Frédéric Beigbeder – Der Mann, der vor Lachen weinte

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Im deutschen Feuilleton glaubt man im neuen Roman des französischen Schriftstellers Frédéric Beigbeder einen abgehalfterten Bruder Wagenknechts zu sehen. Dieses Versprechen hält der Roman zwar nicht, bietet dafür aber einen interessanten Einblick in die geistige Verfassung der zeitgenössischen Linken.

Von Oskar Hugo

Wer Beigbeders 2001 erschienenen Roman »Neununddreißigneunzig« gelesen hatte, wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit an einen literarischen Horrortrip erinnern, angetrieben von einer dekadenten Lust an Selbstzerfleischung einerseits und dem Bedürfnis nach messerscharfer, den Verblendungszusammenhang rasant durchdringender Kulturkritik andererseits.

»99 francs«, wie das Werk im französischen Original heißt, ist zweifelsohne auch heute noch lesenswert: Da schreibt ein der Welt der Werbeagenturen entsprungener, junger und doch schon ungemein abgewrackter Saulus sich seine innere Bekehrung von der Seele, legt dabei koksend und kotzend en passant eine nach wie vor aktuelle Medien- und Systemkritik vor und wird am Ende aber dennoch nicht zum Paulus – »Neununddreißigneunzig« endet tragisch, der materialistische Irrsinn der westlichen Konsumgesellschaft mündet für den Protagonisten Octave Parango in Mord, Krankheit, Drogenabusus und geistigem Verfall und setzte der wohlstandsverwahrlosten Seele der mit der ermattenden Perspektive des damals unausweichlich scheinenden »Ende der Geschichte« konfrontierten Generation X ein literarisches Denkmal, das – trotz seiner dezidiert linken Stoßrichtung und überbordend obszönen Sprache – viele Augenblicke profunder Wahrheitsnähe vorweisen konnte.

Coping-Prozesse der konformistischen Rebellion: Psychogramm der heutigen Linken

Mit »Der Mann, der vor Lachen weinte« erschien dieses Jahr nun bereits die zweite und voraussichtlich letzte Fortsetzung von »Neununddreißigneunzig« – die erste wurde nicht ins Deutsche übersetzt. Und die Reaktion des deutschen Feuilletons stimmte den rechten Belletristik-Liebhaber doch äußerst hellhörig. So äußerte sich Dirk Fuhrig in einem Beitrag für den Deutschlandfunk wie folgt über den Protagonisten im neuesten Roman des Houellebecq-Kumpels: »Mitunter meint man, in ihm einen – wenn auch ziemlich abgehalfterten – Bruder im Geiste von Sahra Wagenknecht vor sich zu haben, die in ihrem Buch ‚Die Selbstgerechten‘ ja genau diese Scheinheiligkeit mancher Linken anprangert. Der Sound ist durchaus ähnlich.«

Freilich lässt sich diese Ähnlichkeit des Sounds eher einer gewissen Hypersensibilität des Rezensenten zuschreiben als einer etwaigen geistigen Verwandtschaft Beigbeders mit dem Enfant terrible der deutschen Linken, denn so offen und teilweise unerbittlich wie Wagenknecht kritisiert der französische Schriftsteller die zeitgenössische Linke nie, viel eher verweist er auf Inkonsistenzen und Risse in ihrem Selbstbild – geht dabei aber stets so behutsam vor, dass niemand ihm das schützende Gewand der schriftstellerischen Narrenfreiheit abzureißen wagt. Vorab: »Der Mann, der vor Lachen weinte« ist weder ein besonders unterhaltsames noch literarisch hochwertiges Buch – und im Gegensatz zu »Neununddreißigneunzig« legt Beigbeder darin auch keine hervorragende Kulturkritik vor. Dafür lässt sich der Roman, dessen minimalistisch gehaltenes Cover lediglich aus dem sich vor Lachen kugelnden und weinenden 🤣-Emoji (die Emojipedia ordnet ihm den Namen »Rolling on the Floor Laughing« zu) besteht, jedoch sehr gut als Charakter- und Milieustudie lesen: Stellenweise liefert er ein passgenaues Psychogramm der heutigen Linken, die, in einem massiven Prozess des coping befindlich, irgendwie mit dem – sicherlich malträtierenden – Erlebnis zurechtkommen muss, in ihrer »konformistischen Rebellion« im Gleichschritt mit dem internationalen Großkapital zu marschieren.

