Historischer Kalender – Kalenderwoche 16

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Ein Blick in die Geschichte lohnt sich immer – unser Redakteur Mike Gutsing stellt wöchentlich drei ausgewählte Ereignisse, die herausstechen, vor. Diese Woche: Preußen, Philosophie und Geschichte. Der wohl bekannteste deutsche Philosoph Immanuel Kant feiert Geburtstag.

18.4. Friedrich VI. erhält das Kurfürstentum Brandenburg (1417)

Nach Ende des Siebenjährigen Krieges in Europa und die Erhebung Preußens zu einer Großmacht im »europäischen Konzert« durch Friedrich den Großen war die Existenzsicherung des ostelbischen Agrarstaats gesichert. Doch weiterhin musste sich der Staat Preußen und noch mehr seine beherrschende Dynastie, die Hohenzoller, gefallen lassen, dass sie, wie ihr Staat selbst, lediglich Emporkömmlinge waren. So zumindest die preußenkritische Geschichtsschreibung, die heute gern noch als Beleg für »Unnatürlichkeit« des preußischen Herrschaftssystems herangezogen wird. Liegen ihre Ursprünge nicht in mythischer Vorzeit wie bei den Welfen, deren Existenz bereits zur Zeiten Karls des Großen gesichert war, so stellen zumindest ihre entfernten schwäbischen Verwandten seit dem 11. Jahrhundert namenhafte Adlige in Süddeutschland. Mit Friedrich dem VI. wurde der »nördlichen Linie« der Hohenzollern die Mark Brandenburg zugesprochen, wobei bereits dessen Großvater Johann II. (ab 1345) diese verwaltet hatte.

Friedrich VI., der als Friedrich I. erster Markgraf Brandenburgs und Kurfürst wurde. Dabei ging die Lehensvergabe der rechtlichen Stellung nach, sowohl Kurfürstentum als auch den Reichsfürstenstand hatten Friedrichs Vorfahren durch treuen Dienst gegenüber dem Kaiser erworben. Zum Vergleich: Konstantinopel fiel den Türken endgültig 1453 in die Hände und zur Zeit Friedrichs des Großen befand sich die Mark Brandenburg, die das Kerngebiet Preußens darstellte, seit über 300 Jahren in der Hand der Hohenzollern und seit fast 400 Jahren unter ihrer Verwaltung. Damit stellen die Hohenzollern nach den Habsburgern, Wettinern und Welfen einerseits eine der ältesten landesherrschaftlichen Dynastien in einem vergleichbaren Rahmen, verhinderten andererseits durch ihre Familienpolitik auch die großflächige Zersplitterung ihrer Herrschaft.

21.4. Geburtstag Otto Brunner (1898)

Einer breiten Öffentlichkeit leider unbekannt ist der deutsche Historiker Otto Brunner. Bei Mödling nahe Wien 1898 geboren, erlebte er den ersten Weltkrieg im Fronteinsatz gegen Italien und publizierte bis zu seinem Tod 1982 in Hamburg eine Vielzahl an Schriften zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der deutschen Lande. Brunner, heute vor allem durch seinen Magnum Opus »Land und Herrschaft« bekannt, näherte sich dem Verständnis des Mittelalters primär über den Politikbegriff Carl Schmitts an, den er für besser geeignet hielt als die nationalgeschichtlichen Ansätze des 19. Jahrhunderts. In Brunners Werk dominiert das Element des territorialen Kampfes sein Bild des Mittelalters, in dem das Fehdewesen mit allen seinen sozioökonomischen Folgen das Zusammenleben prägte. Daneben arbeitete Brunner aber auch das wirtschaftliche System heraus, welches ohne das Fehdewesen funktionierte; das heute als »Ganzes Haus« rezipierte Prinzip, das sich ganzheitlich an die Wirtschaftskreisläufe dörflicher und kleinstädtischer Strukturen annähert.

Besonders reizend ist dabei der Fokus, den Brunner dabei auch informeller Kreisläufe wie Gefallen oder Geschenke einbezieht und doch unverkrampft an formelle Institutionen wie das Leibeigenenwesen und die geographischen Gegebenheiten bindet. Sein umsichtiger Zugang macht ihn deutlich überzeugender als seine modernen Kritiker, deren Kritiken sich entweder in Detailfragen erschöpfen oder die kein entsprechendes Gegenprogramm auf Basis ihrer empirisch-rationalisierten »Erkenntnisse« entwickeln können. Mögen auch einzelne Befunde Brunners durch archäologische Befunde überholt sein oder die Abgeschlossenheit des ländlich-dörflichen Warenkreislaufs einer Revision bedürfen, so ist Brunner weiterhin für das Verständnis von mittelalterlicher Gesellschaft und Wirtschaft ein klarer Vordenker, besonders für rechte Betrachtungsweisen.

22.4. Geburtstag Immanuel Kant (1724)

Zu dem preußischen Philosophen aus Königsberg ist wohl noch kein Wort, keine Einschätzung und keine Kritik ungesagt. Er gilt weithin als Wendepunkt deutscher, wenn nicht sogar europäischer Philosophie. Unzählige Zitate und Schlagworte geistern durch den (semi-) intellektuellen Äther der Bundesrepublik, man identifiziert sich gerne mit Kant, steht er doch als Sinnbild des friedlichen, kosmopolitischen Universalphilosophen schlechthin da und wer sollte schließlich dagegen etwas haben? Er gehört zu den wenigen Philosophen, die noch als wichtig erachtet werden namentlich mit ihrer jeweiligen Denkschule an staatlichen Bildungseinrichtungen vermittelt zu werden. Dabei merkte meine Ethiklehrerin damals an, sie war glühende »Kantianerin«, keines seiner Werke in Gänze gelesen zu haben. Na großartig. Die Leere, mit der die heutige Kant-Rezeption ausgefüllt ist, verleitet zu dem Gedanken sich auf ähnlicher Ebene oder eventuell überhaupt nicht mit ihm aus rechter oder zumindest politischer Sicht auseinanderzusetzen.

Wie fruchtbar eine Analyse und Kritik Kant´scher Denkfiguren sein kann, zeigt Manfred Kleine-Hartlage in seinem Buch »Die liberale Gesellschaft und ihr Ende«. Kleine-Hartlage zeigt dabei eindrucksvoll, dass etwa der Kategorische Imperativ kein generell schlechtes Prinzip ist, da weniger die Grundlage einer »Konsensgesellschaft« wichtig ist, sondern eher die Erkenntnis darüber, dass es einen solchen Konsens überhaupt geben muss. Diese Einigkeit könne etwa in der Ablehnung über die Ausbeutung des Staates zugunsten einzelner Partikulargruppen bestehen oder über gemeinsame Regelungen, wer sich zu dieser Gemeinschaft zählen könne und wer nicht. Auch die Bindung von Ethik an konkrete historische und geographische Bedingungen entzieht Kleine-Hartlage seiner Kant-Rezeption, eine Schlussfolgerung, die man im linken oder liberalen Lager in dieser Form nicht finden wird. Es zeigt sich damit, dass Kant ähnlich wie Adorno oder Marx keine Schreckgespenster der Rechten sein dürfen, denn nur durch die Unkenntnis über sie nehmen sie diese Rolle ein. Daher gehen auch an den großen Immanuel Kant in Königsberg Gruß, Glückwünsche und das Versprechen sich weiterhin des eigenen (kritischen) Verstandes zu bedienen.

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