Replik auf Poensgen: Die Rolle des Revolutionärs

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Unser Gastautor Martin Sellner antwortet auf die Thesen Poensgens: Wie ist die Rolle des Revolutionärs im System?

Johannes Poensgen verfasste unlängst einen interessanten Beitrag über die Rolle des Revolutionäres in vorrevolutionären Zeiten. Dieser Text stellt eine meiner Ansicht nach notwendige Kritik und Ergänzung dar.

Insbesondere ein Satz Poensgens muss scharf kritisiert werden: »Sollte der Zusammenbruch nicht passieren, dann hat der Dissident sich fundamental über das von ihm bekämpfte System geirrt und seine Erwartungen werden zurecht enttäuscht.«

Seit wann ist Stabilität eine unangreifbare Legitimationsbasis für ein System? Eine Romanisierung germanischer Siedlungsgebiete jenseits des Rheins hätte womöglich sogar eine stabilere Ordnung als den ewigen Stammeskrieg bedeutet. Dennoch war der Aufstand der Cherusker richtig. Nicht jede feindliche Herrschaft bricht von selbst an inneren Widersprüchen zusammen. Selbstverständlich hält kein System ewig. Doch darauf zu warten, dass eine Maschine, die unsere Identität unaufhaltsam zermalmt, »von selbst zerbricht«, ist keine Handlungsoption. Was, wenn »das System« erst, nachdem das deutsche Volk bereits zerstreut und zerrüttet ist, »zusammenbricht«? Es geht hier zuletzt weniger um abstrakte ökonomische und demokratiepolitische Widersprüche in einem bestimmten System, als um den Erhalt unserer ethnokulturellen Identität. Deren Wert ist höher einzustufen als ein abstrakter Zustand der Ordnung und Stabilität und ein wirtschaftlicher Kollaps muss nicht mit dem demographischen koinzidieren.

Jedes System bricht irgendwann zusammen. Sein Ende ist, analog zum Tod des Menschen, eine ständige Möglichkeit und wird irgendwann final realisiert.
Ziel einer revolutionären Bewegungen ist es nun bestehende Widersprüche zu verschärfen und dies zu begünstigen. Dafür sieht Poensgen jedoch keinerlei Handlungsoptionen. Stattdessen bleibe nur ein Prinzip Hoffnung, welches sich auf andere, unerwartete Regimewechsel in der Geschichte beruft.

Abgesehen von der falschen Aussagen, dass Stabilität und langer Bestand eines Systems dieses legitimieren und den Rebellen ins Unrecht versetzen, sehe ich ein zentrales Problem in seinen Überlegungen.

Es fällt auf, dass nicht klar definiert wird, was eigentlich das konkrete Ziel ist, an dem das rechte Lager offensichtlich scheitert. Das zu definieren ist schwierig. Wenn Poensgen vom »Umsturz« schreibt, der »aus eigener Kraft nicht erreicht werden kann«, stellt sich die Frage was er genau darunter versteht.

Als Identitärer vertrete ich die Strategie der Reconquista, die dem Ziel des Erhalts der ethnokulturellen Identität dient. Die derzeitige Bevölkerungs- und Identitätspolitik, die zum Volksaustausch, zur ethnischen Wahl und zur Islamisierung führt, soll durch eine identitäre Politik ersetzt werden. Dazu braucht es politische Gestaltungsmacht, die meiner Meinung nach nur realistisch über eine Strategie der Metapolitik erreicht werden kann. Ziel der Strategie ist es, auf dem schnellsten und einfachsten Weg exakt so viel politische Gestaltung zu akkumulieren, wie zur Umsetzung dieser identitären Politik nötig ist. Die politische Macht durch die Erringung der kulturellen Hegemonie ist, meiner Meinung nach, nach wie vor die realistischste Strategie. Das Auftreten einer potentiell rechten Massenbewegung in der Coronakrise passt auch perfekt zu diesem vorpolitischen Kampf um »Straße und Köpfe«.

Andere konkurrierende Leitstrategien, der Parlamentspatriotismus und die Varianten der Militanz, halte ich für untaugliche Irrwege. Ich stimme Poensgen insofern zu, dass es auch um den metapolitische Weg derzeit nicht bestens bestellt ist.

