Lothar Fritze – Kulturkampf

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In seinem jüngst bei Jungeuropa erschienenen Buch Kulturkampf stellt der Philosoph Prof. Dr. Lothar Fritze die Frage: Moralischer Universalismus statt Selbstbehauptung? Auf 244 Seiten arbeitet der gebürtige Chemnitzer die vier moralischen Linien aus, entlang derer die Weltanschauungskämpfe unserer Zeit verlaufen: Individualismus, Universalismus, Kollektivismus und Partikularismus. In den abschließenden Kapiteln folgen konkrete politische Implikationen für das konservative Lager.

Moralische Kategorien

Die ersten fünf der insgesamt acht Kapitel sind im Wesentlichen eine Kartographie der eingangs genannten moralischen Achsen. Sehr detailliert arbeitet Fritze die jeweiligen Ideale, ihre Implikationen und Probleme, sowie die Interaktion zwischen ihnen aus. An dieser Stelle muss direkt der größte Kritikpunkt am Buch genannt werden: Es liest sich über weite Strecken (ca. 180 der 244 Seiten) ein wenig wie ein moralphilosophischer „Schinken“, an dem vor allem Studenten der Philosophie und Geistesgeschichte ihre Freude haben können, der einen Großteil der Leser jedoch – trotz hin und wieder eingestreuter konkret-politischer Schlussfolgerungen – eher langweilen wird. Solche Leser, die sich nicht für ausschweifende moralphilosophische Gedankengänge interessieren, sollten diese ersten fünf Kapitel eher wie ein Lexikon betrachten, das man überfliegt und hier und dort reinblättert, das man aber nicht unbedingt „durcharbeiten“ muss.

Die vier moralischen Kategorien, die Fritze beleuchtet, verlaufen konkret entlang der Achsen Individualismus vs. Kollektivismus und Universalismus vs. Partikularismus. Dies ist eine interessante und wichtige Ausdifferenzierung (konservativer) Moralphilosophie, weil in unserem Lager häufig ein eindimensionales Weltbild vorherrscht, welches z.B. den Universalismus mit dem Individualismus gleichsetzt und somit nicht in der Lage ist, zwischen einem (universalistisch-individualistischen) Neoliberalen und einem (universalistisch-kollektivistischen) Kommunisten zu unterscheiden.

In diesem Sinne lassen sich grob vier Eckpunkte des moralischen Feldes benennen (auch wenn Fritze selbst dies im Buch nicht explizit macht): Der universalistisch-individualistische Neoliberale, der also konkret auf ein weltweites System abzielt, in welchem der Einzelne (er selbst) zählt; der universalistisch-kollektivistische Kommunist, der konkret auf ein weltweites System abzielt, in welchem alle Menschen als eine riesige Familie zusammenleben; der partikularistisch-individualistische Rechtslibertäre, dem die Menschheit relativ egal ist, solange er für sich selbst und seine Familie das Beste herausschlagen kann, sowie der partikularistisch-kollektivistische Tribalist, dem die eigene Nation, Religionsgemeinschaft (oder auch der Fußballverein etc.) alles bedeutet.

Freilich gibt es in der Realität jedoch mehr als vier Typen von Menschen, weshalb etwa ein politisch Neoliberaler sehr wohl auch leidenschaftlicher Anhänger eines Fußballvereines sein kann, bzw. ein partikularistisch-kollektivistischer Nationalist keineswegs automatisch alle anderen Gruppen abwerten muss und beispielsweise zugleich Katholik (also Anhänger einer universalistischen Religion) sein kann. Es sind diese Nuancen und Konflikte, denen sich ein Großteil des Buches widmet. Leider wird es dabei jedoch selten so konkret wie in den genannten Beispielen; die abstrakten philosophischen Argumentationen in konkrete lebensweltliche Bilder zu übersetzen ist eine Transferaufgabe, die der Leser selbst erfüllen muss.

Klassenkämpfe

Wirklich konkret wird der Autor hingegen bezüglich einer Kategorie, und zwar einer grundsätzlich-politischen: Er unterscheidet durchweg zwischen den ökonomischen bzw. politisch-medialen Eliten der westlichen Gesellschaften und ihren moralischen Überzeugungen einerseits und den Mittel- und Unterschichten und deren moralischen Überzeugungen andererseits. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass die Eliten in gegenwärtigen westlichen Gesellschaften, und also auch in Deutschland, einen ganz anderen moralischen Rahmen für ihr Denken, Fühlen und Handeln besitzen als der Großteil des Volkes. Während Letzteres in großen Teilen traditionellen Denkmustern anhängt, die für die Entwicklung und Stabilität der Nationalstaaten entscheidend waren (z.B. die grundsätzliche Bevorzugung der eigenen Gruppe gegenüber Fremdgruppen, also ein gewisses Maß an vorausgesetztem partikularistischem Kollektivismus), überwiegen bei den Eliten die drei anderen Muster.

