Liberalismus durch die Hintertür

Was ist gemeint, wenn die Neue Rechte den Liberalismus kritisiert? Wofür steht dieser sperrige Begriff überhaupt? Die Kritik richtet sich nicht gegen sogenannte Errungenschaften, die dem Liberalismus zugeschrieben werden, wie der Rechtsstaat, die Gewaltenteilung oder die Pressefreiheit. Auch die Demokratie wird nur selten ins Visier genommen.

Von Carsten Jung

Wenn wir dagegen von mechanischen Denkweisen sprechen, kommen wir dem Kern bereits näher. Doch ganz zentral richtet sich die Kritik gegen einen Charaktertypus, den die liberale Gesellschaft hervorgebracht hat. Eine Mentalität der Unverschämtheit, Maßlosigkeit, Ignoranz und Besserwisserei. »Der Deutsche ist heute nicht selten ein Schweinchen Schlau, unmäßig in seinem Anspruch, um keine Ausrede verlegen, ein ganz großer Ich-Sager, ein Ausbeuter, ein Sozialschmarotzer, ein Blender, ungebildet, desinteressiert und weinerlich.« schreibt Götz Kubitschek. Er stellt ihm den Wahlpreußen entgegen, denn Preußen verkörpert für ihn einen gelungenen Ausgleich zwischen der Gemeinschaft und der Freiheit des Einzelnen.

Mit seiner Charakterbeschreibung der Deutschen des 21. Jahrhunderts trifft Kubitschek den Nagel auf den Kopf. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass es zu Missverständnissen kommt, wenn für dieses konkrete Phänomen der allgemeine Begriff »Liberalismus« verwendet wird. Rolf Peter Sieferle führte deshalb für das genannte Verhalten die Bezeichnung des dionysischen Individuums ein. Er beschrieb es wie folgt: »Es zerfließt an seinen Rändern, ist widerspruchsvoll, widerständig, immer auf der Suche nach Lust, Reiz, Sensation, auf der Flucht vor Bindungen, Fremdbestimmung, Verpflichtungen.« Er grenzt das dionysische Individuum von seinem Vorgänger, dem bürgerlich-liberalen Individuum, ab. Dieses charakterisiert er als steif, auf Bildung und Kultur fixiert, das ganze Leben als Arbeit empfindend. Wenn ich im Folgenden von Liberalismus schreibe, beziehe ich mich, so wie es in rechten Kreisen üblich ist, auf das dionysische Individuum.

Die Untugenden des Liberalismus

Nach dieser Einführung möchte ich mich dem eigentlichen Thema des Artikels widmen. Es gib nun nämlich eine Spielart dieses Liberalismus, die sich selbst als Rechts bezeichnet. Ja, sogar als die eigentlichen Rechten. Und sie schimpfen auf den Liberalismus, ohne zu merken, dass sie selbst dazu gehören. Der Neonazismus der 90er Jahre ist eine solche Form des Liberalismus. Verkörpert wird er durch Bands wie »Landser« oder »Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten«. Das Ausleben von Frust und primitiven Trieben steht in dem Mittelpunkt. Dazu gehört asoziales Verhalten, Grölen und Enthemmung. Alle Untugenden des Liberalismus werden hier auf die Spitze getrieben. Schändlicherweise ist diese degenerierte Musik auch noch mit der Bezeichnung »Rechtsrock« belegt worden. Es handelt sich jedoch um eine Ausprägung des BRD-Liberalismus, eine Subkultur und keiner Gegenkultur. Es ist eine zwangsläufige Erscheinung in einer liberalen Gesellschaft, die dazu anhält, Tabus zu brechen und die den Nationalsozialismus als das größtmögliche Tabu betrachtet. Es ist für diejenigen, die sich von satanistischem Metal gelangweilt fühlen, weil das Tabu schon hundertmal zuvor gebrochen wurde und für sie keine echte Provokation mehr darstellt.

