Sophie Liebnitz – Antiordnung

Nach tote weiße männer lieben erschien vor kurzem mit Antiordnung (Nr. 70) der zweite kaplaken der Kulturwissenschaftlerin Sophie Liebnitz. Damit erweitert sich die neurechte Bibliothek zugleich um einen Einstiegstitel für kritische Akademiker und um ein geistesgeschichtliches Lehrstück für rechte Studenten und Aktivisten.

Ordnung und Antiordnung

Der kaplaken ist in fünf Kapitel aufgeteilt, die grob eine Kulturgeschichte der Ordnung umreißen. Dabei steigt das erste Kapitel eher literarisch mit einer Darstellung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher literarischer Ordnungsvorstellungen ein (Meister Helmbrecht, Dante Alighieri, Paradise Lost), um anhand ihrer Rezeptionsgeschichte die Strukturkategorien “heißer” (flexibler) und “kalter” (starrer) Ordnungen einzuführen. So zeichnet Liebnitz eine historische Linie nach, die auf zunehmende Überforderung mit und Nichtakzeptanz von metaphysisch geschlossenen Weltbildern hinausläuft. Darauf aufbauend fasst das kurze zweite Kapitel die Systemphilosophien des Deutschen Idealismus um die Zeitenwende von der Neuzeit zur Moderne als letzten (verzweifelten) Versuch nunmehr bürgerlicher Subjektivität, die gesamte Welt begreifbar zu machen. Hegel erscheint hier als der Weltgeist im Talar, der wie sein Vorbild Napoleon die Begriffe und Kategorien herrisch vom Feldherrnhügel kommandiert.

Gewissermaßen als Spätfolge dieser modernen Ordnungskrise, so legt das dritte Kapitel nahe, erscheint im ausgehenden 20. Jahrhundert das postmoderne Denken mit seinen Grundoperation der Entgrenzung, Subversion und Dekonstruktion. Dabei entstammt diese Weltsicht zunächst der für den Laien eher obskur anmutenden französischen literaturwissenschaftlichen Strömung des Poststrukturalismus. Dieser war in Abgrenzung zum Strukturalismus – für Liebnitz die “letzte Blüte des französischen Rationalismus” – entstanden und im Zuge der 68er-Bewegung an die Spitze des französischen Geisteslebens geschwemmt worden: Im Fortlaufenden dominierten Intellektuelle wie Michel Foucault, Gilles Deleuze und Jacques Derrida die akademische Ideologieproduktion. Als konvergierende Hauptlinien dieser drei Denker stellt Liebnitz die grundsätzliche Unordnung und Unbegreifbarkeit der Welt (Deleuze), das individualistische Aufbegehren gegen alle ordnungsschaffenden Strukturen (Foucault) und die Zerstörung traditioneller Sinngebung (Derrida) dar.

Den eigentlichen Schritt von der Moderne zur Postmoderne verdeutlicht die Autorin dabei an der Transformation, den die Linke und ihre Intellektuellen im Zuge der 68er-Bewegung erfuhren. War die alte Linke von scholastischer Marx-Exegese und realsozialistischen Apologien geprägt, dominierte nach dem Umbruch ein fundamental beliebiges und austauschbares Theorien-Patchwork, gekoppelt mit subjektivistischer Identitätsbildung und der kultischen Verehrung intellektueller Superstars. Die Postmoderne befand sich somit für die Autorin von Anfang an “in einer Art prästabilisierter Harmonie mit dem siegreichen Liberalismus und der fortschreitenden Globalisierung” (S. 49); ihr fundamentaloppositioneller Anspruch bezog sich stets nur auf den Kampf gegen die alten (marxistischen und konservativen) Ordnungsvorstellungen. Daher seien auch die vermeintlichen Überschneidungen mit neurechter Kulturkritik nur punktuell und oberflächlich: Im Gegensatz zu jenen kritisiert das postmoderne Denken nicht die Auflösung aller gewachsenen Strukturen, sondern begrüßt und befördert sie.

