Kommentar zur Lektüre: Die Angst und der Verstand (2)

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In seiner zweiten Kolumne schreibt Johannes K. Poensgen über Tod und Metaphysik. Wie kommen Angst und Verstand zusammen?

Auf der diesjährigen Sommerakademie des Institutes für Staatspolitik verwendete Götz Kubitschek Gerd Gaisers Kurzgeschichte »Lass dich doch einmal hinauf« als Symbol der Lage, in der sich die abendländische Kultur befindet.

Ein Junge, der als erster seines schwäbischen Dorfes eine höhere Bildung anstrebt und ein Lehramtsseminar besucht, befindet sich in den Ferien unangekündigt auf dem Heimweg um seine Familie zu überraschen.

Auf dem Weg vom Bahnhof in sein Dorf entscheidet er sich, vom Erdkundeunterricht zur Neugier verführt, dazu, eine Doline zu erkunden, einen Erdsturz, der nach oben kuppelförmig zuläuft. In dieses Loch lässt sich der Junge hinab, um seinem Schulheft eine Forschungsnotiz hinzufügen zu können.

Er kommt nicht wieder hinauf. Und da ihn niemand sucht, verendet der Junge einige Tage später in dem Loch. Auf einer Handvoll Seiten beschreibt Gaiser die Gedankenflut des gefangenen Jungen, als Wirbel, in welchem alle Denkmöglichkeiten des Verstandes gemeinsam mit den Regungen der verzweifelnden Seele durchgespielt werden.

Dies als Konfrontation zwischen den Schlagworten von Rationalität und Irrationalität aufzufassen hieße, die Komplexität von Gaisers Text zu verfehlen. Gaiser stellt seine Geschichte ganz bewusst in das 19. Jahrhundert (»in ein[em] Jahrhundert, welches die Menschen aufklärte und sie lehrte, mit der Natur zu schalten«) Die Welt der Naturgesetze und die Seele des Jungen greifen ineinander. Das Todesurteil spricht die ins mythische gewachsene Schwerkraft, die es gestattet sich in die Doline hinabzulassen, aber nicht hinauf.

Die plötzliche Katharsis fällt nietzscheanisch aus: Als Fall in den Willen. Den eigenen, den der Welt, oder den Gottes, jenseits der Frage nach Sinn und Sinnlosigkeit: »Sinnloser Wille, was aber hatte Sinn? Sinn ist von Menschen. Er aber wollte des Willens sein.«

Ist die mythisierte Schwerkraft, der unumkehrbare Sog nach unten der jeden festhält, der sich einmal hinabgelassen hat, eine Metapher für eine Lage? Für unsere Lage? Hat sich unsere ganze Kultur in eine Höhle hinabgelassen, aus der sie nicht mehr herauskommt?

Ich werde diese Frage nicht beantworten. Ich will nur eine Geschichte dazu erzählen, die ich mir nicht selbst ausdenken muss, weil ich sie erlebt habe. Ich wäre einmal fast in einer ähnlichen Lage krepiert, wie Gaisers Schuljunge:

Während eines Familienurlaubes auf Sizilien wanderten wir durch ein steiles Tal, dessen zahlreiche Höhlen seit der Bronzezeit von Menschen wenn nicht besiedelt, so doch für verschiedene Zwecke benutzt wurde. Die meisten noch sichtbaren Spuren stammen von Mönchen der byzantinischen Epoche, deren Fresken man in einigen Höhlen bis heute besichtigen kann.

Wir wollten uns auf den Rückweg machen, als ich ein Schild mit der Aufschrift »Grotta di Tesoro« erblickte. Selbst mein praktisch nicht vorhandenes Italienisch genügte, um das zu übersetzen. Ohne jemandem Bescheid zu sagen ging ich den schmalen Weg hinab zu einem eisernen Gatter. Die Tür war unverschlossen. Auf der anderen Seite wahr eine halbkugelförmige Einbuchtung, die des Wasser aus dem Fels gewaschen hatte. Am Fuß der Halbkugel, über dem Kies befand sich eine Öffnung durch die ein Mensch, wenn er nicht zu dick gebaut war, auf dem Bauch kriechend hindurchpasste.

Nur mit der Taschenlampe meines Mobiltelephons in der Hand kroch ich hindurch und stand auf der andern Seite in einer Höhle, die groß genug war, dass ich mich aufrichten konnte. Es war ein gerader Gang ohne Abzweigungen, den ich entlanglief, bis ich vor einer Wand aus Tropfsteinen stand. Zwischen den Tropfsteinen war ein Durchgang, durch den ich mich in eine zweiten Höhle zwängte, die der ersten glich. Ihr folgte ich wieder bis zur nächsten Wand aus Tropfsteinen, durch die das Wasser hindurchlief, dass diesen Gang ausgewaschen hatte. Der Durchgang war hier so schmal, dass ich aus Angst steckenzubleiben nicht wagte weiter vorzudringen und ich machte mich auf den Rückweg den Gang entlang.

