Kommentar zur Lektüre: Die Nische der Postmodernisten (1)

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Kommentar zur Lektüre ist eine Kolumne des Publizisten Johannes Konstantin Poensgen. In losen Abständen kommentiert und beschreibt er die Erkenntnisse seiner vielfältigen Lektüre. Heute wirft Poensgen einen Blick auf den Postmodernismus.

Mit ihrem Büchlein über die »Antiordnung« hat Sophie Liebnitz eine Frage erneut aufgegriffen (konflikt hat das Buch rezensiert), die bei der Analyse der intellektuellen Traditionslinien der egalitär-globalistischen Misere immer wieder kurz aufgegriffen dann beiseite geschoben wurde.

Nicht zuletzt wohl deswegen, weil der Gegenstand selbst nach Kräften bemüht ist, sich der Erfassung durch die Vernunft zu entziehen: Der Postmodernismus. Da das Wort »Postmodernismus« in seinem Gebrauch ebenso schwammig ist, wie die Schriften der Postmodernisten selbst (Kollege Wegner beliebt es ja, gelegentlich darauf hinzuweisen, dass »Postmodernismus« zunächst eine belletristische Strömung bezeichnete), hindert mich nichts daran meine eigene Definition einzuführen, was für die Eindeutigkeit des Folgenden dann doch hilfreich ist:

Als Postmodernismus sind all jene intellektuellen Strömungen zu verstehen, die ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Existenz einer objektiven Realität als solche abstritten. Nicht postmodernistisch sind demnach alle bloß erkenntnistheoretischen Kritiken menschlicher Fähigkeit zur Wahrheitserkenntnis, die jedoch die Annahme einer objektiven Wirklichkeit zugrunde legen.

Der Unterschied ist fundamental. Die letzteren gestehen die Verwendung menschlicher Wahrnehmung und Schlussfolgerungen zum Arbeitsgebrauch im Leben als Selbstverständlichkeit zu und beschränken ihre Kritik damit letztlich auf philosophische und theologische Fragestellungen. Die Welt wird nicht der Beliebigkeit des persönlichen Geschmacks ausgeliefert.

Für einen Postmodernisten hingegen ist die gesamte Welt linguistisch, sozial, psychologisch oder sonst wie konstruierbar, dekonstruierbar, rekonstruierbar. Damit müssten an sich auch sämtliche objektiven Begründungen für die politischen Forderungen der Postmodernisten fortfallen. Sartre gestand noch ein, dass die zur Freiheit verurteilte Menschheit sich auch für den Faschismus entscheiden könne.

Für seine Nachfolger, die nicht nur wie Sartre den Menschen, sondern schlichtweg alles für essentiell unbestimmt halten, ist jedoch die Logik selbst ein phallozentrisches Konstrukt, womit sich jede Diskussion mit ihnen über dieses, oder jedes andere Thema erübrigt.

Es bleibt allein eine religiöse Grundsatzentscheidung, eine Glaubensfrage im allerstrengsten Sinne des Wortes: Glaubst du, dass ein Kosmos, eine wie auch immer geartete oder aufzufassende Ordnung der Welt existiert? Erst die Bejahung dieser Frage wirft weitere, etwa die nach dem metaphysischen Hintergrund dieses Kosmos auf. Ihre Verneinung ist aber auch nicht widerlegbar.

Konsequent führte diese Verneinung, die ja selbst noch den logischen Zwang ihrer eigenen Prämissen und damit sich selbst verneinen müsste, weil der eigene Verstand dann ja auch keiner Ordnung entspräche und das auch noch in einem infiniten Regress, da man auf jeder Analyseebene erneut verzweifeln müsste, allerdings in einen Wahnsinn jenseits aller medizinischen Begriffe von Geisteskrankheit. Mir ist auch kein einziger Fall bekannt, in dem ein Mensch diesen Weg tatsächlich zu Ende gegangen wäre.

Es bedarf keines Genies um zu erkennen, dass der Postmodernismus als philosophisches Problem nicht über die altbekannte Unwiderlegbarkeit des Solipsismus hinausreicht, dass die interessanten unter den von ihm aufgeworfenen Fragen soziologischer Natur sind, sofern es sich nicht um persönliche Psychopathologien handelt.

Die Beschäftigung mit dem Postmodernismus als soziologischem Problem hat in den letzten Jahren einige Kritik auf sich gezogen. Vor allem der kanadische Psychologe Jordan Peterson hatte sich öffentlich auf ihn eingeschossen und musste sich daraufhin die Kritik gefallen lassen, einen Strohmann zu attackieren um sich nicht mit den genuin modern-liberalen Ursprüngen der gegenwärtigen Krise der westlichen Welt befassen zu müssen und stattdessen eine handvoll akademischer Sektierer als Prügelknaben für Systemfehler ebendieser liberalen Moderne zu gebrauchen.

Unabweislich funktioniert das heute herrschende System nicht nach postmoderner Unlogik. Allein deshalb schon, weil damit kein Staat zu machen wäre. Die postmoderne Verneinung der Rationalität ist auf ein rationales System aufgepfropft. Die Betreiber dieses Systems sind in ihrer überwältigenden Mehrheit keine Postmodernisten. Die ideologische Standardausrüstung stammt weiterhin aus den Arsenalen der Liberalismus mit seinem doppelten Glauben an die Vernunft und an die Menschenrechte des vernunftbegabten Individuums.

Gelegentlich hat man sogar das Vergnügen, Verteidiger des Liberalismus zu lesen, welche die Postmodernisten als Todfeinde der Aufklärung und Moderne identifizieren.

