Guillaume Travers – Moderner Kapitalismus und Marktgesellschaft. Europa unter der Herrschaft der Quantität

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Der Jungeuropa Verlag startet eine neue Schriftenreihe, um Lesern einen einfachen Einstieg in komplizierte Themen zu ermöglichen. Kann das erste Buch über den Kapitalismus überzeugen?

Mit der neuen Schriftenreihe »Fundamente« möchte der Jungeuropa Verlag aus Dresden in einer auf den Kopf gestellten Welt »Orientierung bieten« sowie »Ansatzpunkte für eine erneuerte Weltanschauung« liefern und dabei vor allem den Fokus auf eine gewisse Einsteiger-Freundlichkeit legen – ohne großes Vorwissen soll der Leser einen schnellen Anschluss an Themen aus Philosophie, Geschichte und Ökonomie finden.

Den Auftakt macht nun Moderner Kapitalismus und Marktgesellschaft. Europa unter der Herrschaft der Quantität vom französischen Wirtschaftswissenschaftler Guillaume Travers, welcher laut Angaben des Verlages zu den »aufstrebenden Federn der Nouvelle Droite« gehören soll und dementsprechend das französische Originalwerk übersetzen ließ. Kann der junge Franzose den Anspruch, eine rechte Einführung in den Kapitalismus zu geben, erfüllen?

Die Institutionen des Kapitalismus

Diese Aufgabe wird vom Autor auf ungefähr 70 Seiten in einem Kaplake-ähnlichen Format angegangen, in drei Kapiteln nähert er sich mit einem gewissen phänomenologischen Ansatz dem Kapitalismus und versucht diesen zu definieren. Dabei geht er zuerst auf die Institutionen des Kapitalismus ein, um im zweiten Kapitel die philosophischen und soziologischen Prämissen vorzustellen, während eine kurze Beschreibung der verschiedenen Kapitalismuskritik-Schulen den Abschluss bildet.

Travers geht dabei intuitiv vor, mit gut gewählten historischen Beispielen zeigt er die »Entbettung« der Wirtschaft auf, sperrige Begriffe wie Kommodifizierung und Kapital werden leicht verständlich erklärt. Trotz der rechten Perspektive, schließlich ist Travers Akteur im Neurechten französischen Iliade-Institut, schreckt der Autor nicht vor der allzu sehr bekannten Kontaktangst zurück: Die von Günter Maschke vielen konservativen Denkern gegenüber diagnostizierte »Tantenhaftigkeit« im Umgang mit linken Denkern lässt sich beim Franzosen nicht erkennen.

Philosophische Wurzeln

Er nimmt Bezug auf Karl Polanyi, verweist auf Jean Baudrillard und Herbert Marcuse, um im nächsten Satz auf Adam Smith zu verweisen – es ist nicht von der Hand zu weisen, dass der promovierte Ökonom seine Lektüre betrieben hat und sich dementsprechend im Metier auskennt. Dementsprechend kommt er auch schnell im vorderen Drittel auf eine annehmbare Kapitalismus-Definition: Kapitalismus ist »ein wirtschaftliches und soziales System, das alle Beziehungen zwischen Menschen auf egoistische Handelsbeziehungen reduziert sowie alle Güter als Waren und alle Werte rein subjektiv für das Individuum betrachtet«.

Travers sieht den Kapitalismus also als ein alles kommodifizierendes System, welches sich im Zuge der Aufklärung und Geburt der Moderne auf der Basis der Subjektphilosophie entwickelte – das Individuum kam zu sich, es wurde zum Subjekt, in der Form der bürgerlichen Gesellschaft erschuf es die Marktgesellschaft. In dieser haben nicht mehr traditionelle Werte, die einen Wert an sich haben, sondern nur noch handelbare Waren einen Wert, denn alles wird nur noch hinter einer Folie der Ökonomisierung interpretiert, da die Verdinglichung (Lukacs) die Welt auf einen Nenner reduziert, nämlich den Preis.

Religion und Technik

Die Rationalität wird als Zweckrationalität gedeutet, sodass der Mensch nur ein Zweck für andere darstellt, da im Prisma des Kapitalismus die Orientierung am Profit die Gretchenfrage stellt. Für den Ökonomen Travers ist der Fakt wichtig, dass der Kapitalismus eine völlig neue und anderswertige Art des Wirtschaftens darstellt, demnach gibt es für ihn keinen historischen Kapitalismus – er trennt ganz klar zwischen vormoderner und moderner Wirtschaft.