Dieses Phänomen ist nah verwandt mit einem Verhalten, das im Internet als »edgy« bezeichnet wird. Im Mittelpunkt steht die Lust zu provozieren und anzuecken. Dies gipfelt in der Bezeichnung des »edgelords«, welche vom Urban Dictionary wie folgt definiert wird:

»Poster on an Internet forum, who expresses opinions which are eitherstrongly nihilistic, or contain references to Hitler, nazism, fascism, or other taboo topics which are deliberatelyintended to shock or offend readers.«

Das Hauptziel dabei ist es, zu schockieren. Gibt es empörte Reaktionen, wird dies als Erfolg gewertet. Das geht auch ganz ohne NS-Bezug. Als ein Beispiel von Links sei hier Sarah Rambatz genannt, die auf Twitter nach Filmen suchte, »wo Deutsche sterben.« Eine asoziale Bemerkung, die viele in ihrer Szene gewiss »cool« finden. Es ist der Weg der Subkulturen, sich vom Mainstream abzugrenzen und eine vermeintliche Individualität zu simulieren.

Die dionysische Gesellschaft

In unserer dionysischen Gesellschaft muss das genannte Verhalten immer wieder in unterschiedlichen Formen auftreten. Die Versuchung verlockt dazu Primitivität auszuleben und sich als harte Außenseiter zu inszenieren. Es geht darum den Eindruck zu vermitteln, über den moralischen Normen zu stehen. Gerade für Halbstarke, die wenig Lebenserfahrungen vorweisen, ist es einfach und bequem Landser aufzudrehen und sich vermeintlich »hart« und »rechts« zu geben. Dies ist der Beginn einer Abwärtsspirale. Untugenden machen sich breit. Es führt zu destruktiven Verhaltensweisen. Freundlichkeit und gesittetes Auftreten werden von ihnen mit Schwäche gleichgesetzt- es passt nicht zu dem Selbstverständnis ihrer Szene. Es ist der Weg in die Rolle des vom System vorgegebenen Buhmann. Es ist der Versuch, die politische Ohnmacht durch Hetzen und Pöbeln zu überspielen. Schließlich bleibt nur festzustellen, dass selbst die meisten »Normies« mehr Anstand besitzen und ihren Liberalismus nicht so hemmungslos ausleben.

Dass dies kein kleines Problem ist, möchte ich anhand einer Anekdote verdeutlichen. Ich saß einmal mit jungen Rechten aus ganz Deutschland und einigen Kästen Bier beisammen. Da kam ein prominenter Ex-AfD Politiker aus Brandenburg mit einer Musikbox vorbei und machte Electro-Musik an. Nach einiger Zeit stellte jemand die Frage, ob er nicht sein Handy verbinden und ein paar deutsche Lieder anstellen könne. Die Antwort des Politikers kam prompt: »Nein. Es bleibt Elektromusik. Ich weiß ja, wo das sonst hinführt.« Die Implikationen dieser Aussage sprechen Bände. Natürlich kennt der Politiker seine Pappenheimer. Doch was ist das für ein Armutszeugnis für die Junge Rechte in unserem Land! 

Gerade unter dem Deckmantel rechts zu sein, kann sich in unseren Reihen immer wieder ein Liberalismus ausbreiten. Da hilft es nur, ihn schonungslos aufzudecken, entsprechende Personen anzusprechen und selbst mit einem guten Beispiel voranzugehen. Geben wir diesem toxischen Liberalismus keine Chance.

  1. Mit der Botschaft des Artikels kann ich diesmal nichts anfangen, weil er die Methode mit dem Inhalt verwechselt bzw. den Weg mit dem Ziel. Nicht alles, was die Methoden / Medien / Spielräume nutzt, die der Liberalismus bietet bzw. offen lässt, weil es eben zu ihm gehört, ist selbst “liberal” – völlig unabhängig davon, ob es jetzt um Rechtsrock geht, um Black Metal, oder um eine Band, die sich zum Stalinismus bekennt. Liberalismus ist soziologisch gesprochen gleichbedeutend mit dem normativen Ziel der funktional differenzierten Gesellschaft, in der das Politische seines Primats beraubt ist.

    Liberalismus gleich da zu vermuten, wo rumgegröhlt oder provoziert wird, klingt für mich eher wie die Aussage eines evangelikalen Bibelkreises als wie fundierte politische Theorie. Wir alle nutzen im Endeffekt die Korridore, die der Liberalismus anbietet (auch der Autor, auch ihr, auch ich – etwa im Zuge der Nutzung liberal verorteter sozialer Netzwerke), um dessen eigene Verfehlung aufzuzeigen. Völlig unabhängig davon, was man jetzt von einzelnen anderen Leuten oder Gruppen hält, die das ebenfalls tun: Liberalismus ist das deswegen noch nicht. Das wäre eine unterkomplexe Schlussfolgerung.

