Ukraine: Deutsche Rechte zwischen Amoral und Nihilismus

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Unser Gastautor Mathias Theissen ist mit der Debatte unzufrieden: Weniger Geopolitik, mehr Idealismus! Die Rechte müsse sich loyal erweisen.

Krieg in Europa. Als die Nachrichten von der russischen Invasion kamen, reagierte man nach einer kurzen Schockstarre schnell: Stifte wurden gespitzt, die Landkarten ausgerollt. Geopolitik heißt das Wort der Stunde: Die Kunst, die großen Zusammenhänge zu erkennen, sich nicht in tagespolitischen Trivialitäten zu verlieren. Als Rechter ist man gefasst, kühl, realistisch und umschifft moralische Fallen souverän.

Leise murmelnd steht man um die Weltkarte herum. Man berät sich. Grenzen werden eingezeichnet, Spielsteinchen platziert, Loyalitäten sichtbar gemacht. Das Land, um das es geht, ist nicht besonders groß. Um es zu finden, müsste man, ohne die nötigen geographische Vorkenntnisse, normalerweise ein wenig suchen. Aber jetzt treffen in ihm zufälligerweise zwei besonders dicke Linien aufeinander. Es ist ganz plötzlich die Axis Mundi, zumindest bis zum nächsten Spektakel.

Man steht über den Ereignissen, sie wirken klein von hier oben. Sie sind nur ein weiteres Resultat des geopolitischen Ränkespiels. Bedauerlich, aber eben auch nur Symptom, denn es geht um größeres. Wo steht der Feind, wo stehen wir? Wer gehört zu uns und wer nicht? Was sind unsere Ziele und wie kommen wir dahin? Man hat sich vorbereitet und kann deswegen auf einen Fundus jahrzehntelanger Theoriearbeit zurückgreifen.

Actio est Reactio

Man bleibt rational. Die Lage ist kompliziert. Sie hat ja auch eine Geschichte, denn nichts geschieht einfach so. Actio est Reactio. Als Geopolitiker weiß man, dass Handlungen auch Folgen nach sich ziehen. Muss man also nicht alle Seiten nachvollziehen, wenn man den Konflikt wirklich verstehen will? Hat die NATO nicht immerhin versprochen, ihre Ostgrenzen nicht weiter in Richtung Russland zu verschieben? Macht es also nicht irgendwo Sinn, dass Putin jetzt einmarschiert?  

Man betrachtet die Ereignisse emotionslos, sie werden beschrieben, analysiert und kategorisiert. Mit mathematischer Präzision arbeitet man Muster aus der Geschichte heraus und antizipiert ihren zukünftigen Verlauf.  Auf der großen Weltkarte verschiebt man ein paar Steinchen und zeichnet ein oder zwei neue Linien.

Man nimmt eine schnelle Freund/Feind-Bestimmung vor. Die großen Fronten sind schon lange geklärt, daran ändert auch die derzeitige Situation nichts. Das schwarze Herz des Weltfeindes schlägt immer noch in Washington, das Endziel bleibt dessen Zerschlagung. Daran muss sich alles weitere Vorgehen orientieren. Rechts sein heißt auch, nicht vor unangenehmen Wahrheiten zurückzuschrecken.

Man geht in sich: Was ist hier zu erreichen? Wie kann man die Situation für sich nutzen? Irgendwo kann man immer einen Schlag anbringen. Auf keinen Fall darf man den Feind unterstützen, das grenzt die Optionen schon einmal ein. Der erneute Blick auf die Karte hilft: Ost gegen West; Unipolarität oder Multipolarität: Wenn ganze Zivilisationen aufeinanderprallen, können einzelne Länder kaum der Maßstab sein, schon gar nicht wenn es sich nicht um unseres handelt. Wo gehobelt wird, da fallen nun einmal auch Späne. Man bleibt also weiter kühl, man denkt strategisch, das heißt, man verliert nie das überliegende Ziel aus den Augen.

Erhaben steht man also über der großen Weltkarte und analysiert und zeichnet und plant. Man dreht mit an den ganz großen Zahnrädern der Geschichte. Nur: Wen interessiert das?

