Der Montag – Kalenderwoche 44

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Heute: Amerikanische Sozialwissenschaflter verteidigen Stereotypen.

Der Montag bei konflikt: Wir schauen voraus in die Woche und berichten, was woanders ignoriert wird. Tagesaktuelles, randläufige Trends, hintergründige Entwicklungen – Der Montag blickt durch das Schlüsselloch der Politik in die kommende Woche.

Stereotypen sind wahr – und das ist OK

Das Center for the Study of Partisanship and Ideology (CSPI) ist eine Vereinigung hochrangiger amerikanischer Gesellschaftswissenschaftler, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, der zunehmenden Ideologisierung des akademischen Raumes entgegenzutreten und am Ideal der objektiven Wahrheitsfindung festzuhalten. In seiner Selbstdarstellung richtet es sich gegen »identity politics«, »so-called ‚experts’« mit konformistischen Dogmen und für eine Stärkung oppositioneller Perspektiven, die im wissenschaftlichen Mainstream ausgeschlossen werden.

Zu diesen ausgeschlossenen Sichtweisen zählt die mittlerweile in vielen Studien belegte Aussage, dass Stereotypen über ethnische, religiöse und andere Gruppen einen starken Wahrheitskern haben – konflikt berichtete. Dieser Sichtweise schlossen sich bereits am 05. September die beiden Sozialpsychologen Lee Jussim und Nathan Honeycutt mit ihrem Beitrag The Accuracy of Stereotypes: Data and Implications an, indem sie für einen realitätsbasierten Umgang mit Stereotypen und deren Zutreffen werben. Laut ihrer Aussage haben bereits über 50 akademische Studien dies belegt, und dennoch versperre der Mainstream jede Möglichkeit, diese Funde ergebnisoffen zu diskutieren.

Die Autoren selbst haben ihr Plädoyer in fünf Punkten zusammengefasst:

Politisierung der Forschung

»1. Academics, experts, and laypeople often assume stereotypes about groups are inaccurate. This assumption is used to justify policies meant to reduce or eliminate such beliefs.« (Akademiker, Experten und Laien nehmen häufig an, dass Stereotypen über Gruppen nicht-akkurat wären. Diese Annahme wird genutzt, um politische Programme zu rechtfertigen, die solche Stereotypen reduzieren oder eliminieren sollen.)

Tatsächlich wies auch die jüngste ausführliche Studie über Stereotype in den Niederlanden eindeutig darauf hin, dass ganz bestimmte Gruppen in der öffentlichen Meinung beispielsweise als weit weniger kriminell eingeschätzt werden, als es die Kennziffern hergeben – und das, obwohl in allen anderen Bereichen (Geschlechter, Kulturen, Regionen) die stereotype Wahrnehmung ausgesprochen gut mit der Realität korrespondiert. Dies lässt darauf schließen, dass öffentliche Kampagnen, die etwa das Bild afrikanischer und muslimischer Einwanderer in den Niederlanden aufbessern und entsprechende Stereotypen abbauen sollen, durchaus funktionieren – nur sinkt dadurch eben nicht die Kriminalitätsrate unter Angehörigen dieser Gruppen, sondern lediglich die öffentliche Wahrnehmung derselben.

Exaktheit der Stereotypen

»2. Most stereotypes that have been studied have been shown to be approximately correct. Usually, stereotype accuracy correlations exceed .50, making them some of the largest relationships ever found in social psychology.« (Die meisten Stereotypen, die wissenschaftlich erforscht wurden, konnten als ungefähr richtig aufgezeigt werden. Normalerweise korrelieren Stereotypen mit mehr als .50, sodass sie zu den stärksten Korrelationen der Sozialpsychologie gehören.)

Die Wahrscheinlichkeit, dass eine stereotype Vorstellung zutrifft, liegt also ausgesprochen hoch – viel höher etwa als die meisten anderen statistischen Wahrscheinlichkeiten, mit denen die Sozialpsychologie zu tun hat. Dies müsste eigentlich nahelegen, dass sich besonders viel mit Stereotypen beschäftigt wird, denn gerade dort könnte die Disziplin, die sich häufig den Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit anhören muss, starke Forschungsergebnisse hervorbringen. Doch wie die Autoren selbst sagen, herrscht gerade unter Sozialpsychologen eine ausgesprochen hohe Abneigung gegenüber dem Thema.

Ungerechte Vorurteile?

»3. Even when people hold true stereotypes, they have little effect on how people judge or treat individuals about whom they have other, individualized information.« (Selbst wenn Menschen wahre Stereotypen haben, haben diese nur geringen Effekt darauf, wie sie Individuen einschätzen oder behandeln, über die sie andere, individuelle Informationen besitzen.)

Das Hauptargument gegen Stereotypenforschung und die Anerkennung ihrer Exaktheit lautet, dass man dadurch eine Falsch- oder Minderbehandlung individueller Angehöriger einer Gruppe Vorschub leisten würde. So könnte beispielsweise ein Angehöriger einer Gruppe mit überdurchschnittlicher Kriminalitätsrate und unterdurchschnittlicher Bildungsleistung von anderen als dumm und kriminell behandelt werden, obgleich er selbst akademisch erfolgreich ist und sich an die Gesetze hält. Doch auch diese Annahme, die als einziges Argument gegen die Stereotypenforschung wirklich funktioniert, ist laut den Autoren falsch: Ihnen zufolge ergeben Studien, dass Stereotypen auch dann, wenn sie wahr sind, eben nicht das Verhalten gegenüber Individuen vorbestimmen, deren individuelle Eigenschaften bekannt sind.

