Projektion als taktischer Vorteil (1)

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Linken wird oftmals unterstellt, Dinge auf ihren Gegner zu projizieren. Das kann aber auch taktische Vorteile haben.

In ihrem Buch »Mit Linken leben« formulierten Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld das sogenannte »Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetz«, welches sich, etwas vereinfacht, etwa so zusammenfassen lässt:

Alles, was Linke über Rechte sagen, schreiben, denken, trifft immer und ausnahmslos auf sie selber zu.

Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetz: das Beispiel Laurin

Linke neigen nach dieser Lesart also zur Projektion und spiegeln ihre dunklen, aggressiven, feindseligen und engstirnigen Charakterzüge auf eine imaginäre Figur des Rechten, um diesen anschließend in ihrem realen politischen Widersacher entdecken zu glauben.

Beispiele und Belege für diesen Vorgang finden sich zuhauf und es soll hier mitnichten darum gehen, dem Lichtmesz-Sommerfeld-Gesetz zu widersprechen. Vielmehr stellt sich die Frage, ob es nicht eventuell erweitert werden müsste.

Mit Linken leben

Meiner Beobachtung nach projizieren Linke nicht lediglich negative Eigenschaften auf ihren politischen Gegner, sondern scheinen allgemein zu der Annahme zu neigen, dass andere Menschen ähnliche Gefühle und Ideen, sowie ein ähnliches Erleben der Welt haben. Nicht wenige Rechte und Konservative werden in Gesprächen mit Linken die Erfahrung gemacht haben, dass diese oft von vorneherein davon ausgehen, einen anderen Linken vor sich zu haben. Die spürbare Wut und die Empörung, die einem entgegenschwappt, wenn erkannt wird, dass dies nicht der Fall ist, rührt nicht bloß aus der Ablehnung anderer Ansichten her, sondern scheint etwas wie einem Schock zu entspringen: »Ich dachte, du wärst ein Mensch wie ich. Doch du bist etwas ganz Anderes«.

Im Grunde genommen liegt in dieser Annahme die Ur-Krux universalistischer Denkmuster. Nun ist Universalismus kein Alleinstellungsmerkmal der Linken, sondern ging ursprünglich aus einer liberal-bürgerlichen Tradition hervor. Bereits hier waren die Kultur und die Lebensweise dieser Tradition im Gleichheitsgedanken jedoch häufig unausgesprochen mitgedacht. »Alle Menschen sind gleich« meinte im Endeffekt bereits immer: »alle Menschen sind (eigentlich) westlich und bürgerlich und wissen es im Zweifelsfall nur noch nicht«.
Die hier formulierten Züge mögen also auf Liberale ebenso zutreffen wie auf Linke. Da die Linke den Gleichheitsgedanken jedoch radikaler versteht als der Liberale (bei dem er gegebenenfalls hinter den Freiheitsgedanken zurücktritt, bzw. vom Libertären sogar negiert wird), eignet sich die Linke besser zur Phänomenstudie. In der Bewertung konkreter politischer Ereignisse ist die Trennlinie ohnehin zunehmend unscharf. Die politische Eliten vermengen linke und liberale Diskurse im Zweifelsfall nach Belieben.

»Alle Menschen sind gleich«, heißt demnach irgendwo auch immer »Alle Menschen sind westlich« und bedeutet irgendwie auch stets »Alle Menschen sind so wie Ich«.

Die Projektionen der Linken

Als Beispiel seien hier Wolfgang M. Schmitt Jr. Aka »Die Filmanalyse« und der Journalist Ole Nymoen herangezogen, die in ihrem Buch »Influencer. Die Ideologie der Werbekörper« dem Thema des Orientalismus einige Absätze widmen. So stecke in der »progressiv-liberalen Identitätspolitik, die Diversity als Marketingfaktor begreift«1 immer noch der orientalistische Gedanke, dass Menschen andere Kultur und/oder anderer Ethnie tatsächlich anders seien – etwa, wenn Weiße die Erfahrungen von Rassismus betroffener POCs anhören müssten und ihren eigenen Rassismus nicht durch bloße Denkarbeit erkennen könnten. Das, so stellen Schmitt und Nymoen fest, sei »nichts weiter als eine Absage an den Universalismus, der die die Gleichheit aller Menschen a priori setzt«.2 Dass sie die Grundannahme des Universalismus als Setzung erkennen, hindert die Autoren jedoch nicht daran, sich ihm zu verschreiben. Kurioserweise dienen dabei die Urlaubsreisen des Ehepaars Kubitschek-Kositza im Anschluss als warnendes Beispiel:

So wundert es wenig, dass selbst das neurechte Ehepaar (…) in die weite Welt hinausgezogen ist, um heimzukehren mit der Erkenntnis: ‚Mein Mann und ich sind viel gereist, auf unterschiedliche Weise. Mein Mann hielt sich mehrmals in Kamerun auf. Kulturen zu sehen, das Andere als Anders wahrzunehmen und als Reichtum zu empfinden, ohne Herablassung oder Geringschätzung, das ist für uns ein hoher Wert.‘ Dass aber die Markierung des Anderen (…) schon eine Geste der Überlegenheit ist, will Kositza nicht sehen.

