Der Montag – Kalenderwoche 50

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Heute: Transformation der Wirtschaft am Beispiel der Gig Economy.

Der Montag bei konflikt: Wir schauen in die Woche und berichten, was woanders ignoriert wird.

Globalismus im Kleinen

Eine interessante Analyse eines wirtschaftlichen Phänomens leistete vergangene Woche Simon Groß für die Süddeutsche Zeitung. In seinem Artikel So geht Ausbeutung heute, der am 09. Dezember veröffentlicht wurde und online kostenlos lesbar ist, schildert der Autor die Zustände in der sog. Gig Economy – also der Wirtschaft um Dienstleistungen wie Uber, Lieferando und Helpling – und kritisiert die Verdrängung klassischer Unternehmen durch die Internetkonzerne.

Die neue Dienerklasse

Groß fängt mit den Arbeitsbedingungen an: »Es gibt ein neues Prekariat. Dessen Angehörige stehen nicht mehr mit verrußten Händen in Backsteinfabriken in Manchester. Nein, sie huschen in den großen Städten dieser Welt an einem vorbei. Auf dem Fahrrad oder im Auto. Sie putzen, pflegen, liefern Lebensmittel oder fahren Taxi.« Somit vergleicht der Autor die prekären Dienstleister von heute mit den Industriearbeitern im England des 19. Jahrhundert. Der Vergleich legt eine grundsätzliche Transformation der Wirtschaft offen:

Im Manchester, von dem Groß spricht, gab es zwei fundamental verschiedene Kategorien von Arbeitern: Die Industriearbeiter, die tatsächlich in den backsteinernen Fabriken in 12- und 14-Stunden-Schichten arbeiteten und in überfüllten Reihenhäusern wohnten. Und die Hausarbeiter, die als Boten, Köche, Hausmädchen und Knechte in den Villen des alten Adels und der neuen Industriellenklasse dienten. Um 1890 arbeiteten alleine 1,3 Millionen englische Mädchen als domestic servants – für Arbeitertöchter, die in den Fabriken und Schächten aus körperlichen und sittlichen Gründen nicht angewandt werden konnten oder durften, war die Hausarbeit bei einer reichen Familie ab dem 12. oder 13. Lebensjahr häufig die einzige Möglichkeit, nach Beendigung der Grundschule ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Gig Economy

Firmen wie Uber oder Lieferando vermitteln Fahrer- oder Kochdienstleistungen und unterscheiden sich etwa von klassischen Taxi-Unternehmen oder der Gastronomie vor allem dadurch, dass sie nicht selbst als Dienstleister auftreten, sondern die Beziehung zwischen Kunde und Dienstleister vermitteln, welche ihrerseits hochgradig individuell und teilweise (im Falle der Heimlieferung) oder ganz (Helpling-Putzkraft, AirBnB) häuslicher Natur ist. In diesem Sinne verwalten die Gig Economists ein Heer von (in Deutschland formell selbständigen) Dienern, die im selben Verhältnis zur allgemeinen Öffentlichkeit stehen wie die domestic servants im 19. Jahrhundert zu ihren Herren – nur nicht individuell angestellt, sondern von Konzernen organisiert und von der gesamten Kundschaft geteilt.

Dieses Organisationsprinzip der Gig Economy wird im Englischen auch Workforce as a Service (WAAS) genannt und somit arbeitsökonomisch ähnlich wie die Leiharbeit behandelt. Der SZ-Autor Groß steht dem Prinzip der kritisch gegenüber: »[Dienstleistungsvplattformen] verdrängen analoge Unternehmen und damit oft auch bessere Jobs. […] Die EU schätzt, dass bis zu 28 Millionen Menschen für derlei Plattformen arbeiten, die meisten davon als Selbständige. Für sie bedeuten die Geschäftsmodelle enormen Leistungsdruck, weil die Arbeiter in direkter Konkurrenz zueinander um die Aufträge buhlen. Zudem haben sie kaum soziale Absicherung, dafür aber ein hohes Maß an Unsicherheit bei gleichzeitig allumfassender Kontrolle.«

Ebenso existieren in diesem Sektor keinerlei Betriebsräte oder Gewerkschaften, wie Groß kritisch anmerkt. In diesem Punkt wäre er darauf hinzuweisen, dass ihn seine eigene Metapher aufs Glatteis führt: Waren die englischen Industriearbeiter die Geburtsstätte der Gewerkschaftsbewegung, so waren die domestic workers im Gegenteil stets kaum organisiert. Erst in den 1960er-Jahren gab es etwa in den USA Organisationsansätze schwarzer Hausdienerinnen, die jedoch nicht im direkten Arbeitskampf, sondern in der durch und durch politischen Civil Rights-Bewegung zustande kamen. Der Kitt der individuell arbeitenden Dienstleister, die zueinander in Konkurrenz stehen, kam also nicht wie in der englischen Industriearbeiterschaft durch gemeinsames Werk in der Fabrik »von alleine« zustande, sondern erst sekundär durch die gezielte Ansprache als schwarze Bürger (mit eingeschränkten Rechten) im Zuge einer politischen Bewegung zur Erweiterung dieser Rechte.