Wissenschaftlichkeit

»4. Unlike most findings in social psychology that are small and flimsy, the results noted above are clear, large, reliable, and untouched by the replication crisis.« (Entgegen den meisten anderen Ergebnissen der Sozialpsychologie, die klein und instabil sind, sind die Ergebnisse [der Stereotypenforschung] klar, groß, zuverlässig und nicht von der Replikationskrise betroffen.)

Als Replikationskrise wird ein Phänomen bezeichnet, das seit etwa 10-15 Jahren vor allem die Psychologie und die Sozialwissenschaften erschüttert: Unzählige Studienergebnisse können nicht repliziert werden, wodurch sie jede verlässliche Aussagekraft verlieren. Könnte ein Physiker ein von ihm experimentell festgestelltes Ergebnis nicht wiederholen, würde niemand dieses Ergebnis Ernst nehmen – genau dies ist seit nunmehr über einem Jahrzehnt über die Sozialwissenschaften bekannt geworden, und dennoch machen sie weiter wie zuvor. Hier könnte gerade die Stereotypenforschung, die (wie oben zitiert) ausgesprochen gut replizierbare Ergebnisse hervorbringt, neues Vertrauen generieren.

Manipulation der Öffentlichkeit

»5. The field of stereotype accuracy casts doubt on the usefulness of programs meant to reduce stereotypes in education, government, and business as a way to achieve equality.« (Das Feld der Stereotypen-Genauigkeit zieht die Nützlichkeit von Programmen in Zweifel, die in der Bildung, der Regierung und der Wirtschaft Stereotypen reduzieren sollen, um Gleichheit zu erreichen.)

Wie bereits oben beschrieben, ist die stereotype Wahrnehmung überaus akkurat, sofern sie nicht durch Medien- und Bildungskampagnen gezielt manipuliert wird. Ein deutsches Beispiel für eine solche Manipulation ist die Forderung nach vermeintlich geschlechtergerechter Sprache, die etwa bei »HandwerkerInnen« das (statistisch zutreffende) Stereotyp des männlichen Handwerkers, bei »KindergärtnerInnen« das (ebenso statistisch zutreffende) Stereotyp der weiblichen Kindergärtnerin im Kopf der Hörer abbauen soll. Dieser Ansatz basiert auf der Vorstellung, dass nicht die Realität (die geschlechtertypische Berufswahl) das Stereotyp hervorbringt, sondern umgekehrt das Stereotyp und seine sprachliche Repräsentation erst die Realität hervorbringen. Dies ist jedoch, wie aus den Studien eindeutig hervorgeht, nicht der Fall: Stereotypen sind ein Ergebnis der überaus stark ausgebildeten Mustererkennung des menschlichen Gehirns, das die empirische Realität durch Verallgemeinerung begreifen lernt, und sie aberziehen zu wollen überschreitet somit eindeutig die Schwelle zur totalitären Neudefinition der menschlichen Natur

Fazit

Die Autoren des überaus lesenswerten Beitrages nennen ein Forschungsergebnis, das besonders wichtig ist und insbesondere diejenigen aufhorchen lassen sollte, die hier einen Angriff auf die Individualität des Menschen und einen versteckten Rasse-Suprematismus vermuten:

»Scores of studies show a consistent pattern: People generally judge others on their merits and the extent to which they do this is very powerful. Reliance on individuating information averages about r=.70, which is also one of the largest effects in social psychology. Judging people on their merits is a pattern so powerful that a 1996 review and meta-analysis by social psychologist Ziva Kunda and cognitive scientist Paul Thagard described those effects as “massive.”«

Empirisch beurteilen die Angehörigen derjenigen Gesellschaften, in denen die Stereotypenforschung hauptsächlich stattfindet (also vornehmlich Nord-/Westeuropäer bzw. Nord-/Westeuropäischstämmige) andere Individuen primär nach deren individueller Leistung. Europäisch geprägte Gesellschaften lassen sich somit als Meritokratien bezeichnen, denen die Wertschätzung der Individualität in das kollektive kulturelle Erbe eingeschrieben ist. Pauschale Ausgrenzung und Abwertung, die vor dem Individuum keinen Halt macht, ist ihnen sozusagen kulturfremd und wurde, wie die Autoren schreiben, historisch stets nur durch totalitäre Propaganda und massive Hetze erreicht.

Der Kampf gegen »unbewussten Vorurteilen« oder »versteckter Diskriminierung« und der Kampf dagegen ist also wissenschaftlich betrachtet doppelt unsinnig: Einerseits sind Gruppenstereotypen überwiegend wahr, solange sie nicht offen manipuliert werden, und andererseits führen gerade diese intuitiven Denkkategorien eben nicht zu Hass, Abwertung oder ähnlichem, sondern es ist im Gegenteil gerade die totalitäre Propaganda, die aus stereotypen Vorstellungen historisch pauschale Hassbilder machte. Solche Propaganda ist in der Gegenwartsgesellschaft jedoch völlig marginalisiert, und der vermeintliche »Kampf« gegen sie dient immer offensichtlicher nur dazu, ein neues (ebenso totalitäres) Gleichheitsdenken in der öffentlichen Vorstellung zu verankern.

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