Linkes Sprachmisstrauen

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Linke messen der sprachlichen und bildlichen Repräsentation der Welt außerordentlich viel Gewicht bei. Rechte legen hingegen Wert auf eine möglichst exakte Beschreibung der Fakten. Sowohl der Fokus auf Symbolik als auch das Beharren auf der empirischen Realität bringen jeweilige Stärken und Schwächen mit sich.

Sinneseindrücke, Experimente und theoretische Modelle

Es gibt zweifellos viele verschiedene Arten, wie der Mensch den Kosmost begreift: Es gibt Sinneseindrücke, es gibt Experimente und theoretische Modelle, es gibt Metaphysik und psychologische Studien. Im Folgenden soll es aber um zwei Arten gehen, die auch als einander entgegengesetzte Pole begriffen werden können: Die Betrachtung der bildlichen und sprachlichen Repräsentation der Dinge, und die Betrachtung der Dinge (der »harten Fakten«) selbst.

Warum Repräsention und harte Fakten? Nun, dies ist ein Magazin über kulturelle und politische Fragen, und es ist auffällig, dass die Beschäftigung mit der Repräsentation beziehungsweise mit den sogenannten harten Fakten sich oft mit bestimmten politischen Sichtweisen deckt, die man im Volksmund links und rechts nennt – zweifellos nicht unbedingt genaue Begriffe, die hier der Einfachheit halber dennoch verwendet werden. Im öffentlichen Diskurs lässt sich beobachten: Linke beschäftigen sich vielfach mit Erscheinungen, Konnotationen und Assoziationen, und schließen von diesen Dingen häufig auf die ihnen vermeintlich zugrundeliegenden Tatsachen, Rechte favorisieren die Rede über (vermeintlich) harte Fakten. Beide Strategien sind in ihrer radikalen Form unvollständig und fehleranfällig. Wieder einmal zeigt sich die Notwendigkeit, ab und zu die eigene politische Komfortzone zu verlassen und Argumente der Gegenseite nachzuvollziehen.

Linke: Zwei Arten von Fehlern

Dies zeigt sich exemplarisch an der Genderdebatte: Während links über Geschlechterrollen, binäre Normvorstellungen und Machtverhältnisse debattiert wird, pocht man rechts darauf, dass zwei biologische Geschlechter existieren, die klar voneinander getrennt sind und von Natur aus bestimmte Eigenschaften besitzen. Wie so oft ist die Realität komplex: Natürlich sind nicht alle Elemente von Geschlechterrollen durch die Natur des Menschen determiniert, dennoch spielt der biologische Geschlechterdimorphismus eine zentrale Rolle. Rechte tendieren also zur Reduktion gesellschaftlicher Rollen auf Biologie, welche sie als Ergebnis des gesunden Menschenverstands bezeichnen, während bei Linken die Überbetonung der sozialen bzw. kulturellen Rollen zur Leugnung biologischer Tatsachen führt.

Auch andere Beispiele zeigen ein ähnliches Bild. Dazu kann man sich den Diskurs um Flüchtlingsströme anschauen, die nach Europa Krankheiten einschleppen, welche hierzulande als längst besiegt gelten. Tendenziell rechte oder zumindest diesbezüglich unkritische Nachrichtenquellen machen auf die Korrelation der Flüchtlingswelle mit der Wiederkehr bestimmter überwunden geglaubter Krankheiten aufmerksam. Aus der Korrelation entsteht dabei auch oft eine Kausalität, auch wenn dies nicht immer gerechtfertigt ist und der Schein trügen kann.

Mit dem Schein, also dem bloßen Diskurs über den Zusammenhang zwischen der Wiederkehr von Krankheiten und Flüchtlingskrisen, beschäftigen sich wiederum die Linken und sehen in der Argumentation der Rechten ausschließlich Rassismus – wo das Verbreiten von Krankheiten Thema ist, da ist die Assoziation mit Ungeziefer nicht weit und damit die dunklen Stunden der deutschen Geschichte, in denen Juden als Parasiten am Volkskörper diffamiert wurden. Und während für die Rechten die Hautfarben schwarz und weiß Tatsachen sind, die natürlich zu genetisch verschiedenen Menschengruppen gehören, verweisen Linke auf die positiven Assoziationen, die der Begriff »weiß« erweckt (Unschuld, Reinheit…) und den negativen Beigeschmack von »schwarz« (Dunkelheit, Gefahr…) sowie darauf, dass Weiße farblich gesehen nicht weiß und Schwarze selten wirklich schwarz sind. Die Erwähnung der Hautfarbe an sich ist allerdings auch schon verdächtig, rassistische Konnotationen zu transportieren und sollte daher am besten gar nicht thematisiert werden. Sprachliche Darstellung bestimmter Sachverhalte wird damit von vornherein tabuisiert.