Ob es einen Umsturz im Stil der Oktoberrevolution braucht, um den Bevölkerungsaustausch abzuwenden und die Politiker auszutauschen, ist jedoch eine Frage, die man klarer stellen und ausführlicher beantworten müsste, als einfach apodiktisch eine »Reformunfähigkeit« in den Raum zu stellen.

Klar ist hingegen, dass, wenn man sich auf dieses Szenario als einzig mögliches eingeschossen hat, momentan nur Scheintätigkeit und Untätigkeit denkbar sind. Poensgens scheinbare Alternative, sprich eine »Handlungsfähigkeit« zu erhalten und eine Systemalternative aufzubauen, bis zu dem Tag, an dem es »an seinen Widersprüchen zerbricht«, ergibt sich aus dieser Fixierung auf den spektakulären Umsturz.

Diese Haltung ist gefährlich für das Rechte Lager, da sie in den, jetzigen, entscheidenden Jahren zu einer strategischen Beliebigkeit verführen könnte. »Irgendwie« die Stellung zu halten und Strukturen aufzubauen, ist eine carte blanche für jene besinnungs- und ziellose Scheintätigkeit, die Poensgen zurecht kritisiert. »Aktionspläne für das Unerwartete zu entwerfen, ist sinnlose Zeitvergeudung«, stellt damit genau den falschen Ratschlag für eine revolutionäre Rechte dar.

Stattdessen gilt es, nach einer schonungslosen Systemanalyse einen klaren Plan zu entwerfen, der einen möglichen Pfad zum Sieg beschreibt. Um diesen umzusetzen, gilt es, die maximale Handlungsfähigkeit durch Optimierung und Auslotung aller rechten Potentiale herzustellen. Im Rahmen der Leitstrategie der Reconquista bedeutet das, für Gegenöffentlichkeit, Theoriebildung, Bewegung, Gegenkultur und Partei konkrete Verhaltensweisen und Substrategien zu entwerfen, die dem gemeinsamen Ziel dienen. Dieses besteht in der Veränderung des Rahmens des Sagbaren bzw. des Diskurses im metapolitischen Krieg um die Sprache und die Köpfe. Diese Strategie wird vom rechten Lager nach wie vor nicht planvoll betrieben, weswegen es voreilig wäre, sie als gescheitert zu betrachten. Stattdessen betreibt die Partei eine Strategie der Stimmenmaximierung, Anbiederung an den Zeitgeist und Distanzierung. Die Gegenöffentlichkeit ergeht sich im oberflächlichen Infokrieg und ist eine Kommentarmaschine zur Tagespolitik. Die Theoriebildung fokussiert sich nicht auf die entscheidenden Begriffe und Fragen und versagt vor allem im Bereich der »Revolutionstheorie«. Und auch im Bereich der Bewegung gäbe es genug zu kritisieren.

Der einende Formwille und der Entwurf eines Planes ist die Voraussetzung für die Erreichung eines Ziels. Führt eine konsequente Leitstrategie der Reconquista, die von allen Akteuren des rechten Lagers getragen wird, nicht zu einer Adaption des Systems und einem Nachgeben der Machthaber, so hätte sie dennoch zwei direkte Effekte.

1. Treibt sie das System »repressionsakzelerationistisch« zu einem Abschalten der Demokratiesimulation, was tatsächlich seine Widersprüche verschärft und die metapolitische Arbeit stärkt. Organisation und planmäßiges Handeln ist hiermit der Schlüssel zu einer »Akzeleration«, falls diese ein Ziel darstellt.

2. Erweitert und vergrößert die Reconquista durch ihre mobilisierende Wirkung alle Potentiale des rechten Lagers und damit seine Handlungsfähigkeit.

Diese ist auch nach Poensgen »der Schlüssel zum Erfolg.« Der entscheidende Irrtum seines Textes besteht darin, zu glauben, dass Handlungsfähigkeit, ohne einen Handlungsplan und eine mobilisierende, motivierende Strategie zu erreichen ist.

Eine Bewegung sammelt sich immer um eine Hoffnung und einen Weg, der realistisch und gangbar sein muss. Nur apokalyptische Krisenkulte bilden sich um eine ephemere Hoffnung auf Umbruch und Umsturz durch einen historischen Zufall oder einen Deus ex machina. Ihre Hoffnungslosigkeit äußert sich in resigniertem, routiniertem »Ehrendienst« aus Pflichtgefühl, oder in trotzigen, militant-terroristischen Zuckungen. Die einen hoffen auf eine Wiederkehr der Freikorpszeit und Filmes, die anderen richten sich in der Kaserne an der Tartarenwüste ein. Die von Kaiser in der neusten Sezession kritisiert Flucht in die Esoterik ist ein weiterer Nebeneffekt.

