Historischer Kalender – Kalenderwoche 10

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Ein Blick in die Geschichte lohnt sich immer – unser Redakteur Mike Gutsing stellt wöchentlich drei ausgewählte Ereignisse, die herausstechen, vor. Diese Woche: Film, Oper und Literatur – drei deutsche Kulturgüter für schwere Zeiten. Rühmann feiert Geburtstag!

7.3. »Junge Bäume, die wachsen wollen, muss man anbinden« – Geburtstag Heinz Rühmann (1902)

Das obenstehende Zitat aus der »Feuerzangenbowle«, dem wohl bekanntesten Film des Schauspielers Heinz Rühmanns (1902 – 1994), gehört wahrscheinlich zu den berühmtesten Zeilen der deutschen Filmgeschichte. Eben diese Szene, in der sich der Oberlehrer Dr. Brett (Lutz Götz) und Professor Bömmel (Paul Henckels) über die Art der Erziehung unterhalten, reicht aus, um den Kultfilm auf die inoffizielle »schwarze Liste« der Bundesrepublik zu setzen. Rühmann, der selbst nach heutigen Maßstäben nur indirekt vom nationalsozialistischen Regime profitierte, war bis kurz vor seinem Tod noch als Schauspieler gefragt. Seine Filme wie »Die drei von der Tankstelle«, »Der Hauptmann von Köpenick« aber auch »Quax, der Bruchpilot« sind unter anderem deshalb bis heute sehenswert, weil Rühmann eben nicht nur eine propagandistisch eingesetzte Marionette war, sondern vormalig passionierter Schauspieler, der sich der Kunst und dem eigenen Gewissen verschrieben hat.
Aktuell ist man sich für keine Art der (Miss-)Interpretation von literarischen oder historischen Vorlagen zu schade, man denke dabei je nach Wunsch an »diverse« Hobbits in der neuen Herr der Ringe Serie auf Amazon Prime oder an die schwarze Jarl Estrid Haakon in der Serien Neuauflage »Vikings: Valhalla«. Jede noch so leichte Unterhaltung wird mit vermeintlich bedeutungsschwangeren Themen aufgeladen, dabei häufig mit dem Ziel eine durch und durch atomisierte Gesellschaft historisch irgendwie zu legitimieren, egal ob Fantasie oder Realität. Heinz Rühmanns Filme wird man auch in 50 oder 100 Jahren mit einigem Genuss schauen können, da sie abseits jeglicher politischer Hintergründe Kunst mit gewisser Würde und Selbstachtung bleiben, etwas was ich von der »Filmkunst« dieser Tage nicht behaupten würde. 120 Jahre Rühmann sind auch 120 Jahre Filmgeschichte.

10.3. Ein Kaiser auf Abwegen – »Große Gesandtschaft« Peter des Großen (1697)

Die Oper »Zar und Zimmermann« kennen einige noch aus dem Schulunterricht, diese komische und doch in ihrem Motiv des Rollentauschs tief in der Popkultur verwurzelte Erzählung, in der die Reise des russischen Zaren Peter des Großen in die Niederlande von Albert Lortzing 1837 auf die Bühnen Deutschlands gebracht und später auch in einigen Filmen verwirklicht wurde. Die historische Inspiration des Stücks entspringt der sogenannten »Großen Gesandtschaft« des Zaren Peter I. (1672 – 1725), der später »der Große« genannt wurde. Der erste Kaiser des Russischen Reiches wollte seinen Staat grundlegend modernisieren, besonders auf dem Gebiet der Kriegskunst, der Technik und der Seefahrt. Dafür bereiste er das Baltikum, Preußen und neben Österreich und England auch die Niederlande.
Dort arbeitete er als »Pjotr Michalow« an der Werft der Ostindischen Kompanie für einige Monate als Zimmermann und eignete sich Wissen über den niederländischen Flottenbau an. Eine Verwechslung mit einem einfachen Bürger entstammt aber dem Reich der Fantasie, die eigentlich als geheim geplante Reise konnte durch die diplomatischen Gepflogenheiten der Zeit nirgends den Schein des einfachen Diplomaten aufrechterhalten. Neben der Aneignung von Wissen war es aber primär die Suche nach Bündnispartnern, die man zum Kampf gegen das Osmanische Reich im Süden und Schweden im Norden suchte. Diese diplomatische Mission ist jedoch gescheitert, erst die spontane Rückreise über Polen und die Gespräche mit dem sächsischen Kurfürsten und polnischen König August »dem Starken« führten später zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den nördlichen Rivalen.

