Sind Stereotypen korrekt?

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Dass die menschliche Wahrnehmung durch Stereotypen und Vorurteile beeinflusst wird, ist wissenschaftlicher Konsens. Jedoch wird insbesondere vonseiten der Sozialwissenschaften immer wieder angeführt, Stereotypen seien grundsätzlich abzulehnen, weil der von ihnen vermittelte Eindruck stark von der Realität abweiche. Mit neuen Ansätzen der Datenanalyse kann diese Annahme empirisch überprüft werden.

Stereotypen und Vorurteile

Die Bundeszentrale für Politische Bildung veröffentlichte bereits 2014 eine Handreichung zum Thema Stereotypen und Vorurteile, die vom Pädagogen Günter Friesenhahn verfasst wurde. Dort werden die Begriffe wie folgt definiert:

»Stereotypen dienen dazu, einen Gegenstand, eine Person oder eine Gruppe zu charakterisieren. Ein Vorurteil ist ein Urteil, das ohne vorherige Erfahrung über etwas gefällt wurde. Beide erfüllen für die Menschen die Funktion, Unsicherheit und Bedrohung psychisch abzuwehren. Sie dienen dazu, die Welt überschaubar zu machen, Komplexität zu reduzieren.«

Ein Stereotyp ist also ein bewusster oder unbewusster Überbegriff für eine Gruppe Menschen, der unser Denken vor-strukturiert: Das typische Bild eines Geschäftsmannes mit Anzug, teurer Uhr, Laptoptasche und adretter Frisur erlaubt es, aus einer heterogenen Personengruppe (etwa auf einer vollen Einkaufsstraße) recht treffsicher den Geschäftsmann herauszusuchen. Selbstverständlich könnte es sich bei der Person, die der Beobachter für den Geschäftsmann hält, auch um einen Rechtsanwalt oder einen Wirtschaftsprofessor handeln – die Stereotypen überschneiden sich also. Doch mit relativer Sicherheit wird die Person, die wir auf Basis des Stereotypen als Geschäftsmann identifizieren, kein Bauarbeiter, Grundschullehrer oder Konzertpianist sein. Das Stereotyp ermöglicht also eine relativ genau Vorsortierung unserer Wahrnehmung und erleichtert unser Handeln.

Das Vorurteil geht einen Schritt weiter und beschreibt eine stereotype Erwartungshaltung gegenüber einer Person oder einer Gruppe. Diese kann positiv oder negativ sein: Dem Geschäftsmann trauen wir einerseits Professionalität und Pünktlichkeit zu, andererseits jedoch auch die potenzielle Fähigkeit und Bereitschaft, uns für seinen eigenen Vorteil sprichwörtlich über den Tisch zu ziehen. Einer Grundschullehrerin messen wir hingegen ein größeres Maß an Vertrauenswürdigkeit und Freundlichkeit zu, aber vielleicht auch eine gewisse Naivität im Umgang mit gesellschaftlichen Problemen. Vorurteile wie Stereotype existieren gleichermaßen mit Bezug auf Berufsgruppen wie auch auf Nationalitäten, Religionszugehörigkeit, Alter, Bildungsgrad, körperliches Erscheinungsbild und alle anderen Merkmale, die sich stereotyp fassen lassen.

Trotz seiner Erkenntnis über Wert und Funktion der Vorurteile und Stereotypen für den menschlichen Alltag nimmt der Pädagoge Günter Friesenhahn eine ausgesprochen kritische Haltung ein. Er behauptet im selben Text: »Menschen, die unter geringem Selbstwertgefühl leiden, bedienen sich der Vorurteile, um Angst und Unsicherheit abzubauen, um ihre Bedürfnisse nach Sicherheit und Orientierung zu stillen.« Zuvor legte er selbst dar, dass Stereotype der Fähigkeit des menschlichen Gehirns entsprechen, aus überaus komplexen Sinneseindrücken und Informationen sehr schnell einfache, konkrete Erwartungen und Handlungsoptionen zu generieren – und genau diese hochbeeindruckende Fähigkeit deutet er dann plötzlich als Ausdruck von Dummheit und Minderwertigkeitskomplexen.

Stereotypenforschung

Dieses Urteil fußt auf der unausgesprochenen Annahme, dass Stereotypen in komplexen, systemischen Gesellschaften mit hoher sozialer und ethnokultureller Diversität nicht mehr angemessen sind, dass sie also eine Art primitives Überbleibsel darstellen, dessen sich heute nur noch Zurückgebliebene bedienen müssen. Eine Annahme, über die man durchaus kontrovers diskutieren kann – und die durch neuere Forschungsergebnisse widerlegt zu sein scheint.

Im Juni dieses Jahres erschien im elektronischen OpenPsych-Journal, das sich auf empirische Sozialforschung und statistische Datenanalyse spezialisiert hat, eine Studie mit dem Titel A study of stereotype accuracy in the Netherlands: immigrant crime, occupational sex distribution, and provincial income inequality (»Studie über Stereotyp-Genauigkeit in den Niederlanden: Einwandererkriminalität, geschlechtliche Berufsverteilung, und pronviziellen Einkommensunterschiede«). Das Forscherteam erhob Stereotypen unter niederländischen Bürgern, etwa in Bezug auf Kriminalität: Die Befragten sollten einschätzen, für wie kriminell sie Einwanderer aus verschiedenen Ländern halten; diese Daten wurden dann mit realen statistischen Erhebungen über die Arrestrate abgeglichen.

Kirkegaard et al. (2021)

Das Ergebnis: Die subjektiven Einschätzungen der Befragten trafen zu einem hohen Grad zu. Einwanderer aus Ländern wie Japan, China, der Schweiz oder Frankreich werden als wenig kriminell eingeschätzt und begehen auch tatsächlich wenige Straftaten und werden selten als Kriminelle eingesperrt. Einwanderer aus Ländern wie Algerien, Sierra Leone, dem Irak und insbesondere aus Marokko werden als sehr kriminell eingeschätzt, und gemäß den Arrestraten begehen sie auch deutlich öfter haftbewehrte Straftaten.

Fazit

Die Forscher selbst äußern sich im Studienabschnitt Discussion wie folgt: »First, we found strong accuracies overall. We find this across different measures of accuracy, across data sources, and across domains. This shows that stereotype accuracy is a strong, replicable and general phenomenon. […] groups with higher actual crime rates have stereotypes with higher crime rates, and face more opposition.«

Stereotypen treffen also stark zu, und die Ergebnisse sind statistisch stark und replizierbar. Insbesondere über Gruppen mit hoher Kriminalitätsrate gibt es besonders starke Stereotype, und die befragten niederländischen Bürger wünschen sich insbesondere aus diesen Ländern weniger Einwanderung.

Im Gegensatz zur Vorstellung des Pädagogen wie Günter Friesenhahn, welche von der Bundeszentrale für Politische Bildung als Handreichung verwendet wird, sind es überdies nicht die ausgesprochen Dummen, denen Stereotype dazu nutzen, um die Welt zu verstehen. Ganz im Gegenteil korrelieren erhobenes Vokabular und Wissenschaftskenntnisse der Befragten positiv mit der Genauigkeit ihrer stereotypen Vorstellungen: Es sind besonders die Intelligenten, die etwa mit ihrer Einschätzung von höheren Kriminalitätsraten bestimmter Einwanderergruppen richtig liegen.

Zuletzt widerlegt die Studie auch ein gängiges linkes Narrativ, das behauptet, die höhere Kriminalitätsrate unter bestimmten Gruppen sei die Folge von Vorurteilen, die zu gesellschaftlicher Ausgrenzung und somit zu Kriminalität führten. Tatsächlich trifft das Gegenteil zu: Die Stereotype über Einwanderer aus muslimischen Ländern liegen insofern falsch, dass ihre tatsächlichen Kriminalitätsraten deutlich unterschätzt werden – bei Einwanderern aus afrikanischen Ländern tritt derselbe Effekt noch einmal wesentlich stärker auf.

Für diese besondere Voreingenommenheit für Einwanderer aus afrikanischen und islamischen Ländern liefert die Studie keine eindeutige Begründung. Die Vermutung liegt nahe, dass sie auf eine Beeinflussung der Öffentlichkeit durch Medienkampagnen und »Vorurteilsbekämpfung« im Bildungssektor zurückgehen.

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