Echtes Leben im Falschen – Identität und Kultur (2)

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»Jammerossi« gegen »Besserwessi« warum scheinen trotz über 30 Jahren Wiedervereinigung die Gräben tiefer denn je und was hat ein falsches Verständnis von Identität damit zu tun?

Im letzten Text habe ich auf die die Problematik eines »konstruierten« Identitätsbegriffs hingewiesen. Während die regionalen Identitäten historisch gewachsene Entitäten waren und immer noch sind, nähert sich der heutige Text einem weit weniger eindeutigem Konstrukt an und beschreibt einige Grundlagen identitärer Theorie.

Konstruktionswahn

Bereits im ersten Teil des Textes wies ich auf die Folgen für den Identitätsbegriff hin, wenn man ihn als eine frei wählbare oder sogar künstliche Sache begreift. Einige dieser Aspekte finden sich dabei auch in einem Blogbeitrag aus dem April 2018 wieder. Der Historiker und gebürtige Sachse schrieb in der Hochzeit der Flüchtlingskrise einen Text, der anschaulich zeigt, wie groß die Unterschiede zu einer konservativen oder rechten Weltanschauung sind.

In »Die Erfindung DER Ostdeutschen« berichtet der Autor von seinen Erfahrungen während und nach der »Friedlichen Revolution« und entwickelt die These, dass erst durch den Kontakt mit Westdeutschen eine »ostdeutsche« Identität als Gemeinsamkeit der DDR-Bürger entstanden sei.

Nationalität »Ostdeutsch«

Passend zum Format eines privaten Blogbeitrags schmückt der Blogger seine Theorie mit zahlreichen persönlichen Erfahrungen aus. Deren Relevanz oder Beispielhaftigkeit auszuwerten, kann nicht Aufgabe dieses Textes sein, dennoch möchte ich an dieser Stelle festhalten, dass es allein in meinem engeren Verwandtschaftsbereich genug gegenteilige Beispiele gibt, in denen deutlich wird, dass auch außerhalb des Kontaktes mit anderen, nicht aus der DDR stammenden Deutschen die eigene Identität eine große Rolle spielte.

Diese Identifikation war nötig und weit mehr als »SED-Propaganda«, denn der Stolz auf das Eigene war nur im Rahmen des politischen Systems oder der eigenen Region möglich, was die kommunistische Führung natürlich nicht davon abhielt Eigenart und Tradition auch in diesem Rahmen zu unterdrücken. »Antinational war sie gerade nicht« attestiert der von mir geschätzte Heino Bosselmann der DDR und tatsächlich führte der Druck der politischen Führung und das historische Faktum eines zweiten deutschen Nationalstaates zu einer speziellen Identitätssynthese, die wir heute als »ostdeutsch« bezeichnen.

Man darf die »ostdeutsche« Identität aber auch nicht überbewerten. Wie die partikularstaatliche Zugehörigkeit während des Kaiserreiches steht auch diese Identität in keinem Widerspruch zur nationalen Kultur. Im Gegenteil zeigt die Wiedervereinigung, dass eine Identitätsstiftung allein über ein politisches System nicht ausreicht. Auch die Tendenzen eines föderalen Verhältnisses der ehem. DDR mit der Bundesrepublik reichen dahingehend nicht für eine vom Deutschtum losgelöste Identität aus.

Die These des Autors ist daher stark zurückzuweisen. Eine nachträgliche »Erfindung« der Ostdeutschen gab es nicht. Die historischen Gegebenheiten formten aufgrund räumlicher und ideologischer Trennung eine weitere Facette der deutschen Identität. Sie ließ sich nicht von der Gesamtheit deutscher Identität trennen, denn nur diese Nähe beider Identitätsstrukturen ermöglichte die Wiedervereinigung von Staaten und Menschen, wenn gerade ersteres in letzter Zeit wieder in Kritik steht.