“Do what you can, with what you’ve got, where you are” So angeblich der amerikanische Ex-Präsident Roosevelt. Unzählige Menschen machen das. Aus ganz Europa ergießt sich eine nie da gewesene Welle der Solidarität. Nicht nur von linker und liberaler Seite, sondern auch von rechter. Egal, ob aus ernsthafter Überzeugung, moralischer Betroffenheit oder persönlichen Beziehungen. Man spendet, organisiert materielle Hilfe oder macht sich auf den Weg, um die Menschen direkt vor Ort zu unterstützen. Man macht eben das, was man kann, wo man es kann, mit dem, was man hat. Man wirkt im Kleinen, wo es im Großen nicht geht. Die Ukrainer haben das getan.

Die Rechte geht den Irrweg

Man hat sich eine starke Rechte Szene aufgebaut, die mehr kann, als nur ein Nischendasein irgendwo am Rande der Gesellschaft zu fristen. Man kann sich jetzt selbstverständlich wieder in Relativierungen flüchten, Erklärungen suchen und Grübeleien anstellen, vermutlich sogar erfolgreich. Aber das endet nichts an den Tatsachen, dass es kein Naturgesetz gibt, das so etwas verbietet, anderswo funktioniert es ja. Und es ändert auch nichts daran, dass es Putin– grotesk wie es sein mag – mit seiner „Denazifizierung“ durchaus ernst meint. Russische Telegramkanäle verbreiten bereits seit einiger Zeit Nachrichten, dass kapitulierende „Nazis“ auf der Stelle exekutiert werden und der Tschetschenenführer Kadyrov selbst verspricht eine halbe Millionen Dollar für jeden „Kopf ukrainischer nationalistischer Kommandanten“ der ihm geliefert wird.

Macht es angesichts dieser Tatsachen Sinn, grübelnd um die große Karte der Weltpolitik herumzustehen? Während es bereits einen Kraftakt bedeutet, 20 Mann auf die Straße zu mobilisieren, um gegen den großen Austausch zu demonstrieren? Kann man es sich wirklich erlauben, im Nachdenkzimmer bedeutungsschwanger über die Zukunft eines fremden Landes zu philosophieren, während dort Menschen für die Freiheit ihrer Nation kämpfen und sterben? Kann es sein, dass man seine eigentlich natürlichen Verbündeten im Rahmen irgendwelcher Grand Strategies opfert, die man sowieso nicht einlösen kann?

Laut den ukrainischen Behörden sind mittlerweile nicht weniger als 2000 Zivilisten durch den willkürlichen russischen Beschuss ums Leben gekommen. Wenn man sich den russischen modus operandi ansieht, gibt es keinen Grund daran zu zweifeln. Wessen Doktrin darin besteht, Städte einfach einzukesseln und so lange reinzufeuern, bis der Feind vielleicht irgendwann aufgibt, der nimmt zivile Verluste nicht nur in Kauf – der erklärt sie zum Ziel. Entsprechendes, unterstützendes Videomaterial tut sein Übriges. Als Rechter betrachtet man die Sache allerdings kühl, aus der Vogelperspektive. Man führt seine Geopolitik sehr ernsthaft, sie wird schon fast zur Geophysik, fest stehen die Grundsätze.

Es musste ja zu diesem Krieg kommen, das diktiert diese Physik. Und wo Krieg herrscht, da sterben nun einmal Zivilisten – ebenso ein Naturgesetz und gegen Naturgesetze kann man nichts machen. Und sowieso darf man nicht in die Falle der Moral tappen – wer moralisiert, verliert. Und: haben die Ukrainer nicht auch ein bisschen Kriegsverbrechen gemacht? Haben sie nicht sogar die totale Mobilmachung ausgerufen, den Volkssturm? Darf man sich dann überhaupt wundern, wenn die entsprechende Quittung kommt? So schnell hat man das Leben und Sterben von Zehntausenden abgeurteilt. Das müssen die Ukrainer aushalten. Man selbst traut sich gleichzeitig kaum, das Haus ohne Vermummung zu verlassen. Man könnte ja in der Uni komisch angeguckt werden, oder seinen Job verlieren, das ist fast genauso schlimm wie das Leben.   

