Mythen als Teil der politischen Kultur – Barbarossa als Sinnbild deutscher Sehnsüchte

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Rotbart, Barbarossa, Friedrich – der Staufer-Kaiser besaß viele Namen. Heute verbinden wir mit ihnen einen der wichtigsten und schönsten deutschen Mythen. Was zeigt uns der Barbarossa-Mythos im 21. Jahrhundert?

Der alte Barbarossa,
der Kaiser Friederich,
im unterird’schen Schlosse
hält er verzaubert sich.

Er ist niemals gestorben;
er lebt darin noch jetzt.
er hat im Schloss verborgen
zum Schlaf sich hingesetzt.

Er hat hinabgenommen
des Reiches Herrlichkeit
und wird einst wiederkommen
mit ihr zu seiner Zeit

Friedrich Rückert: Der alte Barbarossa, 1817

Während diese drei Strophen von Rückerts Barbarossa-Gedicht wohl selbst in universitären Kreisen kaum mehr Rezeption erfahren werden, erfreut sich der zugrundeliegende Mythos weiterhin einer gewissen Beliebtheit. Es soll demnach keine Schmähung des schönen Kyffhäuserdenkmals in Nordthüringen sein, wenn man den Stauferkaiser heute eher als Regional- denn als Nationalmythos bezeichnen muss. Auch eine politische Gruppierung, die die Wiederkehr des »alten Rotbarts« vorbereitet, ist (zumindest aktuell) noch nicht bekannt.

Ist die Erzählung Friedrichs I. als unsterblicher König dann also unwiederbringlich in Vergessenheit geraten und damit in der Bedeutungslosigkeit verschwunden?

Mythologisierung und Stauferkult

Ursprünglich ging die Sage des schlafenden Kaisers auf Barbarossas Enkel Friedrich II von Hohenstaufen zurück. Nach dessen Tod 1250 kamen Berichte auf, in denen er mit 5000 Rittern in den Ätna eingeritten sei. Eine Weissagung prophezeite darüber hinaus, dass er im Verborgenen sterben und weiterleben solle, die Geschichte von dem im Berge schlafenden Kaiser war geboren.

Durch Spannungen zwischen weltlichen und geistigen Würdenträgern, Unzufriedenheit des dritten Standes und der Schwäche des deutschen Kaisertums wandelte sich im 14.-17. Jahrhundert die Person der Sage vom sizilianischen Friedrich II. zu dem in Deutschland bekannteren Barbarossa. Er sollte Kirche und Adel ihrem Platz zuweisen und dem Reich den alten Glanz zurückgeben. Der Fokus lag dabei auf dem Wunsch nach einem starken Kaiser, der Frieden nach innen wie außen gewährleisten konnte.

Die Sehnsucht nach einem starken Reich mit einem starken und gerechten Herrscher schlummerte wie Barbarossa in der Sage durch die Jahrhunderte hinweg und feierte mit dem Auftritt des romantischen Nationalismus im Vormärz des 19 .Jahrhunderts ihre Renaissance.

Barbarossa zwischen Wagner, Hohenzollern und dem »dritten Deutschland«

In seiner Schrift »Die Wibelungen« von 1848, dem Revolutionsjahr, skizziert Wagner eine Verbindung zwischen den mythischen Nibelungen und den mittelalterlichen Staufern, in Barbarossa entfalte sich dessen höchste Güte und er halte den Schatz der Nibelungen unter dem Berg, »um ihn für bessere Zeiten zu bewahren«. Dieser Schatz, der nur versteckt und nicht verloren ist, symbolisiert den Reichsgedanken, den er zur rechten Zeit wiederbringen würde. Der Barbarossa-Mythos war seit den Befreiungskriegen gerade durch die Gedichte von Rückert, Uhland und Geibel in das Bewusstsein vieler Nationalisten gerückt wurden, in ihm sahen sie auch ihre Vorstellungen eines zu schaffenden Nationalstaats verwirklicht.

Die beiden Staaten, die eine solche Einheit hätten herbeiführen können, Österreich und Preußen, waren jedoch in der Revolutionszeit 1848/49 nicht bereit ihre monarchische Macht zugunsten eines nationalen Parlamentes oder zum Vorteil des jeweils anderen zu schwächen. Dass es sich für Wagner bei diesen zwei Raben, die um den Kyffhäuser kreisen und den greisen Kaiser von der Rückkehr abhalten, um Preußen und Österreich handelt, wird in folgender Textstelle deutlich:

Zwei Raben fliegen um meinen Berg, – sie mästen sich fett vom Raube des Reiches! Von Südost hackt der eine, von Nordost der andere: – verjagt die Raben und der Hort ist euer!

Richard Wagner: Sämtliche Schriften und Dichtungen

In dieser Vorstellung vom »dritten Deutschland«, unter dem Mittelstaaten wie Bayern, Sachsen, Hannover oder Württemberg verstanden werden, kehrt ein weiterer wichtiger Aspekt des Barbarossa-Mythos wieder: Die Gestalt eines deutschen Reiches losgelöst von fürstlicher Landesherrschaft. Die Aufgabe des prophetisch angekündigten Staufers war es nie, ein konkretes Territorium zu erobern, einen benannten Nachbarn zu unterwerfen oder eine bestimmte Konfession zur Hegemonie über eine andere zu erheben. Es geht im Mythos stets um das übergeordnete Ziel des Reiches und der Sicherstellung des Friedens.