Ich stand vor einer Felswand. Hier war kein durchkommen. Der Weg, auf dem ich doch hineingekommen war, war zu. Mit aufkommender Unruhe fragte ich mich, ob ich mich in der Höhle verlaufen haben könnte. Das sollte doch unmöglich sein. Sie bestand doch nur aus einem einzigen geraden Gang.

Ich untersuchte eine Einbuchtung, an der Seite, die sich etwa auf mittlerem Weg zwischen der Tropfsteinsperre am Ende und dem so unerklärlich verschwundenen Ausgang befand. Die Einbuchtung war bloss einige Meter tief. Wasser hatte von oben kommend einen schmale Schacht ausgewaschen, doch kein Mensch konnte da hindurch kommen. Jedenfalls war ich hier nicht hineingekommen. Ich ging zum Ende der Höhle wo der Durchgang immer noch zu klein war und außerdem führte er, nach allem was ich wusste, nur noch tiefer in den Fels hinein. Trotzdem überlegte ich, ob ich versuchen sollte mich hindurchzuquetschen.

Panischer werdend hastete ich zum Ausgang zurück, wo mich zum zweiten Mal die Felswand erwartete. Das war der Punkt, an dem ich zu überlegen begann, ob der Fels mich verschluckt habe. Vielleicht befand ich mich im Magentrakt eines Ungeheuers, das nun die nächsten Tage mit meiner Verdauung verbringen würde. Oder ich war im Bau eines Monsters, dass ich mir vorstellte wie Schrecks Nosferatu, welches mich nun fressen, oder mir das Blut aussaugen würde. Das sind keine literarische Metaphern, die ich mir jetzt ausdenke, um meine damalige Verzweiflung zu beschreiben.

Angesichts der unabweislichen Tatsache, dass ich in einer an beiden Enden geschlossenen Höhle saß waren diese Überlegungen nicht weniger ernsthaft, wie die Angst vor dem Ertrinken, sollte ein Regenfall die Höhle mit Wasser fluten, oder davor, einfach ungefunden zu in der Dunkelheit zu verschmachten, nachdem der Akku meines Telephons leergelaufen war.

Ich rannte zwischen den beiden verschlossenen Enden hin und her. Kein Ausgang. Hätte ich hier mein Telephon mit der eingebauten Taschenlampe fallengelassen, oder mir an einer niedrigen Stelle den Kopf gestoßen, wäre es aus gewesen. Ich begann die nackten Wände des Ganges zu untersuchen, obwohl dort ganz offensichtlich nicht der Ausgang war. Mir wurde bewusst, dass ich nun nicht mehr an einem bestimmten Ort nach dem Ausgang suchte. Die Entscheidungslast, an welche offensichtlich undurchlässigen Felswand ich die begrenzte Zeit meiner Batterie verwenden sollte, steigerte die Angst zur Panik.

An den Wänden verspottete das Gekritzel vorheriger Besucher dieser Schatzgrotte meine Lage. Es waren diese stumpfen Zeichen des Tourismus, die mich in die Realität zurückbrachten. Diese Mischung aus »Ich war hier.«, Schwüren ewiger, doch in den meisten Fällen wohl längst verflossener Liebe und Obszönitäten, die ich mangels italienischer Sprachkenntnis nicht ganz verstand führte mir die UNMÖGLICHKEIT meiner in der Panik abdriftenden Gedanken vor Augen. Andere waren auch hier hineingekommen und mangels abgemagerter Skelette konnte ich nur schlussfolgern, dass sie auch wieder hinausgekommen waren. Der Ausgang musste dort sein, wo ich hineingekommen war.

Ich ging zu der Felswand am Anfang des Ganges und stellte mich näher als zuvor an sie heran. Ich fand den Durchgang. Eine Laune der Natur hatte die Tropfsteinformation so gestaltet, dass man ihn zwar vom Höhleneingang kommend sofort erblickte, er jedoch von der anderen Seite verdeckt war und es aussah, als sei hier eine Sackgasse. Ich zwängte mich wieder hindurch, lief den Gang entlang und gelangte an die Öffnung am Boden, durch die das Tageslicht fiel.

Höhlen, echte wie metaphorische haben eine zugleich beengende, wie fokussierende Wirkung auf den menschlichen Geist. Die Welt schrumpft auf die wenigen Meter zusammen hinter denen nur der undurchdringliche Fels ist. Nichts außerhalb hat Bedeutung. Wahrscheinlich können wir uns deshalb ihrer Faszination nicht entziehen. Sie sind nicht ohne Grund eine der Hauptursachen für das spurlose Verschwinden von Menschen.

Doch der Mensch ist dafür gemacht den Himmel über sich und die Welt vor sich zu sehen. Wo er das nicht kann, oder er sich das selbst versagt, gebiert die Enge Ungeheuer.

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