Die deutsche Rechte steht allein

Loyalitäten werden in Notsituationen klar. Deutsche Rechte sollten nicht glauben, sie würden im Vakuum operieren. Man wird sehr genau beobachtet. Das Ansehen der Deutschen ist in Europa sowieso schon angeknackst, ernst genommen wird man kaum. Beim derzeit laufenden Aufbau einer neuen rechten Eurofraktion ist Deutschland als einzige große Nation nicht vertreten. Die AfD würde nur Ärger bedeuten. Um die außerparlamentarische Rechte steht es kaum besser. Im Ausland wird der derzeitige Ukrainediskurs kritisch beäugt. Die Reaktionen reichen von schockierter Ablehnung zu resignierter Kenntnisnahme. Die Deutschen mal wieder, etwas anderes war nicht zu erwarten.

Warum sollten deutsche Rechte im Ernstfall Loyalität erwarten, wenn sie anderen keine entgegenbringen? Wer sollte den Deutschen irgendwann mal zur Hilfe kommen, wenn sie selbst, skrupellos und ohne Not ihre natürlichen Verbündeten preisgeben?

Vielleicht will man es sich in der vermeintlich sicheren Position des neutralen Dritten bequem machen. Ein bisschen Verständnis für beide Seiten zeigen, sich die Optionen offenhalten. Aber es herrscht ein sehr realer Krieg, in dem sehr reale Menschen sterben. Das echte Leben ist kein Grand-Strategy-Game. Ambivalenzen werden als Verrat interpretiert: Sich im Niemandsland zwischen den Fronten aufzuhalten war noch nie eine gute Idee.

Wer sich in die moralische Ambivalenz flüchtet, nimmt nicht etwa die Position eines neutralen Dritten ein, er schlägt sich auf die Seite von Aggressoren und Kriegsverbrechern. Die Fronten sind klar, das Verhalten der deutschen Rechten ist eine moralische Bankrotterklärung.

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4 Kommentare

  1. Ich möchte einen vierten Standpunkt hinzufügen. Ja die Ukrainische Regierung wird durch Globohomo unterstützt. Aber in der Ukraine gibt es eine Starke Rechte welche breite Unterstützung genießt in der Bevölkerung und für ihr Land kämpft.
    Die wahrscheinlich das bei einer Beendigung des Konfliktes rechte Kräfte auch an die Macht kommen könnten ist sehr hoch und würde unsere Seite dort stärken.
    Geopolitisch wäre das für uns ebenfalls sinnvoll, je mehr Nationen in Europa rechte Politik betreiben, je mehr wird der Druck von außen auf Deutschland erhöht.
    Gleichzeitig ist es im Interesse von uns wenn wir wieder ein gutes Verhältnis mit Russland haben. Wirtschaftlich wie Politisch. Es spricht meiner Meinung nach nichts dagegen wenn die Ukraine neutral bleibt. Mit Freihandelsabkommen zu Russland und der EU wäre dies eine Win-Win-Win Situation für alle drei. Nur die USA würden leer ausgehen.

    Ich denke weiterhin das der erste Blick auf die Geopolitik immer wichtig und richtig ist um sich einigermaßen frei von Propaganda aller Seiten zu machen und um nicht aus Blindheit nachher irgendeine Partei voll zu unterstützen, die uns mittelfristig mehr schadet als nützt.

  2. Die Fallen des Mainstreams lauern überall. Auch dieser hat die Rechte schon lange umzingelt, beschießt sie pausenlos mit seinen smarten Waffen, so dass man kampfesmüde geworden ist und die Versuchung, sich durch Seitenwechsel Ruhe (vielleicht sogar ein klein wenig Sympathien) zu verschaffen groß ist. Den Anfang solcher „Durchbruchsversuche“ machte die stellenweise Befürwortung der sog. Impfung, jetzt die unhinterfragte, totale Parteinahme (ähnlich der Polenbegeisterung der 1848iger).
    Davon ganz unberührt, bleibt selbstverständlich die Bewunderung sowie das Verständnis für ein kämpfendes Volk, das uns als Beispiel dienen sollte. Aber schon ein Blick in Mykola Sziborskyis „Natiokratie“ lehrt, dass der ukrainische Nationalismus Verbündete kühl-unromantisch als Nutzen ansieht, ansonsten aber einen darwinistischen Wettbewerb zwischen den Nationalismen befürwortet.

