Gastartikel Politik

Überraschung mit Ansage – metapolitische Folgen des Debakels in Afghanistan

Die vollständige Niederlage der Transatlantischen Allianz in Afghanistan kam für niemanden überraschend. Selbst Heiko Maas Gestammel in die Kamera war dieses eine Mal keinem Mangel an staatsmännischen, sondern an schauspielerischen Fähigkeiten geschuldet.

von Johannes Konstantin Poensgen

Die Niederlage war seit langer Zeit absehbar. Das hin und her um Truppenabzüge, Truppenwiederaufstockung im Notfall und die angeblich bevorstehende Übernahme der Kampfaufgaben durch einheimische Kräfte zog sich über so viele Jahre hin, daß längst niemand mehr diese Verteidigung unserer Sicherheit am Hindukusch beachtete, die in den 2000ern das politische Bewusstsein geprägt hatte.

Für meine Generation, für die der 11. September und seine Folgen die erste Bekanntschaft mit der großen Politik darstellte, gleichen die Meldungen aus Kabul der plötzlichen Einladung zur Beerdigung einer Großtante, die man erstens nie mochte und von der man zweitens geglaubt hatte, sie sei seit zehn Jahren tot.

Was ist hat die westlichen Wertegemeinschaft alles erlebt, seit sich ihre Bewohner damit abgefunden haben, daß der Versuch diese Werte paschtunischen Ziegenhirten einzubomben eine zum Scheitern verurteilte Narretei ist? Die Finanzkrise nach dem Zusammenbruch des Bankhauses Lehman Brothers. Die Nachfolgende Eurokrise, von der sich der europäische Einigungsprozess noch immer nicht erholt hat. Die arabische Aufstandswelle, der Sturz Gaddafis, der Syrische Bürgerkrieg, Aufstieg und Sturz des Islamischen Staates. Der Flüchtlingsherbst 2015. Donald Trump und nun das zweite Jahr Corona.

Inzwischen gibt es junge Männer, einige sichern jetzt als Fallschirmjäger die Evakuierung, für die der Krieg gegen den Terror noch nicht einmal mehr eine Kindheitserinnerung ist.

Die Nachricht vom Fall Kabuls fällt in eine andere Welt, als die vom Fall der Zwillingstürme am 11. September 2001. Daher konnte das offizielle Ende des Abenteuers in Afghanistan doch mit einer Überraschung aufwarten.

Es war zu erwarten gewesen, daß jeder, der in den letzten zwei Jahrzehnten den unvermeidlichen Ausgang des Afghanistaneinsatzes vorausgesagt hatte, jetzt, verdienterweise, auf die Richtigkeit seiner Prognose verweisen und noch einmal erklären würde, warum es unsinnig ist, westliche Werte mit Waffengewalt irgendwelchen Stämmen aufzwingen zu wollen.

Ebenso war zu erwarten, daß die Verantwortlichen vom plötzlichen Zusammenbruch überrascht tun würden. Selbst solch groteske Unfähigkeit wird das Volk ihnen weniger schlimm anrechnen, als die Wahrheit, die darin besteht, daß sie mindestens ein Jahrzehnt lang zu feige waren, die Verantwortung für eine bereits eingetretene Niederlage zu übernehmen.

Was nicht zu erwarten war, war wie stark diese Blamage auf den gesamten politischen Diskurs im Westen durchschlagen würde. Genauer: Daß ein nicht unerheblicher Teil der öffentlichen Meinung das Scheitern in Afghanistan nicht als das Ergebnis der verfehlten Außenpolitik längst diskreditierter neokonservativer Kriegstreiber abtun würden, sondern darin eine Infragestellung der liberalen Werte erblicken würde.

Die Rede ist nicht von Twitterausbrüchen über stabile Taliban. Das ist Häme von Leuten, die von westlichen Werten sowieso fürs Leben geheilt sind. Das Verhalten der Taliban selbst hingegen ist ein wesentlicher Grund, warum das westliche Narrativ so ins Wanken geriet. Ihre Strategie, Afghanistan auf dem Verhandlungswege zu erobern, die in der nun verkündeten Generalamnestie gipfelt, war zunächst praktischen Erwägungen vor Ort geschuldet.

Sie wurde aber zu einer sehr geschickten Medienkampagne nach außen ausgebaut, die niemand im Westen einer Bande von Ziegenhirten zugetraut hätten. Die von den üblichen Verdächtigen versuchte Neoconisierung des Diskurses auf »das Terrorregime« und die »Frauen und Mädchen« in Afghanistan wurde so zum Gutteil unterlaufen.

Nach der friedlichen Einnahme Kabuls erreichten die Weltöffentlichkeit keine Bilder von Massenerschießungen. Es gab stattdessen zwei Arten von Aufnahmen: Zum einen die Panikbilder der Evakuierung. Ikonisch die Menschen, die sich an das Fahrgestell einer abfliegender NATO-Maschinen klammerten. Doch selbst diese Bilder zeugen mindestens so sehr von der Unfähigkeit bei der Evakuierung, wie vom Schrecken, den die Taliban unter der westlich orientierten Mittel- und Oberschicht Kabuls (etwa 200.000 Menschen in einer Viermillionenstadt), zweifellos verbreiten.

