Gastartikel: Die Vorhut der Partei

dimitrij
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Gastartikel: Die Vorhut der Partei

Beitrag von dimitrij »

https://konfliktmag.de/die-vorhut-der-partei/

Ich finde diesen Abschnitt sehr stark:
Arbeiter und Somewheres

Im kulturellen Gesellschaftskonflikt, der laut Cleavage-Theorie die dominante Bruchlinie in der Parteienlandschaft des modernen Westens darstellt, sind die AfD und die Grünen programmatische Antipoden. Doch dominant waren beide Parteien lange Zeit nicht. Noch 2017 waren die Grünen mit 8,9 % die schwächste Fraktion im Deutschen Bundestag. Es zeigt sich: Die bloße programmatische Verordnung auf der einen oder anderen Seite der Bruchlinie ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Partei von den Gruppen, die mit ihrer Position im Gesellschaftskonflikt korrespondieren, auch als programmatischer Antipode anerkannt wird.

Die Grünen haben hier volle Arbeit geleistet. Sie übernahmen in einem Prozess der personellen Durchdringung und werbetechnischen Anpassung zentrale kulturelle Aspekte ihres ursprünglichen Wählermilieus und erreichten damit sehr schnell andere tendenziell globalistische, bürgerliche Milieus, die die Grünen vorher nicht für wählbar hielten. Sie beschränkten sich damit nicht auf ein stadtbürgerliches Wohlstandsmilieu, im Gegenteil: Sie eröffneten sich die Sympathien aller Milieus, die grundlegende materielle und immaterielle Merkmale mit diesem Vorhut-Milieu teilten. Die Wählerwanderung gutbürgerlicher Wähler von der CDU zu den Grünen hat nicht zuletzt hierin ihre Ursache. Die Grünen sind, wie Alexander Gauland richtig erkannte, die Partei der Anywheres – sie vertreten die Klasse des globalen Bewusstseins.

Ziel und Zweck der AfD muss sein, zur Partei der Somewheres zu werden – der Klasse des regionalen und nationalen Bewusstseins. Doch hat sie diese Art von Wandlungsprozess noch nicht flächendeckend und analog zu den Grünen durchlaufen. Deshalb verlor sie in den Landtagswahlen vor allem an das eigentlich tendenziell anti-globalistische Nichtwählermilieu. Viele Somewheres sehen die AfD noch nicht als ihre Partei, während fast alle Anywheres die Grünen mittlerweile selbstverständlich als ihre politische Heimat ansehen.

So wie die Grünen aus einem kleinen linksprogressiven Bürgermilieu die grundlegenden Merkmale herausfilterten, die sie zur Massenpartei der Anyhweres machten, sollte die AfD analog die Arbeiterschaft als Vorhut des Anti-Globalismus ansehen. Eine Aufnahme proletarischer Anliegen, eine merkliche Präsenz in Arbeitervierteln und eine personelle Durchdringung der Partei mit Arbeitern sind nur der erste Schritt zur Erschließung des gesamten anti-globalistischen Potenzials. Die AfD muss auf die Arbeiter zugehen und sie als Vorhut begreifen – um am Ende zur Massenpartei aller Somewheres werden zu können.
Was haltet Ihr von dieser These?

PetrosiliusZ
Beiträge: 22
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Re: Gastartikel: Die Vorhut der Partei

Beitrag von PetrosiliusZ »

dimitrij hat geschrieben: Samstag 1. Mai 2021, 10:09 https://konfliktmag.de/die-vorhut-der-partei/

Ich finde diesen Abschnitt sehr stark:
Arbeiter und Somewheres

Im kulturellen Gesellschaftskonflikt, der laut Cleavage-Theorie die dominante Bruchlinie in der Parteienlandschaft des modernen Westens darstellt, sind die AfD und die Grünen programmatische Antipoden. Doch dominant waren beide Parteien lange Zeit nicht. Noch 2017 waren die Grünen mit 8,9 % die schwächste Fraktion im Deutschen Bundestag. Es zeigt sich: Die bloße programmatische Verordnung auf der einen oder anderen Seite der Bruchlinie ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Partei von den Gruppen, die mit ihrer Position im Gesellschaftskonflikt korrespondieren, auch als programmatischer Antipode anerkannt wird.

Die Grünen haben hier volle Arbeit geleistet. Sie übernahmen in einem Prozess der personellen Durchdringung und werbetechnischen Anpassung zentrale kulturelle Aspekte ihres ursprünglichen Wählermilieus und erreichten damit sehr schnell andere tendenziell globalistische, bürgerliche Milieus, die die Grünen vorher nicht für wählbar hielten. Sie beschränkten sich damit nicht auf ein stadtbürgerliches Wohlstandsmilieu, im Gegenteil: Sie eröffneten sich die Sympathien aller Milieus, die grundlegende materielle und immaterielle Merkmale mit diesem Vorhut-Milieu teilten. Die Wählerwanderung gutbürgerlicher Wähler von der CDU zu den Grünen hat nicht zuletzt hierin ihre Ursache. Die Grünen sind, wie Alexander Gauland richtig erkannte, die Partei der Anywheres – sie vertreten die Klasse des globalen Bewusstseins.

Ziel und Zweck der AfD muss sein, zur Partei der Somewheres zu werden – der Klasse des regionalen und nationalen Bewusstseins. Doch hat sie diese Art von Wandlungsprozess noch nicht flächendeckend und analog zu den Grünen durchlaufen. Deshalb verlor sie in den Landtagswahlen vor allem an das eigentlich tendenziell anti-globalistische Nichtwählermilieu. Viele Somewheres sehen die AfD noch nicht als ihre Partei, während fast alle Anywheres die Grünen mittlerweile selbstverständlich als ihre politische Heimat ansehen.