Ole Nymoen, Wolfgang M. Schmitt: Influencer. Die Ideologie der Werbekörper. S. 167.

Wenn die Anerkennung, dass es einen Anderen gibt, bereits eine »Geste der Überlegenheit« sein soll, lässt das dementsprechend nur den umgekehrten Schluß zu: als Universalisten, die die Gleichheit aller Menschen a priori setzen, müssen Schmitt und Nymoen davon auszugehen, dass selbst der Hirte in den Gebirgsdörfern des Hindukusch ihnen in allen fundamentalen Eigenschaften gleicht. Alle Ideen, Überzeugungen, Glaubensinhalte und Gefühle die sich von ihren eigenen Vorstellungen unterscheiden, müssen demnach eine Art »Perspektivverzerrung« sein. Die Kultur, die den afghanischen Bauern vom westlichen Großstadtmenschen unterscheidet, besteht so gesehen lediglich aus einem Mangel an Aufklärung und Verwestlichung, hat jedoch keinen intrinsischen Wert und keinen Inhalt, der über bloße ungerechte (patriarchale, fundamentalistische etc.) Machtstrukturen hinausginge.

Verwirrungen

Wie aus einem derartigen Menschenbild resultierende Politik konkret aussieht, ließ sich schließlich im Sommer 2021 beim Abzug westlicher Truppen aus Afghanistan beobachten. Noch wenige Wochen vor dem Sieg der Taliban twitterte Heiko Maas, dass ein solcher ausgeschlossen sei. Eine »selbstbewusste afghanische Zivilgesellschaft« stünde dagegen. Bereits mit seiner Wortwahl machte der damalige Außenminister klar, dass vor seinem inneren Auge offenbar die hippen Cafés und Kulturzentren grünbürgerlicher Berliner Milieus in die raue Bergwelt Afghanistans gewandert waren.

Die erfolgreiche Kaperung von Bewegungen fällt ebenfalls in dieses Schema. So hatten die Kämpfe von Minderheiten wie etwa die Homosexuellenbewegung ursprünglich sehr wenig bis keinen Bezug zu klassisch marxistischen Theorien und wurden dennoch spätestens ab den 60er Jahren erfolgreich in die linke Bewegung eingereiht. Dies lag teilweise an der erwähnten Verwandtschaft linker und liberaler Denktraditionen, die sich im Angesicht des Ausbleibens einer Arbeiterrevolution im Westen wieder aneinander annäherten, war aber auch eine Folge des linken Talents zur Projektion. Anzunehmen, dass sich die Protagonisten zu Linken und zum neuen revolutionären Subjekt umformen ließen, setzte voraus, ihrem eigenen Kampf quasi-marxistische Muster anzudichten und anzunehmen, dass sich diese auch darin wiedererkennen würden.

Ähnliches gilt für die Umweltbewegung, die, von den Tagen der bündischen Jugendbewegung bis hin zu ihrem Widererstarken im Nachkriegseuropa (Earth First), eine teils deutlich konservative Grundierung hatte. Hingegen war sowohl in der liberalen wie auch linken Tradition der Fortschrittsgedanke meist auch an einen technologischen Fortschritt geknüpft, als natürliches Ergebnis einer bürgerlichen Ordnung und als verheißungsvolles Werkzeug, welches durch Automation dem Menschen ein »freieres« Leben ermöglichen könne. Dieser Denktradition zum Trotz konnte die Linke die Umweltbewegung in einem Zeitraum weniger Jahre derart umfassend kapern, dass er schlußendlich als explizit und ausschließlich links(-liberal) verstanden wurde. Auch diese Entwicklung wäre undenkbar ohne die (möglicherweise nur halbbewußte) Annahme, dass es sich bei dieser Protestbewegung eigentlich um eine linke handeln würde und bei den Protestierenden um eigentlich Linke, die sich dessen bloß noch nicht ganz bewußt seien.


1 Ole Nymoen, Wolfgang M. Schmitt: Influencer. Die Ideologie der Werbekörper. S. 166.

2 Ebd.

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