Von der Anklage hin zur Kritik

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In seinem Artikel Zwei Ideen fusionieren stellt Prof. David Engels die Frage Der neue Milliardärssozialismus: Wie sieht die Gesellschaft der Zukunft aus? Als Antwort zeichnet er die Vision eines vollendeten Globalismus, in welchem eine kleine Kapitalelite über eine eigentums- und machtlose Masse herrscht. Wir teilen seine Prognose, widersprechen aber seiner Prämisse: Der angepeilte Weltstaat ist nicht Resultat einer ideologischen Konvergenz von Liberalismus und Sozialismus, sondern ist vielmehr notwendiges Endergebnis eines anhaltenden kapitalistischen Strukturwandels. Ein Debattenbeitrag.

Woke Capital

Engels beginnt mit der Feststellung, dass global agierende Konzerne wie Google, Amazon oder auch Ikea ein „kulturell wie politisch links verankertes Weltbild“ propagieren, dessen moralische Werte etwa Toleranz, Multikulturalismus und Gleichberechtigung umfassen. Für dieses Phänomen hat sich in dissident-konservativen Kreisen seit einiger Zeit der Begriff des Woke Capital durchgesetzt – ein Begriff, der schon Anfang 2018 in der New York Times expliziert wurde. Die Frage ist, warum das globale Kapital fast ausnahmslos auf solche Botschaften setzt.

Die erste und intuitivste Antwort ist schlicht und ergreifend Opportunismus: Die Unternehmen, insbesondere ihre PR- und Marketing-Abteilungen, haben den linksliberalen Trend westlicher Gesellschaften zeitig erkannt und für sich abgewogen. Daraufhin sind sie für sich zur Entscheidung gekommen, dass mit „woken“ Botschaften eine größere und zahlungskräftigere Kundschaft erreicht werden kann als ohne. Hinzu kommt, dass die Mitarbeiter und Führungspersonen von Unternehmen wie Apple und Google ursprünglich selbst aus eher progressiv-alternativen Milieus stammen. Andere, historisch konservativere Unternehmen mussten dann zeitnah nachziehen, um nicht in der öffentlichen Meinung im Abseits zu landen.

Diese Antwort auf die Frage nach der Ursache für Woke Capital ist evident und richtig, kratzt jedoch zugleich nur an der Oberfläche der zeitgeschichtlichen Entwicklung. Denn einerseits handelt es sich bei der „Wokeness“ nicht nur um eine Modeerscheinung oder einen Marketing-Gag, sondern um eine grundlegende Veränderung, die auch vor der Personalpolitik keinen Halt macht: So hat etwa der US-Energieriese Chevron im Rahmen seiner jüngsten Verschlankung weiße Arbeiter explizit und überproportional entlassen. Zugleich ist der Einfluss der „Wokeness“ auf reale politische Entwicklungen wie die BLM-Proteste oder die letzten US-Wahlen nicht als nebensächlich abzutun.

Hier setzt eine häufig von links geäußerte Kritik an Woke Capital an: Die propagierten Werte, so sagt man, würden nur als Maskerade einer arbeiterfeindlichen (Unternehmens-)Politik dienen. So sei es ja wohl evident, dass Chevron schlicht aus ökonomischen Interessen Arbeiter entlassen musste und das dahinterstehende ökonomische Interesse schlicht mit einer vermeintlichen Gerechtigkeit (Ausgleich der race-Quota in der Belegschaft) rechtfertigte. Auch an dieser Sichtweise ist mit Sicherheit etwas dran, und doch greift sie in einem entscheidenden Punkt zu kurz: Am Ende des Tages teilt sie die Werte der „Wokeness“ – also Toleranz, Multikulturalismus, race equality, etc. – und unterstellt lediglich der Unternehmerseite, diese Werte gar nicht wirklich zu vertreten, sondern sie nur vorzuschieben. Dass es sich bei diesen Werten jedoch selbst um explizit kapitalistische Werte handelt, können die linken Kritiker meist nicht sehen.

Genau dies können allerdings auch viele konservative Kritiker des Woke Capital nicht erkennen, und hier kommen wir zurück zu Engels Artikel: Auch er sieht im „woken“ Wertekatalog keine genuin mit dem Kapitalismus zusammenhängende Ideologie, sondern ein von außen kommendes, ursprünglich sozialistisches Denken, welches sich mit dem Liberalismus verschmolzen habe – auf der gemeinsamen Grundlage, dass es sich bei beiden um materialistische Ideologien handle. Diese ideologische Schnittstelle würde realiter „linksgrüne Regulierungswut und großkapitalistische Lobbyarbeit“ miteinander synthetisieren und somit langfristig zu einem globalen „Milliardärssozialismus“ führen, wo eine kleine kapitalbesitzende Elite über eine riesigen eigentums- und machtlosen Masse herrscht. Der anstehende Great Reset sei ein Katalysator, der die hierfür notwendigen Transformationsprozesse ermöglicht.