  2. Mir als (im Unterschied zu Florian Sander) komplett Fachfremden ist bislang nicht klar, wie sich rechte Liberalismuskritik konstruktiv gestalten ließe, also welche Gesellschafts- oder Wirtschaftsordnung man als moderner Rechtskonservativer denn nun vertreten könnte. Kapitalismus bejahen eigentlich alle drei politischen Großideologien – Sozialismus, Liberalismus, Konservativismus –, eine Kapitalakkumulation findet nur durch jeweils unterschiedliche Hände statt. Die kollektivistischen Ideologien Sozialismus und Konservativismus neigen zur Alleinherrschaft eines Bevölkerungsteils – benannt als Stand, Kaste oder Klasse –, den eine einzige Partei, ein Diktator oder ein Monarch verkörpern können, während sich der individualistischen Ideologie Liberalismus die Herrschaftsform Demokratie als fair aufdrängen musste.

    Falls diese historische Einordnung in etwa zutreffen sollte, so wäre die politische Idee des Liberalismus schließlich nicht komplett zu verwerfen, sondern angesichts einer Atomisierung der Gesellschaft sowie des empfundenen Mangels an positiv besetzter deutscher Ethnizität stattdessen angemessen modern rechtskonservativer zu erden. Dabei ginge es natürlich keinesfalls um ein völkisch exklusives, sondern um ein neues volklich inklusives Gemeinschaftsempfinden auf dem Fundament einer selbstbewussten deutschen Leitkultur, an deren inhaltliche Ausgestaltung sich leider niemand herantraut, als Mahnmal diene das vergebliche Bemühen des patriotischen Flügels, weil neben Ideen auch gute Begriffe fehlen.

    Daneben hat das deutsche Grundgesetz nicht zuletzt auch dem Liberalismus das zivilreligiöse Konzept der Menschenwürde zu verdanken, das traditionsbewusste Rechtskonservative schon allein deswegen wertschätzen sollten, weil es historisch wohl im abrahamitischen Religionssystem wurzelt. Kritischer sehen kann man sicher den gesellschaftlichen Gestaltungsauftrag, der zugleich im Konzept angelegt sei und eine zeitgemäße Exegese ermögliche. Kürzlich schrieb auch Florian Sander hierzu etwas in seinem Blog, missversteht jedoch womöglich den Grundgedanken des Konzepts einer basalen Würde als gott- oder naturgegebener, verhaltensunabhängiger Wert (!) eines jedes Menschen an sich, der nie mit dem verhaltensabhängigen Konzept der äußeren Ehre als einem sozialen Anerkennungsverhältnis vermengt werden sollte, denn andernfalls wäre diese Menschenwürde plötzlich nichts Absolutes mehr, sondern leistungsabhängig. Genau der soziale Gestaltungsauftrag birgt die Gefahr, aus dem qualitativ erdachten Konzept ein quantitatives zu machen; Würde wäre kein Geschenk mehr, sondern erworben.

    Und schließlich geht es auch um die ganz praktische Frage, wie autoritär ein Staat ausgerichtet sein sollte, der sich selbst als postliberal verstünde. Wo genau griffe die Exekutive wie stark ins Privatleben ein, momentan nerven schon übergriffige Corona-Maßnahmen, oder liefe dies auf freiwilliger Basis auf die gezielte Stärkung tradierter Strukturen hinaus, etwa in den Bereichen Familie, Verein, Brauchtum, Glaube, Ehrenamt, Volk, Nation, doch allein über intelligente bildungs- sowie kulturpolitische Anreize?

    Kurzum, den im Artikel unter dem Label Liberalismus kritisierten hedonistischen Lebensstil kann man wirklich toxisch nennen, gleiches gilt für die ehrlose Ellenbogenmentalität im Neoliberalismus, die statt langfristiger menschlicher Bindungen aus und in Dankbarkeit lediglich funktionale Zweckbündnisse auf Zeit kennt, doch zur konservativen Ständegesellschaft dürfte niemand zurückwollen. Also welches Ziel, auf welchem Weg? Auch wegen eigener Bildungsdefizite gefiele mir selbstbewusster Traditionalismus auf der Basis eines politisch klug gesetzten, gerechten Regelwerks, dessen konsequentes Leben im Alltag jedem Individuum zur Ehre gereichen und sich in Form von sozialer Anerkennung lohnen sollte.

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