Landtagswahl NRW 2022 – Datenanalyse

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Nordrhein-Westfalen wählt am 15.05. einen neuen Landtag. Welche gesellschaftlichen Zahlen, Daten und Fakten könnten bei der Wahl eine besondere Rolle spielen und wie sollte sich die AfD dazu positionieren? Eine Datenanalyse.

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote in NRW beträgt 7,5 Prozent und liegt damit höher als in Sachsen, Thüringen oder Brandenburg. Besonders dramatisch hoch ist der Arbeitslosenanteil im Ruhrgebiet: Städte wie Gelsenkirchen (14,9 Prozent), Duisburg (12,1 Prozent) oder Dortmund (11,4 Prozent) übertreffen in dieser Hinsicht alle ostdeutschen Landkreise und Städte. Nur in ländlichen Gebieten in Westfalen liegt der Anteil bei unter 5%.

Einkommen

Im Durchschnitt hat ein Nordrhein-Westfale 23.093 Euro verfügbares Einkommen pro Jahr, 600 Euro weniger als im Bundesschnitt. Innerhalb des Bundeslands sind die Regionen Düsseldorf, Gütersloh und das Sauerland mit über 25000 Euro pro Einwohner einkommensstark, das Ruhrgebiet ist diesbezüglich mit Werten von weit unter 20.000 Euro die ärmste Gegend Deutschlands.

Erwerbstätige im primären Sektor

Obwohl NRW außerhalb der Großstädte einen starken Agrarsektor vorzuweisen hat, liegt der Anteil der dort Erwerbstätigen bei 0,8 Prozent, weit unter dem Bundesschnitt von 1,3 Prozent. Selbst im Münsterland, das als besonders landwirtschaftlich geprägt gilt, arbeiten nicht einmal 3 Prozent in Land- und Forstwirtschaft.

Erwerbstätige im sekundären Sektor

Im verarbeitenden Gewerbe arbeiten 15,9 Prozent aller Erwerbstätigen in NRW, was vom bundesweiten Wert von 17,1 Prozent vergleichsweise leicht abweicht. Schwerpunkte des sekundären Sektors in NRW sind der Raum Bielefeld und Südwestfalen, wo teils bis zu 40 Prozent aller Erwerbstätigen im sekundären Sektor arbeiten. Besonders wenige gibt es im Ruhrgebiet und in den Großstädten des Rheinlands (teils unter 10 Prozent).

Erwerbstätige im tertiären Sektor

Hier liegt der Anteil in NRW bei 76,8 Prozent, leicht über dem Bundesschnitt von 74,6 Prozent. Anders als beim sekundären Sektor gibt es hier ein West-Ost-Gefälle: Während viele Einwohner aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet im Dienstleistungssektor tätig sind, sind es vor allem in Südwestfalen und im Landkreis Gütersloh besonders wenige.

Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde

In NRW beträgt die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in Form des umgesetzten Bruttoinlandsprodukts 54,80 Euro pro Arbeitsstunde und liegt nur 40 Cent über dem bundesweiten Mittel. Entlang des Rheins werden in einer Arbeitsstunde bis zu 70 Euro umgesetzt, im Norden des Ruhrgebiets sind es oft nur knapp über 40 Euro.

Bevölkerungsentwicklung

NRW verzeichnet einen überdurchschnittlichen Bevölkerungsrückgang um 12,1 Einwohner pro 100.000 Einwohner. In Duisburg, Oberhausen, Mönchengladbach und Südwestfalen sind die größten Rückgänge der Bevölkerungszahl zu verzeichnen, während an der Grenze zu den Niederlanden und Belgien die Bevölkerung besonders stark wächst.

Geburten, Sterbefälle und Altersklassen

In NRW gibt es mehr Lebendgeburten pro 10000 Einwohner als im Bundesschnitt (94,8 bzw. 93,0 Lebendgeburten). Werte von über 100 Geburten pro 10000 Einwohner werden vor allem in den Großstädten, die als Ausländerhochburgen bekannt sind, erreicht, Werte meist knapp darunter im Münsterland und in Ostwestfalen. Eine weit unterdurchschnittliche Geburtenrate von unter 85 wird nur in den Kreisen Viersen und Wesel erzielt.