Doch nicht nur seine Psychogrammfunktion lässt den Roman als näherer Betrachtung wert erscheinen: Natürlich beeindruckt es Rechte, die wir uns in und an den Grenzen unseres Lagers meistens bestens auskennen, kaum mehr, wenn ein Linker einmal – seien sie auch nur ganz zaghaft – selbstkritische Töne verlautbaren lässt, und doch lassen derartige Töne, wie sie in »Der Mann, der vor Lachen weinte« nicht selten dem Leser entgegentreten, eine Form der dialektischen Selbst- und Feinderkenntnis zu, die uns auf eine viel fluidere und anarchischere Weise zu neuen Schlüssen und Perspektiven vorstoßen lässt, als dies in der Betrachtung politischen Alltagsgeschehens möglich ist. Manche Konturen, die uns sonst wie klare Trennlinien erscheinen, können so beginnen zu verschwimmen, während andere sich überraschenderweise verhärten.

»Politisch eher rechts, aber kompatibel mit Bionade-Wohlstandsbürgern« – ein Rezept für Systemstabilisatoren?

Inhaltlich steht »Der Mann, der vor Lachen weinte« durchaus in der Kontinuität von »Neununddreißigneunzig«: War letzterer Roman eine Abrechnung mit der Werbeindustrie, in der Beigbeder selbst lange tätig gewesen war, knüpfte er sich nun die französische Humorbranche vor, die er als Radiokolumnist ebenso einige Jahre hat erleben dürfen dürfen. Dementsprechend ist auch Octave Parango zu Beginn des Romans noch Radiokolumnist – bis er prompt für einen betrunken-pseudodadaistischen Anschlag gefeuert wird. Denn anstatt an einer humoristischen Kolumne zu arbeiten, schlägt sich Parango die Nacht lieber mit zu viel Alkohol und zu jungen Frauen um die Ohren. In der Folge rekapituliert er die vergangene Nacht und lässt den Leser an seinem selbstzerstörerischen Ritt durch das von Gelbwesten in den Ausnahmezustand versetzte und dennoch vor Dekadenz nur sprühende Paris teilnehmen. Die Schilderung der aus diesen beiden, sich jeweils konterkarierenden und abwechselnd in den Vordergrund drängenden, sozialen Wirklichkeiten der Stadt resultierenden Endzeitstimmung stellt durchaus eine Stärke des Romans dar. Die oft nicht unbedingt in nachvollziehbarer Reihenfolge aneinandergereihten Episoden dieses erzählerischen Exzesses hier chronologisch vorzustellen hätte jedoch wenig Sinn – stattdessen sollen die für uns interessantesten Stellen jeweils kurz beleuchtet werden.

Dazu gehört zuvorderst der Grund, aus dem Octave im öffentlich-rechtlichen Radiosender France Publique angestellt wird: Die Chefin des Senders will ihr Angebot an Kolumnisten um »einen Zyniker, der politisch eher rechts steht, aber kompatibel ist mit unserem Trupp Bionade-Wohlstandsbürgern« bereichern. Octave soll also jene Rolle spielen, die beispielsweise auch eine Judith Sevinç Basad für das Springer-Blatt BILD spielt: Ein kritischer »Querkopf« also, der es trotz seiner oftmals harschen Töne eigentlich ja doch nur gut meint mit der linksliberalen Elite, in der Regel nur ihre allzu dekadenten oder verdrehten Auswüchse kritisiert und stets darüber bescheid weiß, bis zu welchem Punkt hin er Kontroversen generieren und Kritik simulieren kann, ohne dabei die Wurzeln der Probleme zu berühren und sich so zu sehr in Gefahr zu bringen. Die systemstabilisierende Botschaft, die Charaktere wie Octave und Basad dem Konsumenten ihrer Kulturprodukte übermitteln: Um die Meinungsfreiheit in unserem Land kann es doch so schlecht nicht stehen, wenn Menschen wie wir zur besten Sendezeit sprechen dürfen!