Wachstumsschmerzen

Gerne wird auf die unterschiedlichen »Mentalitäten« verwiesen, wenn sich wie 2015 oder aktuell in der Corona-Krise deutliche Bruchlinien im Stimmungsbild fast identisch mit den ehemaligen Grenzen der DDR zeigen. Über die Gründe dafür und die Folgen für Wahlverhalten und Parteistruktur wurde schon viel geschrieben, beispielhaft sei an dieser Stelle auf den Artikel von Daniel Fiß im Blog der Sezession verwiesen.

In einem Punkt ist dem Autor des Blogeintrags daher zuzustimmen: Es war das Aufeinandertreffen der Lebenswelten der Ost- und Westdeutschen, die die Begeisterung schnell einer anhaltenden »Ernüchterung« weichen ließen. Diese Ernüchterung, die Missverständnisse über die »Mentalitäten« und die bis heute anhaltende Spannungen auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen sind in der praktischen Umsetzung des konstruktivistischen Identitätsgedankens begründet.

Im letzten Text wurde die Beobachtung herausgearbeitet, dass die linksliberalen Gesellschaftsingenieure die Identitäten ablehnen, welche sie am wenigsten rational aufschlüsseln können und auf die sie dadurch den geringsten Zugriff haben. Auch im Westen sah man die Nation als den Sündenbock, auf den die historische Linie von »Bismarck zu Hitler« zurückzuführen sei, die im besten Fall zu verbessern und im schlimmsten Fall abzuschaffen sei.

Selbstverständlich bezeichnete man das Ziel unterschiedlich: Militarismus, Chauvinismus, Nationalismus, Preußentum, Faschismus, Herrenmenschentum usw. führen, nimmt man ihre Dekonstruktion ernst, immer zu der Nation, nur aus ihr konnten diese historischen Erscheinungen entstehen. Der Ansatz der zunehmend freiwillig werdenden »Reeducation« führte zu einem Selbstverständnis, dessen destruktive Natur sich durch die Wiedervereinigung offenbart hat und sich doch heute erst in seinem gesamten Ausmaß niederschlägt. Um diese Selbstzerstörung zu überwinden, bedarf es der Erkenntnis ihres Ursprungs. Das bedeutet, falsche Identitätsstrukturen zu verstehen und ihnen eine tatsächliche nationale Identität gegenüberzustellen.

Pseudo-Identität

Im Folgenden werde ich die Identifikationsstrukturen der Ost- und Westdeutschen, besonders im Hinblick der Nachwendezeit, nur noch als Pseudo-Identität bezeichnen. Wichtig hierbei ist, dass sie deswegen für den Einzelnen nicht weniger real erscheinen können oder sie nicht das tatsächliche Gefühl der Identität transportieren können, dies ist schließlich »Sinn und Zweck« der Pseudo-Identitäten. Diese Pseudo-Identitäten erfüllen im Gegensatz zu »echten« Identitäten nicht die grundlegenden strukturellen und funktionalen Merkmale, auf die ich nachfolgend eingehen werde.

