‘Great Awokening’ der deutschen Medien

Es ist in konservativen Kreisen zu einem Gemeinplatz geworden, den Linksruck der Medien anzuklagen. Doch erfordert ein solches Argument zwei weitere methodische Schritte, um zu funktionieren: Erstens eine theoretische Einordnung und zweitens eine systematische Datenerhebung. konflikt vereinigt beide Ansätze in einem Artikel.

Woke Capital, Woke Media

Zu den Grundlagen der Neuen Konservativen Revolution gehört die Erkenntnis, dass der Hauptfeind der Nationalstaaten und der gewachsenen europäischen Identitäten im globalistischen Kapital zu finden ist. Stellt ein politisch eingehegter Kapitalismus im nationalen Rahmen – die soziale Marktwirtschaft – eindeutig die beste unter den modernen Wirtschaftsformen dar (siehe hier), verhält es sich mit dem globalistischen Kapital genau gegenläufig: Insbesondere in seinen am höchsten entwickelten Formen, dem Finanzkapital einerseits und den Technologiemonopolisten andererseits, wirkt es unweigerlich staats- und volkszersetzend. Im selben Maße, wie Waren- und Geldströme grenzübergreifend fließen und Wertabschöpfungsketten sich wie ein Spinnennetz über den gesamten Globus legen, lösen sich historisch gewachsene Bindungen an Familie, Heimat und Tradition auf – übrig bleibt eine identitäts- und geschichtslose Konsumentenmasse, ein perfekt flexibilisiertes Humankapital.

Doch selbstverständlich muss das globale Kapital, um auf diese Weise wirksam zu werden, mit den konkreten politischen Gemeinwesen interagieren. In unserem Grundlagentext Louis Althusser und die Ideologischen Staatsapparate haben wir dargelegt, wie die globalistische Ideologie – vermittelt durch ihre historische Avantgarde, die Neue Linke – den Einzug in die nationale Politik, allem voran die Metapolitik gefunden hat: Während der klassische Staatsapparat noch nominell national agiert, seine Feiertage abarbeitet und seinen Gründungsmythos (im Falle der BRD ist es ein negativer Gründungsmythos) pflegt, verbreiten die Ideologischen Staatsapparate, zuallererst die Massenmedien und das Bildungssystem heute primär die globalistische Ideologie von Diversität, Weltoffenheit und vermeintlich besonderer deutscher Verantwortung für die Verdammten dieser Erde.

Soweit, so bekannt; doch gilt es im Folgenden, dieses allgemeine theoretische Postulat mit konkreten Erfahrungswerten zu unterfüttern. Nicht, weil die konflikt-Redaktion plötzlich zur entpolitisierenden Fakten-Religion übergelaufen wäre, sondern weil eine Theorie gesellschaftlicher Entwicklungen nur dann wirklich begriffen werden kann, wenn sie an konkreten Beispielen veranschaulicht wird. Im Gegensatz zu linken und akademischen Intellektuellen wollen wir keine Luftschlösser bauen, sondern ein konsistentes Weltbild für eine politisch handlungsfähige konservative Bewegung erarbeiten. Daher werden wir nun auf die entsprechende Datenanalyse unseres Einsenders Alwin eingehen.

‘Awokening’ in Zahlen – Methode

Alwin hat die Online-Archive großer deutscher Medien untersucht, um herauszufinden, ob das ‘Awokening’ sich auf sprachlicher Ebene nachweisen lässt. Unter ‘Awokening’ (also zu Deutsch etwa “Erwachen” i.S.v. “woke/linksliberal-Werden”) versteht er, in Anlehnung an einen Begriff des liberalkonservativen Manhattan Institute for Policy Research, eine zunehmende Dominanz ursprünglich links bis linksextrem konnotierter Begriffe in den Mainstream-Medien. Bei den beanstandeten Begriffen handelt es sich jedoch durchweg nicht um klassisch-linke Begriffe wie etwa “Proletariat” oder “Sozialismus”, sondern ausschließlich um solche, die der hegemonialen Durchsetzung von Diversität und Multikulturalismus dienen. Ein solches ‘Awokening’ der Berichterstattung entspricht somit auf konkreter, journalistischer Ebene dem von uns beschriebenen globalistischen Paradigmenwechsel der Ideologischen Staatsapparate, zu welchen wir private und öffentliche Medienanstalten gleichermaßen zählen.

Alwin analysierte das Online-Archiv des Focus (1993 – 2020, Ressorts Finanzen, Kultur, Politik), der Welt (1995- 2020, Ressorts Politik, Wirtschaft, Kultur, Print-Welt, Print-Welt am Sonntag), des Spiegel (200 – 2020, Ressorts Politik, Wirtschaft, Kultur) und der Süddeutschen Zeitung (Ressorts Politik, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft). Das abgedeckte Spektrum umfasst also neben digitalen auch die Druck-Angebote der Welt und reicht von Wirtschaftsnähe (Focus) über gemäßigten Liberalkonservatismus (Welt) und bundesdeutschen Zentrismus (Spiegel) hin zum gemäßigten Linksliberalismus (SZ) – ein Feld, das den Großteil der sogenannten politischen Mitte journalistisch abdeckt.