Rechter Humor, Humordiktatur und Clown World

In der Folge dieser Fremdcharakterisierung Octaves als »rechts«, die höchstens Zeugnis darüber ablegt, wie weit links die France-Publique-Chefin – und mit ihr die ganze westliche Welt – steht, aber weit davon entfernt ist, zuzutreffen, reflektiert dieser schließlich auch über die Natur des rechten Humors, den er als »beiläufiges Lachen« definiert und auf die nicht reizlose Formel »Höflichkeit des Pessimismus und Spott des Fortschritts« bringt. Freilich nennt er dann Beispiele, die kaum ernstlich als »rechts« gelten dürfen, aber immerhin »rechts« mit »rebellisch« assoziieren und so auf linker Seite durchaus als Provokation wahrgenommen werden dürften – wenn sie auch nur als müder Aufruf gedacht sein mögen, nicht jeden grenzüberschreitenden Humor gleich als rechts zu verbrämen.

Überhaupt ärgert sich Octave viel über den Zustand der Humorbranche. So diagnostiziert er ihr einerseits eine krebsartige Überwucherung des gesellschaftlichen Überbaus und kritisiert eine zunehmende Umwandlung des kulturellen Lebens in ein endloses Unterhaltungsspektakel. Andererseits bemängelt er die geistige und modische Uniformität der Humoristen (»Bestimmt wären sie 1970 allesamt Maoisten gewesen.«) und trifft an einer Stelle besonders ins Schwarze, wenn er einen Typus von Comedian schildert, der den deutschen Leser vor allem an Figuren wie Jan Böhmermann erinnern dürfte: »Man durfte es sich bloß nicht einfallen lassen, ihnen zu widersprechen oder sie so zu behandeln, wie sie andere behandelten. […] Tagein, tagaus haben diese Stimmungskanonen nichts Besseres zu tun, als andere zu verspotten, fühlen sich jedoch auf den Schlips getreten, sobald sie selbst zur Zielscheibe werden.«

Dieses Gemisch aus geistiger und ästhetischer Uniformität sowie überdrehter Empfindlichkeit sich selbst und besonders stark ausgeprägter Gehässigkeit den Objekten der eigenen Witze gegenüber stilisiert Beigbeder durch den Mund Octaves zum Leitmotiv einer von ihm diagnostizierten Humordiktatur: »In einer Vergnügungsdemokratie hat der Staatspräsident nicht so viel Gewicht wie der Narr, denn er muss die tägliche Karikatur ertragen, während der Narr nicht anfechtbar ist – und damit ein Tyrann.« In eine ähnliche Kerbe schlägt der Erzähler auch dann, wenn er (unter anderem unter Verweis auf den italienischen Fernsehkomiker und Politiker Beppe Grillo sowie Donald Trump) eine »Verclownung« der Politik zu bemerken glaubt und so – höchstwahrscheinlich ohne es zu wissen – an das Meme einer bis zur Lächerlichkeit pervertierten und degenerierten »Clown World« anknüpft.

Auch wenn die Symptome, die Octave bemängelt, sicherlich anderer Natur sind – denn am Ende nimmt er diese Verclownung viel wörtlicher, als es in der Regel beim Clown-World-Meme der Fall ist. Und das ist eines der großen Probleme dieser Theorie der Humordiktatur, die Beigbeder im Roman immer wieder schubweise weiterentwickelt: Dem Humor, dem Witz und dem Clown wird ein fast schon vermessen schweres Gewicht zugeschrieben – und es drängt sich dem Leser unmittelbar auf, dass es sich hierbei entweder um erzwungene Kontinuität (wir erinnern uns: in »Neununddreißigneunzig« waren die Werbeagenturen allmächtig – nun sind es die Comedians), maßlose Selbstüberschätzung oder aber eine Kompensationsstrategie handelt, die einen konstruierten Strohmann zum Ziel nimmt, um keine radikalere Kritik der Zustände wagen zu müssen.

Links und rebellisch sein: nur noch mit mentaler Gymnastik möglich?