Gorillas

Insofern hinkt der Vergleich, den Groß bemüht, und auch das von ihm geschilderte Scheitern eines Organisations- und Streikversuchs unter den Angestellten des Berliner Lebensmittel-Lieferdiensts Gorillas mag vor diesem Hintergrund nicht verwundern: Die Effektivität eines Streiks hängt linear davon ab, dass die Streikenden Kontrolle über essenzielle Betriebsstätten und Produktionsmittel haben und zugleich, etwa aufgrund ihrer Spezialfertigkeiten, nicht einfach austauschbar sind – ob er überhaupt durchgeführt werden kann, hängt überdies von legalen Rahmenbedingungen und dem bereits beschriebenen spontanen Gemeinschaftsgefühl zwischen Kollegen ab. Im Falle der wild streikenden Gorillas-Angestellten in Berlin mag dieses Gefühl vorhanden gewesen sein, jedoch mangelte ihnen neben dem juristischen Rahmen auch jedwede Spezialfertigkeit sowie jede Kontrolle über Produktionsmittel (außer ihrer Fahrräder, Rucksäcke und Handy-Apps).

Zum »Präzedenzfall«, wie Bianca Von der Au für tagesschau.de spekulierte, wird der Gorrilas-Streik also höchsten in einem politischen Sinne werden: Sowohl Linke, die den Streik in völliger Missachtung der oben beschriebenen strukturellen Unterschiede zwischen Industriearbeit und moderner Dienstleistungsarbeit zum Revolutionsauftakt umdeuten wollen [ak, jW, nd, jw, lcm 1, lcm 2, lcm 3, lcm 4], als auch die Grünen bei der SZ sehen im Streikversuch einen willkommenen symbolischen Anlass für Reformen in ihrem Sinne. So befindet Groß schon im fett gedruckten Vorspann seines Artikels: »Höchste Zeit, dass die EU das Problem angeht.« Und im eigentlichen Artikel schreibt er: »Es ist höchste Zeit, dass die EU nun mit einem Gesetz die Konzerne dazu bringen will, ihre Arbeiter auch als solche anzustellen.«

Dass die Auflösung des Nationalstaates im supranationalen Verwaltungs- und Jurisdiktionsraum namens »EU« nur die politische Kehrseite der Medaille ist, deren ökonomische Seite den Prozess von der geregelten Arbeit im Industrie- zur prekären Beschäftigung im Dienstleistungssektor umfasst, bleibt dem Linksliberalen verschlossen. Hingegen müsste er selbst wissen, dass die Gorillas-Angestellten selbst auf seine Gesetzesvorschläge weniger gespannt warten dürften als auf die linksradikale Mobilisierung – mobilisiert sind sie schon lange, nur eben bisher erst ökonomisch und noch nicht politisch. Altbackene Klassenkampfparolen dürften an den meist jungen, meist migrantischen, meist männlichen Lieferfahrern jedoch eher abprallen; es bleibt eine Frage der Zeit, bis eine politische Parallelstruktur, die näher auf ihre spezifischen Bedürfnisse eingeht (z.B. eine antirassistische Gang wie die sog. Migrantifa), hier ein Agitationsfeld für sich entdeckt. Wir erinnern uns: Auch die schwarzen amerikanischen Hausdienerinnen wurden nicht durch die weiße Communist Party USA mobilisiert, sondern durch Martin Luther King’s Civil Rights Movement – und ihre jüngeren Brüder und Söhne durch Malcolm X.’s Black Panthers.

Transformation der Marktgesellschaft

Laut einer Studie der Wirtschaftsberatungsfirma McKinsey waren 2016 bereits 162 Millionen Personen in den USA und den EU-Kernstaaten »independent workers«, also im weitesten Sinne Selbständige – davon 14 Prozent »reluctants«, die lieber einer normalen Arbeit nachgehen würden, und immerhin 40 Prozent »casual earners«, die nebenbei noch geregelter Lohnarbeit nachgehen. Es ist stark davon auszugehen, dass diese Zahlen insbesondere in der Corona-Pandemie massiv angestiegen sind, und dass hier noch einmal vor allem der Teil der »reluctants« und der »casuals« angestiegen ist – unter denen sich der größte Teil der Gig Economy-Scheinselbständigen befinden dürfte. Dies würde schon in Deutschland bei einer sehr konservativen Schätzung deutlich in die Hunderttausende gehen, die dieser neuen dezentral-zentralisierten Dienerschicht angehören.

