Spengler als Methodiker

Oswald Spengler ist als historischer Prognostiker in Erinnerung geblieben, als, je nach Meinung, hellsichtiger, oder gescheiterter Prophet des 20. Jahrhunderts. Würde ich einer Gewohnheit folgen, die in Texten über Spengler fast schon Konvention ist, so folgten jetzt vier Seiten Rezeptionsgeschichte des „Untergangs des Abendlandes“ gefolgt, von zwei weiteren zu Spenglers Meinungsverschiedenheiten mit den Nationalsozialisten, um dann vielleicht auf drei Seiten meine eigentliche These darzustellen.

Von Johannes Konstantin Poensgen

Ich überspringe die ersten beiden Abschnitte. Spenglers Fehlwahrnehmung durch Freund und Feind, als Untergangsprophet, über dessen Recht-behalten-haben-oder-auch-nicht dann zu streiten wäre, ist selbstverschuldet. Der Titel des Unterganges des Abendlandes war zur Aufmerksamkeitserregung und damit Absatzsteigerung gewählt, auch wenn er das damit betitelte Buch nicht widerspiegelt. Daß Spengler bis zu seinem verfrühten Tod im Alter von 56 Jahren Krankheitsbedingt keine weitere große Veröffentlichung mehr zustande brachte, bedeutete, daß wesentliche Teile seines Werkes nur posthum das Licht der Welt erblickten, als der „Streit um Spengler“ längst in den Archiven kulturgeschichtlicher Zeitschriften vermoderte.

Die Selbstverschuldung eines Autors macht seine Fehldeutung jedoch nicht richtiger. Spengler, der mit dem Ausdruck Philosophie, sehr vorsichtig war, war vor allem anderen Methodiker, vielmehr noch Methodenkritiker der beiden Wissenschaften vom handelnden Menschen: Der Geschichte und der Politikwissenschaft, in denen er den physiognomischen Takt als notwendige und immer angewandte Methode sichtbar machte. Und damit gleichzeitig die Möglichkeit von Wissenschaftlichkeit in diesen Disziplinen grundsätzlicher als irgendjemand sonst infrage stellte. Er selbst hat, von Text zu Text und von Textstelle zu Textstelle, mal die Verwissenschaftlichung des Geschichtsbildes gefordert, mal die Unsinnigkeit eines solchen Unterfangens betont.

Die Welt als Natur

Denn Spenglers Wissenschaftsbegriff ist streng. Mit Kant hält der daran, daß „die exakte Naturwissenschaft genau so weit reicht wie die Möglichkeit der Anwendung mathematischer Methoden“ (UdA: Bd. 1 Kap. 1,2). Eine strikte Trennung besteht zwischen der begrifflich erfassten Welt als Natur und der intuitiv erlebten Welt als Geschichte im menschlichen Denken. Und nur hier! Anderes als Romantiker aller Couleur hält Spengler an der prinzipiellen Einheit der Welt fest und zieht aus diesem epistemologischen Problem keine halbgaren ontologischen Schlußfolgerungen.

Wie viele, stellte Spengler verbittert fest, daß die wissenschaftliche Präzision in der Geschichtswissenschaft lächerlich ist, wenn man sie mit der Physik vergleicht. Anders als andere, versuchte er das nicht durch das Erstellen von Schematiken nach irgendwelchen Kriterien und die Anwendung mathematischer Methoden auf die nach diesen Schematiken gewonnen Daten zu lösen.

Sitzdenken

Spengler verstand, daß unser Zugriff auf das Leben nicht, oder jedenfalls nicht bewusst, in logischen Operatoren erfolgt. Das logische Denken erscheint in der begrifflichen Betrachtung. Es ist „Sitzdenken“. Und selbst Kant war, so Spengler, die überwältigende Zeit seines Lebens kein logischer Denker, sondern ein Mensch, der sein Leben mittels eines ganz anders gearteten Denkvorganges bewältigte. Diesen anderen Denkvorgang nannte er den „physiognomischen Takt“. Physiognomischer Takt wird nicht aus Axiomen deduziert, er wird durch die Einbettung ins Leben gewonnen.

