Die Vorhut der Partei

Im Streit über das Wahldebakel der AfD in drei südwestlichen Bundesländern tritt der Arbeiter wieder in den Fokus der Politik. Dies hat gute Gründe, doch führen die Implikationen der Wahlanalysen noch weit darüber hinaus – von der Interessenvertretung der Arbeiterschaft hin zur Massenpartei der Somewheres.

Von Hans Janus

Warnung aus Südwest

Die ersten Landtagswahlen im März 2021 waren bei weitem keine Siege für die AfD – geschweige denn die Kommunalwahl in Hessen, in der man fast die Hälfte der Stimmen einbüßte. Hierzu wurden bereits von vielen Seiten Analysen durchgeführt. Mit sechs Wochen Abstand sind drei Kernpunkte von Interesse.

Erstens eine Entwarnung: Die AfD hat trotz der herben Verluste eine relativ stabile Kernwählerschaft. Es handelt sich dabei, wie Benedikt Kaiser in der Sezession anmerkte, primär um eine migrations- und sicherheitspolitisch motivierte Gruppe. Weil keine andere Partei sich dieser Felder annimmt, wählt ein ein- bis zweistelliger Stamm hier weiter AfD. Defätistische oder schadenfrohe Überlegungen zum baldigen Untergang der AfD sind also unangebracht. Selbst Leute, die die AfD gerne verschwinden sehen würden, müssen zugeben, dass sie sich einigermaßen fest in der Parteienlandschaft verankert hat.

Zweitens: Die AfD verliert vor allem an die Gruppe Nichtwähler. Beim Feldzug-Blog hat man sich sehr gezielt mit dieser Thematik auseinandergesetzt. Denn in beiden Landtagswahlen bildeten Nichtwähler die größte Verlustgruppe der AfD. In Rheinland-Pfalz verlor die AfD an diese Gruppe sogar mehr als an alle anderen Parteien zusammengenommen. Dabei handelt es sich laut Ergebnissen einer Kantar-Studie nicht etwa um politisch Desinteressierte, sondern um interessierte, aber tendenziell unzufriedene Menschen, die sich von keiner Partei vertreten oder verstanden fühlen. Besonders pikant: Viele der von der AfD zu den Nichtwählern Gewanderten entstammen dem vormaligen SPD-Wählermilieu und haben unterdurchschnittliche Einkommen.

Dies führt uns zum dritten Punkt: Die AfD findet die mit Abstand größte Zustimmung unter den Arbeitern. Hätten nur sie gewählt, stünde die AfD in Baden-Württemberg bei 26 %, in Rheinland-Pfalz immerhin bei 18 %. Manches Parteimitglied würde die AfD da gerne als neue Arbeiterpartei sehen. Doch das wahre Potenzial liegt etwas anders gelagert – und ist noch viel größer.

Proletarisches Wahlverhalten

Denn die klassische Arbeiterschaft selbst stellt im Rahmen aktueller Modernisierungsprozesse einen schrumpfenden Anteil der Wähler. Sich zur reinen Arbeiterpartei zu machen, bringt da nicht viel. Um das eigentliche versteckte Potenzial der Arbeiterschaft für die AfD zu erkennen, muss man wissen, warum Arbeiter immer öfter lieber blau als rot wählen. Im Mainstream beschränkt man sich da gerne auf die Idee der Abstiegsängste. In linken Sphären wird daraus dann schnell das Narrativ vom »alten weißen Mann«, der um seine Privilegien fürchtet.

Doch solche Erklärungen zielen ins Leere. Nicht nur, dass die AfD unter den Selbstständigen – einer Gruppe, die generell und unter den momentanen Bedingungen besonders abstiegsgefährdet ist – weniger Erfolg erzielt als bei der Arbeiterschaft. Dazu kommt noch, dass diese Arbeiterschaft nicht homogen ist. Benedikt Kaiser weist zurecht darauf hin, dass die Arbeiterschaft in den Umfragen sehr breit gefasst ist und sich im Hinblick auf die Art ihrer Arbeit, den Grad der Bildung und das Einkommen intern unterscheidet.

Betrachtet man das für die Studie von Infratest dimap – die ja für die meisten dieser Analysen herhält – verwendete Verfahren genauer, kann man sogar noch einen Schritt weiter gehen: Die Infratest-Umfragen werden in Form von Fragebögen vor Ort erhoben. Das heißt, die Wähler füllen sie selbst aus und geben ihre Zugehörigkeit zu den Kategorien Arbeiter, Angestellte, Selbstständige, Rentner selbst an. Folglich ist die für uns interessante Wählergruppe primär durch ein proletarisches Selbstverständnis definiert, weniger um den objektiven Berufsstand. Es handelt sich also um ein Milieu.