Die Sterberate in NRW liegt mit 119,5 Todesfällen pro 10000 Einwohner recht genau im Bundesschnitt. Während zwischen Münster und Paderborn sowie in Köln und Düsseldorf teils Sterberaten von unter 100 pro 10000 Einwohner erfasst werden, liegen die Werte im Ruhrgebiet etwa anderthalb Mal so hoch, was auf eine Überalterung des Ruhrpotts schließen lässt, die allerdings immer noch niedriger als in Ostdeutschland ausfällt. Dahingegen halten sich in rheinischen Großstädten und im Münsterland Geburts- und Todeszahlen etwa die Waage.

Auch bei den verschiedenen Altersklassen gibt es Unterschiede: Im Münsterland, in Ostwestfalen-Lippe und in der Region Bonn gibt es besonders viele Unter-18-Jährige, die meisten Erstwähler selbst im Bundesvergleich sind in so gut wie allen nordrhein-westfälischen Großstädten zu finden. Währenddessen ist in ganz NRW nirgends der Anteil der Senioren besonders hoch.

Anteil an Personen mit Migrationshintergrund

NRW hebt sich mit einer Quote an Personen mit Migrationshintergrund von 24,5 Prozent deutlich von der gesamten Bundesrepublik (19,5 Prozent) ab; hierbei bildet allerdings der Zensus 2011 die statistische Grundlage. Die Zahlen dürften sich in der Zwischenzeit deutlich erhöht haben. Eine ausführliche Analyse zu diesem Thema, in dem auch beispielhaft NRW analysiert wird, ist hier einzusehen.
Im Zuge des Ukrainekonfliktes ist die Betrachtung des Aussiedlermilieus in NRW vonnöten: Fast die Hälfte der Aussiedler stammt aus Polen, etwas mehr als die Hälfte aus Russland. Aussiedler sind in NRW vor allem in Ostwestfalen zu finden, aber auch im Osten des Ruhrgebiets und in den Landkreisen Rhein-Sieg und Oberberg.

Gesundheit und Pflege

Die Quote der Pflegebedürftigen ab 65 Jahren liegt in NRW bei 253,9 pro 1000 Einwohnern ab 65, eine höhere Quote hat nur noch Niedersachsen aufzuweisen. Besonders hoch liegt der Anteil im Rheinland, insbesondere an der niederländischen Grenze. Gleichzeitig gibt es in NRW nur 50,4 Plätze in Pflegeheimen pro 1000 Einwohner ab 65 Jahren, was im Bundesvergleich der viertniedrigste Wert ist. Allerdings gibt es in NRW im Schnitt 107,6 vollstationär beschäftigte Pflegekräfte pro 100 Pflegebedürftige (bundesweit 97,3), also keinen Personalmangel. Auch in puncto Krankenhausdichte steht NRW mit 6,6 Betten pro 1000 Einwohner (bundesweit 5,9) gut da. Werte unter 5 Betten pro 1000 Einwohner werden allerdings in den angrenzenden Landkreisen von Münster, Bielefeld und Köln erzielt.

Bildung

NRW ist das Flächenland mit der höchsten Abiturientenquote, 40,8 Prozent aller Schulabgänger können die allgemeine Hochschulreife vorweisen (bundesweit 33,0 Prozent). Auf Kreisebene liegt die Quote bis auf vier Landkreise und kreisfreie Städte (Borken, Steinfurt, Hamm, Hochsauerland) über dem Bundesschnitt. Der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss beträgt in NRW 5,4 Prozent und ist im Vergleich zu den bundesweit erzielten 6,0 Prozent niedriger. Die meisten Schulabbrecher sind in der Region Rhein-Ruhr, insbesondere in Gelsenkirchen (Spitzenwert mit 9,0 Prozent), Krefeld, Dortmund, Bochum und Duisburg zu finden. In den ländlichen Regionen beträgt der Anteil meist unter 4 Prozent.