Der typische Banker, Manager oder Kapitalbesitzer tendiert demzufolge zu einem individualistisch-universalistischen Weltbild: Für ihn zählt, sich selbst bzw. seine Klienten ökonomisch voranzubringen, und gewachsene Grenzen zwischen Nationen, Völkern etc. stehen ihm dabei tendenziell im Wege. Komplementär dazu vertritt die politisch-mediale Elite unseres Landes ein kollektivistisch-universalistisches Weltbild: Für sie gilt die unausgesprochene Maxime, dass jedes Abweichen von der ideellen Einheit aller Menschen (und vom Weg zur Realisierung dieser Einheit im Weltstaat) zurückgeblieben, reaktionär und/oder proto-nationalsozialistisch ist. Freilich sind sie dabei selten so konsequent, wie es noch die Bolschewisten im frühen 20. Jahrhundert waren (bzw. die heutigen Linksextremen sind), was sich darin zeigt, dass sie im Privaten – Wahl der Schule, des Wohnortes etc. – durchaus zwischen ihren Eigeninteressen und dem ideellen Gesamtinteresse unterscheiden können. Dieser Widerspruch bleibt jedoch stets unterschwellig, würde er doch die unausgesprochene Zusammenhaltsideologie der Grünenwähler-Klasse gefährden.

Vor diesem Hintergrund ist nicht nur ersichtlich, warum es vollkommen richtig war, dass die bpb von einer strukturellen Parallele zwischen Liberalismus und Linksextremismus sprach; vielmehr wird ebenso ersichtlich, warum sich so viele (vermeintlich) Konservative darüber aufregten. Neigt zum Beispiel jemand aufgrund seiner bürgerlichen Sozialisierung zum liberalen Prinzip des individualistischen Universalismus, zugleich aber aufgrund anderer Faktoren zum Partikularismus – handelt es sich also um einen klassischen Liberalkonservativen – wird er gar nicht anders können, als den ihm innewohnenden Widerspruch auf das Äußere zu projizieren und genau das an anderen anzuklagen, was man ihm eigentlich selbst vorwerfen könnte: Dass im Liberalismus stets die Anlage hin zur Entgrenzung und Auflösung steckt, dass es sich also um ein anti-konservatives Prinzip handelt.

Schlussfolgerungen

Doch auch hier gilt: Ganz so konkret wird Fritze in seiner Ausdifferenzierung der moralischen Kategorien nicht, eine wirkliche Typologie findet nicht statt und würde wahrscheinlich auch seinem philosophischen Anspruch widersprechen. Dennoch spitzt er die Dialektik zwischen Eliten und Volk – der sich wohl am zeitgemäßesten im Widerspruch von Anywheres und Somewheres ausdrücken lässt – gekonnt zu. Insbesondere in den letzten beiden Kapiteln nimmt die Lektüre deutlich an Fahrt auf und skizziert (auf Grundlage der zuvor erfolgten Morallehre) eine sehr überzeugende politische Landkarte der Gegenwart:

Mittlerweile besteht das oberste Ziel des politischen Hegemons darin, das Volk geistig auf die in den kommenden Jahrzehnten entstehende Gesellschaft vorzubereiten. Diese Gesellschaft wird in einem hohen Maße […] gemischt sein. Von Teilen der Elite wird dieser Wandlungsprozess als vermeintlich unausweichlich hingenommen, von anderen Teilen derselben Elite begrüßt und entweder aktiv befördert oder aus pragmatischen Erwägungen vorübergehend gedrosselt. Er deckt sich mit dem grundsätzlichen Wollen der kosmopolitisch und universalistisch orientierten Elite. Relevante Vertreter dieser Elite begreifen diesen Wandel der europäischen Gesellschaften als Verwirklichung eines auf der politischen Tagesordnung stehenden Zukunftsprogramms.