Zum anderen gab es die für den westlichen Betrachter nur noch verwirrenden Aufnahmen sympathischer junger Männer, die nach einem Leben voller Krieg erst einmal ausgelassen am Feiern waren. Ulkige Szenen mit Eiscrem, Boxautos und Trampolinen. Ein Interview mit einem jungen Akademiker, teils in englischer, teils in arabischer Sprache, der, das Sturmgewehr noch in der Hand, von seinen Plänen erzählt an der Universität Kabul zu unterrichten, ging um die Welt.

Die Tagesschau titelt auf einmal: »Haben die Taliban sich geändert?«, liefert die obligatorische Tränendrüsengeschichte selbstverständlich gleich nach, doch die wirkt kaum noch überzeugend.

Auch entschiedene Gegner des Afghanistaneinsatzes hatten von der Machtübernahme der Taliban Massaker erwartet. Hätte es diese Bilder gegeben, die westlichen Reaktionen auf den Fall Kabuls hätte in eine von zwei Schubladen gepasst: Entweder die Forderung nach erneuter Militärpräsenz, um die afghanische Zivilbevölkerung zu schützen, oder die resignierte Mahnung, daß zwanzig Jahre Einsatz am Hindukusch nun einmal nichts erreicht hätten. Auf jeden Fall wäre die Debatte eine rein außenpolitische geblieben, keine, die sich näher mit der inneren Verfasstheit westlicher Gesellschaften beschäftigt hätte.

Nun ist es der Mangel an Schreckensbildern, der neue Deutungen des Debakels, jenseits von aggressivem Menschenrechtsinterventionismus und hilfloser Menschenrechtsrhetorik zulässt. Am drastischsten in den Vereinigten Staaten selbst, wo es schon seit einigen Jahren eine Debatte über die Folgen woker Ideologie im Militär gibt. In der Kritik an General Mark Milley, dem Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs und damit höchstem Militär des Landes, verbindet sich die fachliche Kritik an Lageeinschätzung und Planung mit der grundsätzlich weltanschaulichen an einem Befehlshaber, der nach den Kapitolunruhen am 6. Januar durch sein Studium kritischer Rassentheorie geglänzt und sich in Kongressanhörungen über die Gefahren »weißer Wut« ausgelassen hatte.

Die Feier des LBTQ-Pride-Month durch die amerikanische Botschaft in Kabul, im Juni vor dem Fall der Stadt, wurde zum Symbol, daß direkt auf die Metapolitik im eigenen Land zurückwirkt.

Tucker Carlson ging in seiner Interpretation der Niederlage ein gutes Stück weiter:

Was ist die Antwort? Nun Länder, alle Länder, sind sehr kompliziert, also gibt es wahrscheinlich viele Antworten. Doch eine dieser Antworten könnte sein, daß die Bevölkerung Afghanistans entscheiden zurückgewiesen hat, was unsere Führer ihr zwanzig Jahre lang verkaufen wollten. Es stellte sich heraus, daß die Afghanen wirklich keine Gender-Studies-Tagungen wollten. Sie glaubten die Idee nicht, daß Männer schwanger werden können, sie dachten, daß sei lächerlich. Sie hassen ihre eigene Männlichkeit nicht. Sie finden sie nicht toxisch. Sie mögen das Patriarchat. Einige ihrer Frauen mögen es auch und nun bekommen sie es zurück.

Also vielleicht ist es möglich, daß wir in Afghanistan gescheitert sind, weil das gesamte neoliberale Programm grotesk ist. Es ist ein Scherz. Es ist gegen die menschliche Natur. Es befriedigt keine unserer tiefsten menschlichen Wünsche. Es ist ein Schauspiel, daß nur für den Schauspieler aufgeführt wird. Es soll nicht einmal Ihr Leben verbessern. Es ist lächerlich. Und so lächerliche Ideen können nur mit Gewalt durchgesetzt werden, nur mit Gewehrläufen. In dem Augenblick, in dem diese Ideen nicht mehr erzwungen werden, in der Sekunde, in der die Truppen abziehen, kehren die Menschen zu dem Leben zurück, daß ihnen zusagt. Das könnte die echte Lektion aus Afghanistan sein. Hoffentlich merken unsere Führer das.

Diese nahtlose Überführung des afghanischen Desasters in einen Angriff auf die 70 Jahren herrschende Werteordnung des Westens stammt nicht von einem anonymen Blogger, sondern vom unangefochtenen Quotenkönig des amerikanischen Kabelfernsehens.

Die NATO, die Vereinigten Staaten von Amerika, haben in Afghanistan eine peinliche, aber geopolitisch zweitrangige Schlappe einstecken müssen. Die krachende Niederlage traf die westliche Wertegemeinschaft.

Man wird bald zur Tagesordnung übergehen. Doch in dieser verkraftbaren Niederlage in einem unwichtigen Krieg ist ein Stück Legitimität verloren gegangen, das in Zeiten fortschreitender Polarisierung schwer wieder zurückzugewinnen sein wird.

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