Transformation und Ideologie

So sehr wir Engels in seinen Prognosen beipflichten, so sehr müssen wir ihm in der Prämisse widersprechen. Die vermeintliche Synthese aus sozialistischer und liberaler Ideologie, als welche er die „Wokeness“ charakterisiert, ist nämlich nicht Ursache, sondern Symptom eines tiefer liegenden historischen Strukturwandels. Um diesen Kerngedanken einmal kurz an einem Beispiel zu illustrieren:

Es war nicht der Aufklärungsgedanke, der aus religiös geprägten mittelalterlichen Krämern und Handwerkern rational planende neuzeitliche Händler und Manufakturbesitzer machte – gerade im Gegenteil war es die Agglomeration in Städten und die dort stattfindende Konzentration von Geld und Produktionskapazitäten, die das rational planende, berechnende Denken der Aufklärung hervorbrachte. Freilich gab es schon in früheren Zeiten Skeptiker, Atheisten und Freidenker – nur endeten diese entweder in einer Klosterbibliothek oder auf dem Scheiterhaufen. Erst die Konzentration von Handels- und Produktionstätigkeiten (z.B. in Norditalien oder Holland) erlaubte es diesem Denktypus, hegemonial zu werden. Den Durchsetzungsprozess dieses Denkens im Zuge der Durchsetzung seiner materiellen Grundlagen nennen wir verklärend „die Aufklärung“.

Nicht anders verhält es sich mit den gegenwärtigen materiellen Transformationsprozessen und der damit einhergehenden ideologischen Wende. Engels kommt der Sache tatsächlich weit näher als die oberflächliche Eingangsbeschreibung oder die linke Unterstellung, die „Wokeness“ des Kapitals wäre nur vorgespielt. Er erkennt, dass ein grundlegender historischer Veränderungsprozess vonstatten geht und dass Woke Capital es durchaus ernst meint. Nur leitet er dies primär aus einer Verwandtschaft zwischen liberaler und sozialistischer Ideologie ab, die „letztlich aufgrund ihres materialistischen Menschenbilds derselben ideologischen Schule zuzurechnen“ seien. Den Great Reset, der als Zuspitzung der gegenwärtigen Transformation der politischen Ökonomie gelten darf, erklärt er zum Resultat dieser ideologischen Synthese. Somit kann er die gegenwärtige Situation sehr exakt begreifen – nur eben genau falsch herum, gewissermaßen auf dem Kopf stehend.

Zweite, Dritte und „Vierte“ industrielle Revolution

Wie lässt sich der materielle Transformationsprozess beschreiben, welcher der von Engels trefflich beschriebenen (aber nicht so benannten) Ideologie des Woke Capital zugrunde liegt? Hierfür müssen wir einen tiefen Blick in den Verlauf des 20. Jahrhunderts werfen. Hatte es im 19. Jahrhundert noch eine freie Konkurrenz verschiedener Kapitale auf dem Weltmarkt gegeben, standen die großen Nationalökonomien schon 1914 vor dem Problem, dass die Ressourcen-, Produktions- und Absatzmärkte komplett untereinander aufgeteilt waren – jedoch zu Ungunsten des wirtschaftlich aufholenden Deutschlands. Der resultierende Interessenkonflikt eskalierte zum Völkerschlachten, aus welchem Deutschland als übervorteilter Verlierer hervorging. Doch die prekäre Nachkriegslage sollte sich auch für die Gewinner nicht als vorteilhaft erweisen, denn gegen 1930 kollabierte auch ihre weit über den Bedarf hinausschießende chaotische Überproduktion – mit der paradoxen Folge, dass in den USA die proletarischen Massen hungernd vor Suppenküchen Schlange standen, während die Brotfabriken herunterfuhren und das Getreide auf den Feldern verrottete.