Eine Sammlung der Kräfte um der Sammlung willen und eine Handlungsfähigkeit als Selbstzweck sind nicht herstellbar. Selbst wenn Poensgen also nicht an ihre derzeitige Umsetzbarkeit glaubt, würde seine Aufgabe in der Erstellung einer möglichst realistischen und gangbaren Strategie zur Umsetzung unserer Ziele bestehen.

Ich glaube jedoch tatsächlich daran, dass das volle Potential des rechten Lagers in Bereich der Partei, der Gegenöffentlichkeit, der Theoriebildung, Gegenkultur und Bewegung noch lange nicht entfaltet ist. Wir alle wissen, dass es in der gesamten Nachkriegsrechten keinen echten, einheitlichen Ansatz zur Einigung des rechten Lagers um eine metapolitische Strategie der Reconquista gab. Die Partei folgte dem Parlamentspatriotismus. Im Bereich der Bewegung und Gegenkultur herrschte altrechter Militanzfetisch, während die Theoriebildung weitgehend isoliert von Partei und Bewegung war. Keiner kann vorhersagen, was passieren würde, wenn dieses maximale Potential an Handlungsfähigkeit und Einheit erreicht wäre und als erratischer Block die Demokratiesimulation blockiert.

Wichtig ist es auch als identitärer Aktivist, selbst schärfster Kritiker der Leitstrategie der »Reconquista« zu sein. Ich selbst habe das in einem Blogbeitrag auf Konflikt unternommen, indem ich den »NOG«-Ansatz der frühen IB einer Revision unterzog.
Ebenso ist die Hoffnung auf eine metapolitische Wende durch Massendemos und Blockaden, also einen »deutschen Maidan«, ein falscher Ansatz, welcher der Theoriebildung und der Gegenkultur zu wenig Bedeutung beimisst. Die Entstehung von Projekten wie der »Gegenuni« ist unter anderem eine Antwort darauf. Eine Strategie ist kein Dogma und kein Fetisch. Sie muss sich stets an Logik und Erfahrung messen. Aber die Antwort besteht nicht darin, gar keine Strategie zu haben und dem Plan eine generelle Absage zu erteilen.
Handlungsfähigkeit und eine politische »Mobilmachung« kann langfristig nur aufrechterhalten werden, wenn es auch einen sinnvollen Einsatzplan gibt. Sonst gleicht das rechte Lager einer Kaserne vor der Tartarenwüste.

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2 Kommentare

  1. Tja Martin, Du schreibst „Es fällt auf, dass nicht klar definiert wird, was eigentlich das konkrete Ziel ist, an dem das rechte Lager offensichtlich scheitert.“

    Ja, aber auch Du umschreibst es. Du bist manchmal nah dran vom Herzen, aber was ist es wirklich?

    Es es ein sich selber finden und verwirklichen. Das kann man übrigens auch in unserer ultra-liberalen Gesellschaft. Oder man könnte es theoretisch.
    Aber wieso scheitern wir?

    Weil wir mit all den Freiheiten gar nicht umgehen können. Es gibt einfach enorme Ablenkungen.

    Wir sind das Problem, die wir uns immer von uns selbst ablenken.
    Stets brauchen wir einen Stimulus von aussen, damit wir nicht mit unserem vor-sich-hin-verwesendem Inneren konfrontiert sind.

    Nein, wir brauchen Ablenkung. Und zwar ständig.
    Diese bekommen wir durch Medien (die wir selber freiwillig konsumieren: Posts auf Facebook, Telegram usw.) usw. Und durch Oberflächlichkeit.

    Durch diese Ablenkungen, erkennen wir nicht, unsere innere Leere und unsere Unverbundenheit mit einander.

    Dazu noch folgende Erkenntnis:
    Wir sind schon frei, im Sinne, dass man tun kann was auch immer man will.
    Aber wir können mit dieser Art der Freiheit nicht umgehen.

