Tugendkapitalismus – Ökonomie im bunten 21. Jahrhundert (1)

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Als ‚Woke Capital‘ bezeichnet man die globale Synthese von Konzernen und linker Ideologie. Unsere Artikelserie geht dem neuen Tugendkapitalismus auf den Grund und versucht eine theoretische Grundierung.

Eiscreme für alle – außer im Westjordanland

Der Eisproduzent Ben & Jerry’s verkündete im Juli 2021 einen Verkaufsstopp seiner Eismarke in den sogenannten israelischen Siedlungen im Westjordanland, sodass Ende nächsten Jahres mit dem Auslaufen der Lizenz keine Produkte von Ben & Jerry’s mehr in der Region zwischen Jerusalem und Amman verkauft werden können. Der bekannte Eiscreme-Hersteller gab zur Begründung an, dass man die israelische Besatzungspolitik nicht gutheißen könne und mit dem Rückzug ein Zeichen setzen möchte. Nun ist das Westjordanland gewiss keine hochentwickelte und vermögende Region, sodass die verlorenen Kunden im Vergleich kaum ins Gewicht fallen werden, jedoch verzichtet Ben & Jerry’s mit der Ankündigung auf Umsatz und somit mögliche Gewinne. Zwar sind israelische Siedlungen im Westjordanland relativ wohlhabend im Vergleich zu Palästinenserdörfern, aber klar: die Anzahl der verlorenen Kunden dürfte gering sein – vor allem im Vergleich zum Zugewinn einer woken Außendarstellung.

An dieser Stelle lohnt sich die simple Frage: Wieso? Angesichts der nüchternen kapitalistischen Logik, die an Wachstum und ein immer mehr gebunden ist, müsste diese Entscheidung aus einer unternehmerischen Perspektive eine falsche sein – immerhin verzichtet man auf potentielle Kunden.

Solche auf den ersten Blick oft falsch anmutenden Schritte ereignen sich in den letzten Jahren immer öfter. Neben Ben & Jerry’s hat zum Beispiel die US Bank – das fünftgrößte Finanzunternehmen der USA – mehrere Kredite und Zahlungen in sechsstelligen Millionenhöhen an Unternehmen und Organisationen versprochen, die Schwarzen oder Latinos gehalten werden, um ein Zeichen gegen Diskriminierung und Rassismus zu setzen. Betrachtet man die sozioökonomischen Daten, sind diese Zahlungen aus einer betrieblichen Perspektive irrational, da zum Beispiel das Risiko für einen Kreditausfall bei einem Schwarzen höher als bei einem Weißen ist. Mit anderen Worten: Die US Bank geht das unvernünftiges Risiko ein, das verliehene Geld nicht mehr zurückzubekommen.

Irrationalität im Tugendkapitalismus? Nur auf den ersten Blick

Diese Entwicklungen sind auch auf anderen Ebenen zu erkennen. Hier lohnt ein Blick auf das Silicon Valley: Dort ist man besonders woke und progressiv, sodass moralische und politische Überzeugungen oftmals Leistung und Fähigkeiten ausstechen können. Wenn sich jemand auf eine Stelle bei Big Tech-Konzernen wie Google bewirbt, dann kann die »unterdrückte« Hautfarbe oder das Geschlecht eine Zusage bedeuten, wohingegen ein erfahrener weißer und männlicher Programmierer das Nachsehen haben kann. Hautfarbe schlägt Fachwissen.

Die neoliberale Prämisse des homo oeconomicus und des lebenslangen Lernens wird immer wieder öfter fallengelassen. Die große Erzählung liberaler Vordenker, dass jeder sein Glückes Schmied werden kann, wenn er sich nur genügend Bildung, skills und abilities aneignet, kann höchstens noch als Verklärung oder bewusste Vertuschung verstanden werden, jedoch nicht mehr als Realität. Nicht mehr Leistung, sogenanntes Bildungskapital und Fertigkeiten zählen bei Personalentscheidungen, und Begriffe wie rational choice und Leistungsgerechtigkeit verlieren bei den angesprochenen Beispielen ihren Wirklichkeitsbezug. Immer häufiger hört man folgende Beschwörung: Etwas wird getan, „um ein Zeichen zu setzen“. Einige Intellektuelle im nicht-linken Spektrum sprechen dementsprechend nicht mehr vom freien Markt – den sie häufig für wesensgleich mit dem Kapitalismus halten – und beschwören einen neuen sozialistischen Geist, der immer stärker die unternehmerische Freiheit und die Wirtschaft gefährden würde.

Die vier Merkmale des Tugendkapitalismus

Jedoch missachten die angesprochenen Intellektuellen dabei häufig einen wichtigen Punkt: Es sind nicht der Staat oder die Zivilgesellschaft, die die Unternehmen zu diesen oft als Woke Capitalism bezeichneten Schritten nötigen oder zwingen. Die (meistens eher als Witz gemeinten) Erzählungen, dass Antifabanden in den Chefbüros die Entscheidungsträger zu scheinbar irrationalen Handlungen zwingen, damit diese »ein Zeichen setzen«, treffen nicht zu. Es sind, wie im Falle des us-amerikanischen Eisherstellers, der sich offen links und progressiv gibt, die Chefs oder Führungsgremien selbst, die aufgrund ihrer politischen und kulturellen Sozialisation Schritte einleiten, die das Unternehmen als bunt und divers darstellen lassen sollen.

