Tempelhofer Ambitionen

Das Tempelhofer Feld umfasst 300 Hektar unbebaute Freifläche mitten in Berlin. Für Architekten ein Spielplatz, für Berliner ein leidiges Thema. Über Tempelhofer Ambitionen und die baupolitische Notlage der deutschen Städte.

Von Hans Janus

Baudebatte: Klappe, die Zweite

Neben Corona bestimmt in Berlin zur Zeit ein kommunales Thema die politische Diskussion. Es geht um das Tempelhofer Feld, ehemals Teil des Flughafens Berlin-Tempelhof, der 2008 seinen Betrieb eingestellt hat. Seitdem weiß man nicht so recht, was man damit anfangen soll.

Pläne gab und gibt es viele – schließlich ist so eine Freifläche ein Paradies für Architekten. Doch ein Volksentscheid sprach sich 2014 gegen eine Bebauung aus, sodass man es größtenteils so belassen hat, wie es war. Pünktlich vor der Abgeordnetenhauswahl wird sich nun wieder mit dem Thema befasst. Denn die Stimmungslage für eine Bebauung zumindest am Rand des Feldes ist – so berichten Berliner Medien – mittlerweile gekippt.

Knapp 60% sind demnach dafür. Der Tagesspiegel stellt fest: »Überraschend ist, dass die Zustimmung zu einer Randbebauung mit dem Einkommen und der Ausbildung wächst.« Das sollte eigentlich überhaupt nicht überraschen. Denn wenn man auch nur eine oberflächliche Kenntnis der Grundlagen und Trends des deutschen Städtebaus hat (wie sie hier bereits in längerer Form beschrieben wurden) hat, ergibt sich dieser Umstand von selbst.

Wildbau und Stückwerk

Das moderne Bauen entspringt nämlich zwei liberalen Grundlagen. Da ist einmal die geistige Komponente, die Ideologie des Liberalismus, die sich auch ohne staatliche Stilvorgaben rein kulturell durchzusetzen vermag. Und andererseits gibt es die materielle Komponente, das kapitalistische System. Beide Komponenten sind untrennbar miteinander verbunden und wirken gemeinsam auf dasselbe Ergebnis hin.

Auf der geistigen Ebene wirkt vor allem anderen die Verankerung liberalen Denkens in der akademischen Welt: Ornament und Fassade sind verpönt. Funktionalismus und gegebenenfalls die Ausreizung statischer Grenzen durch extravagante Unförmigkeiten sind das non plus ultra. In extremen Formen gehen manche sogar so weit zu behaupten, dass Form, Ordnung und traditionelle Bauelemente autoritär, unzeitgemäß oder geradezu faschistisch seien. Man wendet sich damit nicht nur gegen Baustile, sondern auch die Raumordnung und damit eigentlich gegen die Stadtplanung an sich.

Auf der materiellen Seite steht die Wachstumslogik des globalen Kapitalismus. Mehr Menschen brauchen mehr Wohnraum – eine Nachfrage, die der Markt bedient. Der Markt schafft jedoch keine gut geplanten, schönen Viertel, sondern viele, möglichst billige Häuser. Dieser moderne Wildbau wirkt zwar sehr durcheinander, erfüllt jedoch die ihm angedachte Funktion. Er vermehrt den Wohnraum – auf Kosten nicht nur der Ästhetik, sondern auch der sozialen Verträglichkeit und der Umwelt. Es wirkt beinahe belustigend (wenn es nicht so ernst wäre), dass gerade rot-grün regierte Städte traditionell liebend gerne Grünflächen für Hochhausbauten hergeben.

Ein Gedankenexperiment

So kommt es, dass die Art von Bauten, die errichtet werden, relativ begrenzt und eintönig ist. Es handelt sich bei fast ausschließlich allen modernen Wohnungsbauprojekten um fassadenlose, schematisch gefertigte Massenware mit schlechter oder nicht vorhandener Gesamtordnung. Das gilt für die Mietshäuser der prekären Unterschicht genauso wie für die grün-gewaschenen Wohnkomplexe des städtischen Bürgertums. Die begrünte Dachterrasse und die Ladestation fürs E-Auto ändern an der Bausubstanz recht wenig. Der primäre Unterschied – auch für den Preis – ist die Lage.

Und daher darf man durchaus mit Präzision vorhersagen, was denn aus dem Tempelhofer Feld wird, sollte man es bebauen: Die zig Pläne und Entwürfe, die diskutiert werden, sind dafür gar nicht ausschlaggebend, sondern der blanke, alternativlose Fakt, dass die Stadt sich dem Wachstumsprozess fügen muss. Stück für Stück werden Funktionsquader mit gutbürgerlichem Anstrich nebeneinander gepflanzt werden, bis vom Park nicht mehr viel übrig bleibt. Die üblichen Verdächtigen werden diese Betonkolosse beziehen und dort durch ihre bloße Anwesenheit die Mieten erhöhen.

Kein Plan, keine Führung, kein Interesse

Das Tempelhofer Feld ist nicht bloß ein emotionales Fanal für Gentrifizierungsaktivisten und Kiezbewohner. Es ist auch kein baupolitisches Kuriosum. Es ist jedoch ein Paradebeispiel für die moderne Verwaltungspolitik. Dabei geht es nicht nur darum, dass man Wildbau und Stückwerk zulässt, anstatt Raum zu ordnen und Pläne zu schmieden. Das Ganze fängt schon einen Schritt früher an.

Denn es gibt durchaus Wohnraum, aber eben auf dem Land, außerhalb der Städte. Doch anstatt Urbanisierung zu regulieren und umzukehren, wird ihr hinterherregiert. Das gleiche Verhalten sehen wir beim Thema Massenmigration, Arbeitslosigkeit, Digitalisierung: Im Liberalismus beugt sich der Staat den demographischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen, als wären sie Naturgewalten.

Der Rückeroberung des Staates durch das Volk muss notwendigerweise die Rückeroberung der Souveränität durch den Staat folgen. Erst dann kann planvolle Politik im Interesse des Volkes durchgesetzt werden. Dafür braucht es nicht nur politischen Willen, sondern auch das Wissen zur Neuordnung der Verwaltung. Jede Politik mit einem geringeren Anspruch ist zum Scheitern verurteilt.

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