Ringen um Eigenart – Identität und Kultur (1)

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Plumpes »Wir-Gefühl« oder Kunstgebilde, warum hält sich der Zweifel an einer historischen deutschen Identität so hartnäckig als Argument gegen eine ethno-kulturelle Wende der Politik?

Im Themenkomplex um Leitkultur, nationaler Identität, Trennendem und Einigendem sah ich mich in jüngster Vergangenheit mit zwei Situationen konfrontiert, nach denen ich mich gezwungen sah, meinen Unmut in einen Text zu bringen. In beiden Fällen bestanden verheerend falsche Vorstellungen von den im Titel genannten Begriffen, die zu noch falscheren und im wahrsten Sinne des Wortes zerstörerischen Schlussfolgerungen führten.

Der Frage nach der deutschen Identität, eine »typisch deutsche Frage« wie der Historiker Karlheinz Weißmann schreibt, werde ich mich im folgenden Text anhand eines konkreten historischen Beispiels nähern. In meinen Augen ist das Verständnis über die Werdung des deutschen Nationalstaates unerlässlich für das Verständnis des Deutschtums überhaupt und die Unkenntnis darüber die größte Stärke des politischen Widersachers.

Identität – der Versuch eines Zugangs

»Der letzte Mensch will nicht mehr leben, wohl als Einzelner, aber nicht als Typus, als Menge […]«

Dieses Zitat aus Spenglers Untergang wird mit Recht in Manfred Kleine-Hartlages »Die liberale Gesellschaft und ihr Ende« zitiert, denn genau dieser »Mensch der Weltstädte« begreift die Identität als etwas individuelles, als ob es eine gute, quasi von der Gesellschaft »unbefleckte« Identität gäbe. Der durch Freuds Psychoanalyse geprägte Erik H. Erikson (1902 – 1994) entwickelte ein Phasenmodell, das jeder Altersstufe eine eigene Stufe in der Identitätsbildung zuweist. In diesem geht es vor allem um das Verhältnis zur Umwelt, beispielsweise der im Kinderalter erworbenen »Autonomie«, die bei Erikson jedoch als Freiheit zur Erkundung seiner Umwelt begriffen wird.

Hier zeigt sich bereits das erste Problem. Identität entsteht nicht im luftleeren Raum und auch die Gesellschaft benötigt ein Wesen, um es dem armen Kind entgegenwerfen zu können. Für diese Kollektividentität, die »Übereinstimmung« in der Gruppe lässt sich folgende Kategorisierung anlegen: Je weniger Zugriff man auch diese hat, desto feindlicher ist sie für das Individuum und desto heftiger wird sie abgelehnt. Damit ist die angeborene Nationalität oder sogar eine durch die Geschichte weitergegebene im Wesenskern sich selbst ähnlich bleibende kulturelle Identität nur folgerichtig das Wutobjekt linksliberaler Historiker und Soziologen.

Identität im historischen Kontext

Eine deutsche Identität existiert zweifelslos, in dem Zusammenhang sei auf den hervorragenden Vortrag Peter Börners verwiesen, der zeigt, wie selbst im frühen Mittelalter eine Gemeinschaft in der Mitte Europas existierte, die man »deutsch« nennen kann. Während die Reformation, die Kleinstaaterei oder die »verspätete« nationalstaatliche Einigung Deutschlands gerne als Argumente gegen eine nationale Identität angeführt werden, so war man sich in vergangener Zeit sehr wohl bewusst, wer zur eigenen Volksgruppe gehört. Es waren doch sprachliche und kulturelle Unterschiede, die staatspolitische Grenzen aufhoben oder ersetzten. Erst die Aufklärung setzte nicht nur Gott und König unter Rechtfertigungszwang, sondern stellte die gesamte soziale Ordnung mit ihrer Identität, die nicht mehr als »etwas schlechthin Gegebenes, sondern etwas von Menschen Gemachtes« verstanden wurde, infrage.

Erst ein Ereignis mit der Kraft, Politik und Kultur in eine Bahn zu lenken, konnte auf diese Frage eine Antwort finden, im Falle der Deutschen war es die Erhebung gegen Napoleon, die sinnstiftend auf eine große Menge des Volkes wirkte.