  3. Die Rechte sollte loyal sein? Aber wem gegenüber sollte sie loyal sein?

    Der Regierung der Ukraine, die unter der Vormacht und Einfluss der USA und deren Establishment steht und längst als eine Art östlicher Ausläufer US-Imperiums mit seiner linksliberal-woken Leitideologie aus Gender, „Diversity“, Profitstreben, und antiweißem Rassismus.

    Der Autor hat recht, dass es bei de Ukraine-Krieg nicht allein um Geopolitik geht, sondern um einen ideologischen Konflikt – zwischen Globalismus (dessen Machtzentrum die USA oder besser gesagt dessen Establishment bilden) und dem Traditionalismus (dem Putin und Russland zugeordnet werden kann).

    Man muss sich nur anschauen, welches Milieu gerade jetzt am lautesten als Verfechter der ukrainischen Regierung auftreten und als bedingungslose, fanatische Gegner Russlands:

    Jene Personen, die aktuell ihren Hass auf Russland und Putin auslassen, deren heuchlerische Rufe nach „Frieden“ mit einer bösartigen – jeden echte Friedensabsicht ad absurdum führende – Dämonisierung – einer Nation und letztendlich eines ganzes Volkes vermengt sind, sind häufig LINKSGRÜNE, die zuvor „Refugee-Welcome“ skandierten und in den sozialen Medien und auf Demos ihren s Hass auf die AfD ausließen, und ansonsten immer den Nationalstaat als anachronistisches Relikt und Völker als Konstrukte abwerteten.

    Jene Twitter-Profile, deren Profilbeschreibungen heute die ukrainische Nationalfarben zieren, sind häufig dieselben, die auch mit „FckAfD“, Spritzensymbole (als Demonstration ihrer treuen Gefolgschaft zur Coronapolitik) und natürlich die Regenbogenfahne in ihrer Profilbeschreibung aufweisen.

    Selbst wenn diese Leute sich dieser ideologischen Komponente dieses Krieges und dem Konflikt nicht bewusst sind, so merken, ja fühlen sie, dass Putins Russland nicht ihrer „fortschrittlichen“ Gesellschaftssutopie entspricht.

    Es steht zu befürchten, dass wenn die rechten Regierungen in Polen und den baltischen Länder, ihr Bündnis mit den USA nicht ändern, diese Länder eine sehr ähnliche Entwicklung nehmen werden wie Deutschland. Wir sahen es ja, wie seit spätestens 2015 Polen von den — ebenfalls unter der US-Hegemonie stehenden — Regierungen der westeuropäische Staaten, allen voran der Merkel-Regierung unter Druck gesetzt wurde, die westeuropäische Asyl- und Migrationspolitik zu übernehmen. Wir sehen auch, wie über die von den US-Establishment massiv unterstütze Struktur der EU regelmäßig links-globalistische Normen für ganz Europa, einschließlich der osteuropäischen Länder, festgesetzt werden. Den jüngsten Ansturm an seiner Ostgrenze konnte Polen auch nur deshalb abwehren, indem es geltendes EU-Recht ignorierte.

  4. Klar gibt es in solchen Situationen immer mehr Stammtischgeopolitiker, als die Welt braucht. Bei all der sarkastischen Gehässigkeit hat der Autor aber wohl vergessen, seine konkrete Position darzulegen und ein überzeugendes Argument für sie abzuliefern. Zum Glück gibt es stattdessen die gewichtige Mahnung, dass sich ja irgendwelche anderen eine Meinung über uns machen (und was gibt es Bedeutenderes als die Meinung anderer?), wenn nicht flott und mit großer Interventionstfreude eine Seite ergriffen wird – das beste Heilmittel für einen Konflikt ist ja, das zeigt die Geschichte, dessen Ausweitung durch Einmischung anderer. Der größte Lacher am Schluss: Die Ukraine als „natürlicher Verbündeter“ der (aus nicht näher genannten Gründen) unsere Loyalität (!) verdient – na dann gute Nacht.

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