Die Begriffe, deren Häufigkeit analysiert wurden, sind Sexismus, Rassismus, Feminismus, rechtsextrem, Diskriminierung und Migrationshintergrund. Bei den ersten beiden handelt es sich eindeutig um politische Kampfbegriffe, die ein Festhalten an der traditionellen Familienordnung und ethnokultureller Homogenität verunglimpfen sollen. Feminismus und rechtsextrem können vor diesem Hintergrund gewissermaßen pars pro toto als Synonyme für “die Guten” und “die Bösen” gelten, insofern laut herrschender Ideologie Feministen (“Feminist*innen”) gegen den vermeintlichen Sexismus kämpfen, während der sogenannte Rassismus von angeblichen Rechtsextremisten ausgeht. Das letzte Begriffspaar – Diskriminierung und Migrationshintergrund – tangiert direkt den Kern der globalistischen Ideologie, insofern “Diskriminierung” die strukturell unangenehme Lage von Minderheiten in multikulturellen Gesellschaften zur Schuld der Mehrheitsgesellschaft umlügt und “Migrationshintergrund” als Neologismus Nichtdeutsche bzw. Ausländer bezeichnet, ohne die Existenz von Deutschen bzw. Inländern zu implizieren.

‘Awokening’ in Zahlen – Daten

Zeitlicher Häufigkeitsverlauf von Indikatorwörtern des “Awokening”

Im obigen Schaubild sehen wir das zentrale Ergebnis des Suchalgorithmus: In allen vier Medien nahm die Benutzung der genannten Begriffe ab 2010 langsam, ab 2015/16 immer stärker zu. “Rassismus” und “Sexismus” scheinen am Beginn eines exponentiellen Astes zu stehen; das bedeutet, dass rein statistisch davon auszugehen ist, dass sie in den nächsten Jahren noch deutlich mehr Verwendung finden werden. Im Kontrast zu den anderen Begriffen zeigt sich beim “Migrationshintergrund”, dass dieser eine völlige Neuschöpfung der frühen 2000er ist – ein schlagendes Beispiel für den Erfolg gezielter Sprachpolitik.

Lediglich beim Begriff “rechtsextrem” zeigt der Focus als einziges Medium einen Negativtrend; es ist davon auszugehen, dass das Magazin aufgrund seiner Wirtschaftsnähe in dieser explizit politischen Frage keinen besonderen ideologischen Einschlag hat und den Begriff im selben Maße weniger verwendet, wie die Neonazi-Subkultur an Relevanz verlor. In den anderen untersuchten Medien nahm die Verwendung dieses Begriffs hingegen schon ab 2010 stetig zu. Dies entspricht ihrem fortlaufenden Versuch, jede konservative Position rechts der Union – und insbesondere die 2013 gegründete AfD – als “rechtsextrem” zu brandmarken, dadurch mit dem bedeutungslos gewordenen Neonazismus zu assoziieren und sie schließlich aus dem öffentlichen Diskurs auszuschließen. Wir können der Verschiebung des Overton-Fensters somit gewissermaßen live zusehen.

Polarität durch logistische Regression. 1 = positiv, 0 = negativ

Eine weitere interessante Erkenntnis erschließt sich, wenn man die Polarität der Begriffe betrachtet, indem man statistisch ihre Verwendung im positiven oder negativen Sinne berechnet. Ein Ergebnis von 1 lässt darauf schließen, dass das betreffende Medium den entsprechenden Begriff mehrheitlich positiv konnotiert, ein Ergebnis von 0 verweist auf eine gegenteilige negative Konnotation. Es zeigt sich deutlich, dass die Begriffe “rechts” und insbesondere “Nationalismus” seit Beginn der Aufzeichnungen grundsätzlich schlecht konnotiert werden, während “Sozialismus” durchweg differenziert behandelt wird und “Europa” zwar relativ stabil positive, aber im Laufe der 2010er-Jahre auch etwas differenziertere Verwendung findet. Gerade die fortlaufend differenzierte Verwendung von “Sozialismus” geht mit der These einher, dass das ‘Awokening’, also der spürbare und evidenzbasierte Linksruck der Massenmedien, nicht mit einer klassischen wirtschaftlich linken Neausrichtung einhergeht, sondern ausschließlich im (oben beschriebenen) linksliberalen Sinne woke geworden ist. Der Mainstream denkt nicht antikapitalistisch, sondern globalistisch und antinational.

