Şeyda Kurt – Radikale Zärtlichkeit

Leseempfehlung

»Radikale Zärtlichkeit« ist ein im April beim amerikanischen Harper Collins Verlag erschienenes Buch der in Köln lebenden Journalistin Şeyda Kurt. Um ihr »Unbehagen« an der Liebe soll es gehen und um ein Neudenken dieser aus feministischer Perspektive. Dabei sind einige Grundgedanken gar nicht so verkehrt, auf lange Sicht verliert sich das Buch allerdings in eine Reihe von Widersprüchen, die als symptomatisch für linkes Denken gelten dürften.

Von Lorenz Bien

Ok Kurt

Als neugieriger Mensch sollte man sich bei einem solchen Buch natürlich zunächst nicht von den eigenen Scheuklappen behindern lassen und unvoreingenommen an die Sache herangehen. Dass die meisten im Buch irgendwie als negativ bezeichneten »Herrschaftsstrukturen« selbstverständlich auch weiß sind – ok, Kurt. Dass selbstverständlich durchgängig mit dem * gegendert wird – geschenkt. Der Grundgedanke des Buches hat nämlich durchaus etwas für sich. Wieso, fragt sich die Autorin, verwenden wir das Wort »Liebe« auch für Verhaltensweisen und Beziehungen, die ungesund und zerstörerisch sind? Auch krankhafte Eifersucht oder Misshandlungen können im alltäglichen Sprachgebrauch schließlich Ausdruck von Liebe sein oder werden zumindest innerhalb dessen Sphäre verortet. Aber sollte wirklich von Liebe gesprochen werden, wenn zwei Menschen sich gegenseitig Schaden zufügen? Als Gegenbegriff schlägt Kurt »Zärtlichkeit« vor, denn »dem Wort der Zärtlichkeit« liegt »eine direktere Aufforderung zugrunde (…) – die des tatsächlichen Zärtlichhandelnds. Ich sehe Zärtlichkeit dort, wo Menschen zärtlich zueinander sind, ganz konkret (…). Es geht um ein Handeln, das einem anderen Menschen zuspielt (…), bejahend und produktiv, ohne ihm schaden zu wollen.«

Es geht also um die Vision einer gesünderen und achtsameren Form der Liebe. Da kann niemand etwas dagegen haben. Doch der Autorin geht es nicht um eine individuelle Handlungsanleitung, rühren die dunklen Seiten der Liebe für sie doch aus dem gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang her, der – wie könnte es anders sein – natürlich patriarchalisch, rassistisch und kolonialistisch (man füge alle weiteren erwartbaren Adjektive hinzu) ist. »Ich behaupte, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der mächtige Institutionen, Gesetze und das zirkulierende kollektive Wissen unermüdlich daran arbeiten, manche Wahrheiten aufrechtzuerhalten«, schreibt sie. Das wirft natürlich die Frage auf, in welcher Art von Gesellschaft dies denn bitte nicht der Fall sein soll, beziehungsweise, ob der Umstand, dass bestimmte Wertvorstellungen und Normen vom kollektiven Bewußtsein und Instutitionen aufrechterhalten werden, nicht vielmehr überhaupt den Begriff Gesellschaft definiert. Was soll also bleiben, wenn es gar keine Gesellschaft mehr gibt? »Dann kommt vielleicht die Unordnung« schreibt Kurt und ergänzt: »Ich will Unordnung stiften«. Wie sie darauf kommt, dass dann ausgerechnet in dieser Unordnung die »Zärtlichkeit« und nicht etwa noch sehr viel destruktivere Dynamiken die Oberhand des menschlichen Miteinanders gewinnen, erklärt sie nicht. Ja, tatsächlich gibt sie sogar zu, dass es in der Vergangenheit oftmals genau anders herum lief. So zitiert sie etwa die feministischen Autoren Eva Illouz und Bell Hooks, die bereits vor einigen Jahrzehnten feststellten, dass die feministische Revolution nicht nur nicht in der Lage gewesen wäre, das menschliche Bedürfnis nach Liebe zu erfüllen, sondern gar das glatte Gegenteil bewirkt habe.

Ohne Herrschaft ins Paradies

Nun soll es also die zärtliche Unordnung richten. Aber auch die soll ja irgendwie nach den gewünschten Vorstellungen ablaufen, braucht also ordnende Elemente. Und hier sind wir auch schon bei einem Kernproblem linken Denkens – gewachsene Herrschaftsstrukturen abzuschaffen führt eben nicht zu paradiesischen Zuständen, sondern zwangsweise in lediglich weitaus starrere und willkürlichere Formen der Herrschaft. Stichwort Französische Revolution und Sowjetunion. Wir haben also gesehen, wohin das führt.

Die restlichen Ungereimtheiten und Widersprüche des Buchs entspringen dann auch grob dieser zugrundeliegenden Krux. So will die Autorin die Monogamie nicht mehr als soziale Norm verstanden sehen und erkennt dahinter »den Anspruch auf Besitz und der Versuch der Bezähmung« von »körperliche[r] Selbstbestimmung«. Nun wird eine Norm aber nicht bloß durch kollektive Wissenswiedergabe festgelegt, sondern auch schlicht dadurch, was die meisten Menschen tun. Wie will Frau Kurt also die Norm der Monogamie effektiv bekämpfen, wenn nicht durch eine Normierung nicht-monogamer Beziehungen? Was im Endeffekt auf nichts anderes hinauslaufen würde, als dass Menschen in großer Zahl dazu erzogen oder geleitet werden müssten, nicht monogam zu leben. Wenige Kapitel später entdeckt die Autorin dann auch plötzlich die Unverbindlichkeit als vermeintliches Herrschaftsinstrument: »Die Überlegenheit [der Männer, Anm. des A.] drücke sich auch besonders dadurch aus, dass Männer vehementer auf ihre Freiräume, etwa die Möglichkeit, in eine andere Stadt ziehen zu können, pochen würden. Freiheit unter dem Deckmantel der Unverbindlichkeit.« Nun, Frau Kurt, der Fisch stinkt vom Kopfe her. War nicht Freiheit das Ziel? Wie soll eine Unordnung denn verbindlich sein können? Es ginge ihr nicht darum, ein neues Normal aufzustellen, versichert sie und doch findet sich im Buch kaum eine Vision, die ohne genau dieses realisierbar wäre.

Insofern bietet das Buch gutes Anschauungsmaterial um die Absurdität aktueller linker Diskurse noch einmal aufzubröseln. Lehrreich sind zudem auch einige Einblicke in die Lebenswelt des Milieus. So berichtet die Autorin von einigen missglückten Beziehungen und schafft es dabei, einen untreuen und gewalttätigen Ex-Partner in einem Abstand von zwei Sätzen vor einem »freundlichen und ehrlichen« Menschen zu platzieren, welcher allerdings eine ihr nicht genehme Partei (in diesem Fall die FDP) wählt. In den Augen der Autorin ist offenbar beides ähnlich unverzeihlich.

Fazit: »Radikale Zärtlichkeit« bietet einen sympathischen Grundgedanken und recht krude und absurde Lösungsvorschläge. Alles in Allem nichts neues unter dem postmodern-linken Himmel.

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