Historischer Kalender – Kalenderwoche 17

-

Ein Blick in die Geschichte lohnt sich immer – unser Redakteur Mike Gutsing stellt wöchentlich drei ausgewählte Ereignisse, die herausstechen, vor. Diese Woche: Föderalismus, Militarismus, Bier – Was wie schlechte politische Satire klingt, sind drei Ereignisse, die erhellend die politische Kultur Deutschlands zeigen, im Großen wie im Kleinen.

26.4. Beginn des dt. Föderalismus – confoederatio cum principibus ecclasiaticis (1220)

Friedrich II. von Hohenstaufen, der Enkel von Barbarossa, gilt bis heute gern als Vorbild eines starken Staatenlenkers, der Freunde wie Feinde durch Charisma oder Autorität seinen Plänen gefügig machen konnte und als »stupor mundi« – Weltenerschütterer, für den Papst sogar der Antichrist persönlich war. Mit diesen Vorstellungen gehen auch eine Menge von Mythen einher, wie ich einmal in einem Artikel über ihn und seinen Großvater herausgearbeitet habe. Friedrich II. hatte sich seine Stellung im Reich hart erkämpfen müssen und auch sein erblicher Besitz in Sizilien und Süditalien war ständigen diplomatischen wie militärischen Angriffen von Seiten des Papstes ausgeliefert. Um seinem Sohn Heinrich VII. zumindest zu Beginn seiner Regentschaft eine sicherere Stellung zu geben, ließ er diesen 1220 zum römisch-deutschen König wählen.

Im Gegenzug ließen sich die geistigen Fürsten, deren Position im Reich ohnehin durch die Opposition des Papstes gesichert war, eine weitreichende Erweiterung ihrer Rechte sichern, die unteranderem das freie Stadtrecht einschränkte, Kirchengut zu Ungunsten dem Landvogte durch hohe Strafzahlungen versicherte und das Verbot Burgen und Städte auf dem Gebiet von geistlichen Fürsten zu erbauen beinhaltete. Weiterhin entwickelte sich mit der Reichsacht eine Erweiterung des Kirchenbanns. Diese fürstlichen Privilegien sind jedoch nur verrechtlichte Form des geschwächten König- und Kaisertums, dass seit der Zeit der Ottonen zunehmend seine integrative Kraft verlor. Verfassungshistorisch nimmt man die confoederatio gern als Startpunkt des deutschen Föderalismus, über den ein reformatorischer Ausgleich zwischen hoher und mittlerer Herrschaft möglich war. Heute gehört der Föderalismus zur Identität Deutschlands.

30.4. Die erste nationale Waffengattung – Gründung des deutschen Flottenvereins (1898)

Nach der Reichseinigung 1871 war politisch ein Staat geschaffen, der aufgrund seiner Geschichte starke regionale Unterschiede in allen kulturellen Dimensionen aufzuweisen hatte. Neben den Monarchen oder anderen Staatssouveränen war es vor allem das Militär, das als Grundpfeiler einer eigenen Identität als Staat angesehen wurde. Wurden die partikularen Vorrechte der Länder in der Reichsverfassung von 1871 bis auf wenige Ausnahmen zwar völlig eliminiert, stellten sie dennoch ihre Truppen in ihren historischen Wehrkreisen und wurden in Bayern teils sogar auf den bayerischen König und den Papst vereidigt. So verwundert es nicht, dass mit Wilhelm II die nationale Flotte, als neueste systematisch geförderte Militärinstitution eine große Wirkung auf die Bevölkerung ausübte.

Einerseits verrichteten alle Deutschen, egal welcher Region sie entsprangen, ihren Dienst in der Flotte, des Weiteren waren die Ozeanriesen aus Stahl ein Zeugnis deutschen Forschungsdrangs und Ingenieurskunst. Interessant ist, dass ähnlich wie bei der Erbauung des Völkerschlachtdenkmals in Leipzig auch nicht-staatliche Gruppen maßgebliche Triebkräfte für die Politik wurden, heute heißen sie metapolitische Akteure. Im Wilhelminischen Reich war der Flottenverein die Vertretung der Schwerindustrie, sowie von Meinungsmachern ähnlicher Art wie heute. Er entwickelte sich bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs zum größten national-politischem Verein des Reichs und unterstützte die aktive Flottenpolitik des Kaisers. Aufgrund des außenpolitischen Versagens Wilhelms in der Tangier-Krise ging man jedoch auch hart mit ihm ins Gericht. Der Flottenverein ist damit eine Mischung aus Lobby und »rechter Flügel« nationaler Metapolitik. Wie wichtig der Verein für die politische Umsetzung war, ist nicht ohne weiteres festzustellen, doch kann seine Rolle als Interessensvertretung und Stichwortgeber nicht überschätzt werden.

1.5. Der letzte Tropfen – Bierkrawalle in München (1844)

Preiserhöhungen scheinen in den Zeiten der Dauerkrise beinahe gottgegeben, sei es nun Kraftstoff, Getreideprodukte oder wie vor einer Woche angekündigt, Bier. Die Gründe bedürfen hier keiner langatmigen Erklärung, doch schaut man in die Geschichte, könnten die Folgen einer solchen Verteuerung, zumal sie zu großen Teilen künstlich herbeigeführt ist, sehr interessant sein. Als der bayerische König Ludwig I. im Jahr 1844 eine Erhöhung des Bierpreises um umgerechnet ca. 0,005 Euro(!) ankündigte, ebenfalls aufgrund einer Rohstoffknappheit, kam es zu mehrtägigen Ausschreitungen der durstigen Bevölkerung Münchens gegen die Brauereien. Auch das Militär konnte die verheerenden Folgen dieser Preissteigerung erkennen und verweigerte jeden Befehl.

Ludwig I. musste seinen Beschluss nicht nur zurücknehmen, sondern den Bierpreis auch noch senken. Betrachtet man die Rolle des Brauwesens für die staatliche Entwicklung Bayerns und die sowieso unruhige Stimmung kurz vor der bürgerlichen Revolution 1848, könnte man zu dem Schluss kommen, dass es für diesen Aufstand jeder mögliche Grund gereicht hätte, doch dem würde ich widersprechen. Gerade die Verweigerung des Militärs spricht für eine tiefgreifende Störung in der staatlichen Ordnung, ein Zustand, den die Revolution selbst zu Beginn nicht in dieser Form herbeiführen konnte. So ist der Aufstand keine Ablehnung gegen die staatliche Steuerung des Preises für Grundnahrungsmittel, diese Praxis ist bereits seit der Antike überliefert, sondern der Wutausbruch gegen eine nicht legitimierte oder nicht ausreichende begründbare, willkürlich erscheinende Belastung des Bürgers. Inwieweit das Maß bei nun auch beim aktuellen Bürger voll ist, kann und muss die Zeit allein zeigen.


Bild Mitgliedskarte: Stadtarchiv Nürnberg, StadtAN E 6/19 Nr. 2

Teilen

spot_img
spot_img

Letzte Artikel

spot_img

Kategorien

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein