Hat Technik den Ersten Weltkrieg im Orient entschieden?

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Im Ersten Weltkrieg wurden die damals neueste Technik und Technologie in den Dienst gestellt. Wie hat sich diese an außereuropäischen Fronten geschlagen?

1597 Kilometer trennen das türkische Konya und das irakische Bagdad voneinander. Für den modernen Menschen im Zeitalter der Flugreisen und Schnellzüge sind solche Strecken gewiss kein Problem mehr – anders als vor hundert Jahren. Damals lagen beide genannten Städte noch im selben Staat, dem Osmanischen Reich, und besaßen keine zusammenhängende Zugverbindung. Ein Zustand, den die Mächtigen im Osmanischen Reich aus strategischen und wirtschaftlichen Gründen ändern wollten.

Die Bagdadbahn und das osmanische Militär

1903 begann der Bau der Bagdadbahn. Ein großer Investor dieses Unternehmens war das Deutsche Kaiserreich und seine Wirtschaftsvertreter, denn eine konsequente Orientpolitik sorgte für einen stetigen und steigenden Einfluss der Deutschen im Osmanischen Reich. Dass das Kaiserreich überhaupt tragender Partner für die Bagdadbahn werden konnte, lag unter anderem an den guten Erfahrungen der Osmanen mit den Fremden aus Europa aus vorigen Jahren. Schon 1882 sandte der Kaiser deutsche Militärexperten auf Bitten des osmanischen Herrschers in den Orient. Seit diesem Zeitpunkt gab es einen wachsenden Austausch zwischen Osmanen und Deutschen, zunehmend modernisierten die deutschen Gesandten das osmanische Militär – sei es durch moderne Ausbildungslehrgänge für osmanische Offiziere und Soldaten, Reformen des Militärwesens oder der Einfuhr moderner bzw. neuerer Waffen in das Osmanische Reich. Forschungen über den fortlaufenden technischen Fortschritt und dessen Folgen zeigen durchaus gewisse Disruptionen und Umbrüche innerhalb der Gesellschaft – positive, aber auch negative.

Die vorliegende Studie geht der Frage nach, inwiefern Technik an den Fronten im orientalischen Raum zum Einsatz kam. Dabei wird nicht nur der konkrete Einsatz analysiert, sondern auch auf indirekte Einflüsse moderner Technik geblickt. Was für Rückwirkungen hatte Technik auf die osmanische Gesellschaft? Wie hat moderne Technik Denken und Handeln beeinflusst, vor allem während des Krieges? So hat zum Beispiel das dichte und gut ausgebaute Eisenbahnnetz im Westen des Kaiserreichs überhaupt erst eine Grundlage für den Schlieffenplan geschaffen – Technik nahm hier also einen elementaren Teil in der strategischen Planung ein. Auch immaterielle Güter bzw. Wissen wird in die Beantwortung miteinbezogen, denn schließlich erfordert der Einsatz von Technik und die damit verbundene Kriegsführung auch Wissen für den Umgang damit – ein Pilot muss extra ausgebildet werden, ein moderner Bewegungskrieg benötigt dafür geschulte Soldaten.

Ein deutscher Offizier in Istanbul

Dabei wird der Fokus aufgrund des knappen Umfangs der vorliegenden Arbeit auf die Perspektive der Mittelmächte und einen der wichtigsten deutschen Offiziere gelegt – Liman von Sanders. Warum gerade dieser General? Er leitete die deutsche Militärkommission einige Jahre und stand somit im Mittelpunkt – er hatte also einen gewissen Einblick in die Situation vor und während des Krieges. Seine Erfahrungen schrieb er später in einem Buch nieder. Warum das Osmanische Reich betrachten, wenn man auch die Folgen der modernen Technik zum Beispiel auch im Kaiserreich genauer analysieren könnte? Ein Blick auf das Osmanische Reich kann sehr lohnend sein, da aufgrund der historischen Prämissen der Einfluss von moderner und fremder Technik sowie Wissen auf die osmanische Gesellschaft besonders disruptiv war. Vor allem der Vergleich zwischen osmanischen und deutschen Militärangehörigen bietet sich an, da letztere die Zustände im Osmanischen Reich als Fremde immer mit den Zuständen daheim vergleichen konnten. Nicht nur das – als aktiver Teil, Betreiber und externer Beobachter einer Transformation konnten sie auch sensibler für Entwicklungen sein, die ein osmanischer Teilnehmer übersah oder nicht wahrnahm. Jemand, der schon Erfahrung mit Technik und Wissen des 20. Jahrhunderts hat, nimmt sein Umfeld anders wahr als jemand, der gerade alles neu entdeckt. Immerhin war das Kaiserreich der damaligen Zeit eine führende Kraft des modernen Europas, während der Sultan an der Hohen Pforte über ein Reich herrschte, das nur schwerlich an die neuen Entwicklungen anknüpfen konnte, es gab also einen großen Technik- und Wissensunterschied.

