Revolutionäre machen keine Revolution – Was machen wir bis dahin?

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Wie sollen wir uns angesichts der laufenden Krisen und Entwicklungen verhalten? Johannes K. Poensgen skizziert mögliche Antworten – und wie man es nicht machen sollte.

Von Johannes Konstantin Poensgen

Die Revolutionäre kommen immer erst ins Spiel, wenn die Verhältnisse bereits ins Tanzen geraten sind und die Gesellschaft vor der Frage steht: »Was nun?«

Hannah Arendt hat in ihrem Leben viel Unfug von sich gegeben und nicht selten dreist gelogen. In einem aber hat sie recht: Keine Revolution der Geschichte wurde jemals von Berufsrevolutionären ausgelöst.

Einem der bedeutendsten Revolutionäre des 20. Jahrhunderts wird der Satz zugeschrieben: »Eine revolutionäre Situation entsteht, wenn die da oben nicht mehr können und die da unten nicht mehr wollen.« Der Revolutionär hat darauf keinen Einfluß.

Lenin blieb als Vater einer, selbst für die Verhältnisse seiner Zeit, rücksichtslosen Revolution in Erinnerung. Doch nichts lag ihm ferner, als die brutalisierte Romantik, die in Che Guevaras Ausspruch: »Die Pflicht eines Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen.«, liegt und im Linksterrorismus der 70er Jahre, der Weathermen und  der Roten Armee Fraktion, ihre geschichtliche Niederlage erlitt. Ein Gutteil seiner Schriften richtete sich gegen die Anarchisten, die glaubten, das Rad der Geschichte in Bewegung bomben zu können.

Wer mit den Verhältnissen seiner Zeit grundsätzlich uneinverstanden ist, muß ein strategischer Denker sein. Jede grundsätzliche Bewegung hat diese bitter nötig. Unter Dissidenten heißt es gerne, daß die Macht verdummt. Mag sein, aber nicht annähernd so schlimm wie die Machtlosigkeit. Fundamentalopposition zieht nicht nur Wirrköpfe an, sie erzieht selbst den Klügsten zur Romantik. Denn strategisches, das heißt zielbewusstes Handeln unter Berücksichtigung von Lage und Mitteln, kann nur zu dem Schluß kommen, daß die Lage eine der Machtlosigkeit ist, daß die Mittel bei weitem nicht ausreichen das zu ändern, daß das unmittelbare Ziel, der Umsturz, aus eigener Kraft nicht erreicht werden kann.

Die banal-alltägliche Bedingtheit des Menschseins, die Tatsache, daß wir immer in Verhältnisse gebunden sind, die wir nicht aus freiem Willen geschaffen haben, trifft denjenigen am härtesten, der mit diesen Verhältnissen im grundsätzlichen Widerspruch lebt. Das ist die Bürde und der Widerspruch des Dissidenten. Er arbeitet auf ein Ereignis hin, daß er selbst nicht auslösen kann. Ob er will oder nicht, besteht seine Strategie zum großen Teil im Warten darauf, daß die ihm verhassten Verhältnisse von selbst einstürzen.

In seiner primitivsten Form ist das der Kult um den Tag X. Doch auch ohne dies stellt sich die Frage: Wenn wir keine Revolution machen, was machen wir bis dahin?

Jenseits des Gewaltkultes verführt das Warten vor allem zur Verantwortungslosigkeit: Zur Untätigkeit und, was schlimmer ist, zur Scheintätigkeit.

Was aber bedeutet Verantwortung in der Lage der Machtlosigkeit?

Verantwortung erwächst aus dem Verständnis der eigenen Funktion. Welche Funktion erfüllt ein Dissident? Ein Dissident ist jemand, der willens und in der Lage ist, grundsätzliche Fehlentwicklungen in einer Gesellschaft zu erkennen und zu bekämpfen.