  1. Nachhaltigkeit: Im Gegensatz zu einer tatsächlichen nationalen Identität sind beide teildeutschen Pseudo-Identitäten nicht selbsterhaltend. Selbstverständlich kann man in manchem ostdeutschem Fußballstadium noch Jubelgesänge auf »Ostdeutschland« vernehmen, aber weder das noch der Kult um Trabbi oder Schwalbe sind tatsächliche Identitätsstücke, sie sind austauschbar und eher der Ausdruck des Verlangens nach Gemeinsamkeit. Das bundesdeutsche Pendant dazu, das selbstverständlich mittlerweile auch Einzug in die ehemalige Sowjetrepublik gehalten hat, ist die gesellschaftsliberale weltoffene und »geschichtsgeläuterte« Zivilgesellschaft. Hier sei auf die schlicht universelle Analyse Manfred Kleine-Hartlages verwiesen, der den Ursprüngen und Auswüchsen dieser auf den Grund geht und umfassend ihre selbstzerstörerische Natur offenlegt.
  2. Stabilität: Bestandteile echter nationaler Identität sind selbstähnlich, verändern sie auch ihr Erscheinungsbild, so bleibt ihr Charakter doch gleich. Erik H. Erikson spricht in diesem Zusammenhang von »Gleichheit und Kontinuität«. Die Stabilität unterscheidet sich von der Nachhaltigkeit in ihrem Bezugsrahmen. Während erstere sich auf die Reproduktion der Identität im Sinne eines historischen Prozesses dreht, beschreibt die Stabilität das Wirken der Identität nach außen und innen. Ein Beispiel hierfür ist der Föderalismus, er ist dem deutschen Staatswesen inhärent und reproduziert sich seit tausend Jahren in immer wiederkehrenden Formen, auch wenn seine Ausprägung variiert. Diese Stabilität können aktuelle Entwürfe von Kollektividentität nicht erfüllen, sie führen entweder zur Verzwergung (Lokalchauvinismus, Abspaltungsgedanken oder völlige Ablehnung von Kollektividentität) oder zur Übergriffigkeit gegenüber anderen (Pseudo-)Identitäten. Ersteres ist besonders in den ehemaligen DDR-Gebieten zu erkennen, während neben der Ablehnung von Kollektividentität besonders die hypermoralisch aufgeladene Übergriffigkeit Kennzeichen oft linksliberaler bundesdeutscher Persönlichkeiten ist (»Koalition der Willigen«)
  3. Geschlossenheit: »Identität ist grundsätzlich abgrenzend« stellt Martin Wagener in seinem Buch fest und tatsächlich ist dies sowohl der größte Kritikpunkt als auch die größte Stärke der Identität. Heute für viele unverständlich, eigentlich jedoch Allgemeinplatz ist, dass ein Kollektiv »in-groups« und »out-groups«, also Mitglieder und Außenstehende benötigt, um eine tatsächliche Gemeinschaft darzustellen. Nur über diese Gruppenprozesse können Systeme wie Solidarität, Zusammenarbeit und auch Identitätsbildung wirken. Stellen Gemeinschaften ihren Mitgliedern durch mangelnde Geschlossenheit nur Pseudo-Identitäten zur Verfügung, lassen sich zwei Prozesse feststellen. Erstens existieren keine Mechanismen zur Erhaltung der eigenen Identität, Eigenschaften und Merkmale sind frei austauschbar, können daher leicht von Mitgliedern mit anderer kollektiver Identität übernommen und ersetzt werden. Des Weiteren fördert eine solche Pseudo-Identität starke Ignoranz gegenüber tatsächlichen Identitäten. Diese werden (berechtigt) aufgrund ihrer inneren Geschlossenheit abgelehnt, jedoch nur noch instinktiv zum Schutz der eigenen Identität. Beispiele für diese zwei Prozesse wären ethno-religiöse Parallelgesellschaften und die liberale Kritik an ihnen.

Perspektiven

Ergänzend zu den oben formulierten Merkmalen könnte man die Eigenschaft des rationalisierten Zugriffs auf (Pseudo-)Identitäten hinzufügen, was dahingehend kein inhärentes Merkmal von Identitäten, sondern eher Kennzeichen des Umgangs mit ihnen ist. Der Erfolg der anhaltenden Verschiebung von Bezeichnungen der Ostdeutschen als »Helden der Wende« oder Bewohner von »Dunkeldeutschland« beziehungsweise die ständige Ausdehnung der »historischen Verantwortung« als bundesdeutsches Identitätsmerkmal stellen nur die oberflächlichsten Beispiele dieses Phänomens dar.

Für eine patriotische Opposition kann sich daraus nur eine klare Absage an derlei Konstruktionen und die Förderung tatsächlich identitärer Kultur-, Bildungs- und Innenpolitik ableiten. Auch könnte die Rückbesinnung auf eine nach innen einigende, nach außen abgrenzende Identität tatsächlich die ermüdenden Lagerkämpfe in einem angemessenen Rahmen begrenzen. Hier muss die Aufgabe des Vorfeldes darin bestehen, Vorschläge zu unterbreiten und dringend nötige Theoriearbeit zu leisten, so wie es dieser Text bereits in Ansätzen getan hat.

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