Kaplaken 74 - Postliberal

Bruno
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Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von Bruno »

Wie ihr bestimmt wisst, haben wir eine Kaplaken-Ausgabe geschrieben.
Konntet ihr das kleine Büchlein schon lesen? Was ist eure Meinung?

Frieda Helbig
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Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von Frieda Helbig »

War gestern in der Post. Aber es gibt Leute, die müssen was arbeiten 😂

Kennt ihr das Problem, das man ständig mehr Bücher bestellt, als man schafft zu lesen 🙈

PetrosiliusZ
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Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von PetrosiliusZ »

Ich habe es noch an dem Tag durchgelesen, an dem ich es erhielt. Es hat mir wirklich hervorragend gefallen und ich behaupte mal, dass es auch all denjenigen sehr gut gefallen sollte, die dem Ansatz von konflikt nahestehen. Vieles von dem, was konflikt bisher an verschiedenen Stellen - Podcasts, Artikel, Postings oder in den sozialen Medien - inhaltlich publiziert hat findet sich nun - nicht wortwörtlich, natürlich! - in einem Werk vereint und das auf sehr gelungene Art und Weise.

Ich könnte mir vorstellen, dass Widerspruch von einigen (hoffentlich nicht allen) Lib-cons kommen wird. Aber auch das würde ich begrüßen zum Zweck eines breiteren Diskurses. Da bin ich wirklich gespannt.

Für mich stellt das Buch allerdings nur einen Anfang dar. Es ist ein bisschen so, wie wenn jemand eine alte Piratenschatzkarte auf den Tisch legt und in etwa beschreibt, was sich beim "X" findet. Einige Eckpunkte dieser ganz neuen Route sind vielleicht abgesteckt, aber es bleibt unendlich viel zu tun, sowohl auf der übergeordneten Ebene als auch bei allen Einzelfragen darunter. Bei der Materie und dem doch überschaubaren Umfang eines kaplaken-Bandes ist das gar nicht zu vermeiden. Aber es bleibt dabei: Ein bahnbrechender Anfang ist gemacht und darüber bin ich sehr froh.

Leo Ladig
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Registriert: Freitag 9. April 2021, 19:06

Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von Leo Ladig »

Was mir an dem Buch gefällt, ist die glaubhaft vermittelte Haltung, nicht an Vergangenem um seiner selbst willen festzuhalten und sich neuen Ansätzen zu öffnen. Daran fehlt es vielen und es ist gut, dass das einmal so gesagt wird. Auch das abschließende Statement, dass neue Ansätze nicht losgelöst von der Wirtschaft bestehen können, war längst überfällig.
Inhaltlich gibt es tatsächlich wenig Überraschungen, vor allem für regelmäßige Leser. Die Kapitalismuskritik, die ich zusammenfassen würde als "Man sollte nicht vom Finanzmarkt leben dürfen" finde ich sehr dünn und ich würde dem nicht zustimmen.

Unbekannt
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Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von Unbekannt »

Auch ich begrüße die Einsicht, dass man die Uhren nicht zurückdrehen kann, sondern stattdessen mit frischen, neuen Ideen eine Gesellschaftsordnung der Zukunft entwickeln will, welche auf das liberale Zeitalter folgen könnte. Sehr gefällt mir auch, dass man Ideen bei Denkern wir Adorno und Marx sucht. Viele Rechte haben sich in den letzten Jahrzehnten zu sehr auf die Leute aus dem eigenen Lager fokussiert und damit interessante Gedanken aus dem linken Denker übersehen. Ihr holt hier ein klein wenig nach und versucht deren Ideen für uns nutzbar zu machen. Sehr gut.

Als kleinen Abzug in der B-Note sehe ich den Glauben an eine Rückkehr einer partikularistischen Weltordnung. So sehr ich den Nationalstaat als zentrale politische Bezugsform anerkenne und befürworte, so denke ich doch, dass sich auch beim Thema Globalismus die Uhren nicht mehr zurückdrehen lassen. Daher denke ich, sollten sich postliberale Denker auch mit der Frage nach einem "Globalismus von Rechts" auseinandersetzen.