Postmoderne und Ideokratie

Nach dieser ideengeschichtlichen Schilderung der Entstehung und Durchsetzung postmoderner Ideen im akademischen Raum schildert Liebnitz im vierten Kapitel ihre konkreten metapolitischen und lebensweltlichen Auswirkungen. Sie ergänzt den bekannten Katalog konservativer Gegenwartskritik (Auflösung der Familie, Kulturverfall, Kirchenaustritte, diversity-Ideologie, Humanitarismus als Ersatz-Metanarrativ) um drei alltagsnahe Beobachtungen: Erstens die Selbsthilfe- und Ratgeberliteratur als marktförmige Verflachung philosophischer und ethischer Traditionen, zweitens die Abwertung und Beliebigkeit religiöser Erfahrungen bis hin zur kompletten Do it yourself-Esoterik mit pseudobuddhistischen Anleihen, und zuletzt die Umkehrung der klassischen Altershierarchie im Zuge der Anbiederung Erwachsener an die vermeintlich bessere und kompetentere Weltsicht der Jugend (Parents for Future, Omas gegen Rechts).

Bis hierhin haben wir es also im Wesentlichen mit einer relativ kurzweiligen und einsteigerfreundlichen Abhandlung über die Genese der Postmoderne und ihre Funktion als Ideologie des Neoliberalismus zu tun. Doch auch für Leser, denen all dies schon bekannt ist, lohnt sich die Lektüre schon alleine wegen des abschließenden fünften Kapitels. Auf Basis des bis hierhin Erarbeiteten wagt die Autorin nämlich nun einen philosophischen Entwurf, der zwei verbreitete rechte Dystopien zusammenzudenken vermag.

Die erste der beiden kursiert in konservativ-dissidenten Kreisen seit einiger Zeit unter dem Begriff der Anarchotyrannei. Auch wenn Liebnitz diesen Begriff selbst nicht benutzt, koinzidiert der von ihr beschriebene Koalitionskrieg “einheimischer ‘Eliten’ und migrantischer ‘Aktivisten’ gegen die autochthone Restbevölkerung” (S. 82) eindeutig mit der Gemengelage aus tyrannischer Kontrolle (über die einheimische Mittelschicht) und revolutionärer Entgrenzung (für die prekären Minoritäten), die wir hier als Grundlage globalistischer Herrschaft beschrieben haben, und die Andere emblematisch als Stoßrichtung der Black Lives Matter – Unruhen herausgearbeitet oder in Form einer Globohomo Corporation satirisch überspitzt künstlerisch dargestellt haben. Demgegenüber ist die andere mögliche Entwicklungstendenz schlicht diejenige einer “Machtübernahme der stärksten Zuwanderungsgruppe” (S. 83), wie sie etwa Michelle Houellebecqs Unterwerfung vorzeichnet und das subjektive Bedrohungsgefühl der meisten PEGIDA-Anhänger und eines nicht zu unterschätzenden Teiles der Wähler rechtspopulistischer Parteien kennzeichnet.

Die eigentlich originelle Wende in Antiordnung liegt darin, dass die Autorin diese beiden scheinbar divergierenden Zukunftsvisionen als strukturell gleichwertige Ausdrücke des Wieder-Umschlagens postmoderner Unordnung in Totalitarismus deutet. Ausgehend von ihrer Prämisse, die bisherige Geschichte als Auflösungsprozess metaphysischer Ordnung zu beschreiben, steht am buchstäblichen Ende der Geschichte ein Zustand absolut kalter, erstarrter Ordnung, welche ihrerseits jedoch rein systemimmanent ist und kein höheres, erhaltens- oder erstrebenswertes Ideal mehr kennt außer ihrer eigenen Hypostase. Gewissermaßen vollzieht Liebnitz hier einen Foucaultschen turn, insofern sie dasselbe tut, was sie zuvor bei ihm beanstandet, nämlich die Auflösungs- (und Aufklärungs-) Erscheinungen klassischer Ordnungen zu Prozessen der Durchsetzung einer neuen, allumfassenderen Ordnung umzudeuten. Folgt man ihren Gedankengängen, so schreit die zunehmende Entkoppelung der Individuen geradezu nach einer Füllung der zwischen und in ihnen aufgerissenen Gräben durch absolute ideologisch-technologische Kontrolle – oder eben, alternativ, nach ihrer Beseitigung und Übernahme durch ein stärkeres, weil natürlich miteinander verbundenes Kollektiv. Ideokratie oder Libanonisierung, dies sind die zwei möglichen Endstufen der bisherigen europäischen Ordnungsgeschichte.

