Martin Lichtmesz – Ethnopluralismus: Kritik und Verteidigung

Der Begriff des Ethnopluralismus ist seit dem Erstarken der Neuen Rechten vermehrt unter Beschuss gekommen – diverse „Extremismusforscher“ witten hinter dem Konzept einen „versteckten Rassismus“ oder gar „Rassismus ohne Rassen“. 2020 hat Martin Lichtmesz sich des Begriffes angenommen, um die Verwirrung, die um ihn herrscht, zu entknoten. Wir möchten wissen, ob ihm das gelungen ist.

Das Buch beginnt mit dem Versuch, die Dynamiken hinter den Migrationsproblemen der westlichen Welt genauer zu beleuchten, sowie nachzuvollziehen, wie dem heutigen „Multikulturalismus“ der Weg bereitet wurde. Dies führt unweigerlich zur Schlussfolgerung: Im Kern der problematischen Entwicklung stehen Menschenrechtsdeklarationen, welche – begründet auf der christlich-universalistischen europäischen Denktradition –  den Gedanken der „einen Menschheit“ aufbereiteten, um unbekannte „Wilde“ in das abendländische Denkmuster zu integrieren. Dieses Denken mündete schließlich in einer Wende nordamerikanischer Bevölkerungspolitik (die lange Zeit nur Europäer einwandern ließ) sowie dem Beginn der Massenmigration nach (Nord-)Westeuropa.

Lichtmesz beleuchtet das Wunschdenken diverser globalistisch-egalitaristischer westlicher Denker – von Charles Taylor bis Robert Menasse – von einer demographischen Verschmelzung zu „einer Menschheit“, welche mittels massenhaften Zuzugs aus allen Winkeln der Erde stattfinden soll. Dabei verläuft diese realiter nur in Richtung Nordamerikas und Europas, während es beispielsweise für ostasiatische oder südamerikanische Länder keine vergleichbaren Pläne gibt. Dabei soll eine Interessenzkonvergenz globalistischer Denker mit diversen Lobbyisten und ranghohen Politikern den kommenden „white shift“– auch Bevölkerungsaustausch genannt – vorantreiben, um eine utopische Weltordnung zu erschaffen, in der Völker und Nationen überwunden sind. Der Gegenspieler dieser Vorhaben ist laut Lichtmesz der Populismus, der als defensiver Nationalismus die Proteststimmung der jeweiligen autochthonen Bevölkerung der Zielstaaten auffängt.

Weiter wird ideengeschichtlich herausgearbeitet, was Volk, Ethnie und Kultur miteinander verknüpft beziehungsweise trennt, wie sich die Bedeutung dieser Begriffe gewandelt hat und wie sie sich zueinander verhalten. Dabei kommt es zur paradigmatischen Gegenüberstellung verschiedener Weltanschauungen: Hegel versus Herder. Ersterer sieht die Völker laut Lichtmesz als flüchtige Träger des Weltgeistes und teilt sie dabei hierarchisch ein, während Herder jeglichen Herrschaftsgedanken eines Volkes über ein anderes ablehnt und die Menschheit in ihrer Gesamtkomposition der Vielfalt lobpreist, sowie eine historische Mission verneint – und so quasi als ethnopluralistischer Vordenker gehandelt werden kann.

Schließlich gelangt Lichtmesz zum schwierigsten Aspekt der Thematik: Rassismus, Rassen und die Geschichte dieser Begriffe. Von neuzeitlichen Denkern wie Gobineau kommt er über Evola zu den modernen Denkern der Ethnologie wie Claude Levi-Strauss; und obwohl bei vielen der vorgestellten Denkern ethnopluralistische Ansätze vorhanden sind, handelt es sich doch um sehr verschiedene Denkmuster und Weltanschauungen. Zu guter Letzt übt Martin Lichtmesz selbst Kritik an dem Konzept des Ethnopluralismus (und das ausgiebiger, als der Leser zunächst vermuten dürfte), unterlegt von Rolf Peter Sieferles Epochenwechsel, welches ein pessimistisches Zukunftsbild zeichnet.