Das erfordert einen besonderen Persönlichkeitstypus, der sich wenig darum schert, was die öffentliche Meinung als Ordnung und Moral verkündet. Ein zweischneidiges Schwert. Menschen sind soziale Tiere. Zuviele selbständig Denkende verkraftet keine Gesellschaft und kein Staat. Nicht, wie der emanzipatorische Mythos will, weil dann die Mechanismen zur Indoktrination des falschen Bewusstseins nicht funktionieren würden, sondern weil einzelne Menschen wenig aus sich selbst schaffen und die gesellschaftlichen Vorgaben ein ganz wesentlicher Teil unseres Verhaltens sind.

Jeder Revolutionär mit einem Hauch von Selbsterkenntnis weiß, daß keine Ordnung auch nur für drei Tage bestehen könnte, wenn die Mehrheit der Menschen wäre wie er. Daraus entspringt Geduld mit dem Volk. Daß ein Volk in seiner Mehrheit aus Konformisten besteht ist erstens fast ein Pleonasmus und zweitens gut so.

Die Funktion von Dissidenten ist normalerweise eine korrigierende und reformierende. Ist das herrschende System allerdings reformunfähig geworden, dann liegt ihre Verantwortung im Aufbau von Handlungsfähigkeit für die Zukunft. Das ist etwas anderes, als die fantasievolle Planung eines Aufstandes.

Das System muß selbst an seinen Widersprüchen zerbrechen. Wenn der Dissident in seiner Kritik grundsätzlich recht hat, dann wird es das auch. Man muß freilich in historischen Zeiträumen denken und darf nicht erwarten, daß die Revolution ihren Terminkalender an die eigene Lebensplanung anpasst. Jede Epoche, die im Nachhinein als große Systemkrise erkannt wurde, zog sich über Jahrzehnte hin. Von den Gracchen bis Augustus verging ein Jahrhundert.

Sollte der Zusammenbruch nicht passieren, dann hat der Dissident sich fundamental über das von ihm bekämpfte System geirrt und seine Erwartungen werden zurecht enttäuscht. Glücklicherweise brechen keine Revolutionen los, weil einem Häuflein Unzufriedener die Regierung nicht passt.

Nur was dann? Das ist die eigentliche Frage. Nicht wie stürzen wir das System? (Können wir gar nicht.) Sondern was machen wir sobald es weg ist? Können wir dann überhaupt etwas machen?

Deshalb muß Handlungsfähigkeit aufgebaut werden. Diese Handlungsfähigkeit besteht in einer doppelten Alternative zum herrschenden System: Alternativem Denken und alternativen Strukturen und Persönlichkeiten.

Wo auch nur eines von beidem fehlt, wird die sowieso volatile Übergangszeit vollends chaotisch.

Das eine, was dann passieren kann ist, daß sie sich, wie in der Französischen Revolution geschehen, in einer Spirale gegenseitiger Erwartungen planlos radikalisiert und nach einigen Blutbädern bestenfalls von einem starken Mann vor dem ruhmlosen Rückfall in die Reaktion bewahrt wird.

Die andere, sanftere, aber grausigere Möglichkeit ist die völlige Hilfs- und Ideenlosigkeit, in der 1917 und 1918 der europäische Sozialismus sein Ende fand.

In der Oberstufe hatte ich eine Karikatur aus dem späten Kaiserreich im Geschichtsbuch: Ein feister Sozialdemokrat liegt unter einem Baum. Er trägt die damalige Uniform des Spießbürgers, gespannte Weste unter dem Anzugmantel, eine Melone auf dem Kopf. Kein Zylinder, er ist schließlich kein Kapitalist. Er blinzelt auf seine Taschenuhr: »Bald muß sie kommen, die Weltrevolution.«

Die Weltrevolution kam tatsächlich. Genauso, wie der alte Engels sie vorausgesehen hatte: Als die Welt imperial aufgeteilt war, gingen die kapitalistischen Staaten einander an die Gurgel und in den Jahren 1917 und 1918 konnten die da oben tatsächlich nicht mehr und die da unten wollten nicht mehr. Die Arbeiter streikten nicht nur in Schlesien und an der Ruhr, sondern auch in Glasgow und im Frühjahr 1917 meuterte ein Drittel bis die Hälfte der französischen Armee.