Diese erste große Weltwirtschaftskrise fand ihre Lösung in der keynesianischen Synthese massiver staatlicher Regulationen und industrieller Rationalisierung, die als 2. industrielle Revolution oder „Fordismus“ bekannt wurde und in den Kriegs- und Lagerwirtschaften der konkurrierenden Blöcke des 2. Weltkrieges ihre ersten Testläufe fand. Nach diesem zweiten kriegerischen Blockkonflikt wurde die Welt (und Deutschland) in eine amerikanisch-fordistische West- und eine sowjetisch-planwirtschaftliche Ostzone aufgeteilt. Bis in die 1970er hinein sollte diese Wirtschaftsweise im Westen eine relativ ungestörte Kapitalakkumulation ermöglichen. Doch auch diese stieß an ihre Grenzen; und so mussten die Staaten ihre Wirtschaft durch Aufblähung der Staatsausgaben „stimulieren“ – was nichts anderes bedeutet als Wachstum durch inflationäre Geldpolitik zu simulieren. Weil sie die zusätzlichen Ausgaben nicht mehr durch Steuern decken konnten, mussten die westlichen Staaten sich verschulden (die USA und das exportstarke Deutschland fingen damit zeitverzögert in den 80er-Jahren an).1

Doch Stimulierung qua Staatsverschuldung reichte nicht aus, um die Krise nachhaltig zu lösen: Kapitalakkumulation (vulgo: „Wirtschaftswachstum“) konnte im Westen nicht mehr auf dem fordistischen Weg der industriellen Massenproduktion und Konsumsteigerung sichergestellt werden. Der darauffolgende Transformationsprozess (80er-Jahre bis ca. 2008) spielte sich im Wesentlichen auf vier Ebenen ab: Zum einen wurden zunehmend Produktionsstandorte im Westen geschlossen und in ostasiatische Länder wie China verlegt, wo die Lohnkosten viel geringer und die von westlichen Gewerkschaften erstrittenen Arbeiterrechte nicht existent waren. Zum anderen wurden die im Westen verbleibenden Schritte der Wertschöpfungsketten massiv dereguliert und protektionistische Klassenkompromisse zugunsten von Freihandel und Weltmarkt aufgelöst.

Drittens reichte jedoch selbst dies nicht, um Shareholders zufriedenstellende Renditen zu sichern, sodass Kapitalgewinne zunehmend auf den Finanzmärkten erwirtschaftet wurden – man könnte hier insofern von einer virtuellen Ökonomie sprechen, als den nominell erwirtschafteten Geldgewinnen häufig gar keine äquivalente Produktionssteigerung mehr zugrunde lag. Zuletzt, und hier berühren wir wieder den eigentlichen Produktionsprozess, wurden alle diese Schritte durch die sog. 3. industrielle Revolution, also die Entfaltung von Mikroelektronik und Telekommunikations-Technologie ermöglicht. Zusammengefasst werden diese Entwicklungen häufig als „Neoliberalismus“ bezeichnet – unabhängig von der Rolle, die spezifische ökonomische Denkschulen gespielt haben mögen.

Spätestens mit dem ersten Platzen der Finanzblasen 2008ff. hat auch diese „neoliberale“ Krisenlösungsstrategie sich als ineffizient erwiesen, um langfristige Kapitalakkumulation auf dem Weltmarkt zu garantieren. Zugleich hat sie ausgerechnet die ehemaligen Niedriglohnländer (insb. China) ermächtigt, ihrerseits als politisch-ökonomische Machtblöcke aufzutreten und der für weiteres Wachstum nötigen westlichen Destabilisierungs- und Expansionspolitik (siehe Irak, Libyen, Syrien etc.) zumindest prospektiv eine Schranke zu setzen. Was ist nun die zeitgemäße Antwort des westlichen (nunmehr globalisierten) Kapitalismus auf dieses schlussendliche Eintreten der Krise, die jahrzehntelang aufgeschoben wurde?

US-Staatsverschuldung | Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis

Die Antwort: Es gibt keine wirtschaftliche Antwort. Als einziger „alternativloser“ politischer Hebel bot sich die Refinanzierung der Finanzmärkte durch erneute Staatsverschuldung an (siehe Bild oben). Dieser Rückgriff auf vermeintlich Altbewährtes zeigt an, wo die Reise hingeht: Mangels einer gangbaren politisch-ökonomischen Alternative wird versucht, die drohende Zusammenbruchskrise durch politisches Herumdoktoren an ihren Symptomen in Form staatlicher Geldspritzen – z.B. durch das Aufstellen von sog. Rettungsschirmen, Abwrackprämien etc. – ewig hinauszuzögern.2 Dabei tat sich Deutschland aufgrund seiner wirtschaftlichen Dominanz in der EU zwar zumindest von 2012 bis 2019 dadurch hervor, keine neuen Schulden aufzunehmen; die in die südliche Peripherie exportierte Schuldenkrise plagte jedoch während dieser ganzen Zeit in Form düsterer Vorahnungen (Eurobonds, Schuldenunion) die Träume unseres Bürgertums.