Sobald Kant von seinem Schreibtisch aufstand und in einen Laden ging um Kochzutaten zu kaufen (Kochen war neben der Philosophie Kants andere große Leidenschaft), so war selbst er in der Lage den Weg zum Laden zu finden und mit dem Ladeninhaber und den anderen Ladenbesuchern so umzugehen, daß er das Gebäude mit seinen Einkäufen und ohne eine Tracht Prügel wieder verlassen konnte. Das ist physiognomischer Takt: Nicht einmal notwendigerweise wissen wie die Welt funktioniert, aber sich in ihr trittsicherer zu bewegen, als es je auf der Basis eines theoretischen Modells möglich wäre.

Welt als Geschichte

Dieser physiognomische Takt ermöglicht auch erst dem Staatsmann das Verständnis einer politischen Lage, dem Historiker dasjenige einer geschichtlichen Epoche. Gleichgültig welches Schema, welche Kategorien oder welche schließende Methode man oben drauf setzt um einen Text akademischen Anforderungen an Wissenschaftlichkeit genüge tun zu lassen, das Fundament jeder Betrachtung der Welt als Geschichte ist die ganz unwissenschaftliche Fähigkeit des Menschen, Menschliches innerlich nachzuvollziehen. Ohne diese hingen alle wissenschaftlichen Methoden in der Luft, käme nicht eine einzige Hypothese zustande.

Spengler versuchte diese Art des Erkennens so zu schärfen, daß sie für ernstzunehmende theoretische Betrachtungen taugt. Dabei gelang ihm jedoch nie eine systematische Methodenlehre und diese mag unmöglich sein. Spengler lehrte daher durch Beispiel. Der Untergang des Abendlandes mit seiner Unzahl an morphologischen Betrachtungen ist vor allem eine Sammlung von Anwendungsbeispielen der physiognomischen Methode in der Geschichtsforschung.

Das Erbe Spenglers

Methodisch herausragender sind allerdings das Spätwerk „Der Mensch und die Technik“, einige Seiten unter dem Titel: „Der Streitwagen und seine Bedeutung für den gang der Weltgeschichte“ sowie die posthum unter dem Namen „Frühzeit der Weltgeschichte“ herausgeben Notizen. Anstatt vom kategorisierten Material, denkt Spengler Geschichte gleichzeitig vom tätigen und seelischen Leben her:

Sprachentwicklung vom gesprochenen Dialog, von Frage, Antwort, Befehl, nicht vom monologischen Text eines Schreibers.

Nicht der Wortschatz bestimmt ein Volkstum, sondern die Art des Sprechens, gleichgültig mit welchem Vokabular, kennzeichnet einen Menschenschlag.

Monolithbau als die erlebte Macht durch Organisation (das Bewegen der Steine). Das setzt aber das organisierende Denken voraus.

Nicht das Rad ist die bedeutende Erfindung, sondern der Gedanke des Fahrens und schließlich der der Geschwindigkeit im Krieg. Das macht erst den Streitwagen, kein Kasten mit Rädern.

Waffenfunde geben Aufschluß über die Ehrbegriffe einer Führungsschicht und erzählen viel mehr von der politischen Geschichte, als die Topfscherben, aus deren Schichtungen man Völkerwanderungen rekonstruieren wollte.

In diesem bewussten physiognomischen Denken liegt das Erbe Oswald Spenglers.

  1. Bettina Gruber

    Glänzender Text, mit Gewinn gelesen!

  2. Vorschlag: Luhmann hat vieles davon, was hier beschrieben wird, unter dem Begriff der “Beobachtung zweiter Ordnung” konzeptualisiert. Wirklich gute (!) Theorie, zumal Metatheorie, basiert immer genau darauf. Das setzt auch dem liberalen Empirismus ein kluges Modell von “Sozialforschung” entgegen, das auch im Alltag des Einzelnen, auf der Mikro-Ebene funktioniert, in diesem Fall dann unter dem Begriff der “Empathie”.

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