Dafür, dass Octave sich selbst in der Rolle des wohlmeinenden Bildungsbürgers sieht, der Humor und Kunst lediglich vor den spalterischen Tendenzen der Wokeness in Schutz nehmen will, aber wie hierzulande etwa Harald Schmidt oder Wolfgang M. Schmitt das dahinterstehende Menschenbild grundsätzlich teilt, zeigt er, wenn er sich einerseits über den omnipräsenten – und den Humor seines Erachtens in »kulturelle Zuständigkeiten« aufspaltenden – Vorwurf der cultural appropriation echauffiert, es aber gleichsam schafft, keine ganze Seite weiter dem US-amerikanischen Satiriker Trevor Noah ganz Bierernst Rassismus vorzuwerfen, weil er es gewagt hatte, zum französischen Sieg der Fußballweltmeisterschaft 2018 treffenderweise anzumerken, dass eigentlich ja Afrika den Weltmeistertitel geholt hätte. An Stellen wie dieser wird freilich deutlich, welcher mentalen Gymnastik sich ein zeitgenössischer Linker bedienen muss, um noch irgendwie Provokation simulieren zu können – ohne sich dabei zu weit aus dem Fenster zu lehnen.

Derselbe Topos der mentalen Gymnastik drängt sich dem Leser auch auf, wenn die einzige Kritik, die Octave am postmodernen Feminismus zu formulieren weiß, darin besteht, zu beklagen, dass die #MeToo-Bewegung seinem promisken Lebensstil einen Riegel vorgeschoben hat: »Unmöglich, eine Frau anzusprechen,« klagt er, »ohne wie ein Schwein rüberzukommen« und meint damit zwischen den Zeilen natürlich nicht, dass es tatsächlich unmöglich geworden wäre, ein Gespräch mit einer Frau zu führen, sondern viel eher, dass die dem späten Liberalismus entwachsene Epoche der »freien«, also hypersexuellen sowie emotional und sozial verantwortungslosen »Liebe« sich vielleicht langsam ihrem Ende entgegenzuneigen scheint.

So könnte die reflexartige und gleichsam schuldbewusste Ablehnung der #MeToo-Bwegung durch einen Vertreter der linksliberalen Elite uns an dieser Stelle als Anregung dafür gereichen, diese – zweifelsohne auch über schädliche Eigenschaften verfügende – Bewegung viel eher als limitierende Reaktion auf die übermäßige sexuelle Freizügigkeit (die Octave bezeichnender- und paradoxerweise gleichsam zum Naturzustand des Mannes erklärt und so den schwarzen Peter am Ende doch wieder dem Patriarchat zuschiebt) sowie die Allgegenwärtigkeit von Sexualität und Pornografie im Liberalismus zu interpretieren, anstatt sie in boomeresker und simplifizierender Manier unmittelbar in die Nähe des islamischen Frauenbilds zu rücken, wie es in manchen liberal-konservativen Kreisen durchaus Usus ist. Im Grunde macht dieses wiederkehrende Thema des Romans auch den inneren Widerspruch des linken Spektrums zwischen sex positivity und »freier Liebe« auf der einen Seite und der Ablehnung von Pornografie, Übersexualisierung und Prostitution auf der anderen noch einmal ganz plastisch deutlich. Auf diese beizeiten verzweifelt wirkenden Versuche, weltanschauliche Kohärenz zu wahren, folgt immerhin eine erstaunliche Selbsterkenntnis, die im Folgenden ihrer Hellsichtigkeit wegen in Gänze wiedergegeben werden soll:

»Wir alle [die Linken, Anm. d. Verf.] haben unsere Zeit damit verbracht, das System zu kritisieren, zu sezieren, zu analysieren, es herauszufordern, ohne zu erkennen, dass das System inzwischen … wir sind. France Publique hat aufgehört, sich aufrichtig für soziale Gerechtigkeit einzusetzen, und zieht es vor, die Ungerechtigkeit durch die Mühle des Spotts zu drehen. Das bedeutet, dass die Linke in ihren eigenen Augen zu einem Witz geworden ist.«