Während seiner Kriegsgefangenschaft schrieb Sanders das Werk Fünf Jahre Türkei – aber auch andere Offiziere hielten ihre Erfahrungen fest, zum Beispiel von der Goltz in Stärke und Schwäche des türkischen Reiches.

Als preußischer Offizier sollte von Sanders 1913 die deutsche Militärmission im osmanischen Reich anleiten und überwachen. Seine Ernennung war nicht ohne politische Spannungen möglich gewesen, denn die europäischen Mächte sahen kritisch auf das Modernisierungsbestreben der Osmanen. Von Sanders selbst war an den politischen Ränkespielen nicht interessiert, er versuchte seine Aufgaben zielbewusst zu erledigen und sich aus der Politik herauszuhalten.

Klageschrift oder Autobiographie?

Die Schrift verfasste der General der Kavallerie von Sanders in Kriegsgefangenschaft und publizierte sie 1920 unter den Namen Fünf Jahre Türkei. Darin beschreibt er auf knapp 400 Seiten und in 24 Kapiteln seine Erfahrungen im damaligen Osmanischen Reich teilweise sehr detailreich. Aufgrund der Eigenart der Publikation ist diese mit einer gewissen kritischen Distanz zu lesen. In einigen Passagen beschreibt er seine osmanischen Partner sehr negativ und kritisiert diese, er spricht sogar von einer absichtlichen Manipulation und Intrigen, sieht sich als ein Opfer ebenjener und schweift in politische Diskussionen ab. Jan Christoph Reichmann bezeichnet von Sanders Werk in seiner Dissertation 2009 als „Klageschrift“.

Da er die Schrift erst mit einigem Abstand niederschrieb, kann man unter anderem – vor allem, wenn man den verlorenen Krieg betrachtet – auch davon ausgehen, dass von Sanders beschönigend bzw. berichtigend über seine Taten und Erfolge schrieb, um sein Andenken zu retten oder zu korrigieren. Kurze Vergleiche mit anderen Quellen zeigen, dass die Rezeption dieser Phase der Militärkommission durchaus sehr geschichtspolitisch aufgeladen ist. So berichtet der Historiker Palmer, dass die Osmanen bzw. Türken in der Nachbetrachtung allzu oft versuchten, die Anwesenheit der Deutschen herunterzuspielen oder erst gar nicht zu erwähnen – auch teilweise heute noch.

Andere Beobachter waren hingegen der Meinung, dass von Sanders die wichtigste Person für das Osmanische Reich gewesen wäre, so schrieb der habsburgische Militärabgesandte Pomiankowski über von Sanders nach einigen Siegen:

Meinem Gefühl nach hätte einem Mann, der damals geradezu als Retter des osmanischen Reiches angesehen werden musste, ein ganz anderer Empfang bereitet werden sollen.

Pomiankowski, Joseph: Der Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches – Erinnerungen an die Türkei aus der Zeit des Weltkrieges, Wien 1928, S. 13.

Der Einsatz von Technik

Grundsätzlich begann von Sanders mit seiner Arbeit nicht im luftleeren Raum. Schon 30 Jahre vor der Ankunft des Generals haben Deutsche mit den ersten Gesandtschaften oder wirtschaftlichen Missionen eine Basis für weitere Zusammenarbeit gelegt. So wurde ein Gewehr der deutschen Firma Mauser als Standardbewaffnung des osmanischen Militärs eingeführt, die dafür nötigen Munitionsfabriken errichtet und Reformen angeleitet, die sich am preußischen System orientierten. Kasernen wurden errichtet. Speziell das Offizierskorps der Osmanen stand im Fokus. Erst zur Jahrhundertwende intensivierten sich die deutsch-osmanischen Beziehungen. Von Sanders war jedoch über die Arbeit seiner Vorgänger nicht wirklich erfreut, er stellte ihnen und seinen osmanischen Partnern, den Offizieren sowie den Mannschaften, ein negatives Zeugnis aus.

