»Die Krise heißt Kapitalismus« – Gespräch mit Revolte Rheinland

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Das Aktivistenkollektiv Revolte Rheinland hat mit seinem Banner für hitzige Diskussionen über Kapitalismus gesorgt. Konflikt hat die Gruppe interviewt.

Wer seid ihr?

Wir sind eine selbstständig agierende Gruppe junger Identitärer, die es sich zum Ziel gesetzt hat, neben klassisch rechten Themen wie der Migrationskritik auch das Konzept des Sozialpatriotismus in aktivistischer Form zu vertreten.  

Wie ist die Geschichte eurer Gruppe?

Die Geschichte unserer Gruppe ist noch sehr kurz. Viele unserer Mitstreiter kennen sich aber schon länger und hatten bereits Erfahrung mit metapolitischem Aktivismus auf der Straße. Vorangegangen ist unserer Gründung als Revolte Rheinland eine kritische Auseinandersetzung mit der bisherigen Vorgehensweise der Neuen Rechten und besonders mit ihrer Themensetzung. Dabei kamen wir einstimmig zu der Erkenntnis, dass die Beschäftigung mit der Sozialen Frage von Rechts außerhalb von Lesekreisen und Publikationen faktisch keine Beachtung findet. Gleichzeitig wollten wir dem Bild entgegenwirken, dass Rechte Politik sich lediglich an Bessergestellte wendet. Letzterer Eindruck kommt nicht zuletzt durch das mediale Framing der sozialpolitischen Programmatik der AfD zustande, oder durch die Verstrickung der Partei in Spendenaffären.  

Welche Vordenker bzw. Bücher haben euch geprägt?

Als Gruppe haben wir uns im Rahmen eines Lesekreises intensiv mit dem Buch »Solidarischer Patriotismus« von Benedikt Kaiser beschäftigt. Dabei gab es fruchtbare Diskussionen, die letzten Endes unsere Ausrichtung stark beeinflusst haben. Individuell hat natürlich jeder seine eigenen Vordenker zum Thema Ökonomie, von denen er sich inspirieren lässt. Die Bandbreite ist dabei sehr groß und reicht von Autoren wie Hermann Heller und Alain de Benoist bis hin zu den Büchern von Sahra Wagenknecht, Wolfgang Streeck und Norbert Häring. Besonders in Bezug auf die Corona-Thematik bot letzterer mit seinem Buch »Endspiel des Kapitalismus« eine scharfe Analyse.  

Wie nehmt ihr die Kritik an eurem Banner wahr und was erwidert ihr darauf?

Zunächst einmal unterscheiden wir zwischen konstruktiver Kritik und der bloßen Abwehrhaltung von Marktliberalen, die hinter jeder Kapitalismuskritik den Sozialismus wittern. Anmerkungen, dass wir unsere Intention mit dem Transparent besser zum Ausdruck hätten bringen sollen, nehmen wir zur Kenntnis. Was wir entschieden zurückweisen ist der Vorwurf, unsere Alternative heiße Sozialismus in Reinform. Für manche Kritiker scheint das kapitalistische System so sakrosankt zu sein, dass sie eine Diskussion mit einer plumpen Dichotomie der beiden Extremformen zu unterdrücken versuchen.

Kritik gab es auch in Bezug auf den Zeitpunkt, da die Thematik den Konsens einer Sammlungsbewegung gefährden könnte. Unser Anliegen war es jedoch nicht, eine Diskussion innerhalb der Rechten zu entfachen, sondern den unpolitischen Maßnahmenkritiker auf der Straße für tiefgründigere Prozesse zu sensibilisieren. Die Proteste haben nach unserer Einschätzung ein Ablaufdatum und in diesem Zeitraum gilt es, die oberflächliche Kritik der Masse, an der Impfung und an Lockdowns, in eine tiefgreifende Systemkritik zu überführen.

Hat euch die große Debatte um das Transparent überrascht?

Allerdings. Ob die Aufregung in diesem Ausmaß stattgefunden hätte, wenn die JA nicht fälschlicherweise als Urheber des Banners ausgemacht worden wäre, darf bezweifelt werden. Dementsprechend staunten wir alle nicht schlecht, als am Tag darauf Twitter durch unseren Slogan dominiert wurde. Dass das Thema Kapitalismus und seine Folgen einer so breiten Diskussion unterzogen wurde, freut uns im Nachhinein aber natürlich.  

Wie würdet ihr euch weltanschaulich selbst bezeichnen? 

Als Gruppe liegt uns ein identitäres Weltbild zugrunde, weshalb für uns ein positives Bekenntnis zu unserem Volk und unserer Nation als Abstammungsgemeinschaft selbstverständlich ist. Darüber hinaus erkennen wir aber auch das gemeinsame kulturelle Erbe an, das uns mit unseren europäischen Nachbarn verbindet. Allgemein verstehen wir uns im Umgang mit anderen Völkern als Ethnopluralisten. 