Dies ist, wie bereits oben und ausführlicher an anderer Stelle beschrieben, nichts weniger als ein Symptom der Transformation klassischer Nationalökonomien hin zu entgrenzten, global vernetzten und zunehmend flexiblen Dienstleistungs-Marktgesellschaften. Von »Marktgesellschaft« ist zu sprechen, weil der klassische Nationalstaat, dem eine Nationalökonomie entsprach, zugleich politisch aufgelöst wird – und weil der Großteil derjenigen, die diesen neuen Dienstleistungstätigkeiten nachgehen, entweder ausländische Staatsbürger oder Staatsbürger mit relativ frischem Migrationshintergrund sind. Im Gegensatz zu den englischen Herren- und Industriellenvillen, die ihre Dienstmädchen aus der englischen und irischen Arbeiterklasse rekrutierten, zieht die deutsche Gig Economy ihre Diener aus Syrien, Marokko, Indien, Nigeria, Bulgarien oder dem Irak – und aus diesem Grund sind es auch keine jungen Mädchen, sondern größtenteils erwachsene Männer, die zwar genauso wenig streiken werden wie die Mädchen, aber, einmal mobilisiert, eine ganz andere politische Sprengkraft besitzen. Entgegen linker Klassenkampf-Phantasien wird diese Sprengkraft, sollte sie sich entfalten, aber wohl kaum gegen das politisch-ökonomische System des Neoliberalismus gerichtet sein, sondern gegen deren symbolische Repräsentanten in Form der autochthonen Mittelschicht.

Das bedeutet im Klartext: Was die Linke blind vorantreibt und grüne SZ-Autoren mit mehr EU abzufangen versuchen ist nichts weniger als der kommende Aufstand in deutschen Innenstädten. Man stelle sich das Szenario verschärfter Pandemie-Maßnahmen im Zuge einer neuen Covid-Mutante, großflächiger Stromausfälle im Zuge der Abschaltung von Kern- und Kohlekraftwerken und einer gleichzeitigen politischen Radikalisierung des Fahrrad-mobilisierten Dienstleistungsprekariats vor (etwa weil es nach einem erneuten Streikversuch durch Automatisierung ersetzt wird). Das Ergebnis wäre ein kurzfristiges Erstarken der radikalen Linken, bevor diese von ihrem eigenen revolutionären Subjekt aufgefressen wird, und ein gleichzeitiges hilfloses Gegenagieren der Ampel-Koalition und der EU-Bürokraten. Im Übrigen niedergebrannte Innenstädte und geplünderte Vororte.

Interesting Times – Zukunft der Gig Economy

»Die Deutschen können keine Revolution machen, denn bevor sie einen Bahnhof besetzen kaufen sie noch Bahnsteigkarten.« So oder so ähnlich hat Lenin einmal das revolutionäre Potenzial in Deutschland eingeordnet. Dabei hat er jedoch die Rechnung ohne die linksliberalen Eliten des Westens und ihre demographischen Experimente gemacht: Das deutsche Prekariat von heute ist anders als die Arbeiter von damals; es sind sogar ganz andere Menschen mit ganz anderem Hintergrund. Eine Revolution in Deutschland ist heute zwar oberflächlich weiter entfernt als noch 1919 – in der politisch-ökonomischen und demographischen Tiefenstruktur Deutschlands wäre sie aber, einmal entzündet, ungleich schwerer wieder unter Kontrolle zu bringen.

Als Beispiel dafür, wie eine solche Revolution aussähe, kann Frankreich dienen, das sich dank seiner Banlieues seit etwa eineinhalb Jahrzehnten in einem dauerhaften vor-revolutionären Zustand befindet: Mangels politischer Organisationsfähigkeit und vereinender Identität schafft das Prekariat keinen wirklichen Umsturz, hält die französische Gesellschaft aber dauerhaft auf Trab und daher in der neoliberal-globalistischen Transformationsschleife gefangen, bis Frankreich (etwa in der Gestalt Éric Zemmours) dem Treiben endlich ein Ende setzen wird. Deutschland, dieser Dreh- und Angelpunkt Europas und aller seiner Entwicklungen, befindet sich unterschwellig längst in demselben Zustand. Nur wird hier die Reaktion aller Voraussicht nach wieder einmal nicht so sauber und elegant wie in Frankreich ablaufen.

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