Wie schon eingangs erwähnt, handelt es sich bei Ethnopluralismus um den Versuch, den umstrittenen Begriff auf ein neues Fundament zu stellen, sodass es sich für Theorie-Interessierte lohnt, dieses Grundlagenwerk zu lesen. Die relativ kurzen Kapitel – welche jeweils versuchen, die Quintessenz einer Thematik zu destillieren – sind teilweise zu oberflächlich und lassen den Leser oft ratlos zurück, wenn nach zwei Seiten bereits ein neues Kapitel zu einem anderen Thema beginnt. Dementsprechend ist es keine Anfangslektüre für Neugierige; es empfiehlt sich definitiv, zuvor schon andere Werke im neu-rechten Spektrum gelesen zu haben; beispielsweise reichen zwei Seiten lange nicht, um einen unerfahrenen Leser in den Universalismus des Christentums einzuführen.

Der Umfang des Themas ist gewaltig, und es ist kaum möglich, in einem einzelnen Buch mehr als nur einen Ausschnitt der Thematik darzustellen. Hier Licht ins Dunkel zu bringen ist Lichtmesz sicherlich gelungen. Doch gerade aus diesem Grund wirft die Lektüre häufig mehr Fragen auf als sie beantwortet. Dies lässt sich als Pluspunkt betrachten oder auch nicht. Entscheidend ist jedoch: Die Frage, ob der Begriff des Ethnopluralismus überhaupt ausbau- und anschlussfähig genug ist, um eine wirkliche politische Theorie zu begründen, wird nicht beantwortet. Und das lässt unter Umständen darauf schließen, dass er es eben nicht ist.

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  1. Das bringt meine Erfahrung mit der Lektüre des Buches gut auf den Punkt. Ich fand es auch gerade hinderlich beim Aufklärungsgedanken des Buches von einem Kapitel wo es gerade interessant wurde, direkt zum nächsten zu springen.

    Die Rassenfrage, so wichtig sie auch zu behandeln ist, um zu verdeutlichen, dass es eine Einheitsmenschheit als reales Objekt nicht gibt, weder kulturell noch genetisch und das bei der Affirmative Action und moderner (linker) Ideologie sehr wohl genau auf die vorgeblich nicht existenten “Rassen” oder physiognomischen Gruppen geschaut wird, nimmt für mich aber sehr viel Raum ein.

    Das tut sie vor allem deshalb, um bereits Widerlegungsarbeit gegen Linke direkt am Sachgegenstand zu verrichten (gleiches geschieht auch bei anderen Themen) was letztlich das Buch auch noch schwanken lässt zwischen Erwiderung gegen linke Programmatik und Ideologie oder Aufklärungs- und Theorielektüre zum Gegenstand an sich, ohne das sich Lichtmesz wirklich entscheiden kann, was er eigentlich will.

    Betrachtet man das ganze als Einführungsliteratur ins Thema dann ist das positiv, weil dem Neueinsteiger gleich geistige Hilfsmittel gegen linke Brunnenvergiftungen und Ideologie mit an die Hand gegeben werden, der der sich mehr Aufklärung zum Gegenstand erhoffte, bekommt häufig nur Aussagen darüber was Ethnopluralismus nicht ist oder wo Linke im Bezug auf Grundannahmen rechten und ethnopluralistischen Denkens mit ihren eigenen Prämissen irren.

    Als Widerlegungslektüre ist wiederum ein guter Einstieg aber hier wären zu jedem einzelnen aufgeworfenen Themenfeld auch noch größere Bretter zu bohren als das in dieser kursorischen Betrachtung möglich war.

    Ich habe das Buch persönlich mit Gewinn und Interesse gelesen, es ist aber leider nicht der große Wurf geworden, den ich mir gewünscht hätte. Es ist aber definitiv Grundlage auf die Lichtmesz (oder andere) unbedingt mit weiteren Werken aufsatteln sollten, um sich der Widerlegung in den verschiedenen Bereichen mit größerer Tiefe zu widmen. Oder um tatsächlich ein Handbuch zu erstellen, mit einer tiefergehenden, schematisierten Gegenüberstellung der verschiedenen Ethnopluralistischen Konzepte, des Herausarbeitens einer gemeinsamen Struktur und vielleicht dem Versuch daraus einen modernen Ethnopluralismus zu amalgamieren, der für die moderne pol. Rechte nutzbar ist.

    Etwas zu kurz kam mir in dem Zusammenhang auch, dass man an Ethnopluralismus entsprechend dem eigenen Standort anders herangehen muss. Kolonialstaatsbewohner haben eine ganz andere Identitätshistoriographie als zum Beispiel Europäer, die in ihren Ländern indigen sind, während es in Ländern wie den USA ein Spannungsverhältnis zwischen wirklichen Indigenen und sich als Autochthon verstehenden “Weißen” gibt, die eine äquivalente Betrachtung nicht zulassen.

    Gute Review.

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