Gerd Habermann – Freiheit in Deutschland

Ebenso facettenreich und vielseitig wie die Geschichte unseres Landes sind die Geschichten seiner politischen Strömungen. Häufig wird vergessen, dass auch der Liberalismus eine spezifisch deutsche Tradition kennt, die lange vor der Amerikanisierung der Nachkriegszeit begann und tief ins 19. Jahrhundert hineinreicht. Historisch, so lässt sich argumentieren, geht der freiheitliche Geist bis in die Zeit der spätantiken Germanenreiche zurück. Der Wirtschaftsphilosoph und Hochschuldozent Prof. Gerd Habermann hat diesem Thema seine neueste Veröffentlichung Freiheit in Deutschland gewidmet.

Von Carlo Clemens

Gesucht: Ein freiheitliches Narrativ für den Populismus

Es wird gemeinhin von zwei großen Strömungen in der AfD gesprochen: einer freiheitlichen bzw. liberalkonservativen und einer solidarisch-patriotischen Linie. Beide Richtungen lassen sich ausdifferenzieren und unterteilen. Übergänge verlaufen fließend. Dennoch bestehen grundsätzliche Konflikte in der Standortbestimmung. Ist die AfD eine Partei, die vor allem das freie Individuum propagiert und aus ihrer Anfangsgeschichte als Anti-Eurorettungspartei heraus jegliche Staatstätigkeit per se kritisch beäugt? Oder ist die AfD endgültig zur etatistischen Partei der „kleinen Leute“ avanciert, wie es soziodemografisch in den ostdeutschen Hochburgen bereits der Fall ist, wo man Zustimmungswerte um die 30 Prozent erzielt und nachhaltig im Wählersegment der Linkspartei wildert?

Der junge Politologe Benedikt Kaiser setzt auf die „soziale Frage von rechts“ und hat im letzten Jahr mit seinem Werk Solidarischer Patriotismus einen theoretischen Grundstein mit praktischer Handlungsaufforderung gelegt. Bislang steht eine fundierte Antwort aus freiheitlicher Sicht aus. Wie lässt sich patriotische Opposition unter Berücksichtigung klassisch liberaler Glaubenssätze wie Individualismus, freie Marktwirtschaft und Staatsskepsis konsistent begründen? Für einen signifikanten Teil der Parteibasis vor allem im Westen tut ein solches Narrativ not. Es diente vorausschauenden Vordenkern und Führungspersönlichkeiten als Handhabe, um aus dem boomeresken Potpourri ideologischer Versatzstücke unter Hinzugabe solidarisch-patriotischer Elemente eine ganzheitliche Weltanschauung formen zu können.

Eine programmatisch und habituell integrative Synthese vermag es, der AfD neue innere Stabilität zu verleihen. Es geht nicht bloß um Darlegung von Theorie, die in idealer Reinform kein Gerüst für einen „gärigen Haufen“ sein kann. Hilfreich ist zwar die Ertüchtigung deutscher Traditionslinien, an die sich anknüpfen lässt, mit denen man sich identifizieren kann. Schlussendlich bedarf es jedoch der realpolitischen Anwendbarkeit für die einzige Wahlalternative, die wir in der bundesdeutschen Konsensdemokratie haben.   

Gerd Habermann

Vor diesem Hintergrund weckt das Vorhaben von Prof. Gerd Habermann, eine umfassende „deutsche Freiheitsgeschichte“ vorlegen zu wollen, große Erwartungen. Der Wirtschaftsphilosoph und Hochschullehrer der Universität Potsdam streitet für einen ideengeschichtlich gesättigten „liberalen Patriotismus“ – so steht es auf dem Buchdeckel seines im Lau-Verlag erschienenen Werkes Freiheit in Deutschland. Die jahrtausendalte Geschichte der Deutschen berge unzählige Freiheitshelden, von Hermann dem Cherusker bis zu den Aufständischen des 17. Juni 1953. Das klingt nach mehr als Verfassungspatriotismus, mehr als bornierter Sehnsucht nach der heilen D-Mark-Zeit. Das klingt nach einer Möglichkeit (die der Autor freilich nicht intendiert).

Habermann ist kein Denker im Elfenbeinturm. Als Mitgründer und geschäftsführender Vorstand der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft leitet er die wichtigste und einflussreichste liberale Denkfabrik im deutschsprachigen Raum. Das Jahresbudget für Publikationen, Preisverleihungen, Essay-Wettbewerbe und Studentenschulungen wird auf rund 450.000 Euro geschätzt. Mit „liberal“ ist kein Wohlfühlliberalismus à la FDP gemeint, auch wenn Habermann ein solches Parteibuch pro forma besitzt und Bundestagsabgeordneter Frank Schäffler ein führender Initiator ist. Der klassische Liberalismus Hayekscher Prägung ist konsequent. Dank provokanter Bekenntnisse zur „sozialen Wärme des Kapitalismus“ (so eine Broschüre der Hayek-Gesellschaft), klarer Kritik am zentralistischen Bürokratiemonster EU und vorsichtiger Ablehnung fehlgeleiteter Migrationspolitik rufen Vorträge der in ganz Deutschland organisierten Hayek-Clubs öfter auch die örtliche Antifa auf den Plan.

