Spezialisierung oder Autarkie

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Angesichts der zunehmenden globalen Verwerfungen sind lange totgeglaubte Begriffe wieder in aller Munde: Autarkie, Spezialisierung, Protektionismus und politische Ökonomie wirken deplatziert in einer Gesellschaft, die sich selbst nur mehr als offen und bunt verstehen will, decken aber zugleich ungeschminkt die wackelige Grundlage der liberalen Post-Politik und ihres Tugendkapitalismus auf. Um die politischen Fragen unserer Zeit wirklich zu verstehen, müssen wir also den Kontext unserer Gesellschaft und ihrer wirtschaftlichen Treibkräfte beleuchten und eine wesentliche Grundentscheidung verstehen – Spezialisierung der Produktion auf dem Weltmarkt oder Nationalökonomie.

Kroatischer Wein

Als in den 1860ern die Reblaus (Phylloxera) aus der neuen Welt nach Europa eingeschleppt wurde, fand dieser Schädling ein wahres Paradies vor: Annährend alle europäischen Weinsorten waren anfällig für die Laus; binnen weniger Monate und Jahre verbreitete sie sich in ganz Westeuropa. Am stärksten war zunächst Frankreich davon betroffen, welches die größte Weinwirtschaft des Kontinents beherbergte. Um den Bedarf an Rotwein zu befriedigen, bedienten sich die französischen Händler an Importen aus Italien, Spanien oder auch Dalmatien. In jener kargen Region an der nördlichen Balkanküste sah man schnell die Chance, sich auf Weinexport zu spezialisieren – nicht zuletzt weil die Bewirtschaftung der dortigen Karstlandschaft Wein- und Olivenanbau begünstigte und die Kultivierung anderer Nutzpflanzen dort ohnehin ein sehr schwieriges Unterfangen darstellte. Dies gewährleistete stetiges Einkommen durch Weinexport, wodurch wiederum Getreide und Vieh aus umliegenden Regionen importiert werden konnten.

Dieser Prozess führte nach einiger Zeit zur Dominanz der Weinwirtschaft im noch zunehmend feudal regierten Dalmatien; die zuvor produzierte Jahresmenge von rund 600.000 Hektoliter wurde im Rekordjahr 1888 verdreifacht. [1] In den 1890er Jahren wiederholte sich die Katastrophe: Die Reblaus fand ihren Weg an die kroatische Küste und breitete sich auch dort rasant aus, während die Franzosen mit der Aufzucht neuer, hybrider Weinreben begannen, welche gegen den Schädling resistent waren. Der Import aus Dalmatien flachte ab, und die österreichisch-ungarische Donaumonarchie, zu welcher Dalmatien gehörte, schloss ihrerseits ein Weinimportabkommen mit Italien, wo Wein billiger produziert werden konnte. [2] Die darauffolgende Wirtschaftskrise Dalmatiens hallte über Jahrzehnte nach und zog Migrationskrisen mit sich, verschlimmert durch die vernachlässigte Modernisierung seitens der herrschenden Habsburger.

Status Quo

Ein ähnliches Phänomen zu dieser Frühphase der Globalisierung beobachten wir auch heute: Zunehmende Spezialisierung der in den globalen Markt eingebundenen Wirtschaftsräume, nur dass hierbei nicht mehr primär Agrargüter sondern moderne Bauteile, Mikrochips und andere Komponenten produziert werden. Der wirtschaftliche Modus Operandi sind globale Güterketten, verwaltet durch ein undurchschaubares logistisches Netzwerk, dessen Transportmittel eine just-in-time-Produktion gewährleisten. Wesentliches Problem dieser Produktionsweise ist die absolute Abhängigkeit des Produktionsprozesses von allen hierfür benötigten Bauteilen, die zur richtigen Zeit angeliefert werden müssen: Die klassische Lagerhalle hat ausgedient. Wenn nun bestimmte Komponenten ausbleiben, kann auch keine Ware mehr produziert werden und die gesamte Produktion kommt zum Erliegen.