Im Zuge dieser Verschleppung bzw. Verstetigung der Krise werden zunehmend die sowieso schon ablaufenden Transformationsprozesse der Neoliberalisierung bzw. 3. industriellen Revolution noch politisch vorangetrieben und als bahnbrechend neu verkauft – sei es die Automatisierung von Produktionsstätten oder die in den letzten Jahren zur „Digitalisierung“ hochgejazzte Vernetzung der Kommunikations- und Informationskanäle, sowie die damit einhergehende Dezentralisierung.3 Wie jeder weiß, der die letzten Jahrzehnte wachen Auges verbracht hat, handelt es sich dabei nicht um grundsätzlich Neues oder gar eine „vierte industrielle Revolution“, sondern schlicht um die Zuspitzung eines langen Transformationsprozesses – ein Prozess, der spätestens seit den 1980er-Jahren Fahrt aufgenommen hat und nun wie eine Lawine durch den gesellschaftlichen Alltag rollt.

Great Reset

Der im Rahmen einer grippeähnlichen Epidemie 2020 aufgekommene (und durch diese nurmehr fadenscheinig gerechtfertigte) Aufruf zum Great Reset stellt die aktuellste Zuspitzung dieser anhaltenden neoliberal-globalistischen Transformation dar, weshalb sein revolutionärer Pathos auch für theoretisch ungeschulte Augen leicht als Ideologie durchschaubar ist. Es geht im Wesentlichen darum, die politische Forcierung der sog. vierten industriellen Revolution (Automatisierung & Digitalisierung) und die neoliberale Wirtschaftspolitik (Finanzialisierung der Märkte & Flexibilisierung der Produktion) auf globaler Ebene zu institutionalisieren und zugleich zukünftigen Produktionskrisen vorzubeugen – da es sich bei diesen voraussichtlich um ökologische Krisen handeln wird, taugt ein Naturphänomen wie das aktuelle Coronavirus hervorragend zum Anlass. Und zur Gestaltung des Propaganda-Materials:

Das Virus als Chance

Weil eine tatsächliche vierte industrielle Revolution, die die Probleme der globalen Wirtschaft lösen könnte, ausbleibt3, soll also eine supranationale Homogenisierung der Märkte und ihrer politischen Rahmenbedingungen den gegenwärtigen Modus der globalen Kapitalakkumulation perpetuieren und ihre unausweichlich scheinende Zusammenbruchskrise ewig hinauszögern. Wir erinnern an dieser Stelle daran, dass die (oben am Beispiel der USA gezeigte) Staatsverschuldung wesentlich massiver zunimmt als noch im unmittelbaren Vorlauf der Neoliberalisierungswelle (also in den 1970er- bzw. für BRD & USA 1980er-Jahren) und sich ihr Anstieg den Ausmaßen der Finanzkrise von 2008ff. annähert – sogar im Land der „Schwarzen Null“ zeichnet sich für 2020 ein Schuldenanstieg von über 10% im Vergleich zu 2019 ab.4

Der Great Reset ist also im Wesentlichen ein anlassbezogener Versuch, die politisch-ökonomische Ordnung des neoliberalen Globalismus unumkehrbar und krisenfest abzusichern. Es ist leicht erkennbar, dass dies nur eines bedeuten kann: Vorangetriebene Auflösung der Nationalstaaten und ihrer historischen Staatsvölker, beschleunigte Partikularisierung ihrer Gesellschaften, Vertiefung und Verfestigung der Bruchlinie zwischen Anywheres und Somewheres, etc. – kurz: Zuspitzung aller politischen, ökonomischen, sozialen und ideologischen Tendenzen der letzten Jahrzehnte.

Wokeness = Neoliberalismus

Und hier kommen wir an den Punkt, an dem die Fäden zusammenlaufen. Wir haben an anderer Stelle bereits dargelegt, warum die Ideologie der Entgrenzung und Auflösung aller gewachsenen Bande, ihre mediale Propagierung und die staatliche Bekämpfung aller ernstzunehmenden Gegenbestrebungen den adäquaten (meta-)politischen Rahmen für den seit der Krise des Fordismus einsetzenden neoliberalen Globalismus darstellen. Aus der beschriebenen Struktur- und Krisengeschichte des Kapitalismus seit seinem ersten großen Zusammenbruch gegen 1930 dürfte andererseits schlüssig hervorgegangen sein, dass diese ideologischen Entwicklungen nicht einfach im freien Raum stattfinden, sondern nur mittels konkreter (und zugleich abstrakter, schon aufgrund ihrer globalen Dimension unmittelbarer politischer Willenskontrolle weitgehend entzogener) materieller Transformationsprozesse an die Oberfläche der Geschichte gespült werden können.