Gerade ersteres war als Teil der »deutschen Frage« das Ziel von Politikern jeder Farbe, nur über die Ausgestaltung wurde gestritten und in den Einigungskriegen von 1864-1871 auch gekämpft. Der als Wilhelm I. gekrönte preußische König und erste Kaiser eines preußisch-geführten, kleindeutschen Staates hatte jedoch als Mitglied der Hohenzollern keine glanzvolle mittelalterliche Ahnenreihe, auf der er sein Kaisertum stützen konnte. Sein Enkel Wilhelm II. erhob mit der Einweihung des Kyffhäuserdenkmals 1896 nicht nur Barbarossa zum Nationalepos, sondern schuf der Familie von Hohenzollern ihren eigenen Mythos. Kaiser Wilhelm I. erhielt den Beinamen »Barbablanca« – Weißbart in Anlehnung an seinen mittelalterlichen Vorgänger. Trotz seines fast schon ebenso legendären Alters sitzt Wilhelm I.  mit mächtiger Pose hoch zu Ross, während der alte Kaiser mit langem Bart unter dem Reiterbild auf seinem Thron sitzt.

Barbarossa in der »postheroischen Gesellschaft«

Nach dem ideengeschichtlichen Rückblick soll der Blick auf die Gegenwart gerichtet werden. Welche Rolle spielt dieser Mythos, der über Jahrhunderte ein Teil deutscher Geschichte war, heute noch?

Zum einen ist die Sage eines Heilands, der ein neues Zeitalter einleitet, natürlich eng verbunden mit christlich-teleologischen Geschichtsbildern und es verwundert nicht, dass der Glaube der Q-Anon-Bewegung gerade in den USA auf so großen Zuspruch stieß und auch in Deutschland beinahe deckungsgleich mit den Mythen um das Staufergeschlecht ist.

Auch die jährlich abgehaltenen Treffen des ehemaligen »Flügels« der AfD verweisen auf ähnliche Sehnsüchte, wie sie die letzten 700 Jahre immer wieder geäußert wurden. Das Verlangen nach einem Staat, der nach innen wie außen souverän auftritt und vergangene Würde zurückerhält, scheint dem Wunsch nach einem weisen Kaiser in nichts nachzustehen. Der entscheidende Unterschied heute ist, dass es nicht um Insignien oder Titel, sondern um Erhalt oder Zerfall Deutschlands als Kultur- und Staatsnation geht.

Ein Negativaspekt muss benannt werden, gerade weil er in letzter Zeit so schadhaft zu Tage tritt: Der Deutsche ist zu zurückhaltend. Er erwartet die Veränderung von außen, hofft auf die Errettung durch jemanden anderes, bewundert die Stärke anderer, statt die eigene Stärke zu erkennen. Es verwundert nicht, dass einige auf das Eingreifen Q-Anons, Trumps oder des Militärs warten, die Apokalypse durch das Lagern von Konserven vorbereiten oder rechte Politik im Ausland bewundern, während die eigene politische Aktivierung mit fadenscheinigsten Begründungen oder abstrusester Gehirnakrobatik abgelehnt wird. 

Ein neuer Mythos?

Das Fehlen einer aktuellen einigenden Erzählung vom Schlage des wiederkehrenden Stauferkaisers mag im Moment wie ein Fluch wirken, doch verbirgt sich in diesem Umstand vielleicht auch ein Segen. Mythen und Epen können uns inspirieren, aber sie lösen uns nicht von der Verantwortung zur Tat. Barbarossa wird nicht aus dem Kyffhäuser steigen, Deutschland nicht durch das Eingreifen von außen »vom Kopf wieder auf die Füße gestellt« werden und auch nicht in durch einen Bürgerkrieg in der Not wieder zur Ordnung finden. Mit dieser Erkenntnis fällt es uns zu, als das Recht und die Pflicht der autochthonen Deutschen, die eigenen Sehnsüchte zu erfüllen.

Basisarbeit mag anstrengend und undankbar erscheinen, Meinungskämpfe inner- und außerhalb der Parlamente mag jeglicher mythologisierender Ansatz fehlen und theoretische Debatten im Anbetracht der Umstände zynisch wirken, doch sie müssen geführt werden. Sie dürfen nicht verschoben werden, um in Zeiten ärgster Not, nicht nur alte, sondern auch neue Erzählungen übergeben werden können. Erzählungen, die zur Tat und zum Mut begeistern und große Entwicklungen durchführen, die wir heute im Kleinen vorbereiten.

Das Erreichte der letzten Jahre und ein wenig mehr Mut in Zukunft könnte jedem von uns einen Platz in einem neuen Nationalepos sichern, dessen mythischer Moment noch bevorsteht, während seine Geschichte jedoch heute bereits geschrieben wird.

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