Historischer Kalender – Kalenderwoche 14

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Ein Blick in die Geschichte lohnt sich immer – unser Redakteur Mike Gutsing stellt wöchentlich drei ausgewählte Ereignisse, die herausstechen, vor. Diese Woche: Ein Blick an die Ränder Deutschlands und den Preußen, der beide einmal verbunden hat.

4.4. Ode an das Vaterland – Uraufführung »Die Moldau« (1875)

Der Sieg über Napoleon und die gescheiterten Revolutionen 1848/49 lösten nicht nur bei den Deutschen tiefe nationale Erhebungsgefühle aus, die sich nach gescheiterten oder unausgereiften politischen Plänen in Musik, Kunst und Literatur niederschlugen. Einer dieser, ihrem Vaterland Böhmen tief verbundenen Männer war Friedrich Smetana, der sich im Zuge seiner Selbst-Tschechisierung später Bedřich nannte. Er fand über den Zeitgenossen und späteren Freund Franz Liszt zur Musik und orientierte sich stark an anderen deutschen Musikgrößen seiner Zeit. Ungeachtet der Tatsache, dass er ab den 1860ern auf Tschechisch korrespondierte, blieb Deutsch seine erstgelernte Sprache und auch noch lange nach dem Erlernen des Tschechischen unterhielt er sein Tagebuch auf Deutsch. 

Mit dem Zyklus »Má vlast« (Mein Vaterland) zeigt sich der Anspruch Smetanas dem tschechischen Volk eine Musik zu schenken, die sich eines Wagners oder des russischen Nationalkomponisten Mikhail Glinkas nicht zu schämen braucht. Dieser Zyklus, den er völlig taub komponierte, führt durch eine mystische und dadurch sehr fühlbare Tschechei, deren bekanntester Fluss Moldau jeden Hörer auf eine tief ergreifende Fahrt vom Böhmerwald bis Prag und darüber hinaus entführt. Es benötigt weder bei dem Gesamtwerk noch bei dessen zweitem Teil, der der Moldau gewidmet ist, ein sonderlich fundiertes oder geschärftes Ohr für die klassische Musik, es genügen Neugier, Fantasie und ein wenig Zeit für eine kleine Reise in ein Land, das mehr zu bieten hat als billigen Autotreibstoff sowie zollfreie Zigaretten und mit dem Sudetenland ein kleines Stück unseres Vaterlandes in sich trägt. 

5.4. »Preußen wächst nach Deutschland hinein« – Übernahme des Rheinlands durch Preußen (1815)

Mit den Artikeln 23 – 25 der Wiener Schlussakte übergab der Rat der europäischen Abgesandten Preußen die Regionen rechts- wie linksseitig des Rheins, erweiterte damit dessen Staatsgebiet beträchtlich und sicherte den Großmachtsanspruch des vormalig ostelbischen Agrarstaats. Dieser Gebietszuwachs hatte mit dem Wahlspruch und Motto »Restauration, Legitimität, Solidarität« des Wiener Kongresses wenig bis nichts zu tun. Zwar hielt Preußen einige Gebiete bei Cleve doch der Löwenanteil der neuen Gebiete bestand aus mediatisierten Gebieten der alten kirchlichen Kurländer wie etwa Köln, Trier oder der Pfalz.

Nicht nur für den Staat stellte die reiche, dichtbesiedelte, sowie geographisch und kulturell geschlossene Provinz eine Herausforderung dar, auch die Bevölkerung sah sich in Gesellschaft und Parlament gespalten. Auf der einen Seite standen die traditionsreichen protestantischen Junker und der niedere Landadel, die teils noch in feudalen Lebensverhältnissen östlich der Elbe lebten und sich im Militärstaat Preußen an allen wichtigen Punkten der Macht platziert hatten. Am Rhein dominierten dagegen von Beginn an liberalere Kräfte, Bürgerliche, die gestärkt durch die Zeit unter dem Code Napoléon und konfessionell stark katholisch geprägt waren. 

Folgt man dem Historiker Thomas Nipperdey, so lag in dem Anwachsen Preußens im Westen, nur durch Straßen durch andere Staaten mit dem Kernland seines Königreichs verbunden, der Grundstein für die preußische Macht- und Einigungspolitik ab den 1860ern. Der Ausgleich zwischen Ost und West, zwischen Katholiken und Protestanten, dem Protestantismus und Katholizismus, liberalen und konservativen Momenten ist ein Spannungsverhältnis, das uns nur zu bekannt vorkommen muss. Gelöst wurde es erst durch eine überregionale Aufgabe, die borrussische Schule wird später von der »preußischen Mission« zur Einigung Deutschlands sprechen, eine historische Aufgabe deren Lösung heute zumindest innenpolitisch wieder drängend fühlbar ist.  

6.4. Sanfter Riese – Geburtstag Anton Geesinks (1934)

Der »sanfte Weg« – Judo ist eine Kampfsportart aus Japan, die auf einer Weiterentwicklung alter Jiu-Jitsu Techniken basiert, die von Jigorō Kanō formalisiert und ab 1882 als eigene Sportart etabliert wurde. Statt Hieben und Tritten werden Körperwürfe im Standkampf, sowie Halte-, Hebel- und Würgetechniken im Bodenkampf angewendet, was den Fokus auf nahen Körperkontakt und ein Spiel der Kräfte um das Ringen des Gleichgewichts legt. Dabei wird versucht entweder den Gegner auf den Rück zu werfen oder am Boden zu fixieren, bzw. durch Hebel und Würge zur Aufgabe zu zwingen. Bereits seit dem frühen 20. Jahrhundert wurde Judo auch in Deutschland trainiert, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg quasi zur inoffiziellen Nationalsportart der DDR und auch der Westteil sicherte sich bereits Medaillen in den ersten modernen Weltmeisterschaften und olympischen Spielen.

In der Natur der Sache liegt es, dass die Länder, in denen eine Sportart gegründet wurde oder besonders populär ist, regelmäßig die oberen Ränge in Meisterschaften für sich einbehalten. In wenigen Sportarten ist dies so deutlich wie im Judo, das überdurchschnittlich von den japanischen Judoka, so heißen die Sportler im Judo, dominiert wird. Umso aufsehenerregender war es als erstmals ein westlicher Judoka 1964 gegen einen Japaner im Finale der Olympischen Spiele in Tokio gewann. Der niederländische Sportler Anton Geesink siegte im Kampf gegen Akio Kaminaga, welcher über 9 Minuten dauerte, zum Vergleich die Regelkampfzeit bei den Herren liegt heute bei 4 Minuten und wurde damit zur Legende. Der Kampf wurde von Geesinks durch eine Festhaltetechnik gewonnen, ein heute durchaus seltenes Ereignis. Geesinks Spezialtechnik war der Uchi-mata, ein Innenschenkelwurf, mit dem Geesink seinen Körper, er war immerhin 1,98m groß und 130 kg schwer, in Schwung versetzte und unter Bruch des Gleichgewichts seinen Gegner zu Fall brachte.

Auch wenn sich Judo in Deutschland nicht mehr der einstigen Beliebtheit erfreut und mittlerweile auch Länder wie Frankreich regelmäßig die oberen Ranglisten füllen, so bleibt der riesige Geesink eine Lichtgestalt des Sports und darüber hinaus ein Vorbild für die Synthese östlicher Sportarten und westlicher Hochleistungssportförderung. Auch heute ist Judo ein sehr sehenswerter Sport, der Besuch eines örtlichen Dojos sei jedem Leser herzlichst empfohlen.

Bild: WikipediaHolger Weinandt‎, CC-BY-SA 3.0

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