Die Hayek-Gesellschaft geriet wegen vermeintlicher AfD-Nähe mehrfach ins Visier publizistischer Tugendwächter. Prominente AfD-Politiker wie Alice Weidel, Beatrix von Storch und Peter Boehringer sind Mitglied. Ex-Vorstandsmitglieder ließen sich dazu hinreißen, den Thinktank mit Sitz in Berlin öffentlich als „Mistbeet der AfD“ zu bezeichnen. Der öffentlichkeitswirksame Rück- und Austritt der früheren Vorstandsvorsitzenden Karen Horn gemeinsam mit rund 50 weiteren Personen, darunter Christian Lindner, machte den vermeintlichen Rechtsruck im Jahr 2015 manifest. FDP-Granden übten Druck aus. Habermann blieb standhaft. 

Deutsche Freiheit

Wer ihn trifft, merkt schnell, dass es sich beim überzeugten Katholiken nicht um den prototypischen Kosmopoliten handelt. Der Publizist freiheitlicher Ideen ist gerne Deutscher, die gewachsene Heimat ist ihm trotz universalistischer Überzeugungen nicht gleichgültig. Ein liberaler Konservativer, der mit Vorurteilen aufräumen möchte, wonach Liberalismus und Wertschätzung von Kultur und Tradition zwangsläufig einen Widerspruch darstellen. Habermann bemüht sich, der historischen Erzählung vom unheilvoll-obrigkeitsliebenden Teutonen etwas entgegen zu setzen. Sein aktuelles Buch will eine andere Geschichtslinie aufzeigen: die Deutschen als „Träger einer reichen politischen Kultur der Freiheit, des Universalismus, einer fast unglaublichen Vielfalt politischer Institutionen und dazu einer reichhaltigen Freiheitsliteratur.“ Da jedes Volk mit Herfried Münkler seine Mythen und Symbole braucht, leistet Habermann seinen erklärten Beitrag für einen „bescheidenen liberalen Patriotismus“.

Liberalismus ist längst nicht nur angloamerikanischer Import aus dem Kalten Krieg. Der ideelle Freisinn ist stark verbunden mit dem Schicksal Deutschlands als „verspäteter Nation“ (Helmuth Plessner). Die Geschichte der Deutschen ist elementar verknüpft mit ewiger Kleinstaaterei und etlichen Freiheitskämpfen – ob gegen römische Besatzerheere oder im Rahmen von Zwangsmissionierungen unter germanischen Stämmen. Organisch ausdifferenzierte Feudalstrukturen wie das Lehnswesen waren Quelle und Treiber des deutschen Polyzentrismus. Habermann beschreibt wertfrei, wie der Feudalismus einen legitimierenden Rahmen, ethische Prinzipien und Gefühle der Zusammengehörigkeit zwischen den Ständen schuf.

Das wechselseitige Verhältnis aus Treueeid und Schutz vor willkürlicher Gewalt in einer partikularistischen Welt ermöglichte Bauern und Untertanen relative individuelle Freiheit und praktische Selbstbestimmung über Hof und Erzeugnisse. Die selbstgenügsame Naturalwirtschaft ließ einen zentralistischen Beamtenstaat wie in Rom nicht zu. Das Zusammenleben war jahrhundertelang ohne zentrale Verfassung, Hauptstadt, Bürokratie und Steuereintreiber möglich. Der Autor schwärmt von freien Reichsdörfern und Reichsstädten, von historischen Möglichkeiten wie der Dithmarscher Bauernrepublik („die Chance zu einer nordischen Schweiz“), von reichsunmittelbaren Ritterkleinstaaten und „freiheitlich-genossenschaftlichen Bildungen“ wie dem Städtebündnis der Hanse, „eine wirtschaftliche Großmacht ohne eigentlichen zentralen Staat und doch von politischer Effizienz und respektabler Selbstbehauptungsmacht, wenn es um gemeinsame Handelsinteressen ging.“

Deutscher Polyzentrismus war auch schöngeistig, wie Habermann umfassend darlegt. Die aufklärerischen Persönlichkeitsideale der Weimarer Klassik galten universell. Der deutsche Flickenteppich aus konkurrierenden weltlichen und kirchlichen Fürsten- und Herzogtümern beförderte eine beispiellose kulturelle Blüte. Das, was Thomas Mann später als „Weltdeutschtum“ umschrieb, kannte keine festen Grenzen, keine Hauptstadt und auch keine Ethnizität. Die großen deutschen Dichter dachten in Regionen und gleichzeitig weltbürgerlich.

Nationalliberalismus

Politisch wurden die nicht mehr aufzuhaltenden Bewegungen für Nationalstaat und Demokratie im 19. Jahrhundert entschieden vom liberalen Geist getragen. Dabei führten sie eine Zweckbeziehung: „Für den Liberalen ist die Demokratie nur Mittel (zur unblutigen Erhaltung der individuellen Freiheit), für den Demokraten ist sie Selbstzweck.“ Habermann unterscheidet in diesem Zusammenhang mit Hayek zwischen einem „wahren“ und einem „falschen“ Individualismus innerhalb überlieferter spontaner Ordnungen. Echter Liberalismus bejahe „den Wert der Familie, den Wert der lokalen Selbstverwaltung und freiwilligen Verbindungen, den Wert von Tradition und Sitte“, grundsätzlich alle „nicht auf politischem Zwang beruhenden Konventionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens als wesentliche Faktoren für die Erhaltung einer sozialen Ordnung“. Habermann zitiert Wilhelm Heinrich Riehl, wonach nicht die abstrakte Freiheit, „sondern die konkrete – freiwillige – Zugehörigkeit zu sozialen Kreisen“ erst die individuelle Persönlichkeit konstituiere und tritt damit Mohlerschen Pauschalisierungen entgegen, wonach der Liberale per definitionem das autonome Individuum im luftleeren Raum betrachte.

Mit Gewinn liest der Geschichtsinteressierte die erfrischend differenzierte Preußen- und Bismarck-Kritik. Neben der ambivalenten Betrachtung deutscher Sozialstaatsgeschichte im Kaiserreich und in der Weimarer Republik kommt Habermann nicht umhin, auch der Geschichte des materiellen Aufstiegs breiter Bevölkerungsschichten durch Industrialisierung und Wirtschaftsentfesselung ihren Platz einzuräumen. Liberale Parteien – Nationalliberale und Fortschrittliche – schneiden ob ihrer Opportunität schlecht ab. Politisch konnten sie ihrem Niedergang trotz einzelner charismatischer Persönlichkeiten nichts entgegensetzen.

Der Historiker Theodor Mommsen nennt die Liberalen nach 1878 mehr eine Reminiszenz als einen politischen Faktor. Bismarck habe ihnen das Rückgrat gebrochen. Das bis heute weltweite Reüssieren der Österreichischen Schule der Nationalökonomie mit ihren berühmtesten Vordenkern Ludwig von Mises und Hayek und das Aufkommen des Ordoliberalismus der Freiburger Schule um Walter Eucken und Franz Böhm, geistige Großväter für das Wirtschaftswunder der frühen Bundesrepublik, waren ein Rückruf in die Geschichte – wenn auch aufgrund nationalsozialistischer Verfolgung zunächst hauptsächlich aus dem Exil heraus.

Offene Fragen

Freiheit in Deutschland ist ein starkes Geschichtsbuch und ein reichhaltiges Nachschlagewerk für alle, die sich für politische Ideengeschichte interessieren. Doch dient es bei weitem nicht als freiheitliche Antwort im Strömungskonflikt innerhalb der AfD. Es genügt nicht, wenn Habermann im Schlussplädoyer einfallslos fordert, „den Menschen Geld und Verantwortung“ zurückzugeben und auf „unvermeidlich dynamisierende Folgen“ zu hoffen. Politik im Sinne von „liberalisieren, privatisieren und mit alldem dezentralisieren“ sind im Gedankengebäude eines Vorstandes der Hayek-Gesellschaft schlüssig und allzu konsequent. Doch damit kommt man weder in der FDP noch in der AfD weit. Eine deutsche Geschichte von Dezentralisation und Wettbewerb vermag nicht zu mobilisieren und auch keine Brücken zum anti-globalistischen Populismus als „Gegenbewegung zur herrschenden Tendenz unserer Zeit“ (Kaiser) zu schlagen.

Wo vollzieht sich der Bogen zu Schicksalsthemen wie dem demografischen Wandel, nicht nur aus wirtschaftlicher, auch aus ethnokultureller Sicht? Inwiefern ist das Ausscheiden des deutschen Volkes aus der Geschichte beklagenswert für einen konsequenten Liberalen, der doch den Freihandel und auch die freie Bewegung wünscht? Wie steht man zur Zensur von Meinungsfreiheit durch private Big-Tech-Unternehmen, denen der Staat nicht reinreden dürfe? Wie kann man gegen Konsumismus und kulturelle Vereinheitlichung sein, wenn doch nur eine Nachfrage bedient wird? Wo sind die Lösungen zur Schonung unserer natürlichen Ressourcen, wenn schon das Verbot von Plastiktüten als „übergriffiger Sozialismus“ gilt? Habermann löst diese Transferaufgaben nicht. So lange der freiheitliche Patriot das Paradigma des freien Marktes über das Primat des Politischen setzt, so lange findet er keinen Frieden mit Volk und Nation. Er wandelt im Widerspruch.

Gerd Habermann: Freiheit in Deutschland. Geschichte und Gegenwart. Reinbek: Lau Verlag 2020, 284 Seiten, 24 Euro.

  1. DerRechteAnwalt

    Das unkritische Referat scheint mir schlecht zu den notwendigen Fragen am Ende zu passen. Das verlangt nach einer Entgegnung. Ich schlage M. T. Neumann vor!

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