Kommentar zur Lektüre: Macht – Definition und Messbarkeit (3)

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Gibt es überhaupt eine Wissenschaft von der Politik? Dass dies öfters einmal angezweifelt wird, liegt zum guten Teil an den Schwierigkeiten der Definition und Messbarkeit von Macht.

Macht ist der wichtigste Grundbegriff der Politik. Keine Wissenschaft kommt um die Definition ihrer Grundbegriffe herum. Erst wenn die Begriffe einer Wissenschaft eindeutig genug geklärt sind, diese qualitative Arbeit also getan ist, kann eine sinnvolle Quantifizierung als Zählung und Verrechnung der so definierten Einheiten beginnen, an deren Erfolg die Wissenschaftlichkeit einer geistigen Disziplin durchaus zurecht bemessen wird, ungeachtet des szientistischen Fehlschlusses, dem was sich nicht, oder auch nur noch nicht quantifizieren lässt, die Existenz abzusprechen. Dieser Fehlschluss besteht darin, dass er die Grenzen der Methode mit dem Gegenstand einer Wissenschaft verwechselt.

Bezüglich der Macht definiert Max Weber im ersten Kapitel von „Wirtschaft und Gesellschaft“ (§16):

Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.

Weber ging es in seinen soziologischen Grundbegriffen, noch um eine rein verbalsprachliche Festlegung des Bedeutungsgehaltes von Worten. Zuallererst muss in einer jungen Wissenschaft das fruchtlose aneinander Vorbeireden unterbunden werden, das sich einstellt, wenn jeder mit seiner stillen Interpretation von Alltagsworten hantiert. Doch in dem Wort „Chance“ also Wahrscheinlichkeit liegt bereits der Kern einer formal präzisen und auch quantifizierbaren Definition von Macht: Macht, als Wahrscheinlichkeit seinen Willen durchzusetzen.

Angelehnt an Weber formulierte Robert Dahl in seinem 1957 erschienenen Aufsatz „The concept of Power“ als erste, intuitive Annäherung an den Begriff der Macht:

A hat in dem Ausmaß Macht über B, in dem er B dazu bringen kann, etwas zu tun, was B sonst nicht tun würde.

Dieser Verbalausdruck lässt sich fast formal präzise darstellen. Er beinhaltet bereits einen Akteur A, der einen Versuch der Machtausübung unternimmt. Er beinhaltet einen Akteur B, der Gegenstand dieses Versuches ist, sowie eine Handlung x, die Akteur B infolgedessen vollführt oder eben nicht. Es fehlt noch das Machtmittel w des Akteurs A mit der dieser Macht über B in Bezug auf x auszuüben versucht. Dahl schreibt (Der Verständlichkeit halber habe ich einige Buchstabensymbole geändert):

(A, w) =: A benutzt Machtmittel w.
(A, nw) =: A benutzt Machtmittel w nicht.
(B, x) =: B vollführt Handlung x.

Unter der Verwendung der gebräuchlichen Schreibweise von für bedingte Wahrscheinlichkeiten

P (u|v) =: die Wahrscheinlichkeit P daß Ereignis u eintritt wenn Ereignis v eintritt, schreibt Robert Dahl die Macht M des Akteurs A über eine Handlung x des Akteurs B unter dem Einsatz des Machtmittels w folgendermaßen:

M = P (B, x | A, w) – P (B, x | A, nw)

Die Macht des Akteur A in Bezug auf diese spezifische Konstellation ist also gleich der Wahrscheinlichkeit, dass B die Handlung x vollführt, wenn A vom Machtmittel x Gebrauch macht, abzüglich der Wahrscheinlich, dass B die Handlung x auch so ausführen würde.

Macht lässt sich also Grundsätzlich als eine Zahl zwischen Null und Eins ausdrücken. Nehmen wir an, die Wahrscheinlichkeit P (B, x | A, w) betrage 0,8 und die Wahrscheinlichkeit P (B, x | A, w) betrage 0,2, dann beträgt die Macht M von A in dieser Konstellation 0,6. Im Prinzip ganz einfach.

Dahl wollte allerdings nicht bloß eine formale Definition des Machtbegriffes. Er wollte daraus operationale Definitionen für Forschungsvorhaben ableiten, die wirkliche Politik erforschen.

Damit wird es schwierig. Denn wie ermittelt man die Wahrscheinlichkeit, dass B Handlung x vollführt wenn A Machtmittel w verwendet und die Wahrscheinlichkeit dass B Handlung x vollführt, wenn A Machtmittel w nicht verwendet?

Dahl versuchte dies an einem Beispiel, das noch am ehesten infrage kommt, den Gesetzesabstimmungen in einem Parlament, in seinem Fall: dem amerikanischen Senat. Für jeden Gesetzesentwurf, der zur Abstimmung gelangte ist aufgezeichnet, ob er angenommen wurde, sowie das Abstimmungsverhalten jedes einzelnen Senators.

Dahl versuchte daraus für Paare von Senatoren die historische Wahrscheinlichkeit zu ermitteln, dass ein Gesetz für das Senator A gestimmt hatte, während Senator B dagegen gestimmt hatte, vom Senat verabschiedet wurde, sowie umgekehrt. Er konnte sogar zeigen, dass sich sein Verfahren mathematisch sehr elegant vereinfachen lässt.

Nur ändert das nichts an der offensichtlichen Tatsache, dass bei einem solchen Vergleich der letzte Hinterbänkler der Mehrheitsfraktion als mächtiger erscheinen muss, als der Oppositionsführer. Nur beim US-Senat der Mitte des 20. Jahrhunderts, mit seinem schwachen Fraktionszwang, konnte überhaupt jemand auf ein solches Forschungsvorhaben kommen.

Sehr unüblich für einen wissenschaftlichen Aufsatz beendet Dahl „The Concept of Power“ mit einem dramaturgischen Dialog zwischen einem Konzeptualisten und einem Operationalisten. Während der Operationalist den Begriff der Macht als umgangssprachlich und nicht präzise definierbar aufgeben will, bleibt dem Konzeptualisten nur der Verweis darauf, daß eine solche präzise Formaldefinition des Machtbegriffes es zumindest erlauben würde, konkrete Forschungsvorhaben auf ihre Schwachstellen zu überprüfen.

Die theoretischen Erfolge der Definition von Macht, bei ausbleibendem Gewinn für die empirische Methodik endete nicht mit Dahl. Fünf Jahre später, 1962, entwickelte der Spieltheoretiker John Harsanyi den Dahlschen Machtbegriff in zwei Aufsätzen weiter.

In „Measurement of social power, opportunity costs, and the theory of two-person bargaining games“ stopfte er eine Lücke in Dahls Formel, indem er die Kosten berücksichtigte, die A für die Ausübung des Machtmittels w bezahlen muss, sowie die Kosten, die für B entstünden, sollte er sich widersetzen (der Schaden, den A ihm zufügen kann).

In „Measurement of social power in n-person reciprocal power situations“ erweiterte er das bisher Geleistete auf Situationen mit mehr als 2 Teilnehmern, in denen die Teilnehmer untereinander beliebige Koalitionen eingehen können. Das Ergebnis war eine 2 Textzeilen lange Formel, die Macht in jeder möglichen zwischenmenschlichen Situation umfassend beschreiben kann. Harsanyi gelang es obendrauf zu zeigen, dass diese Formel eine Verallgemeinerung des Machtindexes ist, den Lloyd Shapley und Martin Shubik 1954 für die Machtverteilung bei Abstimmungen mit gewichtetem Stimmrecht entwickelt hatten („A method for evaluating the distribution of power in a committee system“).

Mir ist jedoch nicht bekannt, daß Harsanyis Formel auch nur ein einziges Mal angewandt wurde, um die Macht eines Akteurs in einer empirischen Situation zu messen. Ein dem Shapley-Shubik-Index ähnlicher Machtindex für Abstimmungen, der Banzhaf-Index war in den 1960ern Gegenstand einiger verfassungsrechtlicher Verfahren in den Vereinigten Staaten und beide Indizes werden bis heute gebraucht um die Machtverteilung in Gremien mit gewichtetem Stimmrecht, wie den Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften zu ermitteln.

Doch dabei geht es um den sehr speziellen Fall der a-priori-Abstimmungsmacht. Kurz: Wenn bei einer Abstimmung die Stimmen unterschiedlich gewichtet sind, dann verhält sich die Abstimmungsmacht meist nicht proportional zur Anzahl der Stimmen, über die ein Stimmberechtigter verfügt.

Seit über einem halben Jahrhundert befindet sich die Politikwissenschaft in der Situation, dass sie ihren zentralen Begriff zwar präzise definieren, aber nicht messen kann. So haben wir eine Literatur normativer Machtkritik, sowie umfangreiche Debatten über die Frage, welche Machtmittel denn die wichtigsten seien: Gewalt, Geld, kultureller Einfluss, Setzung von  Normen etc.

Die Messbarkeit von Macht ist dabei nicht über die intuitive Beurteilung des gesammelten Materials  hinausgekommen. Die präzise theoretische Fassung des Begriffes der Macht war bisher für die Empirie weitestgehend nutzlos. Da das Problem darin besteht, daß die meisten einer Messung von Macht zugrunde zulegenden Wahrscheinlichkeiten nur hypothetisch vermutet werden können, sieht es nicht danach aus, als ob sich dieser Zustand in absehbarer Zeit ändern würde.

Aus diesem Grunde sieht die Politikwissenschaft verglichen mit der Wirtschaftswissenschaft, die kein Problem darin sieht, ihren Grundbegriff des Wertes in den Geldeinheiten gängiger Währungen zu messen, so wenig wissenschaftlich aus.

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