Über ein halbes Jahrhundert hatten die Sozialisten darauf gewartet, geglaubt hatten sie am Ende selbst nicht mehr daran. Die klassische Studie Robert Michels über die Parteienoligarchie behandelt die arrivierte SPD. Dann kam die Revolution.

Außer den Bolschewiki, die im halbagraischen Rußland eine amoklaufende Modernisierungsideologie für unterentwickelte Völkerschaften erfanden, wusste niemand mehr etwas mit ihr anzufangen. Über das was in Deutschland dann im November 1918 passierte schrieb der entsetzte Oswald Spengler:

Seit die intelligenteren Führer von gestern sich dem Feinde von gestern, der vormärzlichen Spießbürgerlichkeit in die Arme geworfen hatten, aus Angst vor dem Erfolg einer Sache, die sie seit vierzig Jahren vertraten, aus Angst vor der Verantwortung,  vor dem Augenblick, wo sie Wirklichkeiten nicht mehr angreifen, sondern schaffen sollten, erlosch die Seele der Partei.

[…]

Beschränkte Ehrlichkeit war nur bei den Spartakisten. Die Klügeren hatten den Glauben an das Dogma verloren, den Mut zum Bruch mit ihm noch nicht gefunden. Und so hatten wir das Schauspiel einer Arbeiterschaft, die durch einige dem Gehirn eingehämmerte Sätze und Begriffe in ihrem Bewußtsein vom Volke abgespalten war, von Führern die ihre Fahne verließen, Geführten, die nun führerlos vorwärtsstolperten – Am Horizont ein Buch, das sie nie gelesen und das jene in seiner Beschränktheit nie verstanden hatten.

[…]

Die Marxisten hatten die Gewalt in Händen. Aber sie dankten freiwillig ab; der Aufstand kam für ihre Überzeugungen zu spät. Er war eine Lüge.

Spengler; Oswald: Preußentum und Sozialismus, Kapitel 3

Der zweiteilige Erfolg der Bolschewiken in Rußland und ihrer Nachahmer in ehemaligen Kolonialgebieten, die den Kommunismus mit dem nationalen Befreiungskampf verbinden konnten, ändert nichts daran, daß der europäische Sozialismus diese verspielte Revolution nicht überlebt hat. Was immer danach noch kam, es war zu wenig und zu spät.

Große Veränderungen in der Geschichte erscheinen im Rückblick stets als das Ergebnis einer langen und absehbaren Entwicklung. Dies ist nicht der Ort um die Methodologie der Geschichtsschreibung zu untersuchen und sich zu fragen, ob hier nicht bloß im Nachhinein Geschichten zusammengebastelt werden. Für diejenigen, die sie durchleben, kommen große Veränderungen fast immer plötzlich und unerwartet. Auch hier ist nicht der Platz, zu klären, inwieweit dies an derjenigen Art von  Selbsttäuschung liegt, mit der Menschen sich an die gerade im Moment herrschenden Verhältnisse anpassen.

Doch bleibt bestehen, daß selbst russische Dissidenten in den 80ern die Sowjetunion vielfach für unsterblich hielten, kaum ein Syrer des Jahres 2010 den zehnjährigen Bürgerkrieg des Landes für möglich gehalten hat und der Erste Weltkrieg eine Zeit traf, die sich bereits ein Jahrhundert vor Fukuyama am Ende der Geschichte wähnte.

Aktionspläne für das Unerwartete entwerfen ist sinnlose Zeitvergeudung. Handlungsfähigkeit aber ist der Schlüssel zum Erfolg. Gerade in unsicheren Zeiten. Wer jedoch auf die heutige deutsche Rechte blickt und sich fragt: »Könnte Sie eine historische Gelegenheit gestalten, anstatt sich, wenn auch mit Glück in einer führenden Rolle, treiben zu lassen?«, für den muß die Antwort ein entschiedenes »Nein!« sein.

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