Letztlich spricht Octave an dieser Stelle implizit eine grundlegende Problematik linker – und letztlich genauso auch rechter – Politik an: nämlich jene der Verdauung des Widerstands durch das eigentlich von ihm bekämpfte System und seine darauffolgende, perverse Wiedergeburt als korrumpierte Führungselite desselben. Der britische Kulturkritiker Mark Fisher konzentrierte diesen systemimmanenten Prozess in seiner 2009 erschienenen Schrift Capitalist Realism: Is There No Alternative? wie folgt: »In many ways, the left has never recovered from being wrong-footed by Capital’s mobilization and metabolization of the desire for emancipation from Fordist routine.« – für die heutige Rechte ist diese Erkenntnis deshalb so wichtig, weil sie zu einem gegebenen Zeitpunkt des relativen politischen Erfolges genauso leicht diesem von Beigbeder und Fisher beschriebenen Metabolisierungsprozess zum Opfer fallen könnte.

Totalitärer Konsumismus und der zweifache Belagerungszustand westlicher Eliten

In »Der Mann, der vor Lachen weinte« liefert Beigbeder Einblicke in die Seele dieser metabolisierten, linksliberalen Oberschicht: Unter anderem, wenn er Octave davon erzählen lässt, wie exzessiver Hedonismus während der Studienjahre geradezu zu einem spätkapitalistischen Ritual des Erwachsenwerdens geworden ist. Oder wenn er beklagt, dass nach der Ironie der 68er für seine eigene Generation lediglich der Zynismus und die Obszönität der 80er übrigblieben, in denen der Konsum »totalitär, das Lächeln obligatorisch« geworden sind.

Letztlich bildet dieser kulturelle Hintergrund des totalitären Konsumismus den Grundtenor dieses Romans, dessen Protagonist dem postmodernen Abschied von den Utopien nicht anders zu begegnen weiß als mit einer Flucht in Sauf- und Drogenorgien, einer verzweifelten Rebellion gegen die eigene Übersättigung. Die geht zwar immer auch mit einem schuldbeladenen Klassenbewusstsein einher, aber das Konfliktpotenzial der multikulturellen Gesellschaft wird dabei nicht einmal ansatzweise erwähnt.

Denn genauso wie jene französischen Generäle, die in einem Brandbrief vor den Gefahren des Multikulturalismus warnten, sieht auch Octave einen Bürgerkrieg auf Frankreich zukommen: In diesem sieht er jedoch jene »Franzosen, die nicht France Publique hören, gegen solche, die France Publique hören« stehen. Damit gelingt Beigbeder – auch hier wohl wieder ohne es zu wissen – eine durchaus realistische Prognose, da weder die migrantischen Communities in Frankreich noch die Wähler des Rassemblement National besonders gerne öffentlich-rechtliche Radiosender hören oder gar den dahinterstehenden Kräften hörig sein dürften, sodass sich das linksliberale Medien-Establishment in letzter Konsequenz einem zweifachen Belagerungszustand ausgesetzt sieht. Irgendwo schwingt das implizite Wissen um diesen Belagerungszustand, mit dem sich die westlichen Eliten konfrontiert wissen, zwischen den Zeilen immer mit. Zur Aussprache bringt Beigbeder es jedoch nie, vielleicht um kognitiven Dissonanzen entgegenzuwirken, vielleicht aber auch, um wenigstens einen letzten Rest weltanschaulicher Stringenz zu wahren.

Denn dort, wo jegliche kollektive Verankerung in Ort und Überlieferung, jegliche Religiosität und schließlich selbst jegliche Möglichkeit von Politik verloren geht, bleiben dem Menschen, sofern er sich nicht zu besinnen beginnt, nur noch Konsum und Rausch. Wenn man diesen Roman nun tatsächlich als Psychogramm der zeitgenössischen Linken liest, dann wird man höchstwahrscheinlich finden, dass diese keine Antworten auf die elementaren Probleme unserer Zeit bereithält – keine jedenfalls, die über ethnokulturelle Selbstgeißelung und hedonistische Selbstbetäubung oder eben ständige mentale Gymnastik und damit einhergehender Flucht vor der politischen Wirklichkeit hinausgehen. Oder um es in Worten Beigbeders auszudrücken: »In den 2020ern ist der existenzielle Schmerz so stark, dass man Pferde-Tranquilizer schnupfen muss.«

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