Brückenbau

Ausgehend von diesen beiden dystopischen Zukunftsvisionen, die Liebnitz als Seiten derselben Entwicklung schildert – und die in diesem Sinne, wie sie selbst schreibt, in Form neoliberaler Stadtzentren und ethnischer Banlieus bereits jetzt koexistieren – wird eine zweite, unterschwellige Dimension des kaplaken Nr. 70 deutlich: In ihrer Engführung der Ersetzungserfahrungen einerseits und der zunehmend totalitär-ideologischen gesellschaftlichen Kontrolle andererseits vermag die Autorin, klassisch rechtskonservative mit eher ideologiekritischen Gegenwartsperspektiven zu vereinen und in einem geschlossenen neurechten Weltbild auszudrücken. Dabei muss sie ebensowenig explizit von Überfremdung oder dem Großen Austausch reden wie von einer vermeintlichen Greta-Diktatur – obwohl sie sich nicht scheut, Worte wie “Ersetzungsmigration” und “Globalismus” zu verwenden, operiert Liebnitz begrifflich weitgehend auf einer etablierten akademischen Ebene und schließt an ideologiekritische Perspektiven auf die Postmoderne an.

Fundamental handelt es sich bei dem Buch also um einen gekonnten Brückenschlag zwischen verschiedenen Lagern und Weltanschauungen, namentlich zwischen Liberalkonservatismus und Rechtspopulismus einerseits, zwischen akademischem Diskurs und dissident-konservativer Kritik andererseits. Dieser Übergang erfolgt jedoch keinesfalls bemüht und konstruiert, sondern erweist sich als genuine Fähigkeit neurechter Theoriebildung, unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven – ebenso wie diesen zugrundeliegende Entwicklungstendenzen – in ihrer Einheit zu begreifen. Dazu gehört auch, dass die Autorin wie selbstverständlich Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus aufzeigt – aber eben nicht im Sinne einer liberalkonservativen Boomer-Hufeisentheorie, sondern im Sinne einer abstrakten Strukturverwandtschaft –, um die beiden innewohnende Totalität in den allauflösenden Tendenzen der gegenwärtigen Globohomo-Gesellschaft aufzuzeigen:

“Die ideokratische Herrschaft des Westens ist (im Gegensatz zu NS und Kommunismus) die Herrschaft einer individualisierenden Weltanschauung, die Einzelne voneinander trennt und gegeneinander ausspielt. Sie wirkt auf Gemeinschaften von der Familie bis zur Nation ‘verflüssigend’.” (S. 81)

Schluss

Es handelt sich also, kurz gesagt, um ein Buch, das man dem liberalkonservativen Tichy-Leser ebenso in die Hand drücken kann wie dem kantigen Rechtstwitter-Nutzer, um beiden einen Einblick in die jeweils andere Gedankenwelt zu ermöglichen und ihnen zugleich die innere Verwandtschaft ihrer Perspektiven als Ausdrücke unterschiedlicher Erfahrungen derselben gesellschaftlichen Entwicklung nahezulegen. Im selben Sinne eignet sich das Buch aufgrund seines akademischen Begriffsapparates und gemäßigt-konservativen Duktus ebenso als Einstieg in neurechtes Denken für genuin ideologiekritische Akademiker (Typ Bahamas-Leser) wie als Einführungslektüre in postmodernes Denken für bereits rechts politisierte Studenten und Aktivisten. Bis auf die Wende im letzten Kapitel ist es jedoch gewiss keine vertiefende Lektüre für theoretisch geschulte Neurechte – doch das würden wir von einem 96 Seiten umfassenden kaplaken auch nicht erwarten. Gerade weil es also von einer Frau, zudem von einer kulturwissenschaftlich habilitierten, in sehr gemäßigtem konservativen Ton geschrieben ist und insgesamt wenig bedrohlich daherkommt, empfehlen wir Antiordnung als Geschenk für alle, die einen Einstieg in neurechtes Denken finden wollen oder sollen, und die nicht unmittelbar dem antrainierten Reflex nachgehend ein Aussteigerprogramm für Rechtsextreme kontaktieren, wenn sie ein Buch des Antaios-Verlags in die Hände bekommen.

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