Die marktkonforme Revolution der Kultur

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Unser Gastautor Julius Hochbaum beschreibt in seinem Aufsatz die marktkonforme Umgestaltung der Kultur und geht dabei auf die ökonomischen Prämissen eben dieser Kulturrevolution.

Mit der Vereinnahmung des geistigen Erbes Karl Marx‘ durch die politische Linke im ausgehenden 19. Jahrhundert schien der politischen Landschaft des Westens eine dauerhafte Konstante zuteilgeworden zu sein. Bis weit ins 20. Jahrhundert domminierte das Ideal der proletarischen Erhebung gegen die Ausbeutung durch das bürgerliche Kapital linkes Denken und politische Aktion. Zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ereignete sich dann ein bemerkenswerter Umbruch, der durch die Studentenbewegungen der 1960er-Jahre symbolisiert wird.

Hier trat ein neuer Typus der politischen Linken auf den Plan, der sich, im Gegensatz zu seinen Vorgängern, nicht mehr aus dem Proletariat, sondern aus dem Bürgertum selbst rekrutierte. Auch wenn dies der marxistischen Rhetorik sowie der Agitation gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihre Normvorstellungen zunächst keinen Abbruch getan hatte, schien sich zwischen der Alten und dieser Neuen Linken in den letzten Jahrzehnten ein unübersehbarer Spalt aufgetan zu haben. 

Ein toter Mythos für die Kultur

Der Mythos der proletarischen Revolution hatte im Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch drei Entwicklungen unwiederbringlich ausgedient. Erstens dadurch, dass beim Ausbruch des Großen Krieges im Jahre 1914 die Arbeitermassen in Europa sich, anstatt eine gemeinsame internationale Front gegen den Krieg zu bilden, begeistert in die Schützengräben warfen und dadurch bewiesen, dass der Mythos der Nation dem der internationalen Revolution überlegen war. Zweitens dadurch, dass alle ab 1917 unternommenen Versuche zur praktischen Verwirklichung des marxistischen Lehre in Blut und Elend gescheitert waren.

Schließlich drittens dadurch, dass der moderne Sozialstaat die gemäß marxistischer Dialektik der Revolution vorausgehende Verelendung der Massen unmöglich gemacht hatte. Die erste dieser drei Enttäuschungen hatte schon in den 1920erJahren einige Marxisten in Deutschland, die Väter der späteren Frankfurter Schule, dazu veranlasst, sich durch die Hinwendung zur Freud’schen Psychoanalyse mit der marxistischen Orthodoxie zu überwerfen und ihr Interesse weg von der proletarischen Revolution hin zur Kritik an der bürgerlichen Massengesellschaft zu verlagern.

Den Lenden der Frankfurter Schule entsprang schließlich die Revolte der 68er, bei denen aufgrund der eigenen bürgerlichen Herkunft bereits jeder authentische Bezug zum Proletariat fehlte. Rückblickend erschienen sie in ihrem hedonistischen Individualismus und ihrer Verachtung gegenüber der Tradition bereits als Menetekel des atomisierten Konsummenschen. Ungeachtet ihres »Antiamerikanismus« in geopolitischen Fragen, ist die kulturelle Prägung der 68er-Generation durch die amerikanische Pop-Kultur unübersehbar. Ihre »Revolution« war letztlich nicht mehr als ein nonchalantes Vergnügungsevent gegen den spießigen Muff der verhassten Elterngeneration. 

Die Erben der Frankfurter und der Poststrukturalisten

Ein anderen wichtigen Einfluss bildet der Poststrukturalismus. Dieser Vielzahl verschiedener Theorien und Disziplinen ist die bekannte Annahme gemein, dass die innerhalb eines sozialen Systems gesprochene Sprache dessen soziale Realitäten nicht bloß abbilde, sondern bereits forme, demzufolge soziale Realitäten bzw. vorherrschende Normen niemals allgemeine Gültigkeit beanspruchen könnten, sondern vielmehr aufgrund ihrer Wandelbarkeit einer regen Beliebigkeit unterworfen seien. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht hier folglich nicht mehr die kritische Analyse ökonomischer Besitz- und Herrschaftsverhältnisse, sondern die sogenannte »Wokeness«, die darin besteht, in alle möglichen sozialen und kulturellen Verhältnisse ein Moment der Unterdrückung hineinzuprojizieren.