Entgegen mancher (im rechten Lager leider populären) verkürzten Theorie prägt nämlich kein böser Plan oder blinder Fortschrittsglaube einer bestimmten Gruppe, Organisation oder Einzelperson den Lauf der Geschichte, sondern es sind umgekehrt die großen Strukturbrüche, die besagte Akteure und ihre Ideen – und eben nicht andere Akteure und Ideen – in Positionen des Einflusses und der Macht katapultieren. Wie ein Bonaparte im Hochmittelalter Schildknappe irgendeines unbedeutenden Provinzritters geworden wäre anstatt französischer Kaiser, so hätten die Ideen eines Foucault, Hayek oder Schwab ihnen unter anderen Umständen nur befremdetes Kopfschütteln oder gar einen Ketzerprozess eingebracht – von historischen Treppenwitzen wie Calergi, den angeblichen „Weisen von Zion“ oder anderen vermeintlichen Verschwörungssubjekten ganz zu schweigen.

Dasselbe gilt für einen George Soros, der im Gegensatz zu Letztgenannten zwar wirklich existiert und tatsächlich maßgeblich an der Propagierung neoliberaler Wert- und Ordnungsvorstellung teilhat, doch genau in dieser Funktion nichts ist als eine passende Charaktermaske für die strukturell im neoliberalen Globalismus – dessen ökonomische Elite er vertritt – angelegte Entgrenzung und Auflösung. Die Zerstörung der gewachsenen Völker, die Zersetzung familiärer Strukturen, die Degradierung des konkreten, verwurzelten Menschen zur ungebundenen Humankapital- und Konsumenten-Monade – alle diese Entwicklungen leiten sich realiter aus dem ausgreifenden Transformationsprozess der alten (fordistisch-nationalen) zur neuen (neoliberal-globalistischen) Kapitalverwertung im Zuge der ewigen Sistierung ihres Zusammenbruches ab.

Freilich fällt diese unsere Antwort wesentlich umfangreicher aus als Engels Originalartikel, und doch bedarf es dieses Rahmens, um seine grundsätzliche Annahme nicht zu widerlegen, sondern vom Kopf auf die Füße zu stellen: Ja, die derzeit herrschende Ideologie ist eine Synthese aus neoliberaler Wirtschaftsoptimierung und dem (ehedem linken) pseudo-utopischen Versprechen einer komplett grenzen-, traditions- und identitätsvergessenen Welt. Aber es handelt sich hierbei nicht um einen historischen Denkfehler, eine irgend geartete Seinsvergessenheit – die man ja mit einem entsprechenden Reminder hätten lösen können – oder, wie Engels selbst schreibt, die Konvergenz eines „materialistischen Menschenbilds derselben ideologischen Schule“.

Hingegen handelt es sich bei Woke Capital und seiner angestrebten Weltordnung schlicht um den adäquaten und zeitgemäßen Ausdruck der Kapitalakkumulation auf dem Weltmarkt – beziehungsweise auf dem Raum des Weltmarktes, der nicht von autoritären Regierungen eingehegt wird. Die Regenbogenflagge ist somit tatsächlich zu einem Sinnbild neoliberal-globalistischen Hegemoniestrebens geworden; zurecht schmückt sie die Botschaften westlicher Nationen in Moskau oder Baghdad.

Was tun?

Eine konkrete Beantwortung dieser Frage würde den vorliegenden Rahmen sprengen, daher nur einige Grundüberlegungen: Als Konservative müssen wir erkennen, dass wir nicht nur dem gegenwärtigen Zeitgeist feindlich gegenüber stehen, sondern auch der politischen und ökonomischen Ordnung des neoliberalen Globalismus – insbesondere in Form ihrer angestrebten Zuspitzung aka Great Reset. Dieser stellt tatsächlich, und hier berühren wir ein letztes Mal die von Engels betonte ideengeschichtliche Ebene, den Endpunkt einer langen ideologischen Entwicklung dar. Er tut dies jedoch nicht, weil in ihm „Liberalismus“ und „Sozialismus“ aufgrund ihres „materialistischen Menschenbilds“ notwendig konvergieren würden, sondern weil er schlicht die einzige Antwort des bestehenden Systems auf seine unausweichlich scheinende Zusammenbruchskrise darstellt.

