Wiederholt sich die Geschichte des Deutschen Kaiserreiches?

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Gerne spricht man davon, dass sich die Geschichte wiederholt. In der retrospektiven Betrachtung ähneln sich die Situationen Chinas und des Kaiserreichs. Wiederholt sich die Geschichte? Gibt es aus dem Kaiserreich Lehren für China?

Die geostrategische Perspektive von China

Betrachten wir zuerst die geographische Position und die daraus entstehenden geostrategischen Konsequenzen. Das Deutsche Kaiserreich lag im Zentrum der damaligen Großmächte. Im Osten grenzte es an das riesige russische Zarenreich, im Süden an die Habsburgermonarchie und die Schweiz, im Westen saßen die Benelux-Länder sowie Frankreich den Deutschen im Rücken. Geostrategisch war das Kaiserreich also zwischen verschiedenen Machtblöcken eingeklemmt. Es gab zwar eine Allianz mit den Habsburgern, jedoch verschlechterten sich in der Vorkriegszeit die außenpolitischen Beziehungen, sodass die Franzosen und Russen ein Bündnis gegen Berlin formten – die Deutschen waren regelrecht eingekreist.

Nicht nur auf dem Kontinent waren Deutschland engen Grenzen gesetzt – auch maritim und kolonial waren deutsche Bestrebungen auf das Wohlwollen der anderen Mächte angewiesen. So hatte das British Empire die Möglichkeit, durch eine Nordseeblockade die deutschen Häfen komplett vom Seehandel abzusperren und den Kontakt zu den Kolonien zu stören – eine Achillesferse für das  Kaiserreich, denn der maritime Handel war in der damaligen Zeit ein wichtiger Faktor, vor allem für die deutsche Industrie, die auf Importe angewiesen war.

Die Lage der heutigen Führung in Peking ähnelt der damaligen Situation der Deutschen. Die VR China besitzt riesige Landmassen in Asien und ist für Asien der Mittelpunkt – analog zum kaiserlichen China, das sich als „Reich der Mitte“ sah.  China besitzt eine lange Küste und viele Handelshäfen, denn ähnlich wie das Deutsche Kaiserreich ist die Volksrepublik auf Importe/Exporte angewiesen. Die Macht und ein sicherer Zugriff auf die Weltmeere haben für die chinesische Regierung einen hohen Wert, wobei hier nicht die Briten den Gegenspieler mimen, sondern die Amerikaner. Chinas große Macht und sein Einfluss haben auch Misstrauen unter seinen Nachbarn verursacht, sodass sich unter der Führung Washingtons eine indirekte antichinesische Allianz gebildet hat. Gute Beziehungen pflegt Peking nur noch zu Staaten wie Nordkorea oder Russland.

Halten wir also fest: Die kaiserlichen Deutschen und die Chinesen besitzen eine zentrale Position auf ihrem Kontinent. Beide sind auf den Seehandel und die Weltmeere angewiesen. Durch die Machtposition entwickeln sich bei beiden schlechte Beziehungen zu den Nachbarn.

Die wirtschaftlichen Perspektiven Chinas

Das Kaiserreich war zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Industriemacht Europas schlechthin. Die deutschen Industrien expandierten in sämtlichen Branchen und erreichten unglaubliche Wachstumszahlen. Die Fabrikbesitzer benötigten dazu nur (importiere) Rohstoffe sowie eine Menge Fabrikarbeiter, aber auch gebildete Fachkräfte. Ähnliches trifft auf das moderne China zu. Man spricht hier auch von einer verspäteten Nation, da beide Staaten erst sehr spät eine Industrialisierung der Gesellschaft erlebten, dafür aber dann die anderen Nationen überholten. Zudem gibt es hier außenpolitisch Gemeinsamkeiten.

Es ist eines der innersten Bedürfnisse von Supermächten, sich zu vergrößern (Sebastian Haffner). Wenn dieses nicht möglich war, griff man während des Imperialismus auf Kolonien zurück. Auch hier kamen Deutschland und China zu spät – die Welt war schon aufgeteilt. Das Kaiserreich bekam eher unattraktive Gebiete unter seine Kolonialverwaltung. An den damaligen Kolonialismus kann China heute gar nicht erst denken, sodass sie einen indirekten Weg durch wirtschaftliche Macht gehen. Aber auch hier treffen sich wieder unterschiedliche wirtschaftliche Interessen. Vor allem in Afrika konkurriert China mit dem Westen um die Gunst der Afrikaner.

Die Werkbank der Welt entwickelt sich jedoch auch weiter. Nachdem es jahrzehntelang eher rudimentäre Aufgaben der westlichen Industrien und einfache Produktionsschritte wie die Herstellung von LEGO-Spielzeug übernahm, sodass Made in China ein geflügeltes Wort für geringe Produktionsqualität wurde, scheint die chinesische Wirtschaft heute wie ein kaum zu bremsender Stier – trotz jüngster Krisenerscheinungen im Bausektor. Bei manchen Technologien sind die Chinesen bereits Weltmarktführer, während sie bei geschützten Technologien wie der ARM-CPU-Architektur mit eigenen Ideen und Patenten aufholen.

Es ergibt sich eine kleine Analogie: Am Anfang des 20. Jahrhundert war das deutsche Kaiserreich ein potenter, aufsteigender Industriegigant. Deutsche Wissenschaftler gewannen Nobelpreise und entwickelten Patente, die von der führenden Industrienation Großbritannien kaum mehr einzuholen waren. Das Kaiserreich sprintete in großen Schritten den anderen europäischen Mächten davon. Können wir diese Entwicklung nicht auch mit der aktuellen Volksrepublik China vergleichen?

Grenzen

Natürlich gleichen sich beide Situationen nicht vollkommen. Heute stehen den Regierungen zum Beispiel bessere Vermittlungswege zur Verfügung als noch 1914. Außerdem ist in der heutigen Welt ein großer Krieg etwas, das alle Seiten vermeiden wollen, während zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Krieg teilweise sogar bewusst eskaliert wurde.

Es ist aber folgende Entwicklungslinie zu erkennen: Verspätete (Groß)mächte dringen in Sphären ein, die schon besetzt sind. Das Kaiserreich und das heutige China befanden sich in dieser Hinsicht in einer ähnlichen Situation. Beide hatten einen wirtschaftlichen Sprint hingelegt und wurden zur Supermacht, nur um dann an den Türen der nächsten anderen Großmacht zu klopfen. 1914 verursachte so eine Situation einen großen Krieg – könnte es heute wieder so passieren? Es wird vor allem auf das Verhalten der USA ankommen: Daran, ob Washington diplomatisch oder aggressiv auf China reagiert.

Aktuell scheint ausgerechnet das aggressive Verhalten der USA jedoch zu einer Entspannung zu führen, da der Handelskrieg eher für das Weiße Haus als für Peking entschieden wurde – paradox, aber eventuell besser für den Frieden. Geschichte wiederholt sich nicht, doch sie kann sich reimen. Daher sollte die Entwicklung zum Ersten Weltkrieg könnte eine Lehre für die heutige Welt sein, einen weiteren Krieg zu verhindern. Berlin als ehemalige Kriegsmacht sollte besonders gut Bescheid wissen, welche Zerstörungen ein großer Krieg verursachen kann, und daher erst recht vorsichtig vorgehen – hier es wäre möglicherweise von Vorteil, wenn Deutschland zwischen China und den USA moderieren würde. Zumal die Chinesen mittlerweile durchaus interessante Konzepte zur zukünftigen Ordnung vorgelegt haben.

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