13.3. »Kohlhaasisches Mandat« – Fehdeerklärung Hans Kohlhases an das Kurfürstentum Sachsen (1532)

Ähnlich wie das Stück Albert Lortzings hat auch die Novelle »Michael Kohlhaas« des Schriftstellers Heinrich von Kleist (1777 – 1811) einen historischen Ursprung.  Hans Kohlhase, so sein eigentlicher Name, war Kaufmann aus dem Umland Berlins und führte von 1534 – 1540 eine Fehde mit dem gesamten Kurfürstentum Sachsen. In Realität wie Erzählung lag dies an dem gescheiterten Rechtsweg, den Kohlhase angestrebt hatte, weil er sich durch einen sächsischen Grundherrn mehrfach finanziell geschädigt und in seiner Ehre beleidigt sah. Infolgedessen überzog Kohlhase den nördlichen Teil Sachsens und einige brandenburgische Landstriche mit Plünderungen und Geiselnahmen, doch ist bis heute ungeklärt, wie viele Taten, die ihm zugerechnet werden, auch tatsächlich von ihm durchgeführt wurden.
Der Vorfall ist auf mehreren Ebenen interessant: Nachdem 1495 der ewige Landfrieden im Heiligen Römischen Reich etabliert wurde und sich damit das Gewaltmonopol auf staatliche Strukturen zu verschieben begann, waren Streitfälle zwischen alten und neuen Traditionen und Institutionen an der Tagesordnung. Landesherren sollten nun möglichst neutrale Richter darstellen, waren aber in ihrer Selbstwahrnehmung und in ihrem feudalen Selbstverständnis noch mit ausgeprägten persönlichen Interessen behaftet. Durch das Wachstum von Territorialstaaten wie Bayern war darüber hinaus eine Herrschaftsvermittlung nötig, wodurch Kleinstadlige oder bürgerliche Beamte in Machtstellungen kamen, die ihre Herrschaftserfahrung (oder den geistigen Horizont) überstiegen und die notwendige Gerechtigkeit häufig der Korruption weichen musste. Des Weiteren spielte auch die Reformation eine immer wichtigere Rolle im Reich, die politisch-religiösen Bruchlinien wurden tiefer und die Reformatoren, u.a. auch Luther, verfolgten realpolitische Ziele. So überrascht es nicht, dass Luther auch an Kohlhase einen Brief schrieb, in dem er ihn dazu anhielt, die Fehde aufzugeben. Luther, der auch während des großen Bauernkrieges (1524 – 1525) die ordnungserhaltende Seite der Fürsten einnahm, sah in der Aufrechterhaltung der staatlichen (und gottgewollten) Ordnung die einzige Chance, wie die Reformation gelingen konnte, und so war die Ablehnung des Fehdewesens ein logischer Schritt.
Das staatliche Gewaltmonopol galt lange als eine der größten zivilisatorischen Errungenschaften, doch dieses scheint seit den »black lives matter«-Demonstrationen und nun durch die maßnahmenkritischen Corona-Proteste deutlich an Strahlkraft zu verlieren. Auch ist die Polizei immer weniger in der Lage, auf die unterschiedlichen Anforderungen angemessen zu reagieren, während es Teile der Gesellschaft gibt, die diese sogar von Grund auf ablehnen. Die Rückkehr zum Fehdewesen scheint unrealistisch, doch die Frage nach den Folgen der Abgabe des Gewaltmonopols durch den Staat bleibt ebenso unbeantwortet.

Bild: WikipediaDeutsche Fotothek‎, CC-BY-SA 3.0

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