Wie Südkorea mit K-Pop die Herzen und Geldbeutel der Jugend eroberte

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Aus dem Fernen Osten kommen jährlich viele Künstler nach Deutschland, Spotify richtete eine eigene Rubrik ein und Netflix kauft immer mehr Serien aus diesem Land ein – die Rede ist von Hallyu bzw. K-Pop. Für den westlichen Hörer ist diese Musik vermutlich auf den ersten Blick etwas merkwürdig.

Sie ist grell und laut, in einer ungewöhnlichen Sprache und – indirekt – patriotisch und rechts, sodass der smoothy trinkende Genderwissenschaften-Student beim Genuss dieser Musik möglicherweise ein Trauma erleben würde. Was macht die koreanische Popkultur so besonders? Könnte Südkorea und seine Kultur uns ein Beispiel sein?

Hallyu – die koreanische Welle

Doch zuerst einmal: Was genau ist unter Hallyu eigentlich zu verstehen? Der Begriff selbst bedeutet übersetzt Koreanische Welle und beschreibt damit recht bildlich die zunächst den asiatischen Raum betreffende Ausbreitung und rasch wachsende Beliebtheit der südkoreanischen Popkultur seit Ende der 90er Jahre. Getragen wurde diese Welle zu Beginn zum einen durch das Fernsehen, denn Südkorea produziert seit langem sehr hochwertige Dramaserien. Besonders die Romanze „Winter Sonata“ (2002) sorgte in Asien für einen gewaltigen Popularitätsschub der koreanischen Popkultur.

Vom westlichen Mainstream blieben die hochqualitativen südkoreanischen Serien dagegen lange unbemerkt, erst seit kurzem hat der große Streamingdienst Netflix auch einige der sogenannten K-Dramen in sein Programm aufgenommen (z.B. die Produktionen Kingdom und Romance is a Bonus Book), sodass südkoreanische Serien an ein breiteres Publikum herangetragen und in Zukunft höchstwahrscheinlich auch im Westen mehr Aufmerksamkeit und Beliebtheit erlangen werden.

Zum anderen stellt neben den K-Dramen der K-Pop den zweiten großen Träger des Hallyu-Phänomens dar. Es handelt sich dabei um überwiegend auf koreanisch gesungene Popmusik, normalerweise vorgetragen von im Westen quasi ausgestorbenen Boy- und Girlgroups. Solokünstler existieren zwar, sind jedoch seltener und erlangen oft nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie Gruppen. In Asien konnten diese südkoreanischen Gruppen schon in den 2000ern Erfolge verbuchen.

Erste Beachtung im Westen stellte sich etwa 2009 mit dem für späteren K-Pop prägenden Hit Gee der Girlgroup Girls‘ Generation und 2012 mit PSYs Gangnam Style ein. Vor allem letzterer dürfte für viele hierzulande der erste (und vielleicht einzige) Kontakt mit K-Pop gewesen sein. Den großen globalen Durchbruch hatte das Genre jedoch erst letztes Jahr. Vor allem durch die siebenköpfige Boygroup BTS, die eine gewaltige Fanbase besitzt, auf internationalen Awardshows abräumt und ein gern gesehener Gast in amerikanischen Talkshows ist, konnte K-Pop sich endgültig als Jugendkultur im Westen etablieren.

K-Pop Leistung und Perfektion

Was aber macht K-Pop so besonders? Neben dem bereits angesprochenen Boy-/Girlgroup-Konzept, das im Westen schon längst aus der Mode gekommen ist, ist es vor allem die Tatsache, dass die Mitglieder dieser Gruppen mehr sind als einfach nur Sänger: Sie sind sogenannte Idols, Vorbilder für die junge Generation. Drogen-, Sex- oder sonstige Skandale, wie man sie von westlichen Musikern kennt, sind für koreanische Idols undenkbar.

Wer sich einen Fehltritt erlaubt, für den ist das Popbusiness vorbei, denn die Agenturen, bei denen die Gruppen unter Vertrag stehen, haben ein scharfes Auge auf das korrekte Verhalten, das ebenfalls im Vertrag festgelegt ist. Besonders in den ersten Jahren nach dem Debüt einer Gruppe sind Dinge wie Rauchen, Trinken, Dating, alleine ausgehen oder sogar die Familie treffen tabu und diese Regeln werden streng kontrolliert. Nichts soll von der Arbeit ablenken oder das perfekte Image der Gruppe und ihrer Mitglieder stören. Denn Perfektion ist das Schlüsselwort: Perfektes Aussehen, perfekt ausgeführte Choreographien, perfekte Outfits, perfekter Gesang, perfekte, liebenswerte Charaktere.

Der Konsument wird entführt in eine glänzende Scheinwelt, in der man durch harte Arbeit scheinbar alles erreichen kann. Denn harte Arbeit ist das, was letztendlich hinter dem Dasein als Idol steht. Viele treten bereits als Jugendliche ihrer Agentur bei, üben als Trainees täglich Gesang, Tanz und Schauspiel, oft jahrelang. Nur die besten dürfen schließlich debütieren und darum kämpfen, sich gegen all die anderen Gruppen durchzusetzen, im mittlerweile übersättigten koreanischen Musikmarkt kein leichtes Unterfangen.

Gerade deshalb ist es wichtig, noch ein bisschen härter zu arbeiten als die anderen, ein bisschen besser und perfekter zu sein, ein Vorgang, der die koreanische Leistungsgesellschaft nur zu gut wiederspiegelt und den die Idols, die Vorbilder, auf die Spitze treiben. Doch gerade dieser strenge Arbeitsethos und der Drang nach Perfektion scheint K-Pop auch international so erfolgreich zu machen, der kürzliche globale Durchburch bestätigt dies.

Popkultur als politisches Mittel

Die koreanische Politik hat mittlerweile erkannt, was für eine Reichweite und Auswirkung K-Pop auf die koreanische und westliche Gesellschaft hat. Nicht nur die Agenturen, auch die Regierung und Rundfunkanstalten achten darauf, dass in der Branche und der Musik traditionelle und patriotische Richtlinien eingehalten werden. Ein Beispiel: Beinhaltet ein Song bzw. Musikvideo antipatriotische Aussagen oder zeigt nichttraditionelle Familienbilder, darf es nicht ausgestrahlt werden und wird in der Regel auch von privaten und öffentlichen Sendern und Veranstaltern gemieden.

Dabei geht man wirklich konsequent vor, so wurde ein Song nicht zur Ausstrahlung freigegeben, weil japanische Wörter im Liedtitel vorkamen. Ein K-Pop-Idol wurde stark kritisiert, als sie auf ihrem Instagram-Account feministische Bücher präsentierte. Die Kulturpolitik, aber auch die Gesellschaft (hier soll auf die Massendemonstrationen gegen Flüchtlinge aufmerksam gemacht werden), ist dort also das genaue Gegenteil von der deutschen Gleichmacherei. Eine übergewichtige Transsexuelle oder ein Nordkorea-Freund würde in der südkoreanischen Musikbranche nur schwer Fuß fassen können – anders als hier, wo solche Attribute ja eher karrierefördernd sein können.

Die bekannte Gruppe BTS geht demnächst in den obligatorischen Militärdienst, sodass sie für einige Monate auf das Künstlerleben verzichten werden müssen. Das Interessante dabei ist die Tatsache, dass die sechs Männer den Militärdienst als eine Ehre empfinden und sich auch auf diesen freuen. Die Vorstellung, dass man auf dem Höhepunkt seiner Karriere lieber ein Lebensjahr dem Dienst an seinem Land widmet, ist für westeuropäische Geister fast schon eine Horrorvorstellung.

Die K-Pop-Branche macht mittlerweile mit der Musik und dem Verkauf von Merchandise einen riesigen Umsatz. Südkoreanische Ökonomen schätzen den Anteil der koreanischen Popkultur am Bruttoinlandsprodukt auf ungefähr 3,5 Milliarden US Dollar und diese ist einer der am stärksten wachsenden Sektoren in Südkorea. Vor allem bei jungen Frauen in Europa oder auf den beiden amerikanischen Kontinenten sorgt die Musik für offene Geldbeutel und somit für viele Devisen. Dazu profitieren indirekt andere Branchen von der Begeisterung für K-Pop: Koreanische Serien und Filme werden stark nachgefragt (zum Beispiel ist die Serie Squidgame eine der meistgeklickten Serien auf Netflix) und viele planen eine Reise nach Südkorea.

Auch außenpolitisch hat die Regierung das Potential der Hallyu-Bewegung erkannt. Das Außenministerium veranstaltet mittlerweile selbst Konzerte im Ausland mit bekannten K-Pop-Künstlern und fördert die ganze Musikszene. Als besonderes Beispiel kann dabei das Spring is Coming Konzert genannt werden, das 2018 als gemeinsame süd- und nordkoreanisch organisierte Veranstaltung in der nordkoreanischen Hauptstadt Pyeongyang stattfand. Südkorea sandte eine Reihe südkoreanischer Musiker, u.a. auch die beliebte Girlgroup Red Velvet, zu diesem zweitägigen Konzert, das die Bereitschaft zu einem guten Miteinander der Brüderstaaten symbolisieren sollte.

Aber auch im Kontakt mit westlichen Staaten wird K-Pop als politisches Mittel eingesetzt. Mit der Musik will man den ersten Kontakt bei Ausländern mit der koreanischen Kultur erreichen, um diese dann letztendlich komplett für Südkorea zu begeistern – klassische Soft-Power. Beim letzten Empfang des amerikanischen Präsidenten Donald Trump im Juni 2019 war etwa die überaus populäre Boygroup Exo anwesend, begrüßte den Staatsgast und schenkte Trumps Tochter Ivanka, die ein bekennender Exo-Fan ist, ein signiertes Album. Was dem Japaner Sushi und die Anime-Kultur ist, so ist dem Koreaner K-Pop ein Mittel, um auf die eigene Kultur aufmerksam zu machen. Zudem: die Koreaner sind auch sehr stolz darauf, dass ihre Kultur mittlerweile eine gewisse Aufmerksamkeit im Ausland besitzt.

Die eigene Kultur ins Ausland exportieren und als Mittel der Politik einsetzen? Stolz auf die Erfolge und Leistungen der eigenen Kultur sein? Keine kulturmarxistische Propaganda? Sowas könnte man sich auch in Deutschland wünschen – aber das ist aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Kräfte unmöglich. Es gibt zwar das Goethe-Institut, dass einen solchen Auftrag für das Ausland hat, aber das beschäftigt sich lieber mit Themen wie das Gender-Bewusstsein der ägyptischen Frauen.

Und innerhalb der deutschen Kultur verpflichtet man sich lieber auf »bunte Werte«, während Patriotismus und traditionelle Werte in den Giftschrank gestellt werden, obwohl man ja immer eine »offene Gesellschaft« kommuniziert. Offen ist diese Gesellschaft nur für linke Kulturpolitik – und damit das auch alle Köpfe erreicht, bemüht man sich, schon kleinen Kindern eine Angst vor Rechts einzubläuen – siehe die Pfefferkörner-Folge, in der man heldenhaft eine rechte Verschwörergruppe aufdeckt. Südkorea macht es anders. Dort ist man auf die eigene Kultur und Musik stolz und nutzt sie für eigene Interessen.

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