Im Inneren Dienst der türkischen Truppen fehlte damals so gut wie alles. Die Offiziere waren nicht gewohnt, für ihre Leute zu sorgen und sie zu kontrollieren. Bei vielen Truppenteilen waren die Mannschaften mit Ungeziefer behaftet. Badeeinrichtungen bestanden nirgends in den Kasernen.

Ein Hinweis darauf, dass die deutschen Offiziere vor von Sanders nicht allzu viel Erfolg mit ihren Bemühungen hatten. So galt doch im deutschen, vor allem im preußischen, Militär das Offizierskorps als strikt organisiert und besaß klare Aufgaben. Von Sanders Beobachtung lässt also darauf schließen, dass die deutschen Reformer vor ihm wenig (entscheidenden) Einfluss auf das osmanische Heer und seine Ausbildung der Offiziere nehmen konnten.

Ein weiterer Punkt in von Sanders Buch zeigt, dass nicht nur die Ausbildung keine Früchte getragen hatte:

Die Kücheneinrichtungen waren die denkbar primitivsten, der Küchenbetrieb wenig sauber und nicht geordnet. Als ich eine Musterkocheinrichtung aus Deutschland gerade bestellen wollte, fand der Kommandeur der 3. Division, Oberleutnant Nicolai, eine solche durch Zufall, und zwar in tadellosen Kisten verpackt, in der großen Selimje-Kaserne. Der Deutsche Kaiser hatte sie vor fünf Jahren den Türken als Geschenk überwiesen. Da sie aber dem betreffenden Truppenteil vom türkischen Kriegsministerium nur zugestellt worden war, ohne dass ein besonderer Befehl zum Auspacken erging, blieb sie fünf Jahre in den Kisten.

von Sanders, S. 19.

Diese kuriose Entdeckung lässt auf die damaligen Zustände und Geisteshaltung innerhalb der osmanischen Militärführung schließen. Die Gründe sind zugleich zu erkennen bzw. zu erahnen. Das Osmanische Heer besaß keine Eigenständigkeit und beförderte diese auch nicht (wobei damit nicht impliziert werden soll, dass es im kaiserlichen Militär oder Truppen der deutschen Bundesstaaten anders wäre), sodass eine Handlung nur auf Befehl durchgeführt wurde – selbst, wenn es um Banalitäten wie das Auspacken von Kisten ging. Zudem stellt sich die Frage, warum man keinen Befehl gab. Möglicherweise vergaß man im Ministerium schlechthin die Kisten und ließ sie an Ort und Stelle liegen – oder man verzichtete bewusst, weil man moderne Ausrüstung nicht wollte, akzeptierte oder überhaupt nicht erst umfassend verstand, da diese einen überforderte.

Mängel und Mangel beim osmanischen Militär

Auch (militär)medizinisch waren die Osmanischen Truppen auf einem katastrophalen Stand.

Ganz erschreckende Zustände bestanden in den meisten türkischen Militärlazaretten. Schmutz und alle denkbaren üblen Gerüche machten die weit überfüllten Räume zu einem ungesunden und kaum erträglichen Aufenthalt. […] Die Erziehung der türkischen Militärärzte war […] eine ganz andere geworden, als wir sie gewohnt waren. Die Mehrzahl von ihnen beschränkte sich darauf, den Kranken aus einer respektvollen Entfernung täglich einmal anzusehen und ihm eine Unmenge Arzneien täglich zu verschreiben.

Weitere Probleme wie fehlendes Material und geeignete Orte für Lazarette schlossen sich den genannten Problemen an. Schwerwiegend war die mangelnde Alphabetisierung des Sanitätspersonals, denn nur sehr wenige konnten lesen und schreiben. Von Sanders berichtete von Lazaretten, die abgeschlossen waren und niemand den Schlüssel zu den Türen besaß. Er musste erst sich an hohe politische Führungspersonen wenden, um diese Lazarette öffnen zu lassen. Man kann also dem osmanischen Militär während des Ersten Weltkrieges keine guten Noten ausweisen. Erst zum Ende hin haben sich die Verhältnisse einigermaßen verbessert – laut von Sanders vor allem aufgrund des deutschen Professors Dr. Raner, welcher das System reorganisierte.

von Sanders, S.. 22.