Blickt man genauer auf die aktuellen Entwicklungen, kann man einen Paradigmenwechsel in der kapitalistischen Weltwirtschaft erkennen: Vom Finanz- zum Tugendkapitalismus. Dieser ist vom Begriff des Woke Capitalism in dem Sinne zu unterscheiden, dass der Tugendkapitalismus eine systemische und grundsätzliche Transformation umfasst, während das Phänomen des WokeCapitalism zuvorderst ein Übergangsstadium zum Tugendkapitalismus darstellt und oft oberflächlich bleibt – eine Regenbogenflagge zu hissen ist nicht mit einer Kreditvergabe an die schwarze Gemeinschaft zu vergleichen.

Hinausgreifend lassen sich vier Merkmale des Tugendkapitalismus erkennen, die im Folgenden weiter erläutert werden:

  • Eine Politisierung und Moralisierung des Konsums
  • Daran anknüpfend: Eine Verlagerung der Wertschöpfungsmechanismen
  • In Folge: Konzentration der Berufstätigkeiten auf moralisch akzeptable Möglichkeiten
  • Die Konsequenz: Zementierung der aktuellen Weltwirtschaft und eine Verschmelzung von Ökonomie, Staat und Gesellschaft – kulturell eine Fortführung der Paternalisierung und Verhausschweinung des Menschen

Ein simples Organisationsprinzip

Um die vier angesprochenen Merkmale angemessen erläutern zu können, muss zuerst ein Blick auf den bisherigen Kapitalismus gelegt werden. Grundlegend lässt sich der Kapitalismus – besser gesagt: Die kapitalistische Produktionsweise, denn selbst Marx sprach kaum vom »Kapitalismus« – als eine zweigeteilte Organisationsform darstellen: Der Kapitalismus beschreibt (1) die Mehrwert- und Profitproduktion, also die Lohnarbeit und das Geldsystem sowie den Warenaustausch und (2) die über die Produktion hinausgehende Organisation sozialer Verkehrsformen, also die rechtlichen, ideologischen und institutionellen Verhältnisse, anders gesprochen: Die bürgerliche Gesellschaft.

Im Laufe des Bestehens des Kapitalismus hat sich dieser in seiner konkreten Form (2) oftmals geändert und andere Gestalten angenommen, aber zugleichblieb das grundsätzliche Prinzip seiner Produktionsweise (1) weitgehend dasselbe. An dieser Stelle kann zum Beispiel auf den Paradigmenwechsel zwischen der fordistischen Ära und dem Finanzkapitalismus hingewiesen werden (Verweis TUMULT-Artikel bzw. Postliberal Kapitel 3.3): Im Zuge der Deregulation der Finanzmärkte und des Abbaus von staatlichen Vorrechten und gesellschaftlichen Privilegien aufgrund der wirtschaftlichen Stagnation verlagerte sich der Großteil der ökonomischen Handlungen auf die weltweiten Finanzmärkte: Die kapitalmarktorientierte Unternehmensführung forderte anstatt mehr produzierter Autos ab sofort höhere Renditen für die Anteilseigner, sodass der Fokus immer stärker von der Real- auf die Finanzwirtschaft gelegt wurde. Dieser als Neoliberalismus bezeichnete Prozess – Akkumulation ökonomischer und politischer Macht, Vermögenskonzentration, Zentralisation von Kontrollmacht, Expansion des Finanzsektors, „betriebswirtschaftlicher Imperialismus“ – legte die Grundlage für den Tugendkapitalismus.

Die Kommodifizierung der Lebenswelt

Speziell eine Erscheinung des Finanzkapitalismus ist für den Tugendkapitalismus elementar: Die »Kolonialisierung der Lebenswelt« (Habermas) und die »Landnahme« (Dörre): Damit sind die immer weiter ausgreifenden Einflussnahmen der kapitalistischen Produktionslogik gemeint. Im Zuge der Schranken des Konsums im Fordismus – wer schon ein Auto, Radio, Kühlschrank und weitere industrielle Produkte besaß, der musste sie nicht mehr kaufen – suchte das Kapital immer weitere Möglichkeiten, gewinnbringend zu investieren, um das benötigte Wachstum zu erreichen. Wie bereits angesprochen, wurde diese Energie in den Finanzmarkt entfesselt, jedoch war die Finanzindustrie nicht die letzte Ebene, denn die kapitalistische Produktionsweise drang in immer mehr in die soziale Lebenswelt ein. Habermas meint damit geschützte kommunikative Räume, welche diametral zum System der Ökonomie stehen – bildlich gesprochen: Auf der einen Seite die klar eingegrenzte Fabrik, ein Ort der Ökonomie und somit der materiellen Reproduktion, auf der anderen Seite die geschützte Lebenswelt der Familie oder das Haus, ein Ort der symbolischen und kulturellen Reproduktion (sprich: jeder nicht konkret-ökonomische Aspekt wie zum Beispiel die Liebe und andere menschliche Gefühle, aber auch die Sprache und der Staat).

Im Laufe der Industrialisierung kam es laut Habermas zu einem Konflikt zwischen der Lebenswelt und dem System, da die im System wirkenden sozialen Steuerungsmechanismen Geld und Macht immer mehr in die Lebenswelt einsickerten und traditionelle Steuerungsmechanismen wie Sitte und Religion verdrängten – es kommt zur Kolonialisierung der Lebenswelt, zur Aufzwingung ökonomischer Handlungslogik auf nicht-ökonomische Aspekte, denn sämtliche Begebenheiten werden kommodifiziert. Als einprägendes Beispiel kann hier die Sexualität genannt werden: Seien es freizügige Werbungen, Plattform-Prostitution in Form von OnlyFans oder die Legalisierung eben jener Prostitution aus ökonomischen Gründen sowie die Reproduktionsindustrie mit billigen Leihmüttern aus dem Ausland.

Habermas‘ blinder Fleck

Diese Kommodifizierung sorgte neben anderen Aspekten zum unvermeidlichen Raubbau an der kulturellen Substanz westlicher Gesellschaftlichen, wobei jedoch das durch den Wegfall von Religion und Sitte entstehende Vakuum nicht vollends von der Ökonomie gefüllt werden kann, da entgegen der Hoffnungen liberaler und postmoderner Intellektueller der Mensch als Mängelwesen eben durchaus traditioneller Institutionen zur Entlastung bedarf. Habermas als einer der letzten großen Koryphäen der europäischen Vernunftphilosophie konnte aufgrund seiner eigenen Positionierung diese dem liberalen Menschenbild inhärente lebensweltfeindliche Prämissen nicht erkennen und somit auch nicht kritisieren; dementsprechend muss das eben aufgezeigte Modell Habermas um eine Zangenbewegung erweitert werden: Der moderne Mensch wird nicht nur von Seiten des ökonomischen Systems mit seiner wirtschaftlichen Handlungslogik kolonialisiert – er leidet auch an einer Autoimmunerkrankung, denn die Lebenswelt wird ebenso von Innen zersetzt (Siehe Plöcks Allianz). Weiter gedacht bedeutet das: Der atomisierte Mensch kann zwar durch einen endlosen Konsum den Verlust traditioneller Institutionen kompensieren, aber er kann ihn nicht heilen. Die großen psychischen und seelischen Probleme hochkapitalistischer Gesellschaften sind eine Konsequenz der Kolonialisierung der Lebenswelt. Der Tugendkapitalismus setzt in dieser Leere an; die große Rückkehr der Moral ersetzt nämlich die verloren gegangene Tradition der vorkapitalistischen Zeit. Somit ist der neue Kapitalismus geprägt von einer Rückkehr des Archaischen; er wirft wesentliche liberale Paradigmen wie die individuelle Leistungsfähigkeit ab und konstruiert auf den Ruinen der alten Gesellschaft neue Identitätskategorien.

Die oben angesprochene Konsumgrenze des Fordismus, welche unter anderem den Übergang in den Finanzkapitalismus begünstigte, ist heute in einer anderen Form wiederzufinden. Die Finanzkrise 2008/2009 war ein Hinweis auf die Grenzen und Risiken des Finanzkapitalismus: Jede Blase muss irgendwann platzen. Die fortlaufenden Rezessionen und die Niedrigzinspolitik seit 2009 deuten ein Ende der neoliberalen Finanzmärkte an, zumal als nächster großer Stern am ökonomischen Himmel ein neuer Akteur auftritt: BigTech. Die Plattform-Ökonomie, Industrie 4.0 oder auch Smart Industry: Der neue Durchbruch wird eher im smart vernetzten Wohnzimmer als andere Börse passieren. Die größte Änderung im Vergleich zur Postfordismus-Transformation in den 70er Jahren liegt aber beim Menschen selbst: Die jungen Manager in Kalifornien von Apple und Google sind alle in einer Zeit aufgewachsen, in der Begriffe wie Ökologie, Soziale Gerechtigkeit und Feminismus an den Universitäten in der Lehre Standard waren.

Ausblick

Anders gesagt: Die wirtschaftlichen Führungskräfte sind alle mittlerweile eher links und postmodern sozialisiert und surfen dementsprechend auf den bekannten linken moralischen Wellen namens Klimawandel, Political Correctness und Anti-Rassismus. Die diagnostizierte Konsumgrenze wird nun von den Managern und den Konsumenten neu ausgerichtet: Nicht mehr das Bedürfnis oder die Sicherung entscheiden über einen Konsumwunsch, sondern ethische und moralische Überlegungen. Man produziert und konsumiert nunmehr unter ethischen und moralischen Aspekten, ein tugendethischer Kapitalismus kommt ans Licht.

Fortsetzung folgt.

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