Projektion als taktischer Vorteil (2)

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Linken wird oftmals unterstellt, Dinge auf ihren Gegner zu projizieren. Das kann aber auch ein taktischer Vorteil sein. Nun folgt Teil 2.

Anders sieht es auf der Rechten aus. Seiner partikularistischen Natur entsprechend, tendiert der Rechte dazu, Kreise der Zugehörigkeit genau und eng zu fassen. Das beschränkt sich nicht bloß auf Kulturkreise und Ethnien, sondern lässt sich auch im Umgang mit politischen Bewegungen sehen.

Als sich im Sommer 2020 große Demonstrationen gegen die Coronamaßnahmen in Deutschland bildeten, konnte man auf Seiten der Rechten zunächst Befremdung beobachten. Obwohl einige Protagonisten bereits in den Monaten zuvor ein gewisses Misstrauen gegenüber dem Ausmaß der Maßnahmen formuliert hatten, schien es ihnen schwer zu fallen, sich in den Demonstranten irgendwie wiederzuerkennen. Exemplarisch sei hier etwa eine Wortmeldung Kubitscheks angesichts der Berliner Demonstration vom 29.08.2020 zu nennen:

Eine verwirrte Dynamik

Zuvor wollte ich noch in einem grundlegenden Beitrag zeigen, warum das, was da nun an Dynamik sich auftürmt, nur in einer schmalen Schnittmenge etwas mit dem zu tun hat, was wir hier treiben. Mir persönlich würde man diesen Minimalstkonsens nicht abnehmen. Daher ist es das Beste und Ehrlichste, einmal nicht dabei zu sein.


https://sezession.de/63279/verzoegern-und-spalten-in-dresden-und-berlin

Noch schärfer äußerte sich der Chefredakteur der Kehre, Jonas Schick, auf Twitter:

Wer auf der Rechten ernsthaft glaubt, daß mit #b2908 Signifikantes zu gewinnen sei, der hat mächtig ein Brett vorm Kopf. Das war/ist hauptsächlich ein einziger Hippie-Karneval, der unseren politischen Zielen diametral entgegensteht und selbst Teil der liberalen Schwundstufe ist.

Twitter

Obwohl ich die konkreten Ansichten nicht kenne, die die genannten Protagonisten zu diesem Zeitpunkt über die Coronapolitik der Regierung hatten, ist die grundsätzliche Richtung dieser Äußerungen dennoch offensichtlich. Es scheint, als würde der Rechte grundsätzlich von einer gegenteiligen Prämisse ausgehen wie der Linke: »Andere Menschen sind nicht wie Ich«. Ebenso wie er Nicht-Europäern kein westliches Denken und Empfinden unterstellt, erwartet der Rechte offenbar auch von politischen und kulturellen Bewegungen greifbare Bezüge zu seinen eigenen Ideen, zumindest aber konkrete Loyalitätsbekundungen, bevor er sie als verwandt wahrnimmt.

Was grundsätzlich seine Berechtigung hat, wird im politischen Streit jedoch schnell zu einem Nachteil. Wo die Linke Bewegungen und Diskurse freimütig kapert, weil sie sich überall wiederzuerkennen glaubt, wird dies dem Rechten schwerfallen.

Nun scheint jedoch gerade im Umfeld der Coronaproteste etwas Merkwürdiges zu passieren – nämlich eine Verschiebung oder zumindest taktische Verbrüderung dieser sehr heterogenen Bewegung zu oder mit der Rechten. Das ist merkwürdig, weil es der politischen Herkunft vieler Demonstrationsteilnehmer nicht entspricht (die hatten in großen Teilen zuvor die Grünen oder die Linke gewählt) und weil sich genau diese Rechte mit einer Verbrüderung anfangs schwer tat. Offenbar teils schwerer als die andere Seite.

Maßnahmenkritik in der Szene

Seit einiger Zeit bin nun mit jungen, maßnahmekritischen Menschen in Kontakt, die größtenteils vorher keinerlei irgendwie gearteten Berührungspunkte zu einer »Rechten« hatten, und links oder einfach apolitisch (was in unserer Zeit tendenziell auch »eher links« bedeutet) sozialisiert waren.

Und dennoch scheint mit dem Schritt aus dem Mainstream heraus auch die Berührungsangst gegenüber den Kindern zu fallen, die noch verbrannter sind als man selbst.

So unterhielt ich mich bei einigen Treffen beispielsweise mit einer jungen Studentin. Normaler bürgerlicher Hintergrund, leicht »Öko«, ansonsten das nette Mädchen von Nebenan. Trotz guter Gespräche und des geteilten Mißtrauens gegenüber der Politik hielt ich mich mit konkreten politischen Bekenntnissen jedoch zurück. Man konnte es ja nicht wissen – würde ihr und den anderen »rechts« vielleicht doch zu weit gehen?
Als ich die Karten im Laufe eines längeren Gesprächs irgendwann auf den Tisch legte, reagierte sie jedoch entspannt. »Ich weiß, dass die Medien nicht so über die Pandemie berichten, wie es angemessen wäre und ich vermute, dass sie mich auch über andere Sachen belogen haben«, erläuterte sie und bat mich, ihr zu erklären, was es denn mit meinem Rechtssein auf sich habe. Ich sprach also ein wenig über den Nationalstaat, über Kultur und Aufklärung, und auch über das heiße Eisen der Migrationspolitik. Doch wo ich Widerspruch erwartet hatte, zuckte sie nur mit den Achseln: das klänge doch alles »völlig normal und nachvollziehbar«.

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