Leo Ladig
Beiträge: 65
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Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von Leo Ladig »

Unbekannt hat geschrieben: Dienstag 29. Juni 2021, 15:39 Auch ich begrüße die Einsicht, dass man die Uhren nicht zurückdrehen kann, sondern stattdessen mit frischen, neuen Ideen eine Gesellschaftsordnung der Zukunft entwickeln will, welche auf das liberale Zeitalter folgen könnte. Sehr gefällt mir auch, dass man Ideen bei Denkern wir Adorno und Marx sucht. Viele Rechte haben sich in den letzten Jahrzehnten zu sehr auf die Leute aus dem eigenen Lager fokussiert und damit interessante Gedanken aus dem linken Denker übersehen. Ihr holt hier ein klein wenig nach und versucht deren Ideen für uns nutzbar zu machen. Sehr gut.

Als kleinen Abzug in der B-Note sehe ich den Glauben an eine Rückkehr einer partikularistischen Weltordnung. So sehr ich den Nationalstaat als zentrale politische Bezugsform anerkenne und befürworte, so denke ich doch, dass sich auch beim Thema Globalismus die Uhren nicht mehr zurückdrehen lassen. Daher denke ich, sollten sich postliberale Denker auch mit der Frage nach einem "Globalismus von Rechts" auseinandersetzen.
Ist das "Weltbürgertum" nicht die Verkörperung des Gegenteils von einem rechten Menschenbild?
Das Thema hatten wir schon einige Male und ich will es nicht wieder breit treten, aber der Blick über den Tellerrand muss nicht zwangsläufig den Linken gelten. Meiner Meinung nach kommt dabei lediglich ein neuer Aufguss der LINKEN von vor 20 Jahren heraus.

Unbekannt
Beiträge: 7
Registriert: Montag 28. Juni 2021, 18:41

Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von Unbekannt »

An eine Art Weltbürgertum denke ich auch keineswegs. Weder sollte es offene Grenzen oder globalen Freihandel oder Ähnliches geben. Die Frage geht eher dahin, wie man globale Herausforderungen (z.B. die Ozeanverschmutzung) ohne globale Politik lösen will. Wenn wir unsere Gewässer sauber halten, aber die Leute in Kolumbien oder wo auch immer ihren Müll ins Meer kippen, dann betrifft uns das eben auch. Zum einen, da bei uns lebende Fische teilweise bis in die Karibik schwimmen und zum anderen wird der Müll halt auch herübergespült.

Von der Frage, ob der klassische Nationalstaat im Zeitalter des Weltimperiums bestehen (im Sinne von echt unabhängig sein) kann, mal ganz abgesehen.

Leo Ladig
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Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von Leo Ladig »

Unbekannt hat geschrieben: Mittwoch 30. Juni 2021, 13:40 An eine Art Weltbürgertum denke ich auch keineswegs. Weder sollte es offene Grenzen oder globalen Freihandel oder Ähnliches geben. Die Frage geht eher dahin, wie man globale Herausforderungen (z.B. die Ozeanverschmutzung) ohne globale Politik lösen will. Wenn wir unsere Gewässer sauber halten, aber die Leute in Kolumbien oder wo auch immer ihren Müll ins Meer kippen, dann betrifft uns das eben auch. Zum einen, da bei uns lebende Fische teilweise bis in die Karibik schwimmen und zum anderen wird der Müll halt auch herübergespült.

Von der Frage, ob der klassische Nationalstaat im Zeitalter des Weltimperiums bestehen (im Sinne von echt unabhängig sein) kann, mal ganz abgesehen.
Zustimmung

PetrosiliusZ
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Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von PetrosiliusZ »

Unbekannt hat geschrieben: Mittwoch 30. Juni 2021, 13:40 An eine Art Weltbürgertum denke ich auch keineswegs. Weder sollte es offene Grenzen oder globalen Freihandel oder Ähnliches geben. Die Frage geht eher dahin, wie man globale Herausforderungen (z.B. die Ozeanverschmutzung) ohne globale Politik lösen will. Wenn wir unsere Gewässer sauber halten, aber die Leute in Kolumbien oder wo auch immer ihren Müll ins Meer kippen, dann betrifft uns das eben auch. Zum einen, da bei uns lebende Fische teilweise bis in die Karibik schwimmen und zum anderen wird der Müll halt auch herübergespült.

