»Gendern« in der Sprache

Leseempfehlung

Was lange auf die akademische Linke beschränkt war, erobert (wie diese) den öffentlichen Raum: Nachrichtensprecher sagen „Bürger [Pause] innen“, Zeitungen benutzen das sog. Gendersternchen. Viele Konservative sind entschiedene Gegner dieser Sprachreform, empfinden sie als aufgezwungene Ideologisierung unserer Sprache. Andere sind unentschieden – Was sei schon so schlimm an einer dritten Toilette und einem zusätzlichen Zeichen im Text, fragen sie. Eine Argumentationshilfe, um sie zu erreichen.

Was ist Gendern?

Geschlechtergerechte, geschlechtersensible, gendergerechte oder nicht sexistische Sprache wird im Volksmund „Gendern“ genannt. Die Befürworter argumentieren, dass die Sprache Frauen (und sexuelle Minderheiten) benachteilige und deshalb entweder

a) für die Sichtbarkeit der Frauen und Minderheiten in der Sprache gesorgt werden müsse oder

b) das Merkmal „Geschlecht“ aus Texten, die sich auf nicht geschlechtsspezifische Gruppen beziehen, eliminiert werden sollte. Dies geht soweit, dass teilweise die vollkommene Entgeschlechtlichung der Sprache gefordert wird.

Die Methoden variieren je nach Quelle. Neben der Beidnennung gehörten das Binnen-I (StudentInnen), der Gender-Gap (Student_innen) und substantivierte Partizipien (Studierende) lange zu den bekanntesten Varianten. In jüngster Zeit setzt sich jedoch vermehrt das Gendersternchen (Bürger*innen) für nicht als Verbform darstellbare Bezeichnungen (vgl. studieren – Studierende, aber Ärzte – Ärzt*innen) durch

Hat das Gendern eine wissenschaftliche Grundlage?

Für den deutschsprachigen Raum gibt es u.a. die psycholinguistischen Untersuchungen von Stahlberg/Sczesny. Die vier dort beschriebenen Experimente zeigen tatsächlich, dass sich die Formulierung (generisches Maskulinum vs. neutrale Formen vs. Binnen-I vs. Beidnennung) auf den „gedanklichen Einbezug von Frauen“ auswirken. Frauen werden demnach bei der Verwendung des Binnen-Is am meisten einbezogen.

Die Ergebnisse werden jedoch von den Forschern selbst relativiert – einerseits verstärke die positive Einstellung zu gegenderter Sprache deren Wirkung (ähnlich wie ein Placebo), andererseits könnte die Verwendung des Binnen-Is als femininer Plural missverstanden worden sein oder die Studienteilnehmer dazu verleitet haben, politisch korrekt zu antworten. Tomas Kubelik kritisiert außerdem, dass der zu messende „gedankliche Einbezug von Frauen“ nur durch die Messeinheit (die Studienteilnehmer sollten den Prozentsatz der Frauen innerhalb einer Gruppe schätzen) definiert wird.

Viele Leitfäden zu gendersensiblen Sprache sowie Schriften der feministischen Linguistik stützen sich außerdem auf Untersuchungen aus dem englischsprachigen Raum. Die Übertragung von Ergebnissen aus dem Englischen ist allerdings problematisch, da das Englische eine genuslose Sprache ist.

Welche sprachlichen Formen werden durch die Gender-Befürworter kritisiert?

  • Das generische Maskulinum (Wähler, Bürger, Kunden, Studenten…), das Frauen angeblich unsichtbar macht, da sie in der männliche Form nur mitgemeint werden
  • Formen, die auf das Geschlecht indirekt schließen lassen (man, jeder… der, keiner…)
  • Rollenzuschreibungen (damenhaft, mütterlich, auf Vordermann bringen, staatsmännisch…)

Wieso das generische Maskulinum Frauen nicht benachteiligt

Die „männliche“ Form des generischen Maskulinums hat mit dem biologischen Geschlecht (Sexus) der gemeinten Personen nichts zu tun. „Der Tisch“ ist genauso wenig männlich wie „die Schrankwand“ weiblich ist. Bei Personenbezeichnungen fällt zwar tatsächlich oft das grammatikalische Geschlecht (Genus – übrigens nicht in jeder Sprache zu finden) mit dem biologischen Geschlecht (Sexus) zusammen – das ist der Fall z.B. bei „der Mann“ und „die Frau“. Aber auch hier gibt es Ausnahmen wie „das Mädchen“ oder „die Person“.

Entgegen der Behauptung der Gender-Befürworter bezeichnet das generische Maskulinum nicht zuallererst Männer und dann erst die (mitgemeinten) Frauen. Diese Aussage ist linguistisch schlicht falsch. Vielmehr trägt das generische Maskulinum keinerlei Aussage über das Geschlecht der Bezeichneten (deshalb ist es „generisch“). Als spezifisches Maskulinum beschreibt es dagegen das Geschlecht und steht in einer Opposition zum Femininum (bei „Studenten und Studentinnen sitzen im Hörsaal getrennt“ bezeichnet das erste Wort nur männliche Studenten, bei „Studenten essen in der Mensa“ bezeichnet es Männer und Frauen).

Wieso Gender-Befürworter die Sprache fälschlicherweise als Sündenbock sehen

Der Vorwurf Luise Pusch, der Begründerin der feministischen Linguistik in Deutschland, es gäbe viele abschätzige Bezeichnungen für Frauen (alte Jungfer, Weibsbild, Hure…), aber keine für Männer, weshalb die (deutsche) Sprache sexistisch sei, ist schlicht falsch. Mit Penner, Weichei, Lüstling, Wichser etc. gibt es auch speziell für Männer genug Beleidigungen. Auch bedeutet die sprachliche Möglichkeit der geschlechtsspezifischen Beleidigung bedeutet nicht, dass jemand durch die reine Existenz dieser Worte beleidigt wird. Der abschätzige Sprachgebrauch Einzelner (parole) wird hier mit dem System der Sprache selbst (langue) verwechselt.

Versteckte Agenda

Hierbei ist außerdem anzumerken, dass geschlechtsspezifische Beleidigungen schon rein logisch auf geschlechtsspezifische Aspekte eingehen müssen – gleichzeitig sind auch neutrale Beleidigungen wie Dummkopf, Spast, Arschloch etc. häufig implizit an Männer gerichtet. Lehnt man etwa geschlechtsspezifische Worte (wie Mann, Frau) grundsätzlich ab, weil sie implizieren, dass Geschlechter existieren, oder kritisiert man, dass geschlechtsspezifische Beleidigung durch ihren Gehalt bestimmte Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder reproduzieren (der harte Mann, der kein Weichei ist; die anständige Frau, die keine Schl… ist), verlässt man eindeutig das linguistische Feld und betreibt aktiv die gesellschaftliche Nivellierung real existierender Geschlechterunterschiede.

Dies ist sicherlich von radikalen Feministen und Vertretern der Gender Studies beabsichtigt – der breiten Öffentlichkeit, die diese Sprachnormen übernehmen soll, wird dies jedoch nie offen mitgeteilt. Besonders öffentlich-rechtliche Medien, aber auch private Medien mit journalistischem Anspruch müssten diese Implikationen ihrem Publikum mitteilen, anstatt sich hinter einer vermeintlich objektiven Wissenschaftlichkeit der Sprachreformen zu verstecken. Zwar scheint es mittlerweile zum journalistischen Konsens zu gehören, gezielt linksprogressive Agenden zu verfolgen – jedoch ist es selbst unter dieser Prämisse unredlich, diese vor seinen Lesern zu verschleiern und nur stückweise preiszugeben.

Wieso Gendern schädlich ist

Wie Stahlberg/Sczesny festgestellt haben, wirkt sich die positive Einstellung zur gendersensiblen Sprache vorteilhaft auf den gedanklichen Einbezug von Frauen aus. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Gender-Befürworter die Fähigkeit verlernen, das generische Maskulinum als generisch zu begreifen. Ihnen geht also eine Bedeutungsdimension verloren, die es ohne sprachliche Verrenkungen erlaubt, von Menschen allgemein, statt von Menschen eines bestimmten Geschlechtes zu sprechen – was schon unter ihren eigenen feministischen Prämissen paradox und realitätsverneinend wirkt. Geschlecht muss daher immer konsequent mitbenannt werden, was den Inhalt verfälschen kann. Dies ist nichts anderes als postmoderner Verlust von Differenzierungsvermögen im Sprachgebrauch, vulgo „Verdummung“:

  • Es findet eine unnötige Fixierung auf Personen statt: „Sponsoren“ können z.B. auch Firmen sein, „Sponsorinnen und Sponsoren“ sind dagegen weibliche und männliche Personen.
  • Sprachliche Eleganz geht verloren: Verlaufsformen wie „Studierende“ führen zu sprachlichen Verwirrungen wie „demonstrierende Studierende“ (diese sollten – wenn man der sprachlichen Logik folgt – gleichzeitig studieren und demonstrieren).
  • Vergleiche werden nur innerhalb eines Geschlechts möglich: Aussagen wie „Frau M. ist die beste Ingenieurin“ sind nicht gleichzusetzen mit „Frau M. ist der beste Ingenieur“, da die erste Formulierung M. nur innerhalb der weiblichen Ingenieure eine herausgehobene Leistung bescheinigt, die zweite aber generell ihre Fähigkeiten im Vergleich zu allen anderen Ingenieuren (auch Männern) lobt.
  • Insbesondere der vorherige Punkt impliziert ein weiteres Mal eine über das sprachliche Feld weit hinausgehende Modifizierung der Weltsicht: Frauen und Männer, so die unausgesprochene Annahme der Befürworter, seien ja sowieso grundsätzlich gleich gute Ingenieure; geschlechtliche Unterschiede des Charakters und der Fähigkeiten existierten nicht. Jeder tatsächliche Unterschied – also z.B. dass mehr Männer Ingenieure werden als Frauen – muss in einem Ausschluss- und Herrschaftsverhältnis, letztlich einem „strukturellen Patriarchat“ begründet liegen. Dergestalt schmuggelt die vermeintlich rein sprachliche Reform ein zutiefst unwissenschaftliches (letztlich: unmenschliches) Denken in die Köpfe, das von einem komplett abstrakten Durchschnittsmenschen ausgeht.
  • Sprachliche Ökonomie und Lesbarkeit leiden: Tomas Kubelik führt in seinem Buch eine durch Beidnennung gegenderte Form eines Satzes aus dem Grundgesetz an: „Auf Ersuchen des Bundespräsidenten ist der Bundeskanzler, auf Ersuchen des Bundeskanzlers oder des Bundespräsidenten ein Bundesminister verpflichtet, die Geschäfte bis zur Ernennung seines Nachfolgers weiterzuführen“ wird zu „Auf Ersuchen des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin ist der Bundeskanzler oder die Bundeskanzlerin, auf Ersuchen des Bundeskanzlers oder der Bundeskanzlerin oder des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin ein Bundesminister oder eine Bundesministerin verpflichtet, die Geschäfte bis zur Ernennung seines oder ihres Nachfolgers oder seiner oder ihrer Nachfolgerin weiterzuführen“. Das Verständnis des Textes wird erschwert, weil die hier vollkommen unwichtige Inhaltskomponente Geschlecht bei jeder Personenbezeichnung genannt werden muss.
  • Es wird eine unnötige Trennung der mündlichen und schriftlichen Sprache herbeigeführt. Viele gegenderte Formen (Gender-Gap, Gendersternchen, Binnen-I) lassen sich nicht aussprechen. Sprache hängt aber davon ab, dass sie gesprochen wird. Eine reine Schriftsprache kann sich innerhalb der Bevölkerung nie durchsetzen, weil Menschen viel mehr sprechen als lesen/schreiben.
  • Nachgerade absurd ist die Vorstellung, breite Schichten der Bevölkerung würden sich Ausdrücke wie „Die Politiker [Pause] innen verarschen uns“ angewöhnen. Realiter wird dies auf akademisch gebildete Mittelschichtsmilieus begrenzt bleiben. Eine sprachliche Verfestigung des Klassenunterschiedes zwischen Anywheres und Somewheres setzt sich so auch in der Sprache durch – was den egalitären Anspruch der Gender-Befürworter erneut ad absurdum führt.

Wieso Gender-Befürworter ideologisch argumentieren

Das Ziel der Gender-Befürworter– die sprachliche Gleichstellung zum Zwecke der Gerechtigkeit – lässt die Frage aufkommen, welche Definition von Gerechtigkeit die Forscher anwenden. Anwendungsorientierte Forschung muss sich immer moralisch rechtfertigen. Der moralische Kompass der Gender-Befürworter besagt, dass Gleichstellung ein Weg zur Gleichberechtigung ist und dass sprachliche Ungleichbehandlung abzulehnende Diskriminierung bedeutet (was höchst umstritten ist). Die Erfinder der sprachlichen Gleichstellung müssen sich hier also den Vorwurf gefallen lassen, dass sie durch die gezielte Veränderung der Sprache Anderen, die ihre Gerechtigkeitsdefinition nicht teilen, ihre Vorstellung von Gerechtigkeit durch Sprache aufzwingen wollen.

Das Ergebnis der Gender-Befürworter, nämlich „Frauen werden durch die derzeitige Verfasstheit der Sprache benachteiligt“, steht von Anfang an fest. Wie bereits erwähnt, kann das Maskulinum in vielen Fällen sowohl die generische (geschlechtsunabhängige) Funktion als auch die spezifische (männliche) Funktion übernehmen. Diese Gliederung in Oppositionen (hier männlich – weiblich), wobei ein Element markiert ist (in dem Fall das weibliche mit der Endsilbe -in) und das andere sowohl als Teil der Gegenüberstellung, als auch als Überbegriff auftreten kann, findet man nicht nur beim Genus. Vielmehr ist diese Trennung in Oppositionen, bei denen ein Element auch als Überbegriff dient, ein Merkmal der deutschen Sprache; ähnliches finden wir bspw. in Bezug auf die Zeitformen. Dass in der Realität polare Gegensätze existieren (zu denen das Geschlecht eines Menschen zählt), ist kein Produkt der Sprache, sondern der Beschaffenheit der Welt.

Wieso Sprache nicht zur Bekämpfung von Benachteiligung taugt

Unabhängig davon, ob geschlechtsspezifische Benachteiligung in Deutschland existiert und wie diese bewertet wird, zeigt auch der Vergleich mit anderen Sprachen, dass diese auf außersprachliche Realität zurückgeht. Gerhard Doerfler führt das Beispiel des Korana (Sprache der Eingeborenen in Südafrika und Namibia während der Kolonialisierung) an, in dem es kein generisches Maskulinum gibt, sondern Pluralformen für rein männliche, rein weibliche und gemischte Gruppen. Nichtsdestotrotz ist die Gesellschaft, der diese Sprache entstammte, eine zutiefst patriarchalische gewesen, in der Frauen beinahe rechtlos waren.

Weibliche Sprecher genusloser Sprachen wie des Englischen oder Japanischen sind ebenfalls nicht vor außersprachlicher Benachteiligung geschützt. Vielmehr zeigt Okamura am Beispiel des Japanischen, dass das Gefühl, durch Sprache benachteiligt zu werden, mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau zurückgeht. Die Realität verändert also die Sprachverwendung und Sprachwahrnehmung; der außersprachliche Abbau von Benachteiligung wirkt auf die Sprache ein und verändert sie auf natürliche Art und Weise, indem neue Begriffe entstehen und Bedeutungsveränderungen stattfinden.

Fazit

Den Gender-Befürwortern muss man in gewisser Weise Recht geben, wenn sie sagen, der Genus habe eine Wirkung auf unsere Vorstellung vom biologischen Geschlecht. Die Katze gilt als Frauenhaustier, der Hund als treuester Freund des Mannes. Männer sprechen oft liebevoll von ihrer Maschine und verleihen ihrem fahrbaren Untersatz Frauennamen. Deutsche Kinder grüßen am Morgen Frau Sonne, in romanischen Sprachen ist dagegen la luna (der Mond) weiblich. Wie man diese Assoziationen bewertet – ob man sie für wertvolle, organische Entwicklungen unserer Kultur oder für überkommene patriarchalische Konventionen hält – ist jedoch eine weltanschauliche Frage mit tiefgreifenden philosophischen Implikationen. Sie zum vorab beschlossenen (aber nie öffentlich thematisierten) Ziel sprachpolitischen Handelns zu machen, ist undemokratisch. Ein konservativer Einspruch gegen das Gendern darf gleichwohl nicht auf der oberflächlichen linguistischen Ebene verweilen, sondern muss Fragen eines nachhaltigen Geschlechter- und Familienbildes eigenständig thematisieren.

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