Unsere konkrete Arbeit kann jedoch nicht mit den großen Fragen beginnen, weswegen wir geopolitische (USA oder Russland?) und System-Fragen (Sozialismus oder Ordoliberalismus?) zunächst hintanstehen lassen müssen – wären wir in der Lage, solche grundlegenden Richtungsentscheidungen effektiv zu beeinflussen, hätten wir bereits den (meta-)politischen Kampf um die Herzen, Köpfe und Arme unseres Volkes und unseres Staates gewonnen. Wenn es einmal so weit kommt, wird sich jedoch notwendigerweise die Ausgangssituation ganz anders darstellen als zurzeit. Vorweggenommene Vorstellungen eignen zur Schärfung des Blickes und zur Motivation; wir müssen jedoch stets ein instrumentelles Verhältnis zu ihnen bewahren und utopisches (wie auch dystopisches) Denken im Bereich der metapolitischen Schlachtfelder Kunst, Literatur, Videospiel etc. halten. In der konkreten Theorie- und Strategiediskussion hingegen weisen Utopien stets auf eine strukturelle Schwäche der Bewegung hin.

Glücklicherweise gilt dasselbe nicht nur für uns, sondern auch für unsere Gegner. Ihre Propaganda eines Great Reset als wirklich fortschrittliches und die allgemeinen Lebensumstände erhöhendes Zukunftsmodell mutet schon weltanschaulichen Laien zu offensichtlich nach utopischer (bzw. dystopischer) Ideologie an, um wirklich geglaubt zu werden. Hier den Finger in die Wunde zu legen und auf die eklatanten Widersprüche von behauptetem Anspruch und Realität hinzuweisen, scheint ein guter Ansatz zu sein. Dabei sollte jedoch stets sorgfältig darauf geachtet werden, keine verkürzten (Verschwörungs-)Theorien zu verkünden und sich die in diesem Artikel dargelegte abstrakte (und daher eigentlich viel schlimmere, weil unmenschliche) Prozesshaftigkeit des Ganzen vor Augen zu halten. Personifizierte Gestalten (Soros, Schwab, etc.) sind evident vorhanden und der Agitation und Propaganda sehr dienlich – man sollte es sich allerdings nicht selbst zu leicht machen und tatsächlich glauben, dass es sich bei ihnen um etwas anderes handelt als letztlich austauschbare Charaktermasken.

Zuletzt kommt es uns auf einen grundsätzlichen Paradigmenwechsel im konservativen Denken an. Wir haben aufgezeigt, wie der neoliberale Globalismus aus einer inneren Struktur- und Krisengeschichte des Kapitalismus notwendig als Endresultat hervorging, und wie ihm gleichzeitig zu diesem Zeitpunkt keine andere Möglichkeit zur Krisenverzögerung bleibt als die Akzeleration seiner eigenen politischen, ökonomischen, sozialen und ideologischen Dimensionen. Zugleich hegen wir selbstverständlich keine Hoffnungen auf ein „internationales Proletariat“ oder irgendein sonstiges linksideologisches Luftsubjekt, das die dystopische Hölle des Globalismus umstürzen und eine weltweite Utopie einrichten könnte.

Unsere einzige Hoffnung liegt auf einer Erstarkung des Nationalstaates und einer entsprechend autoritären Einhegung – wo möglich: Umkehrung – der neoliberalen Entgrenzungen. Damit richten wir uns ausdrücklich gegen die Vorstellung, politökonomische Zustände könnten an zweiter Stelle, also „nach der Beantwortung“ der identitären Frage stehen. Ohne eine nationalistische Abkehr und Loslösung Deutschlands aus der neoliberal-globalistischen Ordnung kann es keine identitätspolitische Wende und keinen Stopp der Ersetzungsmigration geben. Zugleich kann es keine rein ökonomisch-nationalistische Antwort ohne konservative familien- und identitätspolitische Wende geben, wie sie linken Globalisierungskritikern und Populisten (z.B. Wolfgang Streeck, Ken Jebsen oder tagesabhängig auch Sarah Wagenknecht) vorschwebt.

