Hydra Comics – Der Letzte Samurai

Nachdem der junge Comic-Verlag Hydra Comics Ende letzten Jahres sein erstes Heft veröffentlichte, ist einiges geschehen. Neben vielen positiven Reaktionen sorgte die politisch inkorrekte Veröffentlichung auch für Aufregung in der links dominierten Szene. Mit YUKIO MISHIMA – Der letzte Samurai legen die Dresdner nun ein 212-Seiten starkes großformatiges Hardcover-Album nach.

Von Lorenz Bien

Der letzte Samurai ist die deutsche Erstübersetzung eines 2019 erschienenen italienischen Comicromans über das Leben Yukio Mishimas, geschrieben vom Federico Goglio und gezeichnet vom Künstler Massimiliano Longo. Genauer gesagt umfasst der Band allerdings drei Werke, denn der Dresdner Verlag Hydra Comics hat nicht nur den Comic, sondern auch zwei Essays aus der Feder Goglios übersetzt. Der Journalist und Musiker Goglio beschäftigt sich dabei schon seit einigen Jahren mit dem Leben und Werk des japanischen Schriftstellers, verfasste einen Sammelband über das Japanbild Mishimas mit und widmete ihm nicht zuletzt unter dem Künstlernamen Skoll ein Album.

Der letzte Samurai

Im Zentrum des Comicromans steht die Nacht vom 24. auf den 25. November 1970, wenige Stunden vor Mishimas berüchtigtem Putschversuch. Wir sehen ihn nachdenklich an seinem Schreibtisch sitzen, rauchen und einen Kalender durchblättern. Von hier führt es den Leser in zahlreichen Rückblenden zu verschiedenen Stationen im Leben Mishimas: Eine Diskussion mit dem kommunistischen Studentenkomitee Zenkyoto, Interviews mit Journalisten, eine Griechenlandreise im Jahr 1952 und der Beginn seines Krafttrainings. Dabei dienen diese Szenerien in erster Linie dazu, uns Mishimas Ideen über Körperlichkeit und den Tod nahezubringen. Seine Griechenlandreise lässt ihn an seinem Leben als Schriftsteller zweifeln und die Schönheit des menschlichen Körpers entdecken; kurze Zeit später beginnt er wie besessen zu trainieren.

Longo lässt ihn vor dem Spiegel seinen eigenen Körper bewundern. Bei dem Gedanken an sein früheres Leben steht ihm die Verachtung dabei deutlich ins Gesicht geschrieben. Die Darstellung von Mishimas Kendo-Training führt wiederum zu einem Gespräch über das moderne Japan. Das betrachtet Mishima – wenig überraschend – als dekadent und schwächlich, den Kampfschrei der Kendo-Kämpfer hingegen als Ausdruck einer archaischen Energie, zu der er durch das Training Zugriff gewinnt.

Gegen Ende widmet sich der Comic schließlich Mishimas Gedanken über den Tod, bzw. dessen Abwesenheit in der modernen Welt. Angelehnt an Mishimas Erzählung Die Stimmen der toten Helden lässt das Buch den Schriftsteller an einem Shintoritual teilnehmen, in dessen Verlauf er auf die Geister der Kamikaze-Flieger trifft. In einer langen und durchaus eindrucksvoll inszenierten Rückblende wird deren letzter Flug nachgezeichnet und im Sinne der Mishima-Erzählung interpretiert: Die Todespiloten werden von ihren Mitmenschen als Halbgötter betrachtet, das Opfer scheint eher ein ekstatisches Privileg als eine Pflichterfüllung zu sein. Longo zeichnet ihnen beim Anblick der feindlichen Schiffe ein triumphierendes Lächeln auf die Lippen und greift auf historische Photographien zurück, in denen junge Frauen beim Start der Flugzeuge Zweige mit Kirschblüten in den Himmel halten.

Zum Schluß erscheinen die Geister vor den Augen Mishimas und seiner Begleiter und bezichtigen den japanischen Kaiser des Verrats: Indem dieser seine eigene Göttlichkeit in einer Radioansprache nach Ende des Krieges leugnete, habe er ihren Tod sinnlos gemacht und das »jetzige, leere Glück« geschaffen. In einem Monolog lässt der Comic anschließend Mishima erneut über das moderne Japan nachdenken: Durch die Abwesenheit des Todes in der modernen Welt, so lesen wir, werde der Mensch nicht etwa glücklicher, vielmehr führe dessen Verdrängung nur dazu, dass sich der Todestrieb ins Unterbewußtsein zurückziehe und »in einen Impuls« verwandele, der »noch gefährlicher« sei. Beinahe scheint es hier, als würde Mishima auf sein eigenes Ende verweisen.

Genau dorthin nimmt uns der Comic schließlich im letzten Kapitel. Hier wird auf die Rückblenden und die längeren Monologe bis auf eine Ausnahme verzichtet, und stattdessen wird der letzte Tag im Leben des Schriftstellers nüchtern und nahe am historischen Geschehen erzählt. Die Fahrt zum Hauptquartier der japanischen Armee, die Geiselnahme eines Generals, die Rede vor den Soldaten und der abschließende Suizid mehrerer Mishima-Anhänger fallen somit tatsächlich etwas aus der vorherigen Erzählweise des Comicromans heraus, beinahe als wollten die Autoren den Schritt von der Phantasiewelt Mishimas hin zur realweltlichen Tat auch stilistisch abbilden.

Comic

Kommen wir zu einem wichtigen Aspekt eines Comics: Den Zeichnungen. Als jemand, der nicht regulär Comics liest, mögen mir gewisse Feinheiten entgehen, generell gefällt mir der Stil jedoch gut. Er ist detailreich und naturalistisch, stellenweise direkt von historischen Photographien abgezeichnet. Überhaupt wirkt das Ganze eher »filmisch« als an amerikanische oder japanische Comic-Ästhetiken angelehnt, was den Stil auch für diejenigen zugänglich macht, die selten Comics lesen. An vereinzelten Stellen, meistens bei Nahansichten von Mishimas Gesicht, werden die Striche wiederum sehr roh und einfach, was einen interessanten Effekt ergibt.

Besonders zur Geltung kommt der Stil bei Stadtszenen und kleineren Details wie der Uniform der Kendo-Kämpfer, oder einem auf einem Tisch liegenden Kalender. Allgemein strahlen die Zeichnungen eine gewisse Strenge und Kälte aus, was sicherlich zu dem Fokus auf das Ende Mishima passt.

Der größte Kritikpunkt an Der letzte Samurai wäre dann auch hier zu finden, wobei zugleich festzuhalten wäre, dass der Nachteil nur unter Vorbehaltung überhaupt einer ist: Durch die Fokussierung auf den späten, den heroischen und kriegerischen Mishima erschafft der Comic im Zusammenspiel mit dem Zeichenstil ein ästhetisch sehr einheitliches Universum. Zugleich präsentiert es aber eben nur eben einen sehr spezifischen Aspekt Mishimas: Alles Dekadente, alles Morbide an seiner Geschichte – seine Schüchternheit, seine traumatische Kindheit, seine extrem gewalthaltigen sexuellen Fantasien, seine promiskuitive Homosexualität und die teils sehr nihilistischen Aspekte seiner Weltanschauung – tauchen im Comic nicht oder nur sehr am Rande auf. Da all diese Aspekte aber immens wichtig sind, um zu verstehen, warum Yukio Mishima seinen Weg nahm, kann der Comic eben dieses Verständnis nicht liefern. Dennoch will ich dem Autor nicht vorwerfen, die Figur Mishimas aus einem falsch verstandenen Konservatismus entstellt zu haben – die Verknappung des Blickwinkels schafft eben doch auch eine ästhetische Stringenz, die anders vielleicht schwer zu realisieren gewesen wäre.

Fazit

Hinsichtlich der Aufmachung ist der Comic durchaus ansehnlich und das farbige Hardcover macht einiges her. Wer zügig liest, kann die 105 Seiten Comic sicherlich an einem Abend beenden – verweilt man bei den Zeichnungen, dauert es länger. Die sich auf 93 Seiten erstreckenden Essays Goglios bieten noch eine zusätzliche Vertiefung, die vor allem Einsteigern einen guten Überblick über die Ideenwelt Yukio Mishimas gibt.

Wer mit der Geschichte Mishimas vertraut ist, wird hier nichts grundlegend Neues finden, jedoch erzählt Der letzte Samurai sie interessant. Nach Eigenaussage des Verlags wurden zudem mehrere Interviewaussagen Mishimas zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Rechte Comic-Fans und alle, die sich für Mishima interessieren, werden ihre Freude haben.

YUKIO MISHIMA – Der letzte Samurai bei Hydra Comics kaufen.

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