Wer es akademischer mag und die Geduld für 21 Seiten aufbringt, dem sei dieser Aufsatz von Zühtü Arslan ans Herz gelegt. Ich verrate das Ergebnis: »Dieser Absatz [ausgerechnet von John Rawls], impliziert, dass die Idee der Menschenrechte tatsächlich ein Produkt der westlichen liberalen Tradition ist, doch um sie allgemeingültig zu machen, müssen wir von allen theoretischen Versuchen ablassen, diese Tatsache zu enthüllen. Lasst uns so tun, als ob Menschenrechte einfach da sind. Sie brauchen keine moralische oder philosophische Grundlage zu ihrer Rechtfertigung.«

Schließlich, so fügt Züthü Arlsan hinzu, haben die Postmodernisten die Bedeutung der Menschenrechte nie bestritten, lediglich festgestellt, diese müssten auf »neue Weise« betrachtet und behandelt werden und haben diese »neue Weise« nie geliefert.

Fazit: Konsens gefunden. Alles in Ordnung.

Dass mit dem Postmodernismus ein Gedankensystem die Universitäten erobert hat, welches konsequent zu Ende gedacht die Grundpfeiler der herrschenden Ideologie (sowie auch alles andere) negiert, ist ein bemerkenswertes Phänomen. Verständlich wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Legitimität des Liberalismus zunächst auf seinem Anspruch auf Rationalität und Wissenschaftlichkeit ruhte.

Was uns heute müde lächeln lässt, hatte noch vor zweihundert Jahren den Augenschein der Evidenz für sich. Die Gesellschaftsvertragshypothese, auf der allein eine konsequent auf dem Individuum aufbauende Theorie der Gemeinschaft beruhen kann, stellte ihrerzeit einen gewaltigen Fortschritt gegenüber der Vorstellung vom Makroanthropos dar, dessen Weisheit darin bestand, die einzelnen Stände mit Körperteilen zu vergleichen. Wie meistens bei geistigen Umbrüchen war die neue Fragestellung: »Unter welchen Bedingungen bilden Menschen Gemeinschaften?«, viel bedeutsamer als die ersten Versuche einer Antwort.

Anders als die politische Ideologie welche auf ihr beruht, hat die Theorie des Gesellschaftsvertrags das 19. Jahrhundert nicht überlebt. Soziologie und Biologie haben ihr gründlich den Garaus gemacht. Dass eine politische Ideologie und das dazugehörige System das Ende seiner theoretischen Begründung überleben können, ohne an Legitimität einzubüßen, weil sie bestimmte Dinge leisten, zum Beispiel einen leidlichen Schutz der als Menschenrechte bezeichneten Annehmlichkeiten, ist etwas, über das politische Philosophen und alles die es werden wollen lange nachdenken sollten.

Im akademischen Bereich lies sich das Problem jedoch nicht von der Hand weisen und nur dort existiert der Postmodernismus als praktische Ideologie. In Form der dümmlichen Frage: »Sie sind doch wohl kein Essentialist?«, wenn man an die Wirklichkeit von etwas glaubt, dass nach Auffassung des Tages als soziales Konstrukt zu dekonstruieren sei, von der Nation bis zu der Auffassung, sein Geschlecht am Blick in die eigene Unterhose erkennen zu können.

Postmodernistische Theorie ist irrelevanter Unfug, selbst in den Studienfächern, die sich damit befassen, denn sie liefert noch nicht einmal einen Maßstab, um eine Hausarbeit über Postmodernismus zu bewerten.

Praktischer Postmodernismus ist die wissenschaftsfeindliche Diskussionsmethode des taktischen Nihilismus, der willkürlich die ontologische Wirklichkeit, das Sein, derjenigen Teile der Realität infrage stellt, die dem eigenen Weltbild entgegenstehen: Sich dumm stellen auf akademischem Niveau.

Als taktisches Mittel hat der Postmodernismus seine Nische in der liberalen Ordnung gefunden. Allein die Funktion die er darin ausfüllt, ist von irgendeiner Relevanz. Ob er eine Zukunft hat, liegt allein an der Frage, ob er in dieser Funktion noch gebraucht wird. Das ist fraglich. Gebraucht wurde der Postmodernismus aufgrund des Respektes, der in westlichen Universitäten vor der wissenschaftlichen Methode vorhanden war und den Beständen an akademischer Redlichkeit.

Der von der Massenuniversität herangezüchtete Akademikertypus, der Wissenschaftlichkeit mit der Autorität des Peer-Review-Verfahrens verwechselt, braucht keine philosophieähnlichen Ausreden um zu glauben, was immer von ihm verlangt wird. Ihm genügt jede noch so hanebüchene, nicht replizierbare Studie.

Sicherlich wird deshalb allein noch keine akademische Versorgungsstelle gestrichen, aber gerade hier besteht der Nachteil der Linksniezscheaner und Linksheideggerianer, der Foucaults und Derridas darin, dass sie erhebliche Fähigkeiten des Textverständnisses und der Textinterpretation voraussetzen. Fähigkeiten, die seltener werden, je mehr sich eine Fachschaft diversifiziert.

Wir sehen den Trend weg von den postmodernen Verwirrungen zur offenen Lüge bereits in der Humangenetik, wo der Hohn über den Essentialisten, der alle möglichen philosophischen Twists und Turns verschlafen hat, inzwischen vom nackten antirassistischen Dogma abgelöst wurde, gestützt von einigen Studien, deren Methodik gerade kompliziert genug ist, dass man mehr als das Abstract lesen muss, um den Betrug zu entlarven.

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