Der Montag – Kalenderwoche 45

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Heute: Abseits der medialen Öffentlichkeit spielt sich in Österreich ein skandalträchtiges Beispiel für »Cancel Culture« ab. Außerdem: Ein kleiner Exkurs zum Begriff Globalismus.

Der Montag bei konflikt: Wir schauen voraus in die Woche und berichten, was woanders ignoriert wird. Tagesaktuelles, randläufige Trends, hintergründige Entwicklungen – Der Montag blickt durch das Schlüsselloch der Politik in die kommende Woche.

Der SPÖ-Mann, der Globalismus und die Antifa

»Dr. Roland Fürst startete seine Berufslaufbahn als Betriebsschlosser, bevor er sich den Sozial- und Politikwissenschaften zuwandte, in denen er als Magister und Doktor (Univ. Wien) graduiert wurde. […] Nach einer Reihe von politischen Funktionen ist er seit 2019 Landesgeschäftsführer der burgenländischen SPÖ und gilt als wichtigster Mitstreiter von Landeshauptmann Hans Peter Doskozil im Sinne eines „burgenländischen Wegs“.«

Mit diesen Worten wurde der Auftritt des SPÖ-Funktionärs Roland Fürst bei einer Veranstaltung des Wiener Akademikerverbundes angekündigt, welche planmäßig am kommenden Donnerstag den 11.11.2021 um 19 Uhr in Wien stattfinden sollte. Ein interessanter Anlass: Ein linker Sozialwissenschaftler mit Arbeiterhintergrund, der vor einem rechts eingeordneten akademischen Publikum über die österreichische Politik sprechen sollte – unter dem Titel »Skandalrepublik, Globalisten-Provinz oder ganz normale Parteiendemokratie?«

Gerade der Begriff des Globalismus bzw. der »Globalisten« im Titel der Veranstaltung könnte einen interessanten Anlass bieten, klassische linke Klassentheorien und Globalisierungskritik mit gegenwärtiger konservativer Gesellschaftskritik abzugleichen: Linke sehen in der wirtschaftlichen Globalisierung traditionell eine Gefahr für Sozialstaat und Nachhaltigkeit, Konservative und Rechte sehen in der politischen Globalisierung (dem Globalismus) eine Gefahr für staatliche Souveränität und Identität. Beides geht evident Hand in Hand – und die weltweite Klasse, die die Globalisierung in jeder Hinsicht vorantreibt, ließe sich somit als Globalisierer, Globalisten o.ä. trefflich bezeichnen.


Exkurs: »Globalismus« als antisemitische Chiffre?

Das offenkundige Problem ist, dass die institutionalisierte Linke heute überhaupt kein Interesse mehr an Globalisierungskritik hat, weil diese immer auch Anknüpfungspunkte für konservativ-rechten Antiglobalismus bietet. Dagegen gehen sie mit einem Trick vor: Jede Kritik am Globalismus wird so interpretiert, als wäre »Globalismus« schlicht ein Codewort für »jüdischer Bolschewismus« und »Globalisten« ein Codewort für »internationales Finanzjudentum«. Dass auch international renommierte Sozial- und Politikwissenschaftler wie Quinn Slobodian und Wolfgang Streeck den Begriff verwenden, um damit eine durchaus heterogene Gruppe von Globalisierungsgewinnern zu beschreiben, spielt hierbei keine Rolle – schwerer wiegen für die Antifa irgendwelche Aussagen von anonymen Twitter-Accounts, 4chan-Posts etc. als vermeintliche Beweise für ihre These.

Ein Paradebeispiel für diese Vorgehensweise stellt die jüngst erschienene Handreichung deconstruct antisemitism! – Antisemitische Codes und Metaphern erkennen der Amadeo-Antonio-Stiftung dar: Dort stehen unter anderem Sätze wie »Wer sich Kapitalismus mit Tentakeln vorstellt, hat vermutlich ein strukturell antisemitisches Weltbild« (S. 10) – was die Neulinken zu Karl Marx‘ Aussage, das Kapital habe »Vampirdurst« nach Arbeiterblut sagen würden, wäre von Interesse – außerdem werden Karikaturen einer indischen (!) Tageszeitung und Demo-Schilder islamischer Antizionistinnen (mit und ohne Kopftuch) sowie Fankutten (S. 21) und Internetmemes (S. 22) als Belege aufgeführt, neben den obligatorischen »Rothschild«-Schildern (S. 25) oder auch »Ungeimpft«-Davidsternen (S. 34) bei Querdenken-Demonstrationen.