    Nein, wir wollen garnicht diese Freiheit.
    Es ist ein Trug. Wir wollen eine Zugehörigkeit und Vertrauen und Anerkennung.

    Denn wenn wir jetzt, in der Freiheit die wir jetzt haben, es nicht schaffen, uns selber im Kleinen…
    eine Zugehörigkeit und Vertrauen und Anerkennung zu erschaffen; und statt dessen größenwahnsinnige Veränderungen herbeibeschwören wollen, dann wird der Traum der „größenwahnsinnigen Veränderungen“ auch nie passieren.

    Die „größenwahnsinnigen Veränderungen“ äussert sich doch immer in dem Wunsch, dass alles auf einmal national und gleichgeschaltet sein soll (und sei es mit Zwang, und Macht).

    Aber das kann nicht glücken.

    Wenn es schon die Seltenheit ist, dass es kreativ-Gruppen-Ausflüge gibt (mit Tagsprogramm von unterschiedlichen Gruppen zum Erlernen Handwerk oder Malen …; und gemeinsamen Essen und Feiern und Stockbrot und Regeln „der letzte wäscht ab“ und usw), und dort wahrscheinlich ein Unwohlsein entstehen wird („wir sind Deutsche: jeder hasst den nächsten“: Arbeiter vs Oberschicht, Studierte vs Nichtstudierte, Reiche vs Arme, Antifa vs Nationale, Erfolgreiche vs Versager, usw.), dann wird eine „größenwahnsinnigen Veränderungen“, die einen ohne eigenes zutun… in die kreativ-Gruppen-Ausflüge katapultiert… auch nie stattfinden.

    ————————

    Alles dies bedarf einer genaueren Analyse. Hier ist sie:

    Die Künste, die Arbeitswelt und das menschliche Miteinander (Korrespondenz, intime Gespräche, Poesie und Prosa usw.) waren den verheerenden Gegenwinden des Objektivismus, Kollektivismus, Industrialismus, Utilitarismus, Anti-Expessionismus, der Oberflächlichkeit, Technolgischer Ablenkungen und einer Vielzahl anderer Erscheinungen (kurzum der Modern) ausgeliefert, welche die Traditionen wie ein unerbittlicher Sturm überrollt haben.

    Wir sind dazu übergegangen, dem zu misstrauen, was wir nicht mit unseren Technologien messen können. Der nicht quantifizierbaren Intuition… mißtrauen wir.

    Die Art und Weise, wie wir mit der Konfrontation mit den ewigen Möglichkeiten und unseren eigenen Unsicherheiten umgehen, besteht darin, dass wir einfach vehement die Existenz dessen leugnen, was wir nicht messen können oder was wir einfach nicht messen wollen.

    Verleugnung und kompartimentierte Fragmentierung unter dem Deckmantel der rationalen Analyse sind als Teil der sozialen Konditionierung, zu institutionalisierten Tugenden geworden. Als solche sind sie zu einer mächtigen Bedingung für Akzeptanz durch Konformität geworden.

    Heute ist die Externalisierung des individuellen Geistes, der Intuition und der Gesamtheit der Mysterien; zu einem faden, universellen, abstrakten Ideal verbogen worden und verkommen.

    ————————————-

    Wie äussert sich das?

    Dadurch das nur das Ergebnis zählt. Wie es dazu kommt ist uns völlig egal.

    Beispiel Arbeitswelt: ob das Resultat durch Inder geschaffen wurde, oder durch mich und meinen Kollegen ist völlig egal; nur das Ergebnis zählt.

    Und genau das ist es! Das ist die heutige Tugend! Der heutige Glaube!
    Das dies vollkommen falsch ist, und es einen erheblichen Unterschied macht, ob ich etwas mache, oder jemand anderer… das merkt ein Geld-und-Luxus-verwöhnter Mensch gar nicht mehr.

    • Was bedeutet dies? Was ist wichtig?

      Eben das was heute keine Geltung mehr hat: das Transzendente, die Intuition. Das Innere. Das von innen heraus. Sein inner seelisches nach aussen bringen. Gott in uns suchen und erkennen.

      (Für die modernen Menschen ist das alles falsch und vage. Für die gilt: „nur das Äussere. Und dieses Äussere wird in uns hineingerammt. Wir müssen uns dem unterordnen.“ So ein Trug. Die ultimative Selbstabschaffung.)

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