Demzufolge ist der Arbeiter, bzw. allgemein der durchschnittliche Vertreter der Mittel- und Unterschicht der Letzte, der sich von den Vertretern dieser Linken, die selbst ja mehrheitlich der gehobenen Mittelschicht entstammen, Unterstützung für seine politischen Anliegen erhoffen kann. Besonders dann, wenn er als »alter weißer Mann« ihrem liebsten Feindbild entspricht. Das neue »Proletariat« dieser »woken« Linken bildet vielmehr die Vielzahl einzelner ethnischer, kultureller und sexueller Minderheiten, die es gegenüber einer als repressiv skizzierten Mehrheitsgesellschaft zu »empowern« gilt.

So hat diese Linke, vielleicht von einigen rhetorischen Versatzstücken abgesehen, kaum bis gar nichts mehr mit der früheren marxistischen Orthodoxie gemein. Ja selbst die »antifaschistischen« und »antimilitaristischen« Diktaturen des ehemaligen Ostblocks erscheinen ihr gegenüber als geradezu reaktionär, da unter ihnen die Pflege des eigenen nationalen Erbes, ungeachtet der Idee der weltumspannenden Gemeinschaft der Arbeiter, nie zur Debatte, sondern vielmehr im Zentrum des Staatskultes stand. Die Deutsche Demokratische Republik kannte keine Vergangenheitsbewältigung. 

Ein neues Heer, eine neue Kultur

Aus den Reihen dieser Linken rekrutiert sich auch das Heer der weltbürgerlichen Meinungsmacher, welches heute weitestgehend den öffentlich-medialen Betrieb der westlichen Gesellschaften übernommen hat. Jene Weltenbummler, die, bestückt mit Stipendien und den Abschlüssen international renommierter Universitäten, vollends von der Lebensrealität des Durchschnittsbürgers entrückt sind, für ihn, seine Wünsche und Ängste nur Verachtung übrig haben und in ihren Artikeln, Kolumnen und Meinungsbeiträgen keine Gelegenheit zu selbstgefälligen Belehrungen ungenutzt lassen.

Aus der linken Idealisierung gesellschaftlicher »Diversity« ergibt sich ein geradezu messianischer Eifer im Kampf gegen nationale Grenzen und für massenhafte Einwanderung. Unzweifelhaft tritt hier eine entscheidende Überschneidung mit den Interessen jener wirtschaftlichen Akteuren und Eliten zutage, die heute die hauptsächlichen Antreiber der Globalisierung bilden. Der globale Kommerz fußt auf Durchlässigkeit und Beweglichkeit. Unschwer vorstellbar, dass ökonomisches Streben nach billigen Arbeitskräften und neuen Konsumenten es von Zeit zu Zeit als geboten erscheinen lässt, Millionen Menschen in einem

Teil der Welt zu entwurzeln und auf einen anderen zu verschieben. Doch stoßen solche Programme dort auf Hindernisse, wo noch ein gewisser Bestand an tradierten, volkstümlichen Identifikations- und Loyalitätsverhältnissen vorhanden ist. Wo dies der Fall ist, leistet der subversive Progressivismus der Linken Abhilfe. Die Kriminalisierung der Tradition, die Zersetzung der Familie, die Aufsprengung ethnisch-kultureller Einheiten, Vielfalts-Propaganda zugunsten massenhafter Migration – all dies bilden Momente bei denen linker Progressivismus und ökonomisches Interesse sich heute die Hände reichen.

Dieser Situation steht die typische Lethargie des bürgerlichen Konservatismus gegenüber, der immer noch glaubt, mit dem voraussetzungslosen Bekenntnis zum freien Markt und der Kriecherei vor dem Gewinnstreben wirtschaftlicher Akteure dem eigenen politischen Anliegen dienen zu können, und demnach nicht begreifen kann, wieso seine vermeintlichen Verbündeten nun begeistert die Fahne des Regenbogens hissen. Tatsächlich fungiert diese Fahne heute als Kriegsbanner einer neuen Form des kulturellen Imperialismus, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, überall in der Welt der Zersetzung von Tradition und Volkstum unter dem Leitmotiv der Emanzipation und des sozialen »Fortschritts« zuzuarbeiten.