Die Osmanen hatten Probleme, sich im modernen Krieg zurecht zu finden. So haben im Laufe des Krieges osmanische Truppen die Gefangennahme feindlicher Soldaten den deutschen Offizieren gemeldet, welche dann überraschend feststellen mussten, dass die Gefangenen Deutsche waren. Die Osmanen verwechselten ihre Verbündeten mit den Feinden und zerstörten im Glauben, Material der Feinde vor sich zu haben, dabei wichtiges Kriegsmaterial und verprügelten die deutschen Soldaten. Ein anderes Mal wurden deutsche Flugzeuge beschossen, vor den eigenen Linien liegende Truppen bombardiert oder auch einzelne verbündete Soldaten erschossen.

Nun sind solche Vorfälle in Kriegszeiten keine Seltenheit, jedoch lassen Äußerungen von Sanders erkennen, dass bei den osmanischen Truppen grundlegende Probleme bei der Anwendung und Verständnis moderner Kriegstechnik bestanden. Von Sanders geht mehrmals auf den Punkt ein, dass man die Osmanen in der Ausbildung „belehrte“, sie aber aus „Dummheit“ trotzdem diese Fehler täten. Noch eindeutiger wird es, wenn er trotz der Kritik die osmanischen Truppen als „grundlegend brauchbar“ bezeichnete.

„Dummheit“ ist hier möglicherweise in dem Sinne zu verstehen, dass die Osmanen von moderner Technologie bzw. Technik und Wissen überfordert waren. Die Deutschen sprachen sogar von den „abergläubischen“ Osmanen. Sie meinten damit die Skepsis der Osmanen gegenüber Neuerungen und moderner Technik. Dabei kam modernes Kriegsgebiet gar nicht so oft zum Einsatz.

Der Kampf im Meer und in der Luft

Von Sanders geht nur wenig explizit auf moderne Kriegstechnik ein. Er erwähnt zwar die Nützlichkeit der Aufklärung aus der Luft, denn diese half, die Garnisonen der Entente im Mittelmeer auszuspähen, jedoch hatte sie keinen wirklichen Einfluss auf militärische Überlegungen. Das war schon allein aus numerischen Gründen schwer möglich. Die türkische Luftwaffe bestand anfangs nur aus sechs Flugzeugen und wuchs bis Kriegsende auf 300 Flugzeuge heran, wobei oft die Piloten fehlten und Deutsche aushelfen mussten. Die Übermacht der Entente im Luftkrieg, sowie fehlende Flughäfen und Piloten sorgten jedoch dafür, dass auch mehr Flugzeuge keinen Erfolg brachten. Der US-Historiker Erickson weist auf den Fakt hin, dass Liman von Sanders durch fehlende Luftaufklärung im September 1918 taktische sowie strategische Nachteile in Kauf nehmen musste. Vor allem die fehlenden Kenntnisse über Feindbewegungen ließen ihn Entscheidungen treffen, die zu einer Niederlage führten. Von Sanders selbst erwähnt dieses nicht, er spricht nur beschönigend von einem „freiwilligen Rückzug“.

Zur See war der Einsatz von Technik wichtiger und hatte vor allem eine spürbare Bedeutung auf die Kriegsführung, schließlich hatten die Mittelmächte durchaus viel Küstengebiet zu verteidigen. Die Küstenverteidigung nahm dabei wenig Raum ein, denn der Fokus lag auf den Dardanellen, einer Meerenge mit einer großen strategischen Bedeutung. Hier kam es auch zur bedeutenden Landung der Entente-Kräfte 1915, die später aber in einem Desaster endete. Hierbei hatte moderne Technik einen entscheidenden Anteil gehabt, der auch explizit die Kriegsführung beeinflusste. Die Entente fokussierte massivste Seestreitkräfte in der Ägäis und nutzte modernste Schlachtschiffe zur Sicherung des Landungsvorhaben. Waffentechnisch waren die Seestreitkräfte der Deutschen und Osmanen unterlegen – mit einer Ausnahme. Da man sich einem Seegefecht nicht stellen wollte, nutzten die Verteidiger exzessiv Seeminen, während die Bewaffnung einiger Schiffe demontiert und an Land geschafft wurde. Auf diese Weise beschädigte man Großkampfschiffe der Briten und Franzosen. Letztere wurden durch die Verluste so entmutigt, dass sie sich aus dem gemeinsamen Vorhaben teilweise zurückzogen und nur noch mit kleinen Kräften und Manövern (zum Beispiel Scheinlandungen an anderen Küsten oder logistische Hilfe) die Briten unterstützten. Deutsche U-Boote sorgten mit Angriffen für weitere Beschädigungen, sodass letztendlich die Operation immer wieder verzögert wurde. Hohe Verluste an Leben und Material – auch verursacht durch die demontierte Bewaffnung der Schiffe – ließen die Entente-Befehlshaber das gesamte Vorhaben abbrechen.