Eine theoretische Sicht

Dieses Wissen ermöglicht einen theoretisch geordneten Blick mithilfe der Lebensstiltheorie. Sie ist eine der großen Wahlverhaltenstheorien und gewinnt seit Jahren immer mehr Beachtung. Sie geht davon aus, dass das Wahlverhalten primär vom Lebensstil und der den Wähler umgebenden Lebenswelt bestimmt ist. Diese Theorie passt mit der Lage der AfD am besten zusammen: Bei einer Partei ihres Alters kann noch keine sozialisierte Parteibindung vorhanden sein; hingegen würde eine rein auf den Kosten-Nutzen-Kalkülen der rational choice-Theorie basierende Erklärung für die Wahlentscheidung nur wieder zur allzu vereinfachenden Abstiegsangst-Diskussion führen.

Zielführender für das Verständnis der AfD-Wählerschaft und für die Frage, warum diese sich überwiegend als Arbeiter identifiziert, ist also die Lebensstiltheorie. Der Erklärungsgrad dieses oft auch »mikrosoziologisch« genannten Ansatzes wurde wiederholt bewiesen. Bestimmte soziale Lebenswelten entwickeln aufgrund ihrer materiellen Situation, aber auch aufgrund von gesellschaftlichem Status und geteilten Werten, gewisse Wahlnormen. Ab einem gewissen Grad wird es für die Mitglieder eines Milieus geradezu selbstverständlich, eine gewisse Partei zu wählen.

Ganz so weit ist es mit den Arbeitern und der AfD noch nicht. Doch dass Arbeiter – und insbesondere solche, die sich selbst als Arbeiter identifizieren – häufiger AfD wählen, muss gemäß dieser Theorie dennoch neben materiellen auch kulturelle Gründe haben. Benedikt Kaiser brachte diesen Umstand in einem Tweet gut auf den Punkt:

Zwar sagt ein Großteil der AfD-Wähler, ihre Wahlentscheidung wäre am stärksten vom Wahlprogramm beeinflusst worden – doch gab es als sonstige Antwortmöglichkeiten nur Kandidaten und die Parteibindung. Dieser Teil der Erhebung ist also nicht sehr aussagekräftig. Man muss davon ausgehen, dass die AfD auf einer immateriellen Ebene mit der Arbeiterschaft resoniert. Den Nutzen dieser Erkenntnis für die Partei kann ein Blick auf die Grünen verdeutlichen.

Arbeiter und Somewheres

Im kulturellen Gesellschaftskonflikt, der laut Cleavage-Theorie die dominante Bruchlinie in der Parteienlandschaft des modernen Westens darstellt, sind die AfD und die Grünen programmatische Antipoden. Doch dominant waren beide Parteien lange Zeit nicht. Noch 2017 waren die Grünen mit 8,9 % die schwächste Fraktion im Deutschen Bundestag. Es zeigt sich: Die bloße programmatische Verordnung auf der einen oder anderen Seite der Bruchlinie ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Partei von den Gruppen, die mit ihrer Position im Gesellschaftskonflikt korrespondieren, auch als programmatischer Antipode anerkannt wird.

Die Grünen haben hier volle Arbeit geleistet. Sie übernahmen in einem Prozess der personellen Durchdringung und werbetechnischen Anpassung zentrale kulturelle Aspekte ihres ursprünglichen Wählermilieus und erreichten damit sehr schnell andere tendenziell globalistische, bürgerliche Milieus, die die Grünen vorher nicht für wählbar hielten. Sie beschränkten sich damit nicht auf ein stadtbürgerliches Wohlstandsmilieu, im Gegenteil: Sie eröffneten sich die Sympathien aller Milieus, die grundlegende materielle und immaterielle Merkmale mit diesem Vorhut-Milieu teilten. Die Wählerwanderung gutbürgerlicher Wähler von der CDU zu den Grünen hat nicht zuletzt hierin ihre Ursache. Die Grünen sind, wie Alexander Gauland richtig erkannte, die Partei der Anywheres – sie vertreten die Klasse des globalen Bewusstseins.

Ziel und Zweck der AfD muss sein, zur Partei der Somewheres zu werden – der Klasse des regionalen und nationalen Bewusstseins. Doch hat sie diese Art von Wandlungsprozess noch nicht flächendeckend und analog zu den Grünen durchlaufen. Deshalb verlor sie in den Landtagswahlen vor allem an das eigentlich tendenziell anti-globalistische Nichtwählermilieu. Viele Somewheres sehen die AfD noch nicht als ihre Partei, während fast alle Anywheres die Grünen mittlerweile selbstverständlich als ihre politische Heimat ansehen.

So wie die Grünen aus einem kleinen linksprogressiven Bürgermilieu die grundlegenden Merkmale herausfilterten, die sie zur Massenpartei der Anyhweres machten, sollte die AfD analog die Arbeiterschaft als Vorhut des Anti-Globalismus ansehen. Eine Aufnahme proletarischer Anliegen, eine merkliche Präsenz in Arbeitervierteln und eine personelle Durchdringung der Partei mit Arbeitern sind nur der erste Schritt zur Erschließung des gesamten anti-globalistischen Potenzials. Die AfD muss auf die Arbeiter zugehen und sie als Vorhut begreifen – um am Ende zur Massenpartei aller Somewheres werden zu können.

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