Missionierung und Gewalt

Wo sich dann einzelne Völker ihrer Missionierung widersetzen, wird mit Gewalt nachgeholfen. Nach der erfolgreichen »Befreiung« jener missionierungsskeptischen Völkerschaften bleibt vielen ihrer ausgezehrten und gedemütigten Angehörigen dann nur noch die Übersiedelung in den Westen, wo sie von den hiesigen wirtschaftlichen Eliten als billige Arbeitskräfte und von der hiesigen Linken als Menschenmaterial für den »woken« Kulturkampf gegen das indigene Volk empfangen werden. So wird dem Völkerhass für Generationen neue Nahrung geliefert. In Afghanistans hat dieser Imperialismus kürzlich einen schmerzhaften Rückschlag hinnehmen müssen und allgemein wird sichtbar, dass bei weitem nicht alle Gesellschaften dieser Welt dem westlichen Schema der Selbstauflösung zu folgen und ihre Freiheit, ihre Identität und ihre Ehre dem Gewinnstreben der globalistischen Oligarchie zu opfern gedenken.

Es bleiben noch einige weiterführende Bemerkungen. Die ursprünglichen Impulse der Globalisierung, jene mannigfaltigen Prozesse der Vernetzung der Welt, gingen ab Beginn der Neuzeit von Europa, im Laufe des letzten Jahrhunderts dann vor allem von den Vereinigten Staaten von Amerika aus. Die europäische Landnahme riss die Völker der übrigen Erdteile heraus aus ihren ursprünglichen Organisationsformen und zwang sie in das Korsett des europäischen Verständnisses von Zivilisation. Die Frage nach dem eigenen Verhältnis zur Globalisierung ist, in Hinblick auf die im Vorfeld dargestellten Zusammenhänge, immer verbunden mit dem eigenen Verhältnis zur Ware.

Es ist nun einmal widersinnig, einerseits die Globalisierung in Form von Migration abzulehnen, andererseits sie durch das eigene Konsumverhaltens mitzutragen. Dieser Umstand muss vor allem jenen einleuchten, die heute als Vertreter der politischen Rechten Sorge angesichts des Verlust der europäischen Identität durch massenhafte Einwanderung äußern. Tatsächlich kann das, was hier als Überfremdung empfunden wird, ebenso in anderen Teilen der Welt beobachtet werden. Fällt es schwer, sich vorzustellen, dass es auch dem stolzen Träger außereuropäischer Kultur schwer ums Herz wird, wenn er sieht, wie sein Erbe unter dem Druck des Kultur-Terrors des aus seiner Sicht feindseligen Westens zermalmt wird? 

Eine Kultur für die Welt

Solche Prozesse lassen sich weniger als Ausdruck des Kampfes der einen Kultur gegen eine andere begreifen, dafür umso mehr als Ausdruck des Bestrebens, die kulturellen Bestände aller Erdteile gleichermaßen zugunsten einer marktgeformten globalen Monokultur zu schleifen. Die Tatsache, dass das internationale Geld- und Warenkapital den Schrittmacher hierzu bildet, kann nur bei Kenntnis seiner eigenen Natur begriffen werden. Das Kapital als solches hat keinen Bezug zum Boden, kennt weder Heimat noch Volk. Wenn sich dieses bodenlose Kapital also der Welt bemächtigt, so wird es ihr die eigene Bodenlosigkeit unweigerlich aufprägen.

In der auf ökonomische Maßgaben hin ausgerichteten Welt werden tradierte bzw. volkstümliche Identitäten unweigerlich immer weiter zurückgedrängt durch ein globales und kulturell weitestgehend homogenisiertes Weltbürgertum, in dem »Identität« sich vorrangig noch aus dem eigenen Konsumverhalten ergibt, ob man also lieber die Ware von Weltkonzern A oder die Ware von Weltkonzern B konsumiert. Die Frage nach den Möglichkeiten eines Auswegs aus dieser völkerverschlingenden Dynamik fällt also in eins mit der Frage nach den Möglichkeiten eines Auswegs aus einem weltumspannenden Wirtschafts- und Finanzsystem, das im Profit um des Profites und im Wachstum um des Wachstums willen seine Daseinsberechtigung sieht. 

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