Schlussfolgerungen

Aus einer Analyse der erhobenen Daten können wir also Folgendes schließen: Ein ‘Great Awokening’ im Sinne eines kulturellen Linksrucks der deutschen Medien ist seit ca. 2015/16 in vollem Gange – dies entspricht einerseits einer um wenige Jahre verzögerten Nachholbewegung auf den kulturellen Linksruck US-amerikanischer Medien und steht andererseits in einem eindeutigen Zusammenhang mit der intensivierten Massenmigration 2015ff. und der sich darin ankündigenden Verstärkung globalistischen Hegemoniestrebens. Auch vermeintlich konservative Mainstream-Medien wie die Welt sind von dieser Entwicklung betroffen – auch wenn angenommen werden kann, dass die massive Verwendung von “Migrationshintergrund” hier bisweilen auf eine durchaus ambivalente Berichterstattung zurückgeht (etwa über von Migranten begangene Straftaten), entspricht schon alleine die Verwendung dieser euphemistischen Wortneuschöpfung einer tiefsitzenden Systemtreue. Die Welt und ähnliche liberalkonservative Medien wären demzufolge als ideologisch kontrollierte Pseudo-Opposition einzuordnen.

Entgegen der Unkenrufe mancher Kalter Krieger findet jedoch explizit kein Linksruck im Sinne einer Zuwendung zum Sozialismus statt, sondern ausschließlich eine Zuwendung hin zu globalistischen Kampfbegriffen wie “Sexismus” und “Rassismus”, die die natürlich gewachsene Familienordnung und das Unbehagen gegenüber der Ersetzungsmigration diffamieren sollen. Im selben Sinne wird die konservative Opposition zunehmend als “rechtsextrem” diffamiert, und allgemein wird eine klare Benennung der Phänomene in traditionell gebräuchlichen Begriffen vermieden.

Diese Beobachtung eines empirisch nachvollziehbaren ‘Awokening’ der Massenmedien entspricht vollständig der eingangs explizierten Theorie einer zunehmenden globalistischen Hegemonie in den Ideologischen Staatsapparaten. Fernab davon, “Verschwörungstheorie” zu sein, konstatiert diese den expliziten Versuch der metapolitisch tonangebenden Institutionen, allen voran der Medien und des Bildungssystems, einem bestimmten weltanschaulichen Paradigma kulturelle Hegemonie zu verschaffen. Bei diesem Paradigma handelt es sich um die Vision der einen Welt und der einen Menschheit, die keine traditionellen Identitätskategorien wie Geschlecht, Familie oder Nation mehr zulassen kann, weil solche gewachsenen Bindungen der Verwandlung der europäischen Völker in ahistorische Konsumentenmassen entgegenstehen. Eine besondere Identität ist im gegenwärtigen Stadium alleine den (vermeintlichen) Minderheiten als Minderheiten gestattet – etwa den Frauen als Feministinnen im Kampf gegen die Familie oder den Migranten als diskriminierte Menschen mit Migrationshintergrund zum Zwecke der Abschaffung eines ethnokulturell homogenen Staatsvolkes. Dabei gilt die Opposition dissident-konservativer Kräfte selbstverständlich nicht der bloßen Tatsache, dass die Medien ein bestimmtes Paradigma propagieren – als Befürworter der Familie und der Nation widersprechen wir hingegen in erster Linie ihrer inhaltlichen Ausrichtung, nämlich der Zersetzung dieser traditionellen Bindungen durch die globalistische Ideologie.

Was also tun? Diese Frage haben wir im eingangs zitierten Grundlagenartikel und einer Reihe anderer Artikel (1, 2, 3) bereits angeschnitten. Als Konservative müssen wir in erster Linie eine antiglobalistische Gegenhegemonie kultivieren, die den aktuell tonangebenden Kräfte auf allen Feldern (einschließlich Musik und Spielekultur) widerspricht und ansprechende eigene Angebote schafft. Dabei müssen wir uns stets im Klaren darüber sein, dass wir in diesem ideologischen Kampf die Rolle des David einnehmen, der nur durch Intelligenz und Subversion die unbeschreibliche Kräfteasymmetrie zu seinen Gunsten ausnutzen kann. Heldenhafte Alleingänge werden in der gegenwärtigen Lage ebenso wenig nützen wie dogmatische Spaltungsbewegungen. Lesern, die an dieser Stelle aktiv werden möchten, sei geraten, sich mithilfe des breiten Spektrums konservativer Publizistik umfassend zu bilden und die gewonnenen Erkenntnisse für die Arbeit in der AfD und ihrer Jugendorganisation JA, alternativ in der FPÖ und der Bürgerbewegung DO5 nutzbar zu machen. Wer sich selbst als Autor von Kurzartikeln, Reportagen oder experimentellen Texten zur Gegenkultur ausprobieren will, kann seine Entwürfe an konfliktredaktion@protonmail.com schicken – wir lesen jede Einsendung, bieten Feedback und veröffentlichen regelmäßig Gastartikel unserer Leserschaft.

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