Wie das aussieht, wurde uns zu Beginn der Coronakrise offenbart: Es fehlten in Europa nicht nur diverse Produktionskomponenten wie etwa Halbleiter, sondern auch wesentliche Medikamente, zum Beispiel Penicillin. Bestürzt kam man zu der Einsicht, dass Europa im Krisenfall alles andere als autark ist, von seinen einzelnen Mitgliedsstaaten ganz zu schweigen. Inzwischen meldet die deutsche Industrie akuten Materialmangel (sowohl Rohstoffe als auch Produktionskomponenten), laut Ifo-Institut fehlen bei 97% der Unternehmen der Autoindustrie Materialien, bei elektrischen Ausrüstungen sind es 93%, und in der Maschinenbau-Branche sind 89% der Produktionsstandorte betroffen. [3] Trotz dieser alarmierenden Entwicklung findet sich im europäischen Plan der Recovery and Resilience Facility kein Ansatz zur Lösung dieses Problems, nicht einmal zur Rückholung lebensnotwendiger Medikamentenproduktionen. Stattdessen legt man einen starken Fokus auf Digitalisierung und Klimaschutz, stellt die industrielle Produktion also weiter in der Prioritätenliste zurück.

Spezialisierung versus Autarkie

Die konkreten Vorteile von Spezialisierung liegen in der Produktivitätssteigerung und der damit einhergehenden Gewinnspanne, die mit einer gut geschmierten globalen Güterkette einhergeht; unprofitable Produktionsprozesse werden einfach an den billigsten Anbieter ausgelagert, zudem spart man Lagerhallen und das zugehörige Personal. Weil man bestenfalls auch die eigene Nische am besten bedient, ist man bei vielen Handelspartnern gefragt und man verdient sich eine gute Reputation. Der große Nachteil ist jedoch evident und hat ebenso tiefgreifende Auswirkungen: Die Lieferketten sind volatil und können jederzeit zusammenbrechen. Die Gründe hierfür können vielfältig sein; eine Pandemie wie die Coronakrise ist nur ein weiteres Szenario neben Blackouts, Naturkatastrophen, Kriegen und Wirtschaftskrisen – oder schlicht einem festgefahrenen Frachtschiff wie im Falle der Ever Given Anfang 2021. Wenn nur ein geringer Teil einer Volkswirtschaft auf Ressourcen und Güter aus fremden Ländern angewiesen ist, kann dies noch kompensiert werden; in der globalen Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts jedoch nimmt die Nischenspezialisierung einen so wesentlichen Platz ein, dass einzelne Störungen binnen kürzester Zeit zu Einbrüchen im Welthandel führen können – mit teils unvorhersehbaren Folgen.

Umgekehrt ist es im Falle einer autarken Volkswirtschaft: Eine solche kann diverse Schockzustände abfedern, um eine reibungslose Versorgung mit Gütern sicherzustellen. Das größte Problem hierbei ist die oftmals geringere Gewinnspanne; einige Wirtschaftszweige brauchen dafür auch Subventionen vonseiten des Staates, um zu überleben. Dies ist weitaus weniger dramatisch als es klingt, denn in europäischen Volkswirtschaften war es lange Zeit nicht unüblich, unprofitable Unternehmen zu stützen, um die Grundversorgung oder den Transport zu gewährleisten, etwa im Falle von Bahnunternehmen oder der öffentlichen Wasserversorgung. In einer ausgewogenen autarken Volkswirtschaft kann es ebenso hochspezialisierte Produktionsstätten geben, das Rückrat der Produktion jedoch muss jederzeit vom globalen Güterimport auf kürzere Güterketten umstellen können. Man kann sich eine autarke Volkswirtschaft wie eine Photovoltaik-Anlage vorstellen, die durch das Sonnenlicht Energie gewinnt und diese in einer Batterie speichert. Sollte die Sonne einmal nicht scheinen, kann man auf die eingespeicherte Energie und sekundäre Energiequellen zurückgreifen (Lagerstätten, Güterproduzenten im Land); kommt es hingegen zu einem Produktionsüberschuss, wird dieser ins Stromnetz eingespeist bzw., wenn man das Prinzip wiederum auf die Volkswirtschaft übertragt, am Weltmarkt profitabel verkauft.