Folgerungen

Im Wesentlichen muss die AfD in NRW mit der Herausforderung zurechtkommen, unterschiedliche Milieus in unterschiedlichen Regionen anzusprechen.

Das Problem der Arbeitslosigkeit und Armut ist in NRW ein gravierendes – gepaart mit einer durchschnittlichen Wirtschaftskraft des Bundeslands müsste die AfD den Zusammenhang zwischen Wirtschaftskraft und hohem sozialem Standard vernünftig herausarbeiten. Gerade im Ruhrgebiet könnte das neben der Migrations- und Demographiefrage die entscheidende Frage sein, die bei einer Wahlentscheidung den Ausschlag gibt.

Da im Münsterland und Teilen Ostwestfalens die Bevölkerung jünger als im Schnitt und im Regelfall auch weniger migrantisch ist, sollten dort bevorzugt junge Wählerschichten erschlossen werden, womit man vor allem das Problem der besonders niedrigen Ergebnisse im Norden des Bundeslands langfristig lösen könnte. Obgleich dieser Landstrich agrarisch geprägt ist, spielt der Themenkomplex Landwirtschaft keine nennenswerte Rolle. Ein Durchkommen für die AfD bei den potentiellen Erstwählern in den Universitätsstädten ist erfahrungsgemäß schwierig.

Zielgruppenorientierte Ansprache an Aussiedler kann im für NRW-Verhältnisse recht AfD-affinen Ostwestfalen zu weiteren Stimmgewinnen führen, in vielen Regionen ist das hingegen unnötig, bisweilen sogar kontraproduktiv. Ebenfalls in Ostwestfalen könnte der AfD die Thematisierung klassischer Arbeiterthemen nützen, zumal sich der Schwerpunkt des Sektors des produzierenden Gewerbes in NRW vom Ruhrgebiet nach Nordosten verlagert hat.

Im wirtschaftsstarken Rheinland einen besonderen thematischen Akzent zu setzen, ist in der Tat eine Herausforderung. Die Mängel im Pflege- und Gesundheitssektor, die in dieser Region besonders klar zu sehen sind, können in diesem Zuge mit dem Umgang mit dem Coronavirus und der Impfpflicht für Gesundheits- und Pflegepersonal verwoben werden.

Landesweit werden die eben angesprochene Corona-Problematik, aber auch die Folgen des Ukrainekriegs nicht unwesentlich die Wahlentscheidung beeinflussen. Bei letzterem Punkt ist gerade auf Landesebene entscheidend, wie die AfD den hohen Lebensführungskosten entgegenwirken möchte. Somit hätte die AfD einen Teil der Antwort auf die Frage, wie die soziale und wirtschaftliche Lage verbessert werden könne, bereits abgedeckt. Eine eindeutige Positionierung pro Ukraine oder pro Russland könnten aufgrund der in dieser Frage zerstrittenen AfD-Wählerschaft zu schmerzhaften Wählerverlusten führen.

Letztlich stehen der Landesverband der AfD NRW und die Kreisverbände gleichermaßen in der Pflicht: Der Landesverband der AfD muss die landesweit wichtigen Fragen beantworten, die Kreisverbände müssen die regional wichtigen Fragen herausstellen. Dies wird in manchen Regionen schwierig, zumal die AfD nicht in jedem Wahlkreis mit einem Direktkandidaten aufwarten kann. Ersteres kann aber mit dem Personal auf der Landesliste, einer Mischung aus erfahrenen Landtagsabgeordneten und jungen Repräsentanten der AfD, gelingen.

Quellen

http://www.integrationsmonitoring.nrw.de/integrationsberichterstattung_nrw/berichte_analysen/Sonderauswertungen/131022_Integration.pdf

https://regionalatlas.statistikportal.de/

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