Was uns von vielen Akteuren, gerade aus dem wirtschaftsliberalen Lager der Rechten unterscheidet, ist, dass wir Deutschland nicht als einen Standort betrachten, wonach sich Einwanderung in hohen Zahlen durch Qualifikationsmerkmale rechtfertigen lässt. An dieser Stelle wäre nach unserer Auffassung ein starker Staat gefragt, der den Problemen des demographischen Wandels und des Fachkräftemangels mit wirksamen Maßnahmen begegnet, anstatt in anderen Ländern durch den Abzug von Arbeitskräften dieselbe Situation zu verschärfen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch eine damit einhergehende Multikulturalisierung im eigenen Land zum Opfer ihrer Unfähigkeit zu machen.

Wie war euer Transparent gemeint? Welche Kritik habt ihr am Kapitalismus? 

Bezogen auf unser Banner richtete sich unsere Kritik vor allem an die Unterwerfung des Gesundheitssystems und der Produktion medizinischer Güter, unter die Logik des profitorienterten Wirtschaftens. Gerade das Pandemiejahr 2020 hat die Absurdität dieses Prozesses offenbart. Während mitten in einer Gesundheitskrise tausende Intensivbetten abgebaut wurden und man in der Pflege meist unter Mindestbesetzung arbeitete, schütteten private Klinikbetreiber Millionen-Dividenden an ihre Anteilseigner aus. Auch der Einfluss von Pharma-Konzernen und Investoren auf die Politik und Institutionen wie die EMA oder hierzulande das RKI betrachten wir als sehr bedenklich. 

In unserer allgemeinen Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem lassen sich ebenfalls Anknüpfungspunkte zur Corona-Krise finden. Durch die Lockdown-Politik fand in der Konsequenz eine Umverteilung der Vermögen von unten nach oben statt. Aktiengesellschaften wie Amazon, die Google-Mutter Alphabet oder Facebook waren die Profiteure, während das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, der Mittelstand, umso schwerer getroffen wurde. Staatliche Politik zugunsten des Großkapitals wurde durch steuerliche Bevorteilung jedoch auch schon vor Pandemiezeiten betrieben. 

Generell sehen wir den Kapitalismus nicht als unumstößliches Dogma oder als alternativloses Wirtschaftssystem an. Durch das Prinzip des ewigen Wachstums ist die Wirtschaft gezwungen, immer neue Bedürfnisse bei den Menschen zu schaffen, um neue Waren absetzen zu können. Damit einher geht die Auflösung menschlicher Bindungen und des Althergebrachten. Dies kann von keinem patriotischen Menschen ernsthaft mitgetragen werden. Damit ist auch die seltsam anmutende Symbiose von Kapital und sogenannten »Lifestyle-Linken« zu erklären.

Im Zuge der Identitätspolitik entstand das sogenannte »Woke Capital«, das in der weiteren Atomisierung der Gesellschaft neue Absatzmöglichkeiten sieht.  Hierin liegt für uns auch der Unterschied zwischen einer Kapitalismuskritik von Rechts und dem marxistischen Antikapitalismus, dem ein egalitäres und universalistisches Weltbild zugrunde liegt. 

Welche Lösungsvorschläge wollt ihr vertreten?

Unserer Meinung nach bedarf es eines radikalen Umdenkens in Bezug auf das gegenwärtige Wirtschaftssystem. Wie bereits erwähnt, geht es uns nicht darum, einen Sozialismus in Reinform etablieren zu wollen. Vielmehr sollten gewisse Bereiche wie das Gesundheitswesen, die Strom- und Wasserversorgung oder der öffentliche Nahverkehr dem privatwirtschaftlichen Bereich entzogen werden. Die Anbindung des ländlichen Raums oder die Entscheidung, ob ein Patient ambulant oder stationär behandelt wird, um hier zwei Beispiele zu nennen, dürfen nicht vom Prinzip der Gewinnmaximierung abhängig gemacht werden. Dass der hilfsbedürftige und kranke Mensch im Altenheim oder im Krankenhaus zum Spekulationsgut wird, lehnen wir kategorisch ab. Das zynische Bereichern an der Krankheit muss beendet werden. 

Bezüglich aller anderen Bereichen stehen wir nicht in Opposition zu einer Sozialen Marktwirtschaft. Eine Einhegung des derzeit in großen Teilen deregulierten Marktes ist für uns unerlässlich. Genannt seien hier vor allem die Stärkung von Tarifbindungen und das Schaffen von Normalarbeitsverhältnissen. Damit ließen sich auch Familiengründungen wieder attraktiver machen, um dem demographischen Wandel entgegenwirken. Das Primat der Politik muss zum Wohle des Volkes wieder gegen das Primat der Wirtschaft durchgesetzt werden. 


Wir haben zu diesem Thema zwei Artikel veröffentlicht: Postliberale Skizzen – Kapitalismus und Kritik und Der Name der Krise

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