Die Einhegung des entgrenzten Kapitalismus und autochthon-europäische Identitätspolitik stehen einander weder fremd gegenüber, noch kann es eine Nach- oder Unterordnung der einen Frage unter die andere geben. Vielmehr müssen sie beide zu einem gemeinsamen Weltbild und einer vereinten Strategie finden. David Engels Artikel leistet hierfür einen wichtigen Denkanstoß in Form einer ideengeschichtlichen Anklage, den wir – wie wir hoffen: verständlich – auf die Füße einer materialistischen Kritik gestellt haben.

Fußnoten

1 – Diese Krise des fordistischen Akkumulationsmodus ist der der Punkt, vor den Libertäre wie Markus Krall zurückwollen, und welches fantastische Unterfangen sie ihren Lesern als revolutionären Umbruch unterjubeln. Dies machen sie allzu häufig am Gold fest, welches zumindest nominell (wenn auch nicht faktisch) den Dollar deckte, der bis 1973 feste Leitwährung des Westens war. Die Finanz- und Wirtschaftskrise mit einer Wiedereinführung des Goldstandards zu lösen ist jedoch ähnlich unpraktikabel, wie ein auf die schiefe Bahn geratenes Kind wieder in den Mutterleib zu stopfen.

2 – An dieser „alternativlosen“ Symptombekämpfung setzt die Eurokritik an, mit welcher die AfD 2013ff. auf den Plan trat. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die radikalsten und realitätsfremdesten Elemente dieser ursprünglichen Parteiströmung die Sehnsucht nach dem Goldstandard mit einer verkürzten „fiat money“-Kritik verknüpfen. Es handelt insofern sich tatsächlich um eine bürgerliche Revolution, die 2013 allerdings punktgenau 165 Jahre zu spät auf den Plan trat.

3 – Auch prekäre Arbeitsverhältnisse und Scheinselbständigkeit sind nichts Neues – sie sind in Gestalt der Foodora-Lieferanten nur alltäglicher und sichtbarer geworden.

4 Quelle: Statistisches Bundesamt

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4 Kommentare

  1. Marxismus und Liberalismus sind bürgerliche Ideologien, die sich in ihrem zynischen Materialismus treffen. Der Woke-Gedanke wird zudem von der rasanten Demographie der nichtweißen Erdbevölkerung gespeist. Ihr gehört die Zukunft und damit auch die Anbetung dieser beiden stets zur Zukunft verurteilten Ideologien.

  2. Eurer Analyse ist voll und ganz zuzustimmen. Das kriegt man in dieser Klarheit selten zu lesen! Zu David Engels: Er ist m. E. kein ernstzunehmender politischer Autor. Forcierte Remigration lehnt er ausdrücklich ab, weil das seinem „christlichen Menschenbild“ widerspricht. Also Deutschland (und Frankreich usw.) verloren geben, weil Herr Engels sein Seelenheil beschädigt sieht?

  3. Na super, das offensichtliche ist ausgesprochen und die Relevanz der alten AFD erkannt, diese Post sind einfach nur Grundlage mehr nicht. Ihre Akzeptanz ist nur in einem extrem Konservativen Lager möglich, weil der Druck, und damit einhergehende Klarheit die Verständlichkeit ausbleibender universeller Partizipation, Einigung schaft.

    Wie sie selbst sagten hätte das schon 2013 realisiert werden können und das Verhalten der alten AFD Hans-Olaf Henkel und Bernd-Lucke begründet in ihrer Konzentration, wie auch das Streben Basis Diskussionen zu vermeiden.

    Der globale Druck macht gewissen Ziel absurd, sodass Volk und Nation oder Nation und Volk keine korrelierende Begriffe mehr sein dürfen um Handlungsspielraum, oder ein primär spektrales genetischen Phänomen aufrecht zu erhalten, zu sein,
    Wie schon die Zentralisation in Städte bewiesen hat, dass nicht Nationen, sondern „Kulturen“ konkurrieren, anders: latent Konfigurale „Kommunikation“ oder Kooperationslösungen die sich in Summe als Kultur ausdrücken.

    Wobei Grenzen keine Rolle mehr spielen viel mehr ein Hemmnis einer willenlosen dominanten Kultur. Das der evolutionistische Imperative dem sich jedes Wesen unterwerfen muss, um als Spezies Mensch zu gelten und ihm indirekte abstark Zugehörigkeit zu zuschreiben, unterwerfen muss, alles andere ist der abstrakten Menschheit zuwider handeln.

    Jede nationale oder internationale Lösung ist nur syntetische Mittel, Strategien um sich diesen Konkurrenzkampf zu entziehen, Selbstverbesserung zu vermeiden, kurz Komfort. Dieser Komfort ist durch die Arbeitsteilung und die damit einhergehende Unfähigkeit niederer Klassen sich anzupassen, also Ordnung (Generierung von Ordnung) zu erlangen (Fähigkeit eine andere Spreche zu lernen).