S. 218

Darüber hinaus spricht Fritze im Nachwort ausgesprochen explizit die Profiteure dessen an, was wir an anderer Stelle als neoliberale Revolution analysiert haben und wofür David Engels den Begriff des „Milliardärssozialismus“ verwendet:

Unter den Bedingungen der Globalisierung und des dadurch aufgezwungenen Wettbewerbs um Standortvorteile sinken die Gestaltungsmöglichkeiten einzelner Nationalstaaten, insbesondere ihre Fähigkeit, auf die Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns Einfluss zu nehmen. Werden die dadurch entstehenden Regulierungsdefizite nicht durch internationale Absprachen aufgefangen, halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass die Menschheit unter die Herrschaft einer global vernetzten, transnationalen, an keine Gemeinschaft und kein Territorium gebundenen „Geldelite“ gerät, die einen moralischen Universalismus zwar im Munde führt, selbst aber im Dienste eigener Interessen agiert.

Diese sich zu einer globalen und weltweit agierenden Klassen formierenden reichsten Einzelpersonen und Familienclans mit einem Milliardenvermögen träfen die wichtigsten wirtschaftlichen Entscheidungen entweder selbst oder beeinflussten sie über angestellte Konzern- und Bankmanager.

S. 239

Fritze sieht also konkret die Gefahr eines totalitären globalen Finanzkapitalismus, der alle autonomen Nationalstaaten und -ökonomien auflöst und zu einer einzigen Verfügungsmasse für die internationale Elite formt. Das einzige, was dieser Entwicklung gegenwärtig im Wege steht, ist die Tatsache, dass die herrschenden „Einzelpersonen und Familienclans“ längst aus den verschiedensten Nationen der Erde stammen und somit auch in sich noch davon entfernt sind, eine wirklich homogene Klasse zu bilden – zumal etwa chinesische, indische oder arabische Oligarchen keineswegs die universalistischen Werte westlicher Eliten teilen. Diese strukturelle Verzögerung – wenn nicht gar Unmöglichkeit – in der Herausbildung einer wirklich hegemonialen Weltelite ist es, die rechten politischen Bewegungen in der westlichen Welt den nötigen zeitlichen Spielraum gibt, die Entwicklung hin zu einer globalistisch entgrenzten Welt zu verlangsamen und, hoffentlich, zuletzt aufzuhalten. Dafür braucht es, so die Implikation, einer Aufklärung und Mobilisierung der Volksmassen der Anywheres, für die ein moderater partikularistischer Kollektivismus noch immer der (wenn auch unausgesprochene und häufig unbewusste) psychologische Normalzustand ist.

Fazit

Wer zuerst diese Besprechung und dann Kulturkampf liest, wird unweigerlich feststellen, dass viele der Schlussfolgerungen und Konkretisierungen, die wir getroffen haben, im Buch so gar nicht bzw. nur implizit angerissen werden. Dies hat einen Grund: Das Buch ist in erster Linie nicht als politisches Programm oder strategisches Handbuch gedacht, sondern als moralphilosophische Untermauerung einer konservativen Weltanschauung. Es handelt sich gewissermaßen um einen sehr gut sortierten Lego-Baukasten, mit dem man eine wunderschöne Universität bauen soll – mit dem man aber auch allerhand Burgen, Waffen und Geschützstellungen bauen kann. Die Frage ist, ob man dazu die Kreativität und das nötige Know-How besitzt – in der beigelegten „Bedienungsanleitung“ werden gewisse alternative Anwendungen zwar skizziert, aber nicht wirklich ausgearbeitet.

Für wen ist die Lektüre also konkret zu empfehlen? Zunächst ist sie jedem Konservativen zu empfehlen, der ein gewisses Interesse an philosophischen Themen sowie hinreichend Geduld und Disziplin mitbringt, sich auch wirklich darauf einzulassen. Ist dem nicht so, lässt sich der Kauf zwar auch wegen der letzten Kapitel rechtfertigen – dann wäre es allerdings erwünschenswert, diese noch einmal getrennt und in kompakter Form (z.B. als kaplaken) zu veröffentlichen. Wer nach der Lektüre dieser Besprechung „Lust auf mehr“ hat, wird leider enttäuscht werden, denn genau in die Richtung der hier vorgezeichneten Schlussfolgerungen geht das Buch eher nicht. Wer hingegen an der ein oder anderen Stelle gedacht hat, dass wir zu oberflächlich oder „ökonomistisch“ argumentieren und tatsächlich tiefer in die philosophischen Grundlagen konservativer Weltanschauung eintauchen will, dem ist die Lektüre ausdrücklich empfohlen. Dasselbe gilt für unsere politisch-medialen Eliten – für sie sollte Kulturkampf eigentlich Pflichtlektüre sein, doch ausgerechnet an ihnen wird es leider vorbeigehen.

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