Eine autarke Wirtschaft ist also resilienter, weil sie auf kritische Zustände dynamisch reagieren kann, und somit zugleich nachhaltiger, weil hier nicht nur das Profitstreben sondern ein langfristiges Bewahren der eigenen Produktionsfähigkeiten im Mittelpunkt steht. Ist dies hingegen nicht gewährleistet, etwa weil die Volkswirtschaft komplett von ausländischen Güterproduzenten abhängt, ist es wie mit einer Stadt, die ihren Strom einzig aus einem ausländischen Kraftwerk bezieht: Bricht einmal ein Strommast um, sitzt man im Dunkeln. Dabei ist es natürlich nicht möglich, sich von Importen aus anderen Erdteilen komplett zu emanzipieren; dennoch könnten beispielsweise mit Hilfe großer Lagerstätten wesentliche Teile der importabhängigen Güterproduktion auch im Notfall weiterhin betrieben werden. Somit können auch in der globalen Handelskrise die dort beschäftigten Arbeitnehmer weiterhin in Beschäftigung bleiben und Lohn erhalten, den sie wiederum für Konsumgüter ausgeben.

Internationaler Vergleich

Zurück ins Dalmatien des 19. Jahrhunderts: Der aktuell eingeschlagene Weg der europäischen Entscheidungsträger erinnert sehr stark an die dalmatischen Bauern, die voller Enthusiasmus all ihr Kapital in neue Weinreben steckten; nur dass es sich statt der nachgefragten Exportware Wein um das abstrakte Ziel einer nachhaltig-digitalen Spitzenreiterposition in der Welt handelt. Tatsächlich weiß man in diesem Fall nicht, ob die potenziellen Handelspartner überhaupt Bedarf dafür haben; schließlich sind vor allem im digitalen Bereich die USA längst Vorreiter. Der andere konkurrierende Machtblock, China, befindet sich ebenso auf der Aufholjagd, und lockt europäische sowie US-amerikanische Spezialisten strukturell in ihre Staatsbetriebe und Public-Private-Partnerships – in diesem Fall wird das Know-How einfach im Ausland eingekauft.

Bei diesen zwei Machtblöcken sieht man zeitgleich unterschiedliche Strategien zur Erlangung relativer Autarkie: Während die USA im Moment mit ihrer neo-imperialistischen Strategie zu scheitern drohen (siehe Rückzug aus Afghanistan), ist China auf dem besten besten Weg, die für die Produktion von Gütern benötigten Ressourcen aus Afrika, Zentralasien sowie der MENA-Region zu sichern. Der chinesische Exportmarkt verlangt dies ebenso wie das Militär, und die Pekinger Führung verfolgt hier das Ziel voller Bereitschaft für den Ernstfall, um jederzeit Chinas Souveränität behaupten zu können. Dabei vernachlässigen sie keineswegs den globalen Handel; gerade die Chinesen produzieren immer mehr wesentliche Bauteile, die wir in Europa benötigen. Somit ist man in China auf dem besten Weg, sich ein nachhaltiges volkswirtschaftliches Fundament auf zwei Säulen zu bauen.

Ausblick

Im Moment ist Europa noch zu einem gewissen Teil fähig, autark zu wirtschaften, doch diese Fähigkeit schwindet mit der immer stärkeren Vernetzung der Welt drastisch. Auch die Mikrochip-Produktion ist längst zur kritischen Infrastruktur geworden; die Vorstellung von der Trias Strom-Wasser-Nahrung ist kaum mehr als ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert. Mit stetigem Komplexitätsanstieg der Güterproduktion und des Handels sowie der finanziellen und digitalen Transaktionen sollte der Begriff der kritischen Infrastruktur überdacht werden. Notwendige Güter und Technologien sollte der Staat in Kooperation mit den Unternehmen pflegen und erhalten, statt sich noch stärker auf externe Abhängigkeiten zu stützen. Ein Blick in die Geschichte reicht, um zu erkennen, wie stark spezialisierte Regionen binnen weniger Jahrzehnte zu desindustrialisierten sozialen Brennpunkten werden können, wenn das Kapital einen profitableren Standort gefunden hat. Hierfür braucht man nicht ins 19. Jahrhundert zurückzublicken – es reicht der Besuch einer beliebigen Ruhrmetropole.


[1] Anica Čuka, Lena Miroševi, Josip Farićič, Vera Graovac Matassi, Phylloxera Revisited: The Spread of Grapevine Disease in Dalmatia and its Influence on Socio-Economic Development and Agricultural Landscape. Annals for Istrian and Mediterranean Studies: Series Historia et Sociologia 27 S.107

[2] Siehe oben, S.108

[3] https://www.zeit.de/wirtschaft/2021-09/materialmangel-ifo-institut-industrie-lieferengpaesse-preiserhoehungen-klaus-wohlrabe

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