    Nicht die Auflösung von Grenzen ist das Problem, sondern die Informationsverarbeitung und Zuteilung von Ressourcen oder Produktionskräfte (Tranformatioskräfte). Es geht um ein Dominanz um in der Lage zu sein die Zuteilung der Mittel zu verwalten, also Selbstbestimmung gegenüber anderen. Die Freiheit zu bestimmen wer Partizipiert und wer nicht.

    In der Industrie ist die Frage der Lokalität nur relevant solange keine Industrie 4.0 erreicht ist. Denn sollte diese Einmal statt finden, wird die Flexibilität durch lohn und Qualitätskosten ausreichend um ganze Nationen theoretisch aufzugeben. Einzig als Absatzmarkt sind diese relevant.

    Kultur ist nur noch eine Wert der durch Informationsverarbeitung, Wissenschaft und Konzens eine Population gemessen und definiert wird und damit seiner Berechtigung der Zuschreibung von Mitteln (Henkel und Lucke „Idee“), natürlich ist seine latente historische Effizienz als Brückenkopf relevant zur Verschiebung von Mitteln, was Deutschland oder alle Geberländer in der EU als solche auszeichnet.
    Es geht nur noch um die Art der Verwaltung der Population. Richard David Precht äußerte, also ihre Fähigkeit zum eine Verantwortung tragen oder zum anderen ihre Indoktrinierebarkeit.

    Um etwas wie eine Ethnie zu erhalten könnte man Vermischungsvariablen in Einwanderungsländern regulieren. Da zum einen sozioökonomische u.- Attraktivität Eigenschaften die Grundlage für Vermischung oder Integration sein werden, also latente Gefühl eines Wirs darstellen, ist die aktuelle Einwanderung in ihren Effekten zur Grundlage absoluter der Machtergreifung der Eliten und Maßnahme der Indoktrination gewähltes Ziel, weil sie auf der Bevölkerungsebene existierenden Konzens verhindert.

    Nur durch die Aufrechterhaltung eines Wirs kann eine sozialistische oder phänomenale Zuordnung zum vertreten oder realisieren des proletarischen Rechts der Selbstbestimmung aufrecht erhalten bleiben, alles andere wird zur Übermacht und Sklavenschaft zu den Eliten führen, bewusst als Folge oder Indirekt ist hier irrelevant.

    Um es in Worten Paul Watzlawick zu sagen:
    https://www.youtube.com/watch?v=3nu4gx-_ibA

    Eine intelligente Eugenik oder genetisches Ingenieurwesen von den Eliten ist an sich schon dem Zweifel der Unfähigkeit des vollständigen ausbleiben einer Unschärfe bei der Selbstbetrachtung von Menschen, und damit das Ausbleiben legitimer künstlicher „Evolution“. Es handelt sich hier also um eine Art des Ausbleibens der genetischen Erhaltung unterschiedlicher oder weniger Effizienter Menschen, weil es schon höher effiziente Lösungen gibt. Es besteht keine Notwendigkeit der Erhaltung genetischer Sätze ohne äußeren Druck zu entwickeln anstatt aufzugeben. Ach das wird dem hedonistischen Wesen der Zukunft egal sein.

    Es wird somit zu eine Entwicklung kommen die Notwendigkeit von Staaten ablöst und Konzerne an ihrerer Stelle treten, wahrscheinlich mit eigener Genreinigung oder Reproduktion, Eugenik, genetischem Ingenieurswesen, anstatt sich auf die natürlich Evolution zu beschränken, was die bestehenden Menschen mehr oder wendiger als entbehrlich und Last äußern wird, die mit hoher Wahrscheinlichkeit in eine Art Matrix eingegliedert werden, zur Unterhaltung von Gottes Fantasien der Eliten, „Massenmorde“ oder der Frage, wie es ist Hitler zu sein usw. der letzte Kick. NPC’s sind keine Würdigung der eigenen Rezeptivität – crème delà crème.

    Moral ist nur den Gleichen und sozialer Interaktion Grundlage, allem andrem bei Hedonismusgewinn durch Handlung.

    Dem Imperative der Zentralisierung ist zu entgegnen, es geht nur darum die art der Selbstorganisation auf individueller und Kollektiver Ebene anzupassen.

    Es lässt sich noch mehr dazu schreiben, aber es reicht hier!

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