Wenig Einsatz, viel Ergebnis

Zwei Punkte sollen hier herausgestellt werden. Erstens konnten die Mittelmächte mit sehr geringem Aufwand und dem Einsatz moderner Technik wochenlang die Angreifer sabotieren. Zweitens sorgte man mit dieser Taktik teilweise dafür, dass Frankreich nicht mit voller Kraft an der Landung und der Operation teilnahm. Nun sind „Was wäre wenn?“-Diskussionen immer müßig, aber es lohnt sich, die Frage zu stellen, welchen Einfluss der Krieg im Orient genommen hätte, wenn man die Franzosen mit U-Booten, Seeminen und einem kräftezehrenden Verteidigungskrieg nicht verschreckt hätte. Schließlich hätten Atatürk und von Sanders nicht nur mit Truppen des British Empire kämpfen, sondern die Hänge von Gallipoli auch vermehrt gegen größere französische Verbände verteidigen müssen. Es liegt also nahe, hier einen signifikanten Einfluss von moderner Technik auf den Krieg zu erkennen. Auch die Kriegsführung selbst scheint davon betroffen zu sein. In einer Depesche schrieb von Sanders 1915 von Bedingungen, die den Einsatz von technischen Geräten begünstigen. Er schlug seinen osmanischen Kollegen einen Fokus auf die Verteidigung vor, um die Vorteile der Technik vollkommen auszunutzen.

Auch indirekt bzw. subtil hatte Technik den Krieg beeinflusst. Um dies am vorigen Absatz zu erklären: Die Mittelmächte hatten im Mittelmeer nur zwei taugliche Häfen als Basis für ihre modernen Schiffe zur Verfügung – der kuk-Hafen in der Adria und Istanbul. Diese Prämisse sorgte unter anderem auch dafür, dass man auf große Operationen aufgrund der fehlenden Häfen und der damit verbundenen Flexibilität verzichtete. Eine Flucht oder Rückkehr in den sicheren Hafen wäre ein hohes Risiko gewesen. Von Beginn an war man also hier aufgrund der Technik indirekt limitiert. Man verfolgte einen See- oder Handelskrieg eher auf den anderen Weltmeeren. Die deutsche Mittelmeerdivision war von Beginn an eher ein Nebendarsteller.

Die Bedeutung der Infrastruktur

Für die Infrastruktur, Straßen und Eisenbahnstrecken gelten ähnliche Prinzipien. Wie bereits erwähnt, war der Einsatz von Flugzeugen auch von Bedingungen wie Flugplätzen abhängig. Vor allem an der Palästinafront sowie Syrien hatten die Mittelmächte Probleme, die Flugzeuge auch in die Lüfte abheben zu lassen. Es fehlte nicht nur an Piloten, sondern auch an logistischen Voraussetzungen für ihre Nutzung. Vor allem im letzten Kriegsjahr konnte man die Flieger nur schwerlich mit Treibstoff und Munition versorgen.

Die Logistik war schlechthin eins der größten Probleme im Osmanischen Reich. Das Eisenbahnnetz war schlecht ausgebaut, es gab kaum zusammenhängende Strecken. Zudem wurden die Linien von unterschiedlichen Unternehmen betrieben, welche verschiedene Spuren nutzten. Das sorgte dafür, dass vor allem der Truppentransport zu chaotischen Verhältnissen führte. Erickson gibt dafür folgendes Beispiel: Als es 1916 an der Kaukasusfront zu heftigen Kämpfen kam und die osmanischen Kräfte dringend Verstärkung brauchten, konnten keine Unterstützungstruppen eingreifen, obwohl eine neue Armee dazu aufgestellt wurde – das letzte Gleis war 40 Tagesmärsche vom Kampfgeschehen entfernt. Neue Truppen kamen also erst mit einem Monat Verspätung an, was natürlich zu taktischen Nachteilen führte.