Von der Frage, ob der klassische Nationalstaat im Zeitalter des Weltimperiums bestehen (im Sinne von echt unabhängig sein) kann, mal ganz abgesehen.
Meiner Meinung nach stellen die supranationalen Organisationen - vor allem die EU, aber auch zuletzt die WHO und andere - das Hauptvehikel des Globalismus und damit das Hauptproblem dar. Hayek und andere neoliberale Vordenker sahen derartige Organisationen ganz ausdrücklich als Möglichkeit dafür, bestimmte Fragen -nämlich speziell diejenigen, die die Ökonomie und die Besitzverhältnisse betreffen - von demokratischen Entscheidungen abzuschirmen. Es sollte also - platt gesagt - nicht einfach die Mehrheit der Armen per Abstimmung entscheiden können, die Reichen zu enteignen oder stark zu besteuern. Der - insoweit durchaus scharfsinnige - Gedanke dahinter war, dass die Völker untereinander zu heterogen wären, um konzertiert vorzugehen und dass die Weichen in den supranationalen Organisationen dann bürokratisch im Sinne der Besitzenden gestellt werden könnten. Das Ganze ist wunderbar nachzulesen im Buch "Globalisten" von Quinn Slobodian, erschienen bei Suhrkamp.

Unabhängig von solchen supranationalen Organisationen wurden und werden verschiedene globale Probleme auch seit und je durch spezielle internationale Verträge gelöst. Beispiele wären das Montreal Protokoll zum Verbot von FCKW, verschiedene Verträge zum Walfang oder auch die Genfer Konventionen zum Kriegsrecht. Solche Verträge können entweder unabhängig von den supranationalen Organisationen geschlossen werden oder, wenn sie schon bei Organisationen wie der UNO aufgehangen werden, können diese "schlank" gehalten werden.

Kurz gesagt: Ich denke niemand auch innerhalb der Rechten lehnt internationale Verträge ab. Man kann diese haben ohne dass undemokratische supranationale Organisationen immer mehr Souveränität der Nationalstaaten usurpieren.

Unbekannt
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Re: Kaplaken 74 - Postliberal

Beitrag von Unbekannt »

PetrosiliusZ hat geschrieben: Samstag 3. Juli 2021, 13:27 Meiner Meinung nach stellen die supranationalen Organisationen - vor allem die EU, aber auch zuletzt die WHO und andere - das Hauptvehikel des Globalismus und damit das Hauptproblem dar. Hayek und andere neoliberale Vordenker sahen derartige Organisationen ganz ausdrücklich als Möglichkeit dafür, bestimmte Fragen -nämlich speziell diejenigen, die die Ökonomie und die Besitzverhältnisse betreffen - von demokratischen Entscheidungen abzuschirmen. Es sollte also - platt gesagt - nicht einfach die Mehrheit der Armen per Abstimmung entscheiden können, die Reichen zu enteignen oder stark zu besteuern.
Klar das wird derzeit getan, aber genau deswegen werfe ich ja die Frage in den Raum, ob es keine Alternative geben könnte, in welcher soetwas effektiv verhindert werden köönte.
PetrosiliusZ hat geschrieben: Samstag 3. Juli 2021, 13:27 Der - insoweit durchaus scharfsinnige - Gedanke dahinter war, dass die Völker untereinander zu heterogen wären, um konzertiert vorzugehen und dass die Weichen in den supranationalen Organisationen dann bürokratisch im Sinne der Besitzenden gestellt werden könnten. Das Ganze ist wunderbar nachzulesen im Buch "Globalisten" von Quinn Slobodian, erschienen bei Suhrkamp.
Danke für die Empfehlung, schaue ich mir demnächst mal an.
PetrosiliusZ hat geschrieben: Samstag 3. Juli 2021, 13:27 Unabhängig von solchen supranationalen Organisationen wurden und werden verschiedene globale Probleme auch seit und je durch spezielle internationale Verträge gelöst. Beispiele wären das Montreal Protokoll zum Verbot von FCKW, verschiedene Verträge zum Walfang oder auch die Genfer Konventionen zum Kriegsrecht. Solche Verträge können entweder unabhängig von den supranationalen Organisationen geschlossen werden oder, wenn sie schon bei Organisationen wie der UNO aufgehangen werden, können diese "schlank" gehalten werden.
Klar kann man über Verträge so einiges erreichen, aber es hat eben auch seine Limits. Was passiert beispielsweise mit den Staaten, die nicht mit machen?
PetrosiliusZ hat geschrieben: Samstag 3. Juli 2021, 13:27 Kurz gesagt: Ich denke niemand auch innerhalb der Rechten lehnt internationale Verträge ab. Man kann diese haben ohne dass undemokratische supranationale Organisationen immer mehr Souveränität der Nationalstaaten usurpieren.
Womit wir wieder bei der Frage wären, ob das nicht unausweichlich ist bei fortschreitender Technologisierung und den damit verbundenen Umwälzungen.

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