Leons Identität – Ein großer Flopp

Leons Identität soll Jugendliche aus NRW und ganz Deutschland davon abhalten, sich patriotisch für ihre Heimat zu engagieren. Dabei ist es schon zu einem Meme geworden, hat aber unserer Meinung nach noch nicht die verdiente Aufmerksamkeit bekommen. Eine Kurzrezension.

Leons Identität ist ein angeblich „abenteuerliches“ Spiel, bei dem der 15-Jährige Jonas seinen großen Bruder Leon sucht, welcher von zuhause verschwunden ist. Des Rätsels Lösung: Leon ist zur Sommeruniversität der „Atavistischen Aktion“ gefahren, welche natürlich eine Anspielung auf die Identitäre Bewegung ist.

Leons Zimmer –Auf dem Wandposter: Das Charlottenburger Tor in der Hauptstadt Chlerin

Das Spiel startet mit einer Anfangssequenz, in der ein hysterischer und verzweifelter Vater sich Sorgen um seinen verschwundenen Sohn Leon macht; im Hintergrund ist die Mutter zu hören, die den Vater beruhigt. Damit hätte man schon mal die Geschlechterrollen revolutionär verändert. Anschließend hört man noch die Polizei.

Nach dieser dramatischen Sequenz startet man als Jonas in der Ego-Perspektive in Leons Zimmer und muss dieses auf Hinweise bezüglich Leons Verschwinden untersuchen. So muss man in alle Schränke reinschauen und kann sich im ganzen Zimmer umsehen. An den Wänden findet man „rechtsextreme Poster“ und auf den Tischen „rechtsextreme Zeitschriften“, welche natürlich ihre Vorbilder in der Realität haben.

Populi und Dense statt Arcadi und Compact

Nachdem man ein wenig gesucht hat, findet man das Passwort für den Computer und kann sich sehr begrenzt auf diesem umschauen. Man findet einen Browser, eine Discord ähnliche App und eine Spotify-Nachmache. Sobald man die Emails von Leon durchsucht hat, findet man den Grund für sein Verschwinden heraus. Er wurde natürlich in alter Incel-Manier von einer Freundin (seiner „Flamme“) namens Lina enttäuscht, welche mit dem gemeinsamen türkischen Freund Elyas zusammen kam.

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Diese sehr realitätsnahe Situation brachte Leon dazu, sich der rechtsextremen Atavistischen Aktion anzuschließen. Natürlich hört Leon auch Szene-Musik, wie hier Eva oder Arne Groll, welcher Chris Ares nachempfunden sein soll. Die Lieder, welche Jonas beim Durchsuchen vor lauter Ekel am liebsten löschen würde, tragen Namen, wie „Mein Vaterland“ oder „Patriotenland“. Auf dem Discord-Server der Atavistischen Aktion findet man extrem lustige und angeblich rechte Memes, wie z.B:

Mutti ist auf dem linken Auge blind! Hahaha

Mehr kann man jedoch nicht auf dem Computer erleben. Da haben sich die 225.000 Euro, welche im Auftrag des Innenministeriums NRW ausgegeben wurden, wirklich gelohnt. Gratis Expertise gab es übrigens vom Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen.

Nachdem man sich durch das dreckige Zimmer gewühlt hat (wie man weiß, sind Rechte nicht dazu in der Lage, ihren Haushalt sauber zu halten), findet man in einer kleinen Ecke eine versteckte Tür. Mit einem Schlüssel, den man mit dem im Zimmer vorhandenen 3D-Drucker gedruckt hat, kann man diese Tür öffnen. Nun sieht man das Handy von Leon, mit dem man ihn auf seiner neuen, im Discord gefundenen Handy-Nummer anruft.

Es kommt zu einem emotionalem Gespräch zwischen Leon und seinem kleinen Bruder. Teilweise stimmen die Antwortmöglichkeiten nicht wirklich zu den Sätzen, die Leon gesprochen hat, aber man kann ja wohl kaum für so wenig Geld ein zumindest fehlerfreies Spiel erwarten. Auf jeden Fall hat dieses emotionale Gespräch zwei mögliche Enden: Entweder überzeugt Jonas seinen Bruder dazu, aus der Szene auszusteigen, oder der Versuch schlägt fehl – Ob Leon sich dann weiter radikalisiert und sich Arne Grolls Freischärlern anschließt, bleibt offen.

Ganz amüsant ist zudem, dass man Leon im Telefongespräch auf ein rechtsextremes Symbol über seinem Bett anspricht: Eine falsch herum hängende Deutschlandfahne.

Bei der Atavistischen Aktion muss man nicht nur jede Ausgabe Schisma vom Laios-Verlag aus Albersroda lesen, sondern auch abends den Bundesadler kopfüber anbeten.

Produziert wurde das Spiel von der bildundtonfabrik, welche auch für Neo Magazin Royale verantwortlich war. Bei einer Pressekonferenz mit NRW-Innenminister Herbert Reul, Mitarbeitern des Verfassungsschutzes und Mitarbeiten der bildundtonfabrik wurde das Spiel vor einigen wenigen Journalisten vorgestellt. Gespielt wurde das Spiel bislang kaum, erhielt bei Veröffentlichung jedoch Aufmerksamkeit in den Medien als angebliches Werkzeug im Kampf gegen Rechts™.

Zusammengefasst kann man sagen, dass das Geld verschwendet wurde für ein schlechtes, absolut nicht abenteuerliches und peinliches Gameplay. Die Grafik kann sich sehen lassen, die Synchronisation der Charaktere ist jedoch kaum ertragbar, besonders Jonas ist mit einer überzogenen Dramatik gesprochen.

Der Westdeutsche Rundfunk hat in einem Online-Artikel übrigens Folgendes zum Spiel zu berichten:

Spaß statt erhobener Zeigefinger

Reul definiert allerdings ein anderes Ziel für das Adventure-Game. “Es soll Spaß machen, nur dann funktioniert es”, erklärt er. Einen anderen Weg für die Akzeptanz des von staatlicher Hand programierten Spiels sieht er nicht – womit er nicht falsch liegen dürfte.

https://www1.wdr.de/nachrichten/landespolitik/computerspiel-gegen-rechts-100.html

Und was soll der ganze Zirkus am Ende des Tages bringen? Wir wissen es auch nicht. Die Vorstellung, dass ein junger Patriot Leons Identität findet und dadurch seine eigene verliert, ist für uns nicht ganz nachvollziehbar. So denken vielleicht Herbert Reul und seine Mitarbeiter über ihren Bezug zu Deutschland: Immerhin wurden er und seine Kabinettskollegen 2017 nicht auf das deutsche Volk eingeschworen, sondern diskriminierungsfrei nur noch auf das Land NRW (unten bei “Artikel 53”). Na dann, viel Spaß.

Viel Spaß wünscht auch NRW-Innenminister Reul1

Bildquellen:

Titelbild: In-Game Screenshot “Leons Identität”

1 (© Superbass / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), 2019-01-23-Herbert Reul-Maischberger-1544, cut out face by konflikt, CC BY-SA 4.0)

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