Generell war die Eisenbahn ein strategischer Faktor im großflächigen Raum des Orients. Von Sanders betonte die Notwendigkeit, „unnütze“ Strecken abzubauen und diese Ressourcen in „strategische“ Strecken einzubinden. Relativ schnell nach Kriegsbeginn versuchte man also, die Strecken zu verbinden. Wenn man Geländegewinne machte, wurden sofort Eisenbahn-Baumaßnahmen gestartet. So konnte man 1917 nach einigen Siegen und Neubauten die Transportfähigkeit der Bagdadbahn drastisch vergrößern – von 0 auf 72000 t. Einige Bahnstrecken waren so wertvoll, dass sie selbst im Fokus des Krieges standen. Die Hedschasbahn war die einzige Bahn, welche in der Levante schnellen Transport sicherstellen konnte, weshalb sie gerne Opfer von Sabotageakten wurde – man denke hier an die Taten von Lawrence von Arabien. Die Entente versuchte mit einem Kohleboykott die osmanischen Bahnen zum Stehen zu bringen – nur teilweise mit Erfolg. Von Sanders beschreibt mehrmals in seinen Memoiren die Bedeutung der Eisenbahn für seine Schritte, er betont sogar, wie elementar diese für ihn war. Man könnte überspitzt sagen, dass sein Handeln in Eisenbahnwaggons und Abfahrtzeiten geordnet war. Er beschreibt eine Situation, in der er als Befehlshaber noch einen Zug abwarten wollte und lieber den Überraschungseffekt verstreichen ließ.

Fazit

Betrachtet man die Materialschlachten in Europa, wo Technik bereits schon eine eigene Komponente der Kriegsführung einnahm – siehe zum Beispiel auf die Taktik der Deutschen bei den Schlachten in Verdun, bei denen man tagelang die Feinde mit Granaten beschoss oder spätere Sturmtaktiken, bei denen man mit den eigenen vorstürmenden Soldaten mit einer gewissen Zusammenarbeit der Artillerie den Feind angriff (Feuerwalze) – und es eine Symbiose zwischen Technik, Krieg und Kriegsführung gab, war der Einsatz von Technik im Orient begrenzt und hatte nur einen geringen Einfluss auf das Handeln der Kriegsteilnehmer und deren Kriegsführung.

In vielen Belangen führte man einen anderen Krieg als an den europäischen Fronten. Die Ausbildung und die Zustände im Osmanischen Heer waren schlecht und auch die Deutschen konnten diesen Nachteil durch Hilfestellungen nicht vollkommen aufheben. Der Krieg in den Lüften war durch die besprochenen Bedingungen nur ein nebensächlicher Aspekt des Krieges und nahm auch bei den Akteuren kaum einen großen Platz ein.

Anders im Seekrieg. Hier hatte Technik einerseits einen direkten Einfluss auf den Kriegsverlauf genommen, andererseits auch die Befehlshaber unter anderem zu einer defensiven Strategie angeleitet.

Wirklich im Fokus stand nur die Eisenbahn. In den großen Räumen des Krieges im Orient, vom Kaukasus und Mesopotamien bis zum Suezkanal, war die Eisenbahn als schnelles Transportmittel fast schon notwendig. Die Eisenbahnstrecken waren aktiver Teil des Krieges, es wurde um sie gekämpft, man versuchte diese zu sabotieren, man bedachte Zugabfahrten und Transportstrecken bei seinem taktischen und strategischen Vorgehen. Die anfangs angesprochene These kann somit bejaht werden, wenn man als Vergleich die Zustände in Europa nimmt. Der Krieg im Orient war kein totaler Krieg, in dem Mensch und Technik verschmolzen wie in den Gräben an der Westfront. Technik hatte jedoch einen gewissen Anteil am Krieg, vor allem sehr pointiert.


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Quellenverzeichnis

von Sanders, Liman: Fünf Jahre Türkei, Berlin 1920.

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