So wie die Grünen aus einem kleinen linksprogressiven Bürgermilieu die grundlegenden Merkmale herausfilterten, die sie zur Massenpartei der Anyhweres machten, sollte die AfD analog die Arbeiterschaft als Vorhut des Anti-Globalismus ansehen. Eine Aufnahme proletarischer Anliegen, eine merkliche Präsenz in Arbeitervierteln und eine personelle Durchdringung der Partei mit Arbeitern sind nur der erste Schritt zur Erschließung des gesamten anti-globalistischen Potenzials. Die AfD muss auf die Arbeiter zugehen und sie als Vorhut begreifen – um am Ende zur Massenpartei aller Somewheres werden zu können.
Was haltet Ihr von dieser These?
In der Grundaussage stimme ich komplett zu und halte das tatsächlich für den erfolgversprechenden Weg. Insbesondere stimme ich darin zu, dass ein Bestehen auf "Bürgerlichkeit" nicht zielführend ist. Ich hätte allerdings zumindest die folgenden Anmerkungen:

- Das Begriffspaar Anywheres und Somewheres ist zwar in bestimmter Hinsicht anschaulich und weist auf das "globale Bewusstsein" der Anywheres hin. Es hinkt aber möglicherweise darin, dass die Zahl der _echten_ Anywheres verschwindend klein ist. Will sagen, dass der Anteil der Leute, der mal eben für den Beruf/den Auftrag und mit Kind und Kegel gerne von einem Land (oder gar Kontinent) zum anderen jettet nach meiner Einschätzung bei 1 % liegt. Die teils über 20 Prozent Grünwähler sind daher ganz überwiegend keine - in meinen Augen - richtigen Anywheres. Auch dieses "globale Bewusstsein" ist ja kein richtiges globales Bewusstsein, sondern im Prinzip eine Mogelpackung. Ich frage mich daher, ob wir bei glatter Übernahme dieses Begriffspaars - bei dem die Anywheres ja tendenziell positiv konnotiert sind - nicht irgendwo einem falschen Bewusstsein und einem Framing auf den Leim gehen.

- Daneben frage ich mich, ob die Arbeiter im engeren Sinne überhaupt ausreichend vorhanden sind, um überhaupt eine solche Vorhut bilden zu können. Hier wäre mal interessant, wie genau sich die Berufs- und Tätigkeitsarten in dem Bereich der eindeutigen Somewheres zahlenmäßig aufschlüsseln. Ich könnte mir vorstellen, dass zahlenmäßig sogar die Dienstleister oder die Handwerker - welche vielleicht ein komplexes Verhältnis zu Arbeitern haben - überwiegen. Die Frage ist, was das für die Ansprache dieser ganzen wahrscheinlich sehr heterogenen Gruppe bedeutet.

Hans Janus
Beiträge: 4
Registriert: Donnerstag 1. April 2021, 16:50

Re: Gastartikel: Die Vorhut der Partei

Beitrag von Hans Janus »

Allgemein erstmal: Anywheres und Somewheres sind ja auch nur Namen und Namen sind Schall und Rauch. Es gibt ja zig Begriffspaare, die den latent verstandenen Konflikt zwischen diesen Lagern in der Gesellschaft beschreiben. Kosmopoliten, Nativisten, Progressive, Konservative, etc. Zur Schärfung der theoretischen Begrifflichkeiten wäre eine genauere Analyse da aber wirklich nützlich.
Zum ersten Punkt: Das stimmt natürlich. Die 'echten' Anywheres sind - allein schon aus materiellen Gründen - eine sehr kleine Gruppe. Die große Zahl der Leute, die z.B. grün wählen sind durchaus kompliziert. Ich habe schon länger die Beobachtung gemacht, dass viele Leute aus dem grünen Milieu Dinge denken und vertreten, die mit dem ideologischen Anywhere-Kern der Partei gar nichts zu tun haben. Das sind Leute, die physisch und gedanklich viel regional unterwegs sind, die von Entschleunigung reden usw. Eigentlich passen die da gar nicht dazu.
In Anbetracht der Tatsache, dass solche Ideen tendenziell eher zu rechter und konservativer Politik passen, ist es natürlich fraglich, warum die Leute dann überhaupt das Gegenteil wählen. Da gibt es natürlich wie immer die Mischung aus medialer Voreingenommenheit und der emotionalen Barriere. Aber es geht doch darüber hinaus. Wie erklärt man sich, dass Menschen im Prinzip regionalistisch, post-materialistisch denken, dann aber doch Globalismus befürworten. Ich kann nicht beantworten, ob das eine rein soziokulturelle Ursache hat oder noch tiefer geht.
Zum zweiten Punkt muss man natürlich sagen, dass man das natürlich nicht auf Arbeiter beschränken sollte. Ich glaube aber, dass unter den uns tendenziell zugeneigten Gruppen die Arbeiterschaft einen qualitativen Vorteil hat. Unabhängig davon, wie zahlenmäßig stark sie denn jetzt ist, hat sie eine relativ rezente, sehr betonte organisierte Vorgeschichte, wenn man das mit Handwerkern und Selbständigen vergleicht. Der 'Arbeitermythos' und das Selbstverständnis eröffnet Möglichkeiten, die andere nicht so ausgeprägt haben.

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