Wir sehen: Es werden bewusst die niveaulosesten und am weitesten hergeholten Beispiele angeführt, um die These zu belegen – ernsthafte Sozialforschung, die den Globalismus differenziert betrachtet, wird indes ignoriert. Genauso könnte man linke Theorie auf die Aussprüche betrunkener Punker und veganer Kiffer reduzieren und einen Strohmann basteln, demzufolge »Kapitalismuskritik« stets nur eine Chiffre für »Ich will nicht arbeiten« ist; die antifaschistische Abwehr gegen den Globalismusbegriff operiert auf genau demselben Niveau.


Zurück nach Österreich: Der promovierte Gesellschaftswissenschaftler und SPÖ-Funktionär Roland Fürst sollte also vor dem WAB zur österreichischen Politik sprechen, und durch den Titel stand zumindest angedeutet im Raum, dass die Frage des Globalismus in die größere Diskussion um Souveränität eingebunden werden sollte. Genau dies passte offenbar einigen professionellen Antifaschisten nicht in den Kram.

So lässt sich rekonstruieren, dass Bernhard Weidinger, laut Selbstangabe »Rechtsextremismus«-Forscher beim Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands und der Forschungsgruppe Ideologien und Praktiken der Ungleichheit, Fürst auf Twitter unter Rechtfertigungszwang stellte. Der Originaltweet ist zwar mittlerweile gelöscht worden, Fürsts Antworten sind jedoch noch erhalten (Stand 08.11.2021):

Offenbar wurde Fürst der Titel vorgeworfen und daraus sehr weitreichende »Schlüsse« gezogen – dass es sich hierbei genau um den Punkt des Globalismus handelt, liegt mehr oder weniger auf der Hand. Neben Weidinger meldete sich mit Bini Guttman, dem vormaligen Präsidenten der European Union of Jewish Students und laut Eigenaussage Mitglied des Exekutivkomitees des World Jewish Congress ein weiterer Antifaschist zu Wort:

Quelle: Twitter.com

Der »antisemitische Code«, wegen dem Dr. Roland Fürst öffentlich unter Druck gesetzt wurde, bis der (unverkennbar linke) SPÖ-Funktionär seinen Vortrag absagte, muss in diesem Kontext eindeutig der Begriff »Globalisten« sein. Wie im obigen Exkurs angeführt, ist der Begriff aber sehr vielseitig anwendbar und keineswegs eindeutig antisemitisch konnotiert. Im Gegenteil lässt sich eine antisemitische Assoziation nur dann herstellen, wenn man a priori davon ausgeht, dass alle politischen Globalisierungstendenzen (Globalismus) immer nur von Juden ausgehen können – oder wenn man seinem Gegenüber pauschal unterstellt, mit Kritik an der politisch Globalisierung in Wirklichkeit immer nur »die Juden« zu meinen.

Es ist dies eine völlig unhaltbare Argumentation, das nur dann Sinn ergibt, wenn man eine ergebnisoffene Diskussion über den Globalismus von vornherein abwürgen will und renommierte Sozialwissenschaftler wie Quinn Slobodian, Wolfgang Streeck, David Goodhart (prägte den Begriffsdualismus Somewheres/Anywheres) oder Joseph Nye komplett ignoriert – oder aber der Gegenseite vorwirft, diese zu ignorieren. In der Praxis funktioniert dies stets nur über Druck, Personalpolitik , öffentliches Schlechtmachen und Herauspicken nicht-repräsentativer Beispiele vom unteren Rand des Diskurses.

Doch bringt es nichts, sich über die antifaschistische Cancel Culture nur zu echauffieren – es lässt sich gegen sie vorgehen, indem alternative Diskursräume aufgebaut werden, aus denen die unaufrichtigen Vorgehensweisen der Antifaschisten thematisiert und bekämpft werden können. Der Fall Roland Fürst wird hier als einer von vielen in die Geschichte eingehen, wenngleich als repräsentativer – wenn Herr Fürst diese Zeilen zu lesen bekommen sollte, ist er herzlich eingeladen, mit uns in einen ergebnisoffenen Diskurs einzutreten.

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