Wenn die Fixierung auf Repräsentation zum Problem wird

Dadurch kommt man natürlich in eine Bredouille: Probleme dürfen nicht benannt, müssen aber angegangen werden. Deutlich tritt dieser Konflikt bei der Amadeu-Antonio-Stiftung zutage. In einer Broschüre zu Gaming und Hate Speech wird der Topos des weißen Erlösers in Computerspielen kritisiert:

»Er verhilft in Geschichten nicht-weißen Menschen zur Freiheit. Gleichzeitig wird jedoch erzählt, dass die Diskriminierten sich nicht erfolgreich selbst befreien können und folglich von einer weißen Person geführt werden müssen; sie sind ohne den ‚weißen Erlöser‘ wie hilflose Kinder.« (Zitat ohne Genderschreibweise übernommen)

Die Darstellung der Hilfe durch Weiße ist offenbar nicht erwünscht. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Die Broschüre zur antisemitismus- und rassismuskritischer Jugendarbeit verrät:

»Soll Rassismus als integraler Bestandteil gesellschaftlicher Machtverhältnisse ernsthaft hinterfragt, reflektiert und überwunden werden, dann müssen sich auch diejenigen mit ihrer gesellschaftlichen Position auseinandersetzen, die nicht von Rassismus betroffen sind: die weiße Mehrheitsgesellschaft. Nur wenn diese Auseinandersetzung auch von denjenigen geführt wird, die von Rassismus und Antisemitismus profitieren, können davon geprägte gesellschaftliche Strukturen verändert werden.«

Ohne Weiße geht es offenbar nicht. Das führt zur einer paradoxen Situation, in der weiße Helfer zwar unentbehrlich sind, aber ihre Hilfe nicht thematisiert werden darf. Durch die Darstellung weißer Helfer, so die Logik, würdigt man automatisch die Hilfsbedürftigen herab. Man soll helfen, aber nicht darüber reden.

Kein Denken ohne Sprache – auch für Linke

Natürlich kann Kommunikation auf diese Art und Weise nicht funktionieren. Was geschieht, muss sprachlich abgebildet werden können. Wenn die Worte fehlen, wird Denken unmöglich. Nicht umsonst hieß es bei Wittgenstein: »Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt«. Das von Orwell erfundene fiktive Neusprech hatte zum Ziel, durch Sprachreduktion sogenannte Gedankenverbrechen unmöglich zu machen. Ähnlich verfahren kurzsichtige Linke, die Rassismus durch das Ausrotten negativer, in radikalen Fällen sogar aller Begriffe für Menschen verschiedener Abstammung verhindern wollen und Begriffe tabuisieren, die negative Konnotationen transportieren könnten, etwa weil sie zum Wortschatz der NS-Zeit gehörten – auch wenn sie häufig viel älter waren. Sie verkennen, dass ihre selbst verursachten Probleme dadurch unlösbar werden.

Was also tun gegen linkes Sprachmisstrauen? Helfen würde es zunächst, die Sprache nicht als ein an darin widergespiegelten Machtverhältnissen krankendes Kommunikationsmittel zu sehen, das nur durch komplette Erneuerung von seinen Makeln geheilt werden kann. Die Sprache ist nicht krank. Sie ist historisch gewachsen. Ihre Strukturen und ihre Wörter sind wesentlich älter, als wir es sind und sie werden uns und unsere Kinder überdauern. Die Sprache hat viele Herrscher und viele Ideologien überlebt und ihr künstlich aufgedrückte Begriffe wie lästig gewordene Moden abgestreift. Vertrauen wir doch einfach mal darauf, dass sie das auch in Zukunft tun wird.

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