Der Kapitalismus wird vom Autor als Synonym für Liberalismus verwendet – eine durchaus streitbare, aber nachvollziehbare Auslegung. Im zweiten Kapitel werden in kurzen Schritten die geistigen Wurzeln des Kapitalismus aufgespürt, dabei werden anthropologische (Gier), philosophische (Subjektphilosophie) und religiöse (Protestantismus und Judentum) Gründe, aber auch die Rollen der Technik und des Staates angesprochen. Travers bezieht sich dabei häufig auf die Analysen des deutschen Ökonomen Werner Sombarts, dessen Name im 21. Jahrhundert zu Unrecht oft unerwähnt blieb. Der junge Autor schafft es für den Leser angemessen und auf wertvolle Weise in das vielfältige Denken Sombarts einzuführen – erfreulich!

Kritiker des Kapitalismus

In einem dritten Kapitel werden vom Autor anhand von drei Stichpunkten die verschiedenen Kapitalismuskritiker vorgestellt: Marxisten, Soziologen und Traditionelle. Der Bogen wird dabei von Karl Marx über Max Weber bis zu Julius Evola geschlagen, wobei immer nur die Kernpunkte angesprochen werden können. Ein weiteres Mal demonstriert der Autor seine große Kenntnis an Lektüre; das dritte Kapitel und die Fußnoten sowie Literaturangaben auf den letzten Seiten stellen neben den Ausführungen auf den vorigen Seiten einen geheimen Schatz dar: Der interessierte Leser findet hier genug weiterführende Literatur, um seine potenzielle Wissbegier mit mehr Seiten zu befriedigen. Für den Verfasser dieser Rezension ein sehr wichtiger Schritt, der leider bei anderen aktuellen Werken nicht immer vorzufinden ist.

Dieser Punkt zeigt auch den Sinn des vorliegenden Buches, es ist – wie vom Verlag konzipiert – keine tiefgehende Analyse des Kapitalismus, sondern eine Einführung in ein Thema, welches von Rechten törichterweise oft vernachlässigt wird. Aufgrund dieses Rahmens ist es zu verschmerzen, dass der Autor oft pauschal in seinen Ausführungen vorgeht. Wirtschafts- oder Philosophiehistoriker würden einige Zeilen sicherlich bestreiten, wobei die kritischen Punkte nicht ins Gewicht fallen – ob jetzt der Handel in der vormodernen Zeit so eindimensional war, wie ihn Travers darstellt, ist für eine Analyse des Kapitalismus nicht von größter Bedeutung.

Blinde Flecken

Zwei Punkte fallen aber doch ins Auge: Der Autor lässt die Thematik des für den Kapitalismus wichtigen Begriff Eigentums erstaunlicherweise im Schatten stehen, genauso wenig werden ethische Dimensionen des Kapitalismus angesprochen. Nun könnte man an dieser Stelle argumentieren, dass diese Punkte für eine Einführung fehl am Platze seien, jedoch hätten dem Buch durchaus einige Seiten zu (Produktions)Eigentum und Ethik gutgetan.

Schließlich hat Eigentum in einer politischen Ökonomie verschiedene wichtige Dimensionen: Wer Eigentum besitzt, hat auf verschiedensten Ebenen Macht – für die Analyse des Kapitalismus ein durchaus wichtiger Fakt, der beim Verständnis der Genese und Antifragilität des Kapitalismus helfen kann. Auch der Punkt, dass der Kapitalismus einige problematische ethische Prämissen besitzt, da der Kapitalist den Arbeitnehmer nur als Zweck zum Mittel ansieht und leistungsloses Einkommen bezieht, wird nicht angesprochen – dies stellt aber nur Jammern auf höchstem Niveau dar.

Ein guter Einstieg

Das erste Werk aus der neuen Schriftenreihe »Fundament« ist also ein wichtiger Beitrag zu einer geistigen Durchdringung der kapitalistischen Logik von Rechts. Zwar werden keine großen und neuen Thesen vorgestellt, jedoch eine gutlesbare und einsteigerfreundliche Lektüre angeboten – wer sich zum ersten Mal mit dieser Thematik beschäftigt, findet hier einen ersten Anlaufpunkt. Bleibt zum Schluss zu hoffen, dass möglichst viele Personen aus dem rechten Milieu dieses Werk lesen werden – bei einigen wäre es auf jeden Fall nötig.

Das Buch kann beim Verlag bestellt werden.

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