlicht notwendig, die beiden Hauptströmungen unter ein gemeinsames Banner zu führen. Das, was die Partei nicht schafft, machen wir besser. In der JA sind die Distanzen inhaltlich auch nicht derart groß. Für Freiheitlich-Konservative/Ordoliberale einerseits und Sozialpatrioten/Nationalkonservative/Neurechte andererseits sind der Erhalt des deutschen Volkes, die Bewahrung kultureller und identitätsstiftender Grundpfeiler wie die Familie und die Opposition gegen den Linksliberalismus und Globalismus absolut unverhandelbare Grundpositionen. Damit sind wir der Mutterpartei bereits einiges voraus.

7. Gibt es bestimmte Ansätze und Vorgehensweisen, die den Landesverband Brandenburg besonders machen, und die Du auf deine Arbeit als Bundesvorsitzender übertragen würdest?

Marvin Neumann: Es gibt grundsätzlich eine gute, direkte Kommunikation, eine gesunde Vertrauensbasis. Man kann immer miteinander reden und lebt Solidarität. Das ist absolut wichtig, auch und gerade für einen Bundesvorstand. Dieses Verantwortungs- und Solidaritätsgefühl wäre mir für den BuVo ebenfalls wichtig. Eine geringe Distanz und die Bereitschaft zur Geschlossenheit. Denn wir sind faktisch die einzige Alternative zum derzeitigen Verfall – die äußeren Anfeindungen sind damit selbstverständlich.

8. Kommen wir noch einmal auf die inhaltliche Ebene zu sprechen. Wo würdest Du Dich selbst im Jahre 2021 konkret politisch verorten, und was bedeutet das für deine etwaige Arbeit im Bundesvorstand?

Marvin Neumann: Ich verstehe mich als Teil der postliberalen Neuen Rechten. Das bedeutet in rechter Philosophie verwurzelt, jedoch nicht reaktionär, sondern zukunftsgewandt. Viele in der Partei machen den Grundkonflikt unserer Zeit zwischen Globalisten und Beheimateten, wahlweise auch Souveränisten oder eben Patrioten aus, und halten eine Aufteilung in links, liberal und rechts für überholt. Ich würde dem widersprechen. Die deutlichen Unterschiede zwischen den politisch-weltanschaulichen Strömungen werden heutzutage, dreißig Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges, erst wieder richtig sichtbar. Die grundsätzliche Unterscheidung zwischen der Rechten und der Linken bzw. den Liberalen liegt auf einer ontologischen Ebene. Links und liberal streben nach Emanzipation und Autonomie des Menschen, die Überwindung anthropologischer Konstanten, also dem Menschen so, wie er ist, mit dem Ende der Geschichte als Ziel, aufgehend in der globalen Hegemonie – dem Weltmarkt samt Vertragsgesellschaft bzw. dem kommunistischen Weltstaat. Für den Liberalen ist das abstrakte Individuum, das keine unveränderlichen Bindungen kennt, das Subjekt; für den Linken ist es die emanzipierte Menschheit, der Mensch als Gattungswesen, im Kollektiv. Gebracht hat uns das Gulags und Genozid einerseits und Transkinder, Depression, Entfremdung und Transhumanismus andererseits. Die Rechte steht dagegen für den Menschen in seiner partikularen, konkreten und tradierten Existenz. Geboren als Mann oder Frau, in eine konkrete Gemeinschaft, eine Linie von Abstammung und Kultur. Der Mensch ist kein unbeschriebenes Blatt und keine Projektionsfläche für Experimente, sondern ein organisches Wesen, das qua seiner Existenz in einer organischen Gemeinschaft existiert. Und diese wiederherzustellen, und eben nicht in einer von globalistischen Technokraten aufoktroyierten Regenbogendystopie unterzugehen, das ist der entscheidende Konflikt unserer Zeit.

9. Du bist bekannt und beliebt dafür, deine inhaltlichen Standpunkte sehr stark in den sozialen Medien zu vertreten und keiner Diskussion aus dem Weg zu gehen. Bist Du auch bereit, in der konkreten Verbandsarbeit zwischen verschiedenen politischen Ansichten zu vermitteln?

Marvin Neumann: Selbstverständlich. Ich bin trotz aller Schärfe im Argument immer für Gespräche und Debatten offen und durchaus zur Pragmatik fähig. Ich bin – und das Wort ist in der AfD leider verrucht – ein Ideologe, sprich ein politischer Mensch, auf Inhalte ausgerichtet und daher intrinsisch motiviert. Ich bin aber kein Dogmatiker. Bei vielen Fragen liegt auch in der Realpolitik ein Konsens zwischen beiden Seiten: Senkung der Steuerlast für den Mittelstand, eine aktivierende Familienpolitik, eine Geschichtspolitik mit positivem Bezug zur nationalen Identität, gegen Zensur durch Techkonzerne usw. – vor allem gegen das geistige Boomertum in der Partei, also die weit verbreitete Semiprofessionalität und den eklatanten Theoriemangel von Entscheidungsträgern. Dass »Merkel muss weg!« keine Politik ist und Paint-Grafiken für eine Volkspartei nicht tragbar sind, da sind sich wohl beide Seiten einig. Allgemein beklagt man dieselben Symptome; man streitet lediglich über die Ursache und in einigen Fragen über das richtige Mittel zur Korrektur. Dies in konstruktive Bahnen für die Zukunft der Partei und unseres Landes zu lenken, das sehe ich als meine Aufgabe.

10. Welche abschließenden Worte möchtest Du an die Leser richten?

Marvin Neumann: Auch wenn ich in erster Linie für eine klare inhaltliche Linie und argumentative Kante bekannt bin, geht es mir um das Gesamtprojekt; die politische und letztlich historische Mission einer Alternative für Deutschland. Und ich bin bereits jetzt überzeugt, dass ein Großteil der JA weitaus professioneller, politischer und fähiger ist, als es die Mutterpartei teils bis in die höchsten Ränge zu sein scheint. Mein Anliegen für die JA ist eine bessere AfD von morgen. Und diesem Ziel werde ich meine volle Energie widmen.

Wir danken Marvin Neumann für das Gespräch und wünschen viel Erfolg bei der Kandidatur zum Bundesvorstand!

Übrigens: Marvin war in der dritten Folge des konflikt Podcasts zu Gast. Wer die Folge verpasst hat, kann sie hier nachschauen! [dsgvo_youtube videoID=“JQFCfvYQ__U“ thumbnail=“true“]

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