Identität zwischen »Reich und Region«

Wie die Frage der Deutschen nach nationaler Einigung beantwortet wurde, ist bekannt und, so sollte man meinen, eine Bestätigung für eine nationale Identität. Eine völlig andere Meinung vertritt der Historiker und Wissenschaftsmanager Michael Klein in seiner Habilitationsschrift »Zwischen Reich und Region. Identitätsstrukturen im Deutschen Kaiserreich (1871 – 1918)« aus dem Jahr 2005. Sein Text ist jedoch nur ein Beispiel unter vielen und die Argumentation ist in Teilen trotzdem noch anschlussfähiger als z.B. die Erklärung der Bundeszentrale für politische Bildung, die eine kollektive Eigenart der Deutschen de facto ablehnt.

Dabei ist der Aufbau Kleins sogar relativ schlüssig. Er beschreibt die teils widerstrebende Haltung der Hansestadt Hamburg und des bayerischen Königsstaates gegen das preußisch geführte Reich. Eben dieses Reich setzt er immer wieder mit Preußen gleich, eine Methode, die in der älteren Forschung zumindest bis zur Thronbesteigung Wilhelms II. greift, aber durch Historiker wie Oliver Haardt mittlerweile widerlegt wurde. Das Reich entwickelte von Beginn an schnell eigene Institutionen und Strukturen; auch wenn diese zwar personell gleich besetzt waren wie ihre preußischen Pendants, forderte der größere Bezugsrahmen des Reiches auch eine nationalere Ausrichtung der Politik.

Auch stellt er immer wieder (immerhin 19-mal auf knapp 30 Seiten) fest, dass die Anziehungskraft des Nationalstaats den Partikularismus übertrumpfte, Klein stellt sogar die äußerst interessante Beobachtung in den Raum, dass »der partikular – regionale Aspekt im Kaiserreich seine oppositionelle Bedeutung [verlor], da er u.a. den eigenen Beitrag zur Entwicklung des Reiches betonte.«

Problematik der Konstruktion

Der Teufel steckt beim Autor im Detail. Einerseits zieht er gern und überwiegend Bayern als Sinnbild partikularer Alleingänge heran, das nicht nur eine anti-preußische, sondern in Teilen tatsächlich eine reichsfeindliche Haltung einnimmt. Doch selbst in den herangezogenen Beispielen ist es stets auch dieses Bayern, was sich zugunsten des Reichs zurücknimmt und den Nationalismus nutzt, um eigene regionale Krisenherde zu befrieden.

Klein konstruiert einen Gegensatz, der nicht existiert und der völlig ahistorisch ist. Seine Feststellung der Synthese aus einzelstaatlichen und nationalen Identitäten ist entscheidend, aber diese ist nur möglich, weil die Frage nach der Zugehörigkeit zur deutschen Nation nicht nötig ist zu stellen. Es ist keine individuelle Entscheidung nötig, ab wann man sich mehr als Deutscher denn als Mitglied seiner regionalen Gemeinschaft fühlt, weil man beides sein kann.

Diese Brücke ist aber nur möglich, da die kulturelle Gemeinschaft nicht künstlich über »Pomp und Mobilisierung« geschaffen wird, sondern diese Gemeinschaft nur in eine andere Form gebracht wurde. Sie existierte bereits.

Doch keine Nation?

Die Schlussfolgerungen Kleins sind vernichtend, so z.B., »dass die deutsche Gesellschaft keinen tragfähigen Grundkonsens besaß«, dass »die ´innere´ Reichsgründung gescheitert war« und »im Kaiserreich auch keine Nation [entstand], sondern eine zerklüftete, unberechenbare und widersprüchliche Gesellschaft, die in den Stahlgewittern des Ersten Weltkrieges für kurze Zeit zusammenfand«.

Gerade letzteres wirkt völlig absurd, der Frontkämpfergenerationen lag grundsätzlich der Partikularismus fern und die autonome Republik Bayern war der Traum roter Anarchisten. Ganz im Gegenteil feierte das Bekenntnis zu Deutschland in fast allen politischen Lagern Hochkonjunktur, der Kaiser hatte da als vermeintlicher Kulturkleber schon lange ausgedient.

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