Simon Price / Peter Thonemann – Die Geburt des klassischen Europa

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Die beiden Oxforder Professoren für Geschichte haben mit ihrem Werk »Die Geburt des klassischen Europa« eine Gesamtdarstellung der europäischen Antike vorgelegt, die betont anders vorgehen will. Auf knapp 400 Seiten zeigen sie 3000 Jahre Menschheitsgeschichte und geben dabei interessante Einblicke in die europäische Geschichte und Mythologie.

Eine neue Perspektive auf unsere Vorfahren

Gesamtdarstellungen zur Geschichte der Antike sind im Jahre 2021 nun sicherlich keine Seltenheit mehr, denn ein Blick in die Regale der Buchhändler lässt einen interessierten Leser nicht leer ausgehen unendlich ist die Auswahl an Büchern zur Geschichte der Antike. Der schon verstorbene Althistoriker Simon Price hat mit seinem jüngeren Nachwuchskollegen Peter Thonemann ein Buch konzipiert, das die Geschichte Europas anders und frischer erzählen möchte. Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG) hat nun das Buch 2018 auf Deutsch veröffentlicht. Kann das Werk das Versprechen einer neuen Perspektive einlösen?

Die beiden Historiker wollen die Geschichte Europas sie beginnen ihre Darstellung mit der Kultur der Mykener und Minoer und enden mit der Spätantike im 5. Jahrhundert n.Chr. hinsichtlich drei Dimensionen untersuchen, welche sich in Erinnerung, gemeinsamen Identitäten und geographischen Einheiten unterteilen. Die wichtigen Fragen für das Buch lauten dann wie folgt: Wie haben die antiken Römer und Griechen über ihre Ahnen und Vergangenheit nachgedacht? Haben sich die antiken Völker schon zu einer kollektiven Identität zusammengefunden? Wie stand man zu Begriffen wie Europa, Asien und Griechenland?

Ein kulturgeschichtlicher Ansatz zeigt die Besonderheiten

In neun Kapitel klopfen also die beiden Autoren die jeweiligen Epochen auf diese drei Fragen ab und kommen dabei auf interessante und teilweise bizarre Erkenntnisse. Grundlegend für den eher kulturgeschichtlichen Ansatz Prices und Thonemanns ist die Beobachtung, dass die antiken Kulturen immer auf eine lebendige Verbindung zu ihrer Vergangenheit achteten. So sahen sich zum Beispiel die bronzezeitlichen Mykener und Minoer, die für uns heute den Anfang der griechischen Kultur darstellen, selbst am Ende einer langen Entwicklung, nämlich der mythischen Ära um Troja.

Allgemein sind die Mythen um Troja für die antiken Kulturen maßgeblich gewesen. Die Historiker geben viele Beispiele dafür, wie die mythischen Erzählungen um Agamemnon und Paris selbst noch im Römischen Reich für politische Privilegien sorgte konnte eine Stadt ihre Gründung auf einen Helden der mythischen Vorzeit zurückführen, waren die Kaiser durchaus bereit, der Stadt eine Steuerbefreiung zu gewähren. Die Rückgriffe auf Troja und der homer’schen Akteure agierten dementsprechend wie eine Währung, welche im gesamten Mittelmeer akzeptiert wurde.

Zwei Erinnerungskulturen in Europa

Diesem Erinnerungsfaden stellen die Verfasser die jüdische bzw. christliche Erinnerungskultur entgegen. Aufgrund der religiösen Überzeugungen beider Gruppen konnten diese nicht mit gutem Gewissen an der Erinnerungskultur der Griechen und Römer teilnehmen, denn schließlich sahen Juden und Christen eher Abraham und nicht mythische Helden als den Ursprung der Erinnerung und eigenen Geschichtsschreibung an. An dieser Stelle verweist man auf die beiden Theologen Eusebius und Augustinus, die in ihren Werken versuchten, die griechisch-römische Mythologie zu säkularisieren nicht Zeus entführte demnach Europas nach Kreta, sondern ein kretanischer König.

Durchaus interessant zeigen also die beiden Autoren, wie wichtig die Religion und die Kulte für das Selbstverständnis der Griechen und Römer einnahmen. Konnte diese Tatsache aber auch für eine kollektive Identität bei den antiken Völkern sorgen? Laut den Historikern gibt es auf die Frage unterschiedliche Antworten, denn die kollektive Identitäten änderten sich von Epoche zu Epoche. So hatten die Bewohner des bronzezeitlichen Griechenlands keine Eigenbeschreibung, während die klassischen Griechen nach der Perserzeit stolz auf ihre griechische Identität waren und diese zu anderen abgrenzten.

Kollektive Identitäten im Strom der Zeit

Vor allem nach schweren Kriegen kam es laut den Historikern zu einer stärkeren Kollektivbildung. Die Griechen schlossen sich zusammen, um Xerxes zu besiegen, während die Römer den italischen Geist im Kampf gegen Hannibal beschworen. Es zeigt sich also folgendes Muster: Gefahren von Außen sorgten schon in der Antike dafür, dass man näher zusammenrückte. Dieser Fakt und der Rückgriff auf die heroische Vergangenheit sorgte zum Beispiel dafür, dass die Athener im 3. Jahrhundert aus dem Nichts eine mehrere tausend Mann starke Armee mobilisierten, um Eindringlinge aus dem Norden jenseits der römischen Grenzen zu vertreiben.

Bildete sich dementsprechend auch schon eine europäische Identität? Die Professoren verweisen auf die makedonischen Könige aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. welche bewusst im Kampf gegen die Perser aus dem Osten ein europäisches Bewusstsein beschworen. So wurden an Prinzessinnen Namen wie Europa vergeben, während man Europa als die Ordnung und Asien als das Chaos bezeichnete. Als mit dem Aufstieg des Römischen Reiches das Zentrum von Griechenland auf die italienische Halbinsel wanderte, versank dieser Aspekt jedoch wieder in Vergessenheit, denn Rom wurde zur Welt schlechthin. Es gab kein Asien, Europa oder Afrika mehr, sondern nur noch das Römische Reich, dass die bekannte Welt romanisierte.

Hin und Her im Mittelmeer

Dieser Punkt beantwortet auch schon die dritte aufgeführte Dimension: Je nach Epoche kamen neue geographische Grenzen auf, während andere wieder verschwanden. Die Autoren zeigen dabei einen konkreten Weg: Während in der Bronzezeit die Fackel der Zivilisation noch im heutigen Nahen Osten bei den großen Reichen der Hethiter, Ägypter und Assyrer lag, wanderte sie im ersten Jahrtausend v. Chr. immer weiter nach Westen, um mit dem Höhepunkt der Eroberungen Alexanders des Großen in Griechenland einen kurzen Stopp einzulegen, bevor sie dann mit der Zeitenwende weiter zu den Römern gegeben wurde.

Dabei sehen die beiden Althistoriker nicht nur immer auf Europa, sondern sprechen auch die Kulturen abseits des griechisch-römischen Raumes an. Die Passagen zu den Kelten oder der sogenannten Urnenfeldkultur sind jedoch oft nur auf Bemerkungen zu Handelsunternehmungen mit Griechen und Römern begrenzt, wobei konsterniert wird, dass diese Kulturen kein kulturelles Gedächtnis wie die Mittelmeerkulturen besaßen – mit teilweisen bizarren Folgen.

Freunde meiner Freunde müssen auch meine Freunde sein

So wird die bizarre Geschichte der Stadt Lampsakos in der heutigen Türkei erzählt, welche im Laufe des 3. Jahrhundert v.Chr. von den keltischen Galatern bedrängt wurde. Die griechischen Einwohner gingen selbstverständlich davon aus, dass die Kelter offen für mythisch legitimierte Argumente wären und schickten eine Gesandtschaft in das damalige Massalia in Südfrankreich, welches mit den dortigen Kelten freundliche Beziehung führte. Da Massalia und Lampsakos in der Vergangenheit von Siedlern aus der selben Stadt Griechenlands gegründet wurden, sei man also mit den Griechen in Massalia verwandt gewesen, sodass Lampsakos und die Galater eigentlich Freunde sein sollten – schließlich seien das die Griechen in Masseila und die dortigen Kelten auch!

Diese Argumentation konnte bei den Galatern nicht fruchten, sodass die Plünderungen weitergingen. Andersrum funktionierte diese Erzählung jedoch: Der keltische Stamm der Remi in den Alpen leiteten ihre Herkunft von Remus ab, sodass sie mit den Römern sprichwörtlich verwandt seien. Die Römer akzeptierten diese Argumentation und vergaben große Privilegien an diesen keltischen Stamm. Der große Pluspunkt im besprochenen Werk sind eindeutig diese Sequenzen, die das antike Denken verständlich darstellen. Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass die Ermordung Caesars auch was mit der römischen Mythologie zu tun hatte? Schließlich verbanden die Attentäter ihren Mord mit einer Erzählung, dass der Stadtgründer Romulus ebenso ein Tyrann war und von seinem Volk hingerichtet wurden sei. Dementsprechend sei der Mord an Caesar in Tradition der römischen Geschichte!

Viele Informationen und spannende Anekdoten

Für wen eignet sich also dieses Buch? Gewiss, Experten für antike Kulturen brauchen dieses Werk sicherlich nicht lesen. Wer aber eine spannende kulturhistorische Darstellung dieser Epochen sucht, wird fündig werden, denn die Autoren schaffen es grandios, diese wichtige Zeit unserer Geschichte darzustellen. Extrem hilfreich sind dabei übrigens Infokästchen, welche zusätzliche Informationen anbieten. Zum Beispiel wird auf die Verbindung Sigmund Freuds mit Rom hingewiesen oder wie Herodot die Ethnologie beeinflusste. Viele Karten und Bilder sowie ein Register runden den Eindruck ab. Zudem wirkt das Buch sehr hochwertig.

Lohnt sich dieses Buch auch explizit für einen identitären oder postliberalen Leser? Ja! Vor allem hinsichtlich der Frage, inwiefern im 21. Jahrhundert eine europäische Identität zu entwickeln sein könnte, denn schließlich können wir anhand dieses Buch doch erahnen, welche Wege man gehen könnte. Die Griechen und Römer haben kollektive Identitäten geformt, die über die eigene Polis und Volk hinausgingen. Interessant ist auch, dass Konzepte wie die Selbstrettung (Sommerfeld) oder kulturelle Rückbesinnung (Engels) auch damals einen Platz fanden. Im griechischen Osten des Römischen Reiches widerstand man der Romanisierung, indem man sich immer wieder auf die eigene Vergangenheit (Athen, Perserkriege, Troya) besann. Die Frage ist: Können wir uns daran orientieren?

Eine Mythologie für Europa im 21. Jahrhundert?

In diesem Sinne lädt das Buch durchaus dazu ein, über mögliche Lösungen nachzudenken. Die Griechen wurden vor allem durch die persische Bedrohung und einem kulturellen Bewusstsein wie einem gemeinsamen Kanon und Festspielen geeint, währen die Römer aufgrund ihrer kulturellen und militärischen Potenz anziehend auf Fremde wirkte. Man wollte zum Griechen oder zum Römer werden. Die spannende Frage für uns lautet also: Können wir durch eine kulturelle Renaissance an die Römer und Griechen anschließen? Kann so eine europäische Identität gebildet werden?

Interessant ist hinsichtlich dieser Frage natürlich auch die Frage der Mythologie als Währung. Brauchen wir wieder mehr europäische Mythen oder Erzählungen, um die verschiedenen Europäer wieder zusammenfinden zu lassen? Können Ereignisse wie Wien 1683 ein gemeinsamer Fluchtpunkt darstellen? Und zuletzt: Wäre sowas überhaupt wünschenswert in der aktuellen Zeit? Möchten wir uns wieder mehr als Europäer verstehen? Angesichts dessen, dass die subtile Botschaft dieses Buches lautet, dass Griechen und Römer am stärksten waren, als sie als Europäer dachten und handelten, kann diese Frage vielleicht bejahrt werden.

Unterstützt das patriotische Vorfeld und bestellt bei Interesse das Buch bei Antaios für 16,95 €!

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