Historischer Kalender – Kalenderwoche 9

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Ein Blick in die Geschichte lohnt sich immer – unser Redakteur Mike Gutsing stellt wöchentlich drei ausgewählte Ereignisse, die herausstechen, vor. Diese Woche: Beziehungen zwischen Deutschen und Russen, zwei Völker unter dem Brennglas von drei historischen Ereignissen.

28.2. Vom Feind zum Partner – Vertrag von Kalisch (1813)

Das Jahr 1812 endete mit einem Knall. Nachdem der Russlandfeldzug des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte mit verheerenden Verlusten beendet war und Preußen durch die Konvention von Tauroggen (30.12.1812) zuerst seine politische Neutralität erklärt hatte, wurde es mit dem Vertrag von Kalisch einer der ersten Bündnispartner Russlands. Dieser Friedens- und Bündnisvertrag ging auf den Freiherrn vom Stein zurück, der maßgeblich in seinem russischen Exil daran gearbeitet hatte.
Doch der Vertrag konnte nur unterzeichnet werden, weil es Preußen trotz seiner territorialen »Halbierung« geschafft hatte, auf dem Konzert der Mächte weiterhin die Rolle einer Großmacht (zumindest im nominellen Sinne) zu spielen. Ein Grund hierfür sind die »preußischen Reformen«, die mit dem Oktoberedikt von 1807 ihren Anfang nahmen und in der Heeresreform ihre zentrale Entfaltung fanden. Am 3. Februar wurde die Aufstellung von freiwilligen »Jägerdetachments« beschlossen, in denen Gedanken verwirklicht wurden, wie sie Kleist in seiner »Hermannsschlacht« bereits 1808 niedergeschrieben hatte.  Der sich im Laufe des Jahres entwickelnde »Volkskrieg« führte auch zur Aufstellung der »Lützower«, deren Uniformfarben später die Gründung der deutschen Burschenschaft und die Nationalbewegung allgemein begleiten sollten.
Das Bündnis zwischen Preußen und Russland führte zu einigen humoristischen Anekdoten; so auch zum Spitznamen Gebhard Leberecht von Blüchers, der von den russischen Kosaken »Marschall Pascholl« (dt. Marschall Vorwärts) genannt wurde, da dieser sie selbst in greisem Alter noch unter Einsatz des eigenen Lebens gegen die feindlichen Armeen führte.

3.3. »Merkwürdig sind diese Bolschewiken« – Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Deutschen und Russen (1918)

Knapp hundert Jahre später ist vom alten Bündnis- und Freundschaftsverhältnis nicht mehr viel übrig. Russland, entzwei geteilt durch die bolschewistische Revolution, muss hohe Gebietsverluste zugunsten der Mittelmächte und dem Deutschen Reich hinnehmen. Der Hass beider »Friedensdelegationen« aufeinander war tiefer, jedoch eher ideologischer Natur. Besonders die Ukraine profitierte von diesen Friedensverhandlungen, während die Bolschewiken damit den Erfolg der roten Revolution gesichert sahen. Die Oberste Heeresleitung hatte ebenfalls hohe Erwartungen an den Frieden im Osten, sollten dadurch ja die dringend benötigten Kräfte für den Befreiungsschlag im Westen zur Verfügung gestellt werden.
Heute lässt sich der in der DDR verteufelte »Raubfrieden« nicht mehr als der große Prototyp vom »Lebensraum im Osten« verkaufen, denn die Härte begründete sich eher in der Schwäche der sowjetischen Position als in der Stärke des Deutschen Kaiserreichs zum nahenden Ende des ersten Weltkriegs. Zwar konnte dieses erheblichen Druck auf die bolschewistische Führung ausüben, doch waren seine politischen wie militärischen Führer nicht in der Lage die innen- wie außenpolitische Sprengkraft der zu bildenden Sowjetunion und die schiere Mobilisierungskraft zu erkennen, die sich mit diesem Friedensvertrag auch gegen das Reich wenden könnte. Wenige Monate später erleben die Vertreter des Deutschen Reiches eine ähnliche Schmach, wie es vorher ihre russischen Kollegen mussten. Zumindest in diesem Sinne war Deutschland tatsächlich sehr »westlich«.

1.3. Militärdienst für den ehemaligen Feind – Gründung der NVA (1956)

Eine bittere Komik liegt in dem wechselnden Verhältnis dieser beiden Staaten; nun war es der deutsche (Teil-) Staat, der auf die Zugeständnisse Russlands angewiesen war. Deutschland wurde es von seiner Besatzungsmacht erlaubt, und dahingehend unterschied sich auch der westliche Teil nicht, eigene Streitkräfte aufzustellen, die selbstverständlich vorher auf ideologische Tauglichkeit geprüft wurden. Die »freiwillige Friedensarmee« der DDR wollte sich zwar von der Tradition der Wehrmacht lösen, doch Strukturen und Personal wurden in Teilen 1:1 übernommen. Als Vasallenarmee war ihre einzige Aufgabe den Frieden nach innen zu wahren und notfalls die erste Stellung gegen die Westmächte zu bilden, was für die NVA einen Einsatz bedeutet hätte, für den sie zu keinem Zeitpunkt genug Personal oder Material besaß. Trotz erheblicher Mängel entwickelte sich die NVA neben der Roten Armee der Russen zur schlagfertigsten Streitkraft des Warschauer Paktes. Im Zuge der Wiedervereinigung brach aber gerade in den nicht-grenzunmittelbaren Stützpunkten teilweise das Chaos aus, da sowohl dem einfachen Soldat als auch den Führungspositionen keine Perspektive mitgeteilt worden war, wie mit den Streitkräften zu verfahren wäre. Aus heutiger Perspektive lässt sich die NVA und besonders der Umgang mit den Soldaten als »preußische Zeitkapsel« bezeichnen, die die zunehmende Missachtung des Soldatenstandes und des Militärs zumindest eine Zeit lang verhinderte. Im Vergleich mit dem Zustand unserer modernen und besonders diversen Bundeswehr gibt die NVA ein durchaus akzeptables Gesamtbild ab.

Bild